Katharina hat als einzige Herrscherin in der Weltgeschichte den Beinamen «die Große» erhalten. Schon zu Lebzeiten und gegen ihr Sträuben verliehen, hat er sich über ihren Tod hinaus erhalten. Am 20. Juni 2026 findet ihr zu Ehren eine große Festveranstaltung in Sachsen-Anhalt statt. Jetzt Tickets bestellen!

    Dieser Artikel erschien im neuen COMPACT-Geschichte 26: „Katharina die Große. Die Deutsche auf dem Zarenthron“.

    _ von Jürgen Elsässer

    Damit ragt sie noch aus der Reihe anderer berühmter Regentinnen hinaus: Kleopatra, die das Schicksal Roms mit jenem Ägyptens verband; Isabella von Kastilien, die die Mauren vertrieb, Spanien einigte und Kolumbus in die Neue Welt sandte; Elisabeth I., die England zum Triumph über die Supermacht Spanien führte; Maria Theresia, die Mutter Österreichs; Queen Victoria, die über ein Viertel des Erdreichs gebot.

    Katharina II. und Putin

    Dass Katharinas Stern heller als der aller anderen Königinnen strahlt, macht vor allem Russland stolz. Das Riesenreich bereitet sich auf ihren 300. Geburtstag im Mai 2029 vor. Präsident Wladimir Putin gründete bereits vier Jahre vorher ein Festkomitee, «das sich um die angemessene Würdigung der Monarchin in ihrem Jubiläumsjahr kümmern soll (…), in Anbetracht der großen Bedeutung der Reformen Katharinas II. für die russische Geschichte». Unter ihr habe das Land «alle seine historischen Gebiete, einschließlich des Südens und Westens» zurückerobert. Der Zugang zum Schwarzen Meer, die Eingliederung der Krim, die Festung Sewastopol und so viel mehr habe man ihr zu verdanken.

    Katharinas Eroberungen haben unmittelbare Bedeutung für die aktuelle Geopolitik.

    Tatsächlich haben Katharinas Eroberungen unmittelbare Bedeutung für die aktuelle Geopolitik. Dass sie die Nordküste des Schwarzen Meeres, schon als Einflusszone der Kiewer Rus im 10. Jahrhundert an der Wiege Russlands stehend, den Osmanen wieder abnahm, untermauert den geschichtlichen Anspruch auf diese Gebiete, der heute von der NATO und ihrem ukrainischen Marionettenregime mit Waffengewalt bestritten wird. Auch ihre Vorgehensweise bei dieser Süderweiterung war bemerkenswert: Anstelle weiter in enger Abstimmung mit den europäischen Großmächten zu agieren, wie es ihr langjähriger Außenminister Panin favorisierte, setzte sie ihren Anspruch ohne Rücksichtnahme auf die Westmächte durch – ganz so, wie es Putin ab 2022 gemacht hat. Insofern führte sie das Werk von Peter dem Großen, der für die Europäisierung des Zarenreiches steht, nicht einfach fort. Vielmehr löste sie Russland durch die mit den anderen Monarchen nicht abgesprochene Südausdehnung wieder aus dem von England favorisierten Hundekäfig («Balance of Powers») heraus und schuf damit einen eigenen – in heutiger Diktion – eurasischen Pol auf dem Globus.

    Fundiert wurde diese autonome Position im Großmächtekonzert durch Katharinas Reformen im Innern, insbesondere durch die Straffung der Verwaltung und des Rechtswesens, die Förderung der entstehenden Bourgeoisie bei der Industrialisierung und den Aufbau des damals weltweit größten Heeres. An der Abschaffung der Leibeigenschaft dagegen scheiterte die Aufklärerin, musste sie scheitern. Das hätte die Aristokratie, ihre soziale Stütze, zerstört – und damit das Reich. Für diesen geschichtlichen Fortschritt schlug die Stunde erst 150 Jahre später, als die Bolschewiki mit zaristischer Grausamkeit den zaristischen Adel beseitigten.

    «Kalendarium Juliano-Romanum Perpetuum», kolorierter Kupferstich von Tobias Konrad Lotter, ca. 1760. Foto: buchfreund.de

    Vielleicht noch ein Wort zu den russischen Expansionen, die unter Katharina zum Beispiel die muslimischen Krimtataren zu Untertanen machten. Von anderen Zaren wurden Tschetschenien und weitere islamische Gebiete in Mittelasien erobert, in Sibirien und dem Fernen Osten kamen Naturvölker unter zaristische Herrschaft. Im Westen ist es Mode geworden, dies als Kolonialismus zu schmähen, die Minderheiten zur Sezession zu ermutigen und sogar den Dschihad im Kaukasus zu unterstützen. Aber man sollte einen riesigen Unterschied nicht vergessen: Während die europäischen Kolonialmächte andere Kontinente ausplünderten, die Afrikaner zu Sklaven machten und die Ureinwohner Nordamerikas sogar weitgehend ausrotteten, haben die Russen die Identität der kleineren Völker, also ihre Sprachen, Kulturen und Religionen, immer respektiert und ihnen gleiche Rechte garantiert. Für diese Toleranz legte Katharina das Fundament. Heute leben zwischen 160 und 190 Völkerschaften und ethnische Minderheiten zwischen Brest und Wladiwostok – in einer gewachsenen Vielfalt, die sich von der erzwungenen Uniformität des westlichen Multikulti deutlich abhebt.

    Unser gemeinsames Erbe

    Katharina verkörpert auch die Freundschaft zwischen Deutschland und Russland. Als Tochter eines preußischen Offiziers brachte sie die Tugenden ihrer alten in die neue Heimat und beschnitt den byzantinischen Schlendrian der französisierten Höflinge. Andererseits hätte sie in Deutschland nie Kaiserin werden können – die Thronfolge schloss Frauen aus. Sie brauchte Russland, und Russland brauchte sie – die ideale Symbiose. So wurde aus der Preußin eine stolze Russin, und Russland wurde – ein bisschen – preußischer.

    Zwei Kalender

    In Russland wurde bis zum 31. Januar 1918 der sogenannte Julianische Kalender verwendet, der in den meisten anderen Staaten schon im 16. Jahrhundert durch den genaueren Gregorianischen Kalender ersetzt worden war.

    Die Differenz beträgt 13 Tage. Deswegen folgte nach der Umstellung am 31.1.1918 in Russland nicht der 1. Februar, sondern der 14. Februar.

    Bei allen vorherigen Datumsangaben, etwa auch für die Zeit Katharinas der Großen, gibt es also die 13-Tage-Abweichung zwischen dem Julianischen Kalender, der noch in Russland und anderen orthodoxen Staaten verwendet wurde, und dem Gregorianischen im übrigen Europa.

    Falls nicht anders angegeben, verwenden wir in dieser Ausgabe die Datumsangaben des Julianischen Kalenders.

    Zu ihrem politischen Ziehvater Friedrich dem Großen, der sie nach Petersburg lanciert hatte, behielt sie zeitlebens ein gutes Verhältnis, ohne dass sie ihm zuliebe ihren russischen Patriotismus relativierte. Wichtige internationale Krisen, etwa die polnische Frage, löste man gemeinsam und legte so den Grundstein für die spätere Allianz gegen Napoleon.

    Über Angela Merkel berichten Augenzeugen, sie habe in ihren ersten Kanzlerjahren ein Porträt Katharinas auf dem Schreibtisch gehabt. Es mag stimmen, dass sich die kleine Potentatin von der großen Zarin inspirieren ließ, schließlich hatte sie in Moskau studiert. Doch nach 2010 wurde das Bildnis nicht mehr gesichtet. Kein Wunder: Ab diesem Jahr begann die bösartige Metamorphose der Rautenfrau, die zum Atomausstieg und der Grenzöffnung führte – und zur offenen Feindschaft gegenüber Putin, der sie zuvor als Vermittlerin gegenüber den Westmächten geschätzt hatte.

    Katharina verkörpert die Freundschaft zwischen Deutschland und Russland.

    Am 25. September 2001 hielt Putin im Bundestag eine Rede – übrigens im fließenden Deutsch. Dabei erinnerte er auch an Katharina: «Wie ein guter westlicher Nachbar verkörperte Deutschland für Russen oft Europa, die europäische Kultur, das technische Denkvermögen und kaufmännisches Geschick. Nicht zufällig wurden früher alle Europäer in Russland Deutsche genannt, die europäische Siedlung in Moskau zum Beispiel ”deutscher Vorort”. (…) Vergessen wir auch nicht die Prinzessin von Anhalt-Zerbst. Sie hieß Sophie Auguste Friederike. Sie leistete einen einzigartigen Beitrag zur russischen Geschichte. Einfache russische Menschen nannten sie Mutter. Aber in die Weltgeschichte ging sie als russische Zarin Katharina die Große ein.»

    Das Protokoll des Bundestags vermerkt 17 Mal Beifall während dieser Rede. Am Ende erhoben sich alle Abgeordneten von ihren Plätzen zu stehenden Ovationen.

    Es wäre schön, wenn diese gute alte Zeit der deutsch-russischen Verständigung wiederkäme. Der 300. Geburtstag Katharinas der Großen 2029 böte einen guten Anlass. Diese COMPACT-Ausgabe will einen Beitrag dazu leisten.

    Dieser Artikel erschien im neuen COMPACT-Geschichte 26: „Katharina die Große. Die Deutsche auf dem Zarenthron“. Diese Ausgabe können Sie in digitaler oder gedruckter Form hier bestellen.

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