Vor 36 Jahren stürmte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft bei der WM in Italien zum Titelgewinn. Es gibt viele Jahrhundertfotos: Die US-Astronauten, die ihre Fahne in den Mond rammen… Das nackte Mädchen von My Lai, das schreiend vor den Napalmbomben flüchtet… Und Franz Beckenbauer auf dem Rasen des Olympiastadions in Rom. Dieser Artikel erschien im COMPACT-Spezial 17: „Nationalsport Fußball – Herzschlag einer deutschen Leidenschaft“.

    _ von Peter Bartels

    Kaiser Franz: einsam, andächtig, siegreich – und unerreicht. Foto: Screenshot

    Groß, schlank, edel, einsam. Der Feldherr schlendert über das Schlachtfeld. Blauer Blazer, Krawatte, helle Hose, die Hände lässig in den Hosentaschen. Der Blick mal ins Stadionrund, mal auf den Rasen, mal in den Sternenhimmel. Seine Elf küsst gerade den Goldenen Pokal. Weltmeister! 1974, der Spieler Beckenbauer. 1990, der Trainer Beckenbauer. 2006, der Mann, der die WM nach Deutschland holen wird. Aber das steht noch in eben diesen Sternen über der Ewigen Stadt. An diesem Sommerabend 1990 in Rom wird ein junger Mann von 45 Jahren endgültig der Kaiser der Deutschen. Mehr geht nicht. Nicht im Fußball. Nicht im Leben. Doch Kaiser stürzen, Götter fallen – Neid schafft alles. Damals ahnte es keiner…

    Es war einmal

    Damals… hieß die deutsche Fußballelf noch Nationalmannschaft. Damals… trug die Nationalelf noch den Adler auf schwarz-rot-goldener Brust. Damals… sang in dieser Nationalelf noch jeder die Hymne – laut, leise, schräg. Damals… quäkte noch keine Schlagerschrulle «Brühe, deutsches Vaterland».
    Es war einmal… Heute heißt die deutsche Nationalelf nur noch «Mannschaft». Bei besonders gutmenschelnden Mainstream-Reportern sogar weltoffen «La Mannschaft». Heute steht eine Multikulti-Truppe auf dem Platz. Die Reihe und die Lippen fest geschlossen, wenn die Nationalhymne ertönt. Einer wie Müller bewegt sie wenigstens. Einer wie Boateng neuerdings auch.

    Kaiser stürzen, Götter fallen – Neid schafft alles.

    Einer wie der geborene «Schwabe» Rüdiger dagegen bewegt noch immer nur die Beine, wenn er auf «deutsche Art» à la Berti Vogt in den Gegner grätscht. Der Rest von Deutschland, den Merkel, die Matronen und der Mahlstrom Mainstream übrig ließen, ist ja schon froh, dass man den nach allen Seiten offenen Buben nicht auch schon die Hymne gegendert hat, wie die grün-roten Heiligen demnächst das Vaterunser: Blühe buntes Deutscheland… Immerhin, die DFB-Häuptlinge vom Stamme «Wir haben verstanden» singen kräftig mit: Jögi, der Löw mit der schönen Mähne. Gehalt: Vier Millionen Euro jährlich. Oliver Bierhoff, der mit dem Silberschnack, um die zwei Millionen. Andreas Köpke, der ewige Ersatztorhüter, etwa eine Million.
    Als der Franzl noch der Bursch’ von Postobersekretär Franz Beckenbauer war, die ersten genialen Pässe zu «kleines dickes Müller» schlenzte, die der dann reihenweise in jedes Tor dieser Erde müllerte, durfte er seine erste schwarzweiße TV-Werbung machen: «Krrraft in den Teller – Knorrr auf den Tisch».

    Die «Bild» feiert mit. Damals war COMPACT-Autor Bartels beim Springerblatt Chefredakteur. Foto: Bild

    Später, im Buntfernsehen: «Schmeckt prrrima …». Gage: 12.000 Mark! Gut, später für Mercedes oder O2 ging’s dann um Millionen. Da musste der «Suppenkasper» aber auch Sätze für die Ewigkeit staunen: «Ja, is’ denn heut’ scho’ Weihnachten?» Und bei Gazprom werden’s noch a bisserl mehr Milliönchen gewesen sein; sein späterer Werbenachfolger Gerhard Schröder bekam zwar nur 500.000 Euro vom Putin-Konzern. Aber was ist schon ein Bundeskanzler gegen einen deutschen Kaiser? Nix, quasi… Auch wenn der lupenreine Sozi mal der «Genosse der Bosse» war.

    Nein, nein, geht’s weider, Leit, dem Franzl konnte nie einer das Wasser reichen. Schon 1974, als er die sächsische «Mütze» Helmut Schön mit Bomber Müller zum Weltmeister passte und ballerte. Und dabei waren die Holländer damals mit ihrem «göttlichen» Johan Cruyff mindestens genauso unbesiegbar wie 20 Jahre vorher die unschlagbaren Ungarn mit «Major» Ferenc Puskas. Wer kennt sie nicht, die Geschichten aus der Ewigkeit: «Chef» Herberger zauberte mit Fritz Walter das «Wunder von Bern» (3:2), «Mütze» Schön zauberte mit dem genialen Beckenbauer die Oranjes zu Fliegenden Holländern (2:1).

    Die Hand Gottes

    Schon 1970 hatte die Beckenbauer-Generation mit Bomber Müller, Schwabenexpress Hoeneß, Mao Breitner, Katsche Schwarzenbeck, Jahrhundert-Tormann Sepp Maier und Günter Netzer aus der Tiefe des Raumes halb Europa vom Rasen gefegt – schön wie nie eine Mannschaft vorher. Europameister! Dann kamen die Jahre der Dürre. Unter anderen mit dem netten Jupp Derwall. Der gewann zwar 23 Spiele hintereinander (so viele wie keiner!), wurde sogar Europameister ohne «Kaiser und Bomber». Aber Bild und damit «Deutschland» mochten den biederen Mann aus Würselen [sic] nicht. Und als die gefürchtete austrische Trainer- und Kommentator-Peitsche Max Merkel ihn auch noch als «Häuptling ondulierte Silberlocke» piesackte, war’s das: Der rote Teppich für den Nachfolger war ausgerollt: für den Kaiser… Ohne Trainer-Abi. Nur Führerschein. Ergo: nur «Teamchef».

    So hat Südamerika seit dem Meteoriteneinschlag vor 65 Millionen Jahren nicht mehr gebebt.

    Es gab manches müde Spiel auf dem Weg zur WM in Mexiko 1986. Aber der schon auf dem Platz so geniale Libero zwiebelte die Hansel um «Rummelfliege» Rummenigge (Bild), Pierre Littbarski und Loddar Matthäus auf Anhieb ins Endspiel gegen Argentinien. Welches die Gauchos dann in der 85. Minute mit 3:2 gewannen. Maradona! Die Hand Gottes und sein Jahrhunderttor (nach 60 Meter Dribbling) gegen England hatten sie ins Aztekenstadion vor 114.600 Zuschauer gegen Deutschland getrickst! Gooooooooooaaal!!! Südamerika kann 65 Millionen Jahre vorher, beim Meteoriteneinschlag im Golf von Mexiko, der die Saurier auslöschte, nicht gewaltiger gebebt haben.

    Una festa sui prati

    Beckenbauer also Vize-Weltmeister im ersten Anlauf. Ohne DFB-Abi, nur mit Genie. «Schau’n mer mal», lächelte der Franz und blickte wie einst Hannibal über die Alpen Richtung Rom. Der Kaiser hatte zwar keine 37 Kriegselefanten wie der Punier 2.200 Jahre vorher. Aber er hatte 22 entschlossene Kicker-Krieger: Loddar Matthäus, der sich in bella Italia mit seinem Spiel in die Betten der schönsten Frauen kickte, die er dann dummerweise heiratete… Klinsi Klinsmann, der den Kaiser später beerbte, Rudi, von dem es bis heute in Vizekusen immer noch «nur eiiin Völler» gibt. Und Auge Augenthaler, Giftzwerg Thomas Häßler, Litti Littbarski, Heulsuse Möller, Leberecht Hühnchen Andy Brehme. Und Bodo Illlgner, der tolle Torwart; Köpcke, der andere, saß da, wo er hingehörte: auf der Bank.

    Lothar Matthäus (rechts) schüttelt dem enttäuschten argentinischen Fußballstar Diego Maradona die Hand: Deutschland besiegte die Argentinier in Rom mit 1:0. Foto: picture alliance / dpa

    In Italien legte der Kaiser erstmal die Jugos mit 4:1 zu den Akten. Dann standesgemäß mit 5:1 die Arabischen Emirate. Mit Kolumbien tat er sich schwerer: 1:1. Dann wieder mal Holland. Wieder 2:1, wie einst in München. CSSR, England – der Kaiser peitschte seine Buam ins Endspiel! Zum zweiten Mal hintereinander für ihn. Zum dritten Mal für Deutschland. Und wieder: Argentina. Wieder Maradona. Wieder die rechte Hand Gottes. Oder des Teufels, wie’s beliebt. Olympiastadion in Rom. 73.603 Fußball-Tifosi aus Italia, Argentina, Germania. Diesmal war Gott (oder der Teufel) auf der Seite der Deutschen: 85. Minute, Elfmeter. Andy Brehme legte die Pocke auf den Punkt. Anlauf, Volley, flach, links unten zappelte der Ball im Netz. Der smarte Goycochea war nicht tief genug geflogen: 1:0 Deutschland! Weltmeister!

    Das Logo zur WM 2006: ein fragwürdiger Kunstgriff. Foto: FIFA

    Diesmal schrie kein Herbert Zimmermann mit sich überschlagender Stimme aus dem magischen Grundig-Auge: «Aus… Aus… Aus… Ich fasse es nicht… Deutschland ist Fußball-Weltmeister!!!» Diesmal sagte ein geschmeidiger Reporter namens Gerd Rubenbauer den 29,9 Millionen Fernsehzuschauern mit rollendem Bayerrrn-Rrrr: «Der Kaiser hat die Krrrone, die deutsche Mannschaft den Pokal, und wir hatten Spaß, meine Damen und Herrren.» Klar, wer zum dritten Mal Weltmeister wird, ist gelassener. Und der Kaiser schlenderte durch die laue Nacht…

    Der goldene Lorbeer

    Res gestae divi Augusti – Darstellung eines vergöttlichten Lebens, wie Theodor Mommsen es nannte: Es passt zum Kaiser von Rom und – 2.000 Jahre später – zum Kaiser in Rom. Verdienste, Ehrungen, Orden, Pokale, Preise, Penunze? Wo anfangen, wo aufhören? Welche Pässe? Tore? Eigentore? Die Eleganz seines Spiels? Die Leichtigkeit seines Seins? Drei Ehefrauen, vier Söhne (den ersten zeugte er mit Siebzehn, einer starb). Dann kam die Zeit der Weihnachtsfeiern und der Besenkammern in Deutschland: Eine Sekretärin aus der Heide, eine Farbige aus Russland ; die Kinder des Olymps schossen aus allen Lenden in alle Schöße; Bumm, Beckenbauer, Bumm-Bumm, Becker – für beide die ersten Töchter … Und dann kam die Generation Gender, die schlaff und schwul gekifften Flaumbärte, von denen sich heute noch manche durch die Sportshows schminken lassen… Die Kinder lieber adoptieren oder von anderen zeugen lassen: Dein Bauch gehört mir! Quanta costa?

    Schneeweißchen und Rosenrot haben es am Ende vermasselt.

    Und dann die Mainstream-Erfindung eines schwarz-rot-goldenen Sommermärchens 2006. Ein Wunschtraum, den Merkel mit einem einzigen kleinen Fähnchen, das sie 2013 angeekelt abwehrte, zum Platzen brachte… Jahrelang hatte der Kaiser sich für die WM 2006 als Diplomat rund um die Welt gedienert und gebettelt. Und er holte sie tatsächlich nach Deutschland. «Schneeweißchen und Rosenrot» (Klinsi und Jogi) vermasselten es dann leider drittklassig. Das war der Startschuss für die ewigen Bessermenschen. Endlich konnten sie am Sockel des Sakrosankten kratzen: Die Journaille, die ihn gestern noch vergottete – heute verspottet, verrottet sie Beckenbauer.

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    Der DFB und die Fußball-WM 2006: Rein strafrechtlich geht es erst einmal um Steuerhinterziehung: 6,7 Millionen Euro sollen fälschlicherweise als Betriebsausgaben abgesetzt worden sein – fälschlicherweise, weil es sich um eine Provisionszahlung an die FIFA gehandelt habe. Darüber hinaus sei die stattliche Summe in Wahrheit Schmiergeld gewesen, um die Stimmen von vier asiatischen Funktionären zu kaufen, damit die WM 2006 nach Deutschland vergeben wurde. Nota bene: Das sind Vorwürfe, keine Fakten.[/toggle]

    Doch diesmal scheint Gott sich mal aufzuraffen: Der Kaiser ist im Exil, die Wadenbeißer siechen im Abgrund. Kukident hält eben nicht ewig. Es ist wie beim Scherbengericht im alten Athen: Die Neidhammel sind längst Staub – die Akropolis steht. So wird es auch mit Beckenbauer in der Hall of Fame sein. Goldener Lorbeer verwelkt nie.

    Dieser Artikel erschien im COMPACT-Spezial 17: „Nationalsport Fußball – Herzschlag einer deutschen Leidenschaft“. Diese Ausgabe können Sie in digitaler oder gedruckter Form  hier bestellen.

    Inhaltsverzeichnis COMPACT-Spezial 17: Nationalsport Fußball – Herzschlag einer deutschen Leidenschaft

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    75 Die Multikulti-Liga
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