Mit den zum Sprichwort avancierten Worten „Navigare necesse est, vivere non est necesse“ (Schifffahrt ist nötig, leben nicht) soll Pompeius, dem die Getreideversorgung Roms oblag, den Befehl zur Abfahrt eines Schiffes erteilt haben, dessen Besatzung sich zunächst wegen eines heftigen Unwetters geweigert hatte, mit der in Rom benötigten Fracht in See zu stechen. In Anlehnung an ebendieses Wort, das als Inschrift auch das Haus der Seefahrt in Bremen ziert, benannte Johann Wilhelm Kinau seinen wohl bekanntesten Roman Seefahrt ist not! Ein Auszug aus dem Buch Libro e Moschetto –  Lebensbilder von Dichtersoldaten.

    _ von Johannes Scharf

    Kinau – der unter seinem Künstlernamen Gorch Fock bekannt wurde – schildert darin eindrucksvoll realistisch das Leben der Hochseefischer an der Waterkant, wobei insonderheit die plattdeutschen Dialoge dazu beitragen, das Fiktionale authentisch wirken zu lassen. Das sonst auf Hochdeutsch verfasste Buch ist so reich an ihnen, dass der Leser schon nach wenigen Kapiteln – in dem Roman Stremel genannt – den Eindruck bekommen muss, er „snacke“ selbst fließend platt.

    Gorch Fock 1916. | Foto: CCO, Wikimedia Commons

    Der Plot der Geschichte ist schnell nacherzählt: Der kleine Klaus Mewes, der von allen – mit Ausnahme seiner Mutter Gesa – nur Klaus Störtebeker gerufen wird, wünscht sich nichts sehnlicher als mit seinem Vater, einem der draufgängerischsten Finkenwärder Hochseefischer zur See zu fahren und zu fischen. Seine Mutter, die keine Finkenwärderin ist, sieht den Eifer ihres einzigen Kindes mit Schrecken. „Wie auch die Mutter sich bemüht, ihn an den Deich und an das Land zu gewöhnen – er spricht von der See und guckt nach den Schiffen, als wenn es weiter nichts auf der Welt gäbe“. Auch sein Vater sähe aus ihm gerne einen tüchtigen Hochseefischer werden, aber die Mutter stellt sich mit all ihrer Kraft diesem Ansinnen des Jungen entgegen. Allein Klaus Störtebeker ist nach einem Sommer mit seinem Vater auf See derselben nicht mehr abzugewinnen; selbst dann nicht, als sein Vater nach einem schweren Sturm in der Nordsee verschollen bleibt. Auch wenn seine Mutter aus Gram darüber stirbt, wird Klaus Störtebeker ein Fahrensmann wie sein Vater. „Und lassen die andern Dohrmanns Flagge im Winde flattern, so weht ihm eine deutsche Flagge von der Besan, denn der junge Fischer ist wie sein Vater und zieht keine fremde Fahne auf.“

    Eine Nebenhandlung nimmt das langsame Sterben des 25-jährigen todkrank von der großen Fahrt zurückgekehrten Matrosen Harm Külper ein, der dem jungen Störtebeker ungemein zugetan ist und ihm ein kleines, zierliches Vollschiff schenkt, welches er in den „Passaten, als die Segel wochenlang stehen bleiben konnten, geschnitzt und aufgetakelt hatte. An seinen Bruder gewendet sagt Harm, als Störtebeker zur Tür hinaus ist: „Dat brukt ne irst en Seemann to warrn: dat is all een“. Seine Mutter, die verhüten möchte, dass ihr jüngster Sohn auch noch der See zum Opfer fällt, wie ihr Mann und der älteste ihrer Söhne, beschwört Harm: „Jan, dien Bruer, will ok no See, wenn he Ostern ut de Schol is. Snack du em dat ut, Harm. Ik hol dat ne ut un goh to Woter, wenn he ne an Land blifft!“ Harm Külper, der seinen Tod nun deutlich kommen fühlt und nach seinem Seefahrtsbuch verlangt, nach seinem „Musterbook“, das ihm in den Sarg gelegt werden soll, spricht jedoch anders zu seinem jüngeren Bruder: „Jan, Mudder seggt, ik schall die van de Fohrt afroden. Du schallst ne no See hin, seggt se. Un ik schall di bang moken, Jan. Ober ik dot ne, wenn Vadder un Jakob ok verdrunken sünd, un wenn ik ok grote Hoveree hebb un kodimmt warrn mütt! Ik ro di to, Jan! Wenn du Lust no See hest, denn goh no See un lot di ne meuten! Goh no See, Jan, un dink an dien Bruer, wenn du goden Wind inne Seils hest!“ (…)


    Theodor Körner, Ernst Jünger, Gorch Fock, Walter Flex, Kurt Eggers, Gabriele d’Annunzio, Lawrence von Arabien und weitere Dichtersoldaten werden in Libro e Moschetto ausführlich porträtiert. Zur Geltung kommen dabei sowohl ihre militärischen als auch ihre schriftstellerischen Leistungen. Ein Sammelband für Freunde von Militärgeschichte und Literatur. Zur Bestellung HIER oder auf das Bild oben klicken.

    Kinau – selbst Sohn eines Hochseefischers –, der seit 1904 zahlreiche Geschichten und Gedichte auf Platt- und Hochdeutsch unter den Pseudonymen Gorch Fock, Jakob Holst und Giorgio Focco verfasst hatte und dem mit seinem Roman Seefahrt ist not! im Jahre 1913 ein Meisterwerk gelungen war, an dem für lange Zeit kaum ein lesender Junge in Norddeutschland vorbeikommen sollte, wurde 1915 zum Inf.-Rgt. 207 eingezogen, mit dem er als Infanterist in Serbien und Russland sowie bei Verdun kämpfte. Auf eigenen Wunsch kam er im März des Jahres 1916 zur Marine, wo er seinen Dienst als Ausguck auf dem vorderen Mast des Kleinen Kreuzers SMS „Wiesbaden“ versah. Dieses Schiff nahm am 31. Mai 1916 in der von Konteradmiral Boedicker befehligten II. Aufklärungsgruppe an der großen Skagerrakschlacht teil, bei der zum einzigen Mal die Flotten der Kontrahenten des gewaltigen Völkerringens aufeinandertrafen: die deutsche Hochseeflotte und die Grand Fleet der Royal Navy.

    Die „Gorch Fock“ – das nach dem Autor benannte Segelschulschiff der Bundeswehr. | Foto: Tvabutzku1234, CCO, Wikimedia Commons

    Da die „Wiesbaden“ schon zu Beginn der Schlacht einen Volltreffer in den Maschinenraum erhalten hatte, trieb sie im weiteren Verlauf der Seeschlacht manövrierunfähig zwischen den Schlachtlinien, wobei sie fortwährend britischem Beschuss ausgesetzt war. Nachdem das Schiff später noch einen Torpedotreffer ins Heck erhalten hatte, versank es erst nach Stunden am 1. Juni 1916 gegen 2:45 in der Tiefe – dabei einen Großteil der Besatzung mit sich reißend. Zwar gelang es 22 Männern zunächst, sich auf Flöße zu retten, doch konnte nur ein einziges Besatzungsmitglied, der Oberheizer Hugo Zenne, zwei Tage darauf von dem norwegischen Dampfer „Willy“ lebend geborgen werden. 589 Mann – unter ihnen auch Wilhelm Kinau alias Gorch Fock – fanden hingegen den Seemannstod. (…) Ende des Auszugs.

    Den vollständigen Aufsatz über Gorch Fock und weitere Porträts finden Sie in dem Sammelband Libro e Moschetto –  Lebensbilder von Dichtersoldaten. Zur Bestellung HIER oder auf das Banner in diesem Beitrag klicken. Weitere Auszüge aus dem Buch (über Theodor Körner und Walter Flex) finden Sie HIER und HIER.

    Der deutsch-amerikanische Publizist Johannes Scharf (*1988), stammt aus Richmond, Virginia, und wuchs am Bodensee auf. Er war als Infanterist der US Army unter anderem in der Oberpfalz stationiert. Sein Bachelor-Studium der Geschichte und Klassischen Archäologie an der Universität Heidelberg schloss er 2018 mit der Gesamtnote 1,2 ab. Derzeit absolviert er einen Master-Studiengang der Geschichte in Mannheim. Scharf ist Autor mehrerer Bücher, zuletzt erschien seine Essaysammlung Kampf ums Dasein (2019). Außerdem ist er Mitherausgeber des Sammelbandes Libro e Moschetto – Lebensbilder von Dichtersoldaten (2020).

    5 Kommentare

    1. armin_ulrich an

      Hier noch etwas vom Dichtersoldaten Armin Ulrich:
      1.

      Vor der Kaserne, vor dem großen Tor
      steht der Oberheiden mit der Geschwulst am Ohr
      heute muß er auf Wache steh’n
      ich muß ihn nicht mehr wiederseh’n
      bis morgen früh um zehn
      Chor der Soldaten:
      bis morgen früh um zehn
      2.
      ich lieg’ in dem Bettchen in der dunklen Nacht
      steht der Oberheiden noch immer auf der Wacht
      draußen ist’s kalt und hoffentlich
      erfriert der Oberheiden sich
      die Eier ordentlich
      Chor der Soldaten:
      die Eier ordentlich

      aus meiner Bundeswehrzeit

    2. marlot_bauer@web.de an

      WAS SUCHT ER HIER?! EWIG IST DER TOTEN TATENRUHM, KULTURVERAECHTER!!!

    3. heidi heidegger an

      nöö, wenn schon dann veredelt sie sich zum Lassiter-Heft mit spannenden Western- und Ostern-Geschichten/Berichten..so!

      • heidi heidegger an

        watt soll frau zu ditt fake-Soki noch räppen, häh? Ach-ja ditte mit Kallis goiler C-Maskää, hihi, eh alt(Forums)bekannt:

        [ Fuck the System Hess (Kopfnuss Kalli) ] /watch?v=VUxqBj9ucAo

        *schluck* K. ist voll der äh *81er-Prospect*..we’d better recognice, lel, aaadolfhitla od. watt?, LOHL

      • HEINRICH WILHELM an

        Der will doch nur stänkern…
        Ob der seine Steuererklärung verflucht und deswegen so eine Scheiß-Laune hat? -Grins!-
        Ist ja auch nicht der Rede wert.
        Ab in den Orkus!