Der Krieg in der Ukraine kam für viele überraschend. Es lohnt sich ein Blick in die Geschichte, um die Eskalation des Konflikts zu verstehen. Teil 1 einer kleinen Psychologie der Kriegseröffnung. Die großen Schlachten in unserer Geschichte lassen wir in unserer aktuellen Ausgabe von COMPACT-Geschichte mit dem Titel „Mit Blut und Eisen“ noch einmal Revue passieren. Hier mehr erfahren.

    Wenn wir den augenblicklichen Krieg in der Ukraine betrachten, beschleicht uns der Verdacht, dass wir – die wir bestinformiert sind in der offensten aller möglichen Welten – von der konkreten Kriegseröffnung Russlands überrascht wurden.

    Wir sind darüber empört, weil wir nicht gerne einräumen, dass etwas so Grundlegendes wie eine Kriegseröffnung derartig überraschend geschieht. Deswegen zucken wir zusammen und suchen einen Schuldigen. Mal ehrlich, Gustav Le Bon (Die Psychologie der Massen) hätte seine helle Freude an uns gehabt.

    Im Folgenden werde ich einige Anmerkungen dazu machen, 1. wie Kriege eröffnet werden und 2. was die Psychologie der Massen in diesem Zusammenhang für eine Rolle spielt. In einem weiteren Abschnitt werde ich 3. einige historische Beispiele Revue passieren lassen, um schließlich 4. auf den Ukraine-Konflikt zurückzukommen und darzustellen, wie dieser 5. auf die Psyche der Ukrainer und 6. der Deutschen wirkt.

    1. Sun Tsu – Wie Kriege eröffnet werden

    Über das richtige, falsche, unzweckmäßige und angemessene Kriegführung sind eine Unzahl von grundlegenden Werken verfasst worden. Bereits die Chinesen längst vergangener Zeit wussten in Theorie und Praxis hierüber Bescheid. Eine Psychologie der Kriegseröffnung, aus der ich – angesichts der aktuellen Ereignisse – zitieren könnte, habe ich in meiner Bibliothek nicht entdeckt. Aber bestimmte Grundregeln zur Kriegführung, die wichtige Fingerzeige enthalten.

    Der Chinese Sun Tsu bemerkte in seiner Kunst des Krieges vor rund 2500 Jahren das Folgende:

    „I.1: Krieg ist für den Staat von entscheidender Bedeutung. (…) Er ist gründlich zu überdenken.
    I.2: Beurteile ihn daher nach den fünf grundliegenden Faktoren. (…)
    I.4: Unter moralischer Führung verstehe ich das, was das Volk in Einklang mit seiner Führung
    bringt. (…)
    I.17: Jegliche Kriegführung beruht auf Täuschung. (…)
    II.3: Das Hauptziel des Krieges ist der Sieg. Wird dieser zu lange hinausgezögert, so werden die Waffen stumpf und die Moral geschwächt.“

    Ich übersetze das mal ins Hier und Heute. Der Staat, der Krieg führt, spielt mit seiner Existenz. Er hat keine Chance, wenn er das eigene Volk nicht hinter sich bringt. Der Kriegführende muss täuschen können. Wichtig allein ist der Sieg. Er darf nicht herausgezögert werden, weil die Kampfmoral von Volk und Armee mit der Zeit nachlässt.

    2. Clausewitz – Die Rolle der Psychologie der Massen

    Lassen wir die Worte des Chinesen einmal im Raum stehen und sehen zur Sicherheit nach, was in der deutschen militärischen Kriegführungs-Bibel steht. Das ist die berühmte nachgelassene Schrift Vom Kriege des preußischen Generals Carl von Clausewitz aus dem Jahr 1832.

    Auch Carl von Clausewitz blieben die Deutschen bis zu einem gewissen Grad ein Rätsel. Foto: CC0, Wikimedia Commons.

    Da erleben wir eine Überraschung, denn Clausewitz versorgt den Politiker zwar mit der bis heute immer wieder zitierten Weisheit, dass der Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln sei, aber zur grundlegenden Frage, wie man ihn vom Zaun bricht, schweigt er sich aus.

    Wir halten Clausewitz zugute, dass für ihn das Kriegführen das Normalste von der Welt war, um einen grundlegenden Konflikt zwischen Staaten zu entscheiden. So spielt denn auch sein Buch im Militärischen und gibt Rat, was zu tun und was zu lassen sei, um zu siegen. Wir halten ihm ferner zugute, dass er Bismarck und seine Kriege nicht kannte. Wir werden darauf zurückkommen.

    Doch ein bisschen Unverständnis bleibt schon, denn Clausewitz war Zeitzeuge des ersten und dazu auch noch erfolgreichen Versuchs der psychologischen Massenbeeinflussung in Deutschland, um einen Krieg vom Zaun zu brechen. Ich spreche von den Befreiungskriegen 1813–15. Hier ging es darum, die französische Oberherrschaft über Europa zu brechen.

    Die Befreiungskriege begannen mit dem legendär gewordenen „Aufruf an Mein Volk“ des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III. vom 17. März 1813. Es war in Preußen der erste Fall, in welchem der Herrscher ans Volk appellierte. Der Krieg Preußens gegen Frankreich sollte ein solcher der preußischen Untertanen gegen den Aggressor Napoleon werden. So war der Aufruf gemeint, und so geschah es auch.

    3. Bismarck, Wilhelm II. und Hitler – Neue psychologische Zielrichtung

    Während wir soeben betrachtet haben, wie ein preußischer König durch den Appell ans Volk
    dieses in stürmische Kriegsbereitschaft versetzte, also eine Mobilmachung nach innen auslöste, verlagerte Bismarck in den drei preußisch deutschen Einigungskriegen (1864–71), die er ganz bewusst auslöste, das psychologische Moment nach außen. Er ließ die übrige Welt wissen, dass Preußen einen gerechten Krieg führe, mithin nicht der Aggressor sei.

    Am deutlichsten griff diese Kriegsauslösungsmethode beim letzten der drei Kriege, dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71. In Bismarcks Strategie war dieser Krieg notwendig, um die deutschen Länder südlich des Norddeutschen Bundes zum Mitmachen zu zwingen und die anderen europäischen Großmächte (Großbritannien, Russland, Österreich-Ungarn) zum Stillhalten zu veranlassen. Das gelang durch einen propagandistischen Handstreich, der dann später als Emser Depesche in die Geschichtsbücher eingegangen ist.

    Bismarck und Napoleon III. nach der Schlacht von Sedan. Ausschnitt aus einem Gemälde von Wilhelm Camphausen (1878). Foto: CC0, Wikimedia Commons

    Inhalt des Manövers war, die ungeschickt und eitel handelnden Franzosen als kriegslüsterne Aggressoren dastehen zu lassen, gegen die der preußische König allen Anlass habe, seine Ehre zu verteidigen. Diese Strategie ging auf. Der preußisch-deutsche Krieg gegen Frankreich fand unbehelligt von den Großmächten Europas statt
    und führte Frankreich, das sich einen Angriff auf Preußen ganz anderes vorgestellt hatte, in eine krachende militärische Niederlage.

    Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 zeigte sich, wie sehr die außerdeutschen politischen Führer diese Lektion gelernt hatten. Sie provozierten und warteten ab, bis Deutschland töricht genug war, sich durch Kriegserklärungen in Richtung Russland und Frankreich selbst ins unrechte Licht zu rücken. Die Kriegsschuldlüge war eine der am besten gepflegten Propagandaaktionen der Alliierten. Sie war ihnen so wichtig, dass sie Deutschland beim Friedenschluss von Versailles zwangen, diese Lüge vertraglich anzuerkennen.

    Ein ebenso fatales Beispiel für den Unverstand der deutschen Führung ist der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 1939. Der massive militärische Angriff auf Polen ließ Deutschland in aller Welt als den allein Schuldigen erscheinen. Ich habe nicht vor, an dieser Überzeugung zu rütteln und eine vom Thema ablenkende, unfruchtbare Debatte anzuzetteln. Ich möchte vielmehr lediglich auf eine geradezu verblüffende Parallele zum Ausbruch des heutigen Krieg in der Ukraine hinweisen. Hierbei ist zu beachten, dass der Kriegsausbruch 1939 nicht aus unserer heutigen gefestigten Sicht, sondern, weil es um Massenpsychologie geht, aus der Sicht der Zeitgenossen zu beurteilen ist.

    Das seit 1919 anderthalb Jahrzehnte am Rande eines Krieges entlangdümpelnde Verhältnis zwischen Deutschland und Polen war nach dem zwischen beiden Ländern 1934 geschlossenen Nichtangriffspakt wie ein Waffenstillstand zwischen zwei Halunken – beide Länder waren zu diesem Zeitpunkt aggressive antisemitische und nationalistische Diktaturen. Man beäugte sich und machte dann gemeinsame Sache, als es 1938 gegen die Tschechoslowakei ging. Die Beute wurde geteilt.

    Die Lage änderte sich, als US-Präsident Franklin D. Roosevelt die deutsch-polnische Sache in seine Hände nahm. Er ermunterte die Polen, sich mit dem Deutschen Reich provokativ anzulegen. Das war, wenn man nur wollte, keine Schwierigkeit. Die in Polen lebende deutsche Minderheit (circa eine Million) und der kuriose halbsouveräne Status des Freistaates Danzig boten Reibungsflächen satt und genug. Wenn man nur wollte.

    Polenfeldzug: Martin Bormann, Adolf Hitler, Erwin Rommel und Walter von Reichenau beobachten den deutschen Vormarsch in Polen im September 1939. | Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-013-0064-35 / Kliem / CC-BY-SA 3.0 / Wikimedia Commons

    Die von einem Großpolen träumende chauvinistische Führungsschicht fühlte sich sicher, dank zu erwartender britischer, französischer und US-amerikanischer Unterstützung, auch den militärisch hochgerüsteten Nachbarn durch rabiates Vorgehen in Danzig und gegen Volksdeutsche in Polen provozieren zu können.

    Das hierauf reagierende Deutsche Reich würde dann als Aggressor weltweit geächtet und niedergeworfen. Es winkte, so dachte man, reiche Beute – polnische Ulanen, so sagte man expressis verbis, würden drei Tage nach Kriegsausbruch ihre Pferde in der Spree tränken.

    Von der polnischen Rechnung ging nur der Auftakt auf – das Deutsche Reich machte sich als Aggressor weltweit unmöglich –, doch der Rest ging nicht auf. Das ist bekannt. Die Rechnung ging deswegen nicht auf, weil die Westmächte, vor allem die USA, buchstäblich nichts taten, um den Polen zu Hilfe zu eilen. So wurde Polen binnen dreier Wochen militärisch und politisch ausgelöscht.

    Die Polen hatten in ihrer damaligen Naivität nicht erkannt, dass sie nichts weiter waren als ein Köder – ausgeworfen, um die Kriegsbereitschaft des Westens anzukurbeln. Sie waren Opfer eines psychologischen Kriegseröffnungs-Schachzugs. Und, man muss es hinzufügen, der angeblich im Einklang mit der Vorsehung handelnde deutsche Führer Adolf Hitler fiel genauso darauf rein wie die polnische Obristen-Riege.

    Lesen Sie morgen den zweiten Teil dieses Beitrags.

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    16 Kommentare

    1. Ferdinand Weber an

      Putin hat die Notbremse gezogen, bevor die Ukraine zur NATO-Bastion geworden wäre und das Tor nach Russland für die Amis damit sperrangelweit offen gewesen wäre.
      Nicht falsch verstehen, ich finde Krieg Schxxxe, aber so geht eben Realpolitik.
      Aber Hauptsache Baerbock und Co duschen schön kalt um Putin zu besiegen.

      • deppenland an

        klar, deshalb schickt die nato derzeit auch mann und maus in die ukraine.

    2. Alcazar de Toledo an

      @Weber : Strengen Sie sich nicht unnötig an. Ich habe auch lange, zu lange gebraucht, um zu merken, daß "Compact" nicht rechts, nicht patriotisch, sondern hartgesotten links ist.

      • @Alcazar de Toledo Heute ist jede politische Bewegung, egal ob Mainstream oder Opposition, verseucht. Vielleicht mit Ausnahme des III. Weges. Aus diesem Grund ist das Problem auch nicht mehr rein politisch zu lösen. Die guten, klugen Leute mit dem richtigen Geist müssen sich verbinden. Schreiben Sie mich doch mal an: weber-ellern@gmx.de

    3. Die russischen Führung und zunehmend auch das Land ist vom sowjetisch-tschekistischen Geist durchdrungen und steht in einer ungebrochen Traditionslinie zu den wahren Menschheitsfeinden, die zig Millionen ermordet haben. Aus diesem Grund fühlt sich auch der Antideutsche Elsässer von Putins "Patriotismus" angezogen – er ist nämlich nicht echt. Kratzt man an der Oberfläche, kommt darunter die rote Pest zum Vorschein.
      Je sauberer der Charakter und je anständiger der Mensch, desto mehr fühlt man sich vom Putinismus abgestoßen.

    4. @Deutsch-Österreicher

      Es gibt einen enormen Unterscheid bei den Waffenlieferungen der USA und Verbündeten zwischen gestern und heute.

      Im 2. WK haben die USA über 400.000 Jeeps und LKW, 13.000 Lokomotiven und Güterwagen, 90 Frachtschiffe, 4000 Bomber, 10.000 Jagdflugzeuge und über 7000 Panzer an ihre sowjetischen Alliierten geliefert. Die Briten und Kanadier lieferten weitere 5000 Panzer und 7000 Flugzeuge.

      Heute gehen die Waffenlieferungen nicht an Russland, sondern in kleinem Ausmaß an die Ukraine.

      • Was sagte Putin eigentlich zu 9/11 ? – Nichts, er gehört auch zum Club, deswegen hat man ihn auch 22 Jahre gewähren lassen. Hitler-Deutschland dagegen, hat man gleich 1933 den Krieg erklärt. Daran erkennt ihr die echte Alternative in dieser kaputten Welt.
        Viel Feind, viel Ehr.

    5. Idiotenwatch an

      Die geistige Verknüpfung von "Krieg" und Putins Spezialopration zur Entnazifizierung der Ukraine ist unzulässig.

      Schuld hat sowieso immer nur die aufgetakelte Blondine mit dem zu kurzen Rock! Immer!

    6. Das obige Bild zeigt den russischen Panzer Armata, den Russland groß ankündigte ab 2014 in Tausender Stückzahlen einzuführen. Was ist daraus geworden? – Nichts. Es gibt nur ein paar Exemplare, meines Wissens. Das ist charakteristisch für Russland. Große Klappe aber nichts dahinter.
      Ihr Kreml Propagandisten seid nicht nur moralisch bankrotte Volksverräter, ihr seid auch noch dumm weil ihr nicht versteht, wie schwach und unfähig das Land ist, dem ihr dient. Ihr werdet mit dem Kreml untergehen.

      • Deutschösterreicher aus dem Wienerwald an

        Von der russischen Schwäche war man auch 1941 so überzeugt wie Sie heute.

        • Man war damals nicht von der Schwäche der Sowjetunion überzeugt, hatte aber auch keine Ahnung, das diese über unvorstellbare 30000 Panzer verfügt. Stalin hat einen Eroberungskrieg gegen Europa seit Ende der Zwanzigerjahre geplant und vorbereitet. Hitler kam ihm unvorbereitet und notgedrungen im letzten Moment vor dem Angriff zuvor. Hitlers Mission und Selbstverständnis war es Deutschland und Europa vor dem. Bolschewismus zu retten.
          Je mehr Deutsche und Europäer auf Hitler herumhackenw, desto mehr verraten und zerstören sie sich selbst. An der historischen Wahrheit über den Nationalsozialismus kommt ihr nicht vorbei. Entweder ihr stellt euch ihr, oder ihr geht unter.

        • Und was die Schwäche Russlands angeht: Ich studiere das Land seit vielen Jahren uns kenne es von innen, was mich von euch, die ihr in der russischen Propaganda-Blase lebt, unterscheidet.
          Russland ist ultraaggressiv und gefährlich und hat es auch auf Europa abgesehen, aber sie sind nur noch ein Schatten der Sowjetunion, der die so sehr hinterhertrauern, und selbst die war deutlich schwächer und maroder als man im Westen glaubte.
          Russland besteht im Wesentlichen aus zwei Städten: Moskau und St. Petersburg. Der Rest ist rückständig. Gute, kluge Leute verlassen das Land seit Jahren in Scharen. Wenn man den Zahlen glauben kann, dann seit Kriegsbeginn schon 200.000

      • jeder hasst die Antifa an

        Die Große Klappe hat man sich von EU Politikern abgeschaut,wie in Deutschland Große Klappe und nichts dahinter das trifft auf die Russen nicht zu.

        • jeder hasst putin an

          stimmt, wir überfallen und ermorden unsere friedlichen nachbarn nicht. so was macht nur der ruski.