Er sagte die Machtergreifung der Nazis voraus und träumte von einer Okkultisten-Karriere im Dritten Reich. Doch dann kostete ihn eine ungeheuerliche Prophezeiung das Leben. Ein Auszug aus COMPACT-Geschichte «Das okkulte Reich». Hier mehr erfahren.

    Wenn die Werte einer Gesellschaft zerbersten und das Vertraute dem Ungewissen weicht, suchen die Menschen nach Hilfe in Parallelwelten. Dann schlägt die Stunde der Spiritisten, Magier und Esoteriker. Ob sie tatsächlich übersinnliche Fähigkeiten besitzen oder nicht, ist zweitrangig. In solchen Momenten erfüllen sie den Job des Medizinmannes, des Massentherapeuten.

    Eine solche Zeit war die der Weimarer Republik. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches offerierten die Okkultisten metaphysischen Halt im Weltanschauungstornado. Unter ihnen befand sich auch der Hellseher Erik Jan Hanussen. Sein beispielloser Erfolg mit Jenseitigem, aber auch die Tragik seiner Existenz erheben ihn bis heute zum Faszinosum. Zahlreiche Bücher und vier Biopics sind ihm bislang gewidmet.

    Nein, Hanussen lässt sich nicht als Betrüger denunzieren – zumal der Performer in seiner Autobiografie Meine Lebenslinie (1930) durchaus zugab, keine übersinnlichen Kräfte zu besitzen. Ein ehemaliger Assistent leakte sogar seine Tricks. Aber das störte niemanden, tat seinem Ruhm keinen Abbruch. Allzu dringend benötigte man seine Therapie. Sogar die Polizei bat ihn um Mithilfe: Man wollte nicht glauben, dass der Heiler bloß ein Quacksalber war. Also erklärte sich Hanussen nach seiner Enttarnung erneut zum Hellseher. Wieder mit Erfolg.
    Er wusste genau, welcher Mangel das Publikum umtrieb. Er wollte die Menschen in ihrem «geliebten Glauben an das Wunderbare nicht stören, sondern (…) bestärken».

    Und er schrieb:

    «Ich zeige ihnen, dass man mit Wille, Mut, Energie und Impertinenz zweitausend Leute, die im Saal sitzen, in die Tasche stecken kann. Was ist Publikum? Schwachköpfe, Wundersüchtige, Hysteriker, ein paar wirklich Unglückliche – vor allem aber doch Kinder, deren großer Kummer es ist, dass ihnen kein Lehrer, Vater, Vorgesetzter, Freund genug imponiert, um sich ihm restlos anvertrauen zu können. Warum nun werden mir Menschen immer vertrauen, bedingungslos? Weil ich stärker bin als sie, mutiger, energischer, willenskräftiger. Weil sie Kinder sind und ich ein Mann.»

    Mysteriöser Hellseher: Hanussen wurde 1928 von einem Gericht in Böhmen vom Vorwurf des Betrugs freigesprochen, da «der Angeklagte über gewisse rätselhafte Geisteskräfte verfüge». Foto: picture-alliance/dpa

    Magier im Sündenbabel

    Hanussens Weg nach oben war kein leichter: Unter dem Namen Hermann Chajm Steinschneider wird er als Sohn eines jüdischen Handlungsreisenden anno 1889 in Wien-Ottakring geboren. Zu Beginn der 1920er Jahre versucht der Junge aus ärmlichen Verhältnissen in New York und Berlin eine Karriere als Zauberkünstler, Varieté-Artist und Gedankenleser, in Wien gar als Gesellschaftsreporter.

    Der Erfolg bleibt aus. Erst mit Einbruch der Weltwirtschaftskrise 1929 erhalten seine Performances Bedeutung. Seine Herkunft verbergend, verpasst er sich den nordisch klingenden Namen Erik Jan Hanussen und erklärt Dänemark zum Land seiner Herkunft. Intuitiv spürt er das Fluchtziel jener Jahre, spielt den Seher aus der Edda, eine männliche Norne, die den Schicksalsfaden spinnt.

    Wendet er sich deshalb den Nationalsozialisten zu? Weil die für sein Spiel mit Germanischem besonders empfänglich scheinen? Weil er glaubt, den braunen Zug in seine Richtung lenken zu können? Eine Illusion, die mancher Intellektueller jener Zeit, darunter Martin Heidegger, mit ihm teilt.

    Auf dem Höhepunkt seines Erfolges füllt Hanussen zwei Mal pro Tag das Berliner Scala-Varieté. Voller Spannung verfolgen Tausende die Kontaktaufnahme zur gefürchteten Zukunft. In Werner Herzogs Biopic Invincible  (2001) gruselt Hanussen (Tim Roth) das Publikum sogar mit schwarzem Dracula-Umhang. Und wer solchen Spuk fürs eigene Heim will, kann bei ihm okkulte Objekte bestellen.

    Seine Zeitschrift Hanussens bunte Wochenschau (später: Hanussens Berliner Wochenschau) avanciert zum auflagenstärksten Blatt der Hauptstadt. Die Gazette bedient die Themen Politik, Astrologie, Geschichte, Lebensberatung, Kultur und jede Menge Entertainment. Schlagzeilen wie «Aushebung eines okkulten Geheimbundes» locken die Leserschaft. Seine «astrologischen Börsentipps» bestimmen maßgeblich den Aktienkurs: Durch ihn regulieren die Sterne den Finanzmarkt.

    Auch Hanussens literarische Arbeiten finden hier Platz, darunter der Fortsetzungsroman Das gestohlene ”Ich” über einen Hellseher. Im Reisebericht «Der Haschisch-Brunnen» erzählt der Magier über seine Jagd auf Drogenschmuggler – natürlich im Auftrag der Regierung: Darunter macht er es nicht.

    Witzigerweise erhält die spätere NS-Starregisseurin Leni Riefenstahl im Kulturteil eine vernichtende Kritik für ihren Debütstreifen Das blaue Licht  (1931): Sie habe mit ihrer «naiven Regie» den Film mit «unmöglichen Niedlichkeiten» bestückt. Eine Ausgabe von 1932 enthält ein Horoskop über «Die Zukunft der SA». 1933 bejubelt das Blatt die Machtergreifung Hitlers.

    Flammende Vision

    In diesem Jahr erreicht auch Hanussens Karriere ihren Zenit. Er hat ehrgeizige Pläne. In Invincible vergleicht er sich mit dem delphischen Orakel, will zum Minister für Okkultes avancieren. Am 29. Februar öffnet sein Haus des Okkultismus die Pforten in der Lietzenburger Straße. Im gefüllten Saal finden Presse und Promis zusammen.

    Die Gäste stellen Fragen. Einer davon, der Berliner SA-Chef Graf von Helldorf, will den Sieger der Reichstagswahlen am 5. März wissen. Hanussen nennt Adolf Hitler – womit er recht behalten sollte. Die – wie sich später herausstellen sollte – spektakulärste Prophezeiung des Abends kommt jedoch aus dem Mund der Mimin Maria Paudler… Ende des Textauszugs.

    Die Magie des Nationalsozialismus: In COMPACT-Geschichte «Das okkulte Reich» dringen wir in Tabuzonen vor, in die sich andere nicht vorwagen: Von der Thule- und der Vril-Gesellschaft über das SS-Ahnenerbe, Karl Maria Wiligut, Otto Rahn und die Wewelsburg bis zu Miguel Serrano, Savitri Devi und Wilhelm Landig. Diese bislang wohl brisanteste Geschichtsausgabe von COMPACT können Sie hier bestellen.

     

    7 Kommentare

    1. Spottdrossel an

      Es zeigt sich an K. Lauterbach & Co.: auch die Qualität der Hellseher hat sich deutlich verschlechtert: TROTZ maskenfreien Demos mit Tausenden Teilnehmern immer noch kein Massensterben – und bald kommt der Osterhase!

    2. Schwarze Katze von rechts nach links, Unglück bringts.
      Spiegel zerschlagen, 7 Jahre Pech.
      Nicht unter einer Leiter hin durch gehen, bringt Pech.
      Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen, Spinne am Abend bringt Gaben.

      Bis heute glaubt eine sehr große Mehrheit an solche Sprüche und noch eine Menge anderer Reime. Sie werden von Generation zu Generation weiter gegeben und das von Geburt an. aber….Ich sehe was, was du nicht siehst.

      • Professor_zh an

        …und Ihre ,,Rechtschreibung" bedeutet auch Pech, sogar ganz großes Pech, orakelt Professor_zh
        Es heißt ,,hindurchgehen" und ,,weitergegeben"1
        Und ,,Spinne am Morgen"? – Darauf kann es nur eine Antwort geben: ,,Dann hst du’s hinter dir!"

    3. Möchte keine Namen nennen, aber es gibt heute einige "Experten",
      die in Hanussen Fußstapfen lustwandeln. So wird vorausgesagt,
      dass nur ein Impf-Abo vor schweren Verläufen schützt.
      Und die einen sagen das Ende der Panikdemie für den Spätsommer
      dieses Jahres voraus, andere sehen das Ende erst 2023, 2024 oder
      gar 20025 voraus, die Böswilligsten sehen es aber schon etwas früher,
      nämlich kurz nach dem heiß ersehnten Russlandfeldzug.
      Halleluja

    4. Und Karl Haushofers Horoskop wurde Hess zum Verhängnis.
      Der ja ursprünglich nicht selber fliegen wollte.

      Btw, wer weiß etwas über den Putsch gegen Hitler am 27. März 1945?
      In Thüringen?

    5. armin_ulrich an

      "In Werner Herzogs Biopic Invincible  (2001) gruselt Hanussen (Tim Roth) das Publikum sogar mit schwarzem Dracula-Umhang. "
      Klaus Kinski – die Idealbesetzung für solche Menschentypen – stand leider nicht mehr zur Verfügung.

    6. Leni Riefenstahl eine sehr begabte und ehrgeizige Frau, aber als Schauspielerin ist ihr nie wirklich der Durchbruch zur großen Weltbühne gelungen.