Prozessauftakt: Darum nimmt der Lübcke-Mörder einen Deutsch-Türken zum Anwalt

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Gut ein Jahr nach dem Mord an Walter Lübcke hat am Dienstag vor dem Oberlandesgericht Frankfurt der Prozess gegen den mutmaßlichen Täter Stephan E. begonnen. Für Überraschungen sorgte dabei auch sein neuer Anwalt: Der Deutsch-Türke Mustafa Kaplan ist vor allem als Vertreter von NSU-Opfern bekannt. Außerdem hat er den türkischen Präsidenten Erdogan im Streit gegen Jan Böhmermann wegen des sogenannten „Schmäh-Gedichtes“ vertreten. Kann der NSU-Anwalt erhellen, welche Rolle Verfassungsschutz und Tiefer Staat womöglich spielten? 

Stephan E. steht im dringenden Tatverdacht, den Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke im Juni 2019 auf der Terrasse seines Hauses mit einem Kopfschuss getötet zu haben. Der Fall sorgt seither für großes Aufsehen: Es ist das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik, dass ein mutmaßlicher „Rechtsterrorist“ wegen Mordes auf der Anklagebank sitzt. E. hatte die Tat zunächst gestanden, das Geständnis dann aber widerrufen. Am ersten Verhandlungstag stützte sich die Anklage dennoch auf die von der Aussage gefertigten Videoaufzeichnungen, die auch COMPACT sichten durfte. Inzwischen beschuldigt Stefan E. anders als in seiner früheren Einlassung den als Mittäter angeklagten Markus H. Eigentlich sei nur geplant gewesen, Lübke gemeinsam eine „Abreibung“ zu verpassen – dann aber habe H. das Opfer plötzlich im Streit erschossen. Als Tatmotiv gelten Lübckes kontroverse Aussagen auf dem Höhepunkt der Asyl-Krise 2015.

Nun hat der mutmaßliche Killer sich mit Mustafa Kaplan ausgerechnet einen türkisch-stämmigen Anwalt ins Boot geholt. Ein kluger Schachzug, der vermutlich auf den Erstverteidiger Frank Hannig zurückgehen dürfte: Der Dresdner ist als „Pegida-Anwalt“ bekannt. Kaplan werde „als Strafverteidiger mit erheblichen Erfahrungen auch in Großverfahren die rechtsstaatlich erforderliche Verteidigung gemeinsam mit dem bisherigen Pflichtverteidiger garantieren“, heißt es in einer Pressemitteilung Hannigs.

Das Hinzuziehen des Kölners überrascht nicht nur wegen dessen Herkunft, sondern auch, weil Kaplan die Opfer des mutmaßlich vom NSU-Trio Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe verübten Nagelbombenanschlags in Köln aus dem Jahr 2004 vertritt. Immer wieder war die rätselhafte Mordserie des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ mit der Erschießung Lübckes in Verbindung gebracht worden, auch wegen möglicher Verstrickungen des Verfassungsschutzes.

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So spielte der damalige V-Mann-Führer Andreas Temme nicht nur beim NSU-Mord an Halit Yozgat in einem Kasseler Internetcafé eine dubiose Rolle: Temme war an jenem 6. April 2006 am Tatort gewesen, verschwieg das aber zunächst der Polizei. Im Verhör behauptete er dann, er habe – womöglich während das Opfer im durch eine offene Tür verbundenen Nebenraum erschossen wurde – auf einem Erotik-Portal geflirtet. Der Ex-Geheimdienstler will weder die Schüsse noch das sterbende Opfer wahrgenommen haben. Der Verdacht gegen Temme schien sich weiter zu erhärten, als sich herausstellte, dass er auch mit weiteren NSU-Bluttaten in Verbindung stehen könnte. „Nach Bild-Informationen ergab ein Bewegungsprofil der Polizei: Der Agent war bei sechs der neun Morde in der Nähe des Tatortes“, meldete das Blatt Mitte November 2011.

Dafür, solchen Fragen nachzugehen, scheint Mustafa Kaplan genau der richtige Mann zu sein. Mit dem Kölner hat sich ein Verteidiger in den Fall Lübcke eingeschaltet, der mit der NSU-Materie bestens vertraut ist, als harter Hund gilt und einen gutes Gespür für etwaige Parallelen und Unstimmigkeiten hat. Über seine Motivation sagte der Deutsch-Türke, dessen Vater Gastarbeiter war, dem Kölner Express: „Mich reizt der hochspannende Fall.“ Moralische Erwägungen hätten bei seiner Entscheidung, das Mandat anzunehmen, hingegen keine Rolle gespielt. Jeder habe das Recht auf ein faires und rechtsstaatliches Verfahren. Man darf gespannt sein, ob der Frankfurter Prozess Licht ins Dunkel bringt, welche Rolle der Verfassungsschutz womöglich im Mordfall Lübcke spielte. Mehr über die Machenschaften der Geheimdienste erfahren Sie in COMPACT Spezial 24 „Tiefer Staat“ – am besten direkt hier bestellen (Klick auf den Link).

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10 Kommentare

  1. Avatar

    Dafür, dass hier angeblich Rassismus keine Rolle spielt, wird die Nationalität des Anwalts aber häufig erwähnt.

    "Darum nimmt der Lübcke-Mörder einen Deutsch-Türken zum Anwalt "

    "ausgerechnet einen türkisch-stämmigen Anwalt ins Boot geholt"

    "Das Hinzuziehen des Kölners überrascht nicht nur wegen dessen Herkunft"

    "sagte der Deutsch-Türke, dessen Vater Gastarbeiter war"

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      ja, voll lustig. türkish-stämmig. so what? türkischer nationalismus mündete im genozid an den armeniern. die meisten türken leugnen diesen völkermord – wie nicht wenige nazis bei uns auschwitz. da schließt sich der kreis.

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      Prôfessor_zh am

      Was für Blödsinn, kontert Professor_zh. DIe Erwähnung der NATIONALITÄT hat nichts mit der RASSE zu tun, und von RASSIMSUS zu sprechen ist zudem die – leichtfertige – Unterstellung, daß die Erwähnung eines Umstands zwangsläufig eine – zumeist böswillige – Bewertung bedeutet. So als ob, wer ,,Pudel“ sagt, alle Dackel zu vernichten trachtete. Abstrus – aber eben linkes Denkschema!

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    Aufschlussreich wäre zu wissen,wieso der weitgehend mittellose ( sonst hätte er keinen Pflichtverteidiger )Angeklagte nun plötzlich (kostenlos?) vom Wahlverteidiger Mustafa verteidigt wird. Verurteilt wird er aufgrund seines Geständnisses mit Sicherheit,daran kann auch der Mustafa nix mehr löten.

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    Wie der Mann selber betont; Keine moralinsaure Vorurteile! Als Deutschtürke ist es da eher neutral und Sachlich, als ein ethnischDeutscher es sein kann. Diese "Alemanschis" sind mehrheitlich tüchtig und arbeitsam, haben ihre Karriere gemacht und leiden selber am Meisten unter den orientalischen "Miranten" aus dem Subproletariat, die seit einigen Jahren Europa überrennen.
    "Unsere Eltern sind damals vor den Leuten abgehauen, die man heute hier hereinläßt!" meinte mal einer von ihnen. Und als rechts gilt hier inzwischen alles, was konservativ ist, als gegen Subproletarier, die einwandern, sowie Kleinkrimminelle und Versager überhaupt!

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    heidi heidegger am

    Ein selten hässliches Haus, Ei masst say! SattelDachHorror pur (die weiss gestrichenen Dachbalken auf’m Balkon und am First..*würg*) -> Anzeige an die Geschmackspolizei ist raus!

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    Ein Motiv, warum der TÜRKISCHE Staat evt. kurdische Spendensammler und Akteure beseitigen ließ, ist immerhin vernünftig vorstellbar. Auch daß ein damals noch befreundeter Geheimdienst der BRD Mitwisser war,möglich. Aber kein gesundes Hirn kann sich erklären,welches Motiv das BRD-System gehabt habe könnte, den braven Systemdiener Lübcke zu ermorden. Also bitte keine kryptomanischen Phantasien.

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      Prôfessor_zh am

      Dafür, Herr Sokrates, gibt es durchaus vorstellbare Motive: Zum einen könnte es sein, daß jemanden die geschäftlichen Gebaren des Herrn Lübcke, die wohl nicht ganz stubenrein waren, überhaupt nicht ins Konzept paßten. Entwder wußte das der Geheimdienst und nutzte die Gelegenheit, die Tat als Kampfmittel gegen ,,Rääächst“ umzubiegen – oder der G.dienst hat jemanden angestiftet, der nur eine halbe Tat begehen sollte (um auch diese propagandistisch ausnutzen zu können), aber mehr getan hat – sowie es der Angeklagte beschrieben hat!
      Das mögen für Sie Phantasien sein, aber ,,kryptomanisch“ sind sie deswegen schon lange nicht mehr!

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    Was von jemandem zu halten ist, der in D die Worte "tiefer Staat" gebraucht, habe Ich schon vor Monaten in aller Unschuld hier deutlich gesagt, darauf hin kam dann für 24 Std. das Banner: Etwas ist schief gelaufen ,der Kommentar wurde nicht gespeichert."

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