Neulich titelte Bild: „Malle wieder offen für alle!“ Doch warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah? Zum Beispiel an der Nordseeküste. Ein politischer Reisebericht von der Waterkant. Weitere Reportagen finden Sie in unserem Dossier „Urlaub vom Lockdown“ in COMPACT 3/2021. Hier bestellen.

    _ von A. W. von Staufen

    Nach vier Stunden Autofahrt, aus dem Süden kommend, verlasse ich die A23 bei Itzehoe und fahre an Wacken vorbei in Richtung Büsum. Auf saftig grünen Wiesen sehe ich glückliche Kühe stehen und wundere mich, dass die von den Rotorblättern der Windräder nicht bekloppt werden. In Schleswig-Holstein stehen fast 4.000 solcher Onshore-Windenergieanlagen.

    Strippenzieher im Hintergrund: «Freimaurer – Die Verschwörungen eines Geheimbundes».  Unser Standardwerk zu den Logen kann man hier bestellen.

    Nun fahre ich also durch das schöne Dithmarschen. In Schafstedt sehe ich ein Hinweisschild: 17 Kilometer bis St. Michaelisdonn. Dort befindet sich – nach London und Kopenhagen – das drittgrößte Freimaurermuseum Europas, gestiftet von der Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland. In der Ausstellung sind auf rund 350 Quadratmetern etwa 5.500 Exponate aus der über 300-jährigen freimaurerischen Kulturgeschichte zu sehen. In St. Michaelisdonn befinden sich auch die Johannis-Loge St. Michael und die Andreas-Loge Voluntas.

    Büsumer Krabben

    Ich lasse die Freimaurer links liegen und fahre Richtung Albersdorf, wo der Steinzeitpark Dithmarschen zu finden ist, ein archäologisches Open-Air-Museum mit „rekonstruierter Geschichte“. 20 Kilometer vor Büsum gelange ich zur Kreisstadt Heide – mit dem größten Marktplatz Deutschlands und dem Brahms-Haus.

    Danach wird die Landschaft immer flacher und weitsichtiger und wechselt zwischen Pferdekoppeln, Kohlfeldern und Weizenanbauflächen. Immer öfter sieht man auf Deichen und Wiesen nun große Ansammlungen von Schafen stehen, den Rasen abgrasend oder schlafend. Ich vermute, dass der Begriff „Schlafschafe“ aus dieser Region stammt, denn wie sagt man im Norden so schön: „Sturm ist erst, wenn die Schafe keine Locken mehr haben!“

    Endlich in Büsum angekommen, steige ich aus dem Auto. Möwen kreisen am Himmel, auf der Jagd nach einem Leckerbissen im alten Hafen. Eine leichte Brise weht mir um die Ohren, mit dem typischen Geruch des Nordens – eine Mischung aus salziger und ein wenig nach Schweröl riechender Luft. Ich laufe die Hafenpromenade entlang, vorbei an Verkaufsständen mit frischen Nordseekrabben. Ein gängiges Motto lautet hier: „Ist der Panzer auch schön knackig, wird die Krabbe ganz schnell nackig!“

    Verlassenes Lokal im Hafen von Büsum. | Foto: Autor

    Am Hafen preisen zahlreiche Schiffsunternehmen ihre Überfahrten nach Helgoland oder zu den Seehundbänken an. Man kann auch eine Hafentour buchen. Auf einem großen, leerstehenden Gebäude sehe ich ein Schild mit der Aufschrift „Luzifer“. So hieß das Restaurant, in dem man hier einmal einkehren konnte. Jetzt wird ein Nachmieter für die Räumlichkeiten gesucht. „Sogar Luzifer hat den Norden schon verlassen“, sind meine ersten Gedanken.

    Barschel-Tod und Heide-Mörder

    Dann kommt mir in den Sinn, dass der Norden nicht nur für Friesentee mit Kluntjes bekannt ist, sondern auch für zahlreiche Affären. In Anlehnung an die erste Zeile der Landeshymne könnte man auch ketzerisch sagen: „Schleswig-Holstein skandalumschlungen.“

    Eine kleine Chronik:

    Unser Standardwerk zu Barschel, Kennedy, Möllemann und anderen Todesfällen. Als E-Paper hier zu bestellen.

    Juli 1961 – Ermittlungsverfahren gegen Hans-Adolf Asbach: Der war von 1950 bis 1957 Sozialminister des Landes und einer von vielen Politikern mit NS-Vergangenheit. Asbach, nach dem Krieg Politiker der Vertriebenenpartei BHE, war als Kreishauptmann im besetzten Polen für die Vertreibung von Juden aus seinem Kreis zuständig gewesen. Ihm werden Mord oder Beihilfe zum Mord vorgeworfen.

    September/Oktober 1987 – Barschel-Affäre: Der Name des CDU-Politikers steht für den größten Skandal in der schleswig-holsteinischen Landespolitik. Die Umstände seines Todes sind bis heute nicht geklärt.

    Mai 1993 – Schubladen-Affäre: Nach den durch die Barschel-Affäre verursachten Neuwahlen wird dessen vorheriger Konkurrent Björn Engholm (SPD) Ministerpräsident. Am 3. Mai 1993 tritt dieser von seinen Ämtern zurück.

    Juni 2004 – Frau gesucht, Carstensen und die Liebe: Im Wahlkampf fällt CDU-Spitzenkandidat Peter Harry Carstensen auch durch private Aktivitäten auf.

    März 2005 – Heide-Mörder-Affäre: Bei der Landtagswahl werden die von Carstensen angeführten Christdemokraten stärkste Kraft. Doch weder für CDU und FDP noch für Rot-Grün reicht es zum Regieren. Amtierende Ministerpräsidentin ist seit Engholms Scheitern 1993 Heide Simonis, doch ein Abweichler aus den eigenen Reihen bringt sie zu Fall. Durch den bis heute unbekannten „Heide-Mörder“ (Bild) kommt es zu einer CDU-geführten Großen Koalition unter Carstensen.

    Banker, Rocker und Lolitas

    Juli 2009 – Machtkampf zwischen Stegner und Carstensen: Die Große Koalition zerfleischt sich selbst. Kita-Gebühren, Gemeinschaftsschulen, Verwaltungsreformen und das größte Sparprogramm in der Geschichte Landes: Ministerpräsident Carstensen und SPD-Fraktionschef Ralf Stegner liefern sich verbissene Auseinandersetzungen. Nach jahrelangen Querelen bringt eine Sonderbonuszahlung von 2,9 Millionen Euro an den Chef der HSH Nordbank, Dirk Jens Nonnenmacher, das Fass zum Überlaufen.

    Dunkle Wolken über Schleswig-Holstein. | Foto: Autor

    August 2011 – Lolita-Affäre: CDU-Fraktionschef und -Spitzenkandidat Christian von Boetticher gilt schon als wahrscheinlicher Nachfolger von Ministerpräsident Carstensen. Dann werden Gerüchte laut, der damals 39-Jährige habe Anfang 2010 eine Liebesbeziehung zu einer 16-Jährigen gehabt. Auf Druck der Öffentlichkeit und der eigenen Partei hin tritt von Boetticher im August 2011 zurück. Bei einer Pressekonferenz sagt er: „Es war schlichtweg Liebe.“

    September 2014 – Korruptionsvorwürfe gegen Waltraud Wende: Ohne politische Erfahrung wird die parteilose Germanistin 2012 von Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) als Bildungsministerin ins Kabinett geholt. Schon bald werden Vorwürfe laut, Wende habe ihr Amt genutzt, um sich unrechtmäßig einen Vorteil zu verschaffen. Bei einer Großrazzia werden die Büro- und Privaträume der Ministerin durchsucht. Für eine Anklage gebe es aber nicht genug Beweismittel, heißt es.

    Mai 2017 – Rocker-Affäre: Die Taz berichtet am 30. Mai: „Eine lange unter Verschluss gehaltene V-Mann-Affäre im Rockermilieu hat das Landeskriminalamt (LKA) Schleswig-Holstein eingeholt. Für den heutigen Landespolizeidirektor und damaligen Kieler Vize-LKA-Chef, Ralf Höhs, könnte sie ebenso strafrechtliche Konsequenzen haben, wie für den damaligen Leiter der Sonderkommission ‚Soko-Rocker‘, Mathias E. Zudem gerät auch der CDU-Politiker Klaus Schlie zunehmend unter Druck.“

    Und weiter: „Schlie war zur Zeit der Affäre Innenminister in Schleswig-Holstein und ist heute im Schattenkabinett des CDU-Wahlsiegers Daniel Günther erneut ein Kandidat für den Innenministerposten. Schlie soll von massiven internen Mobbing-Vorwürfe bei der Polizei spätestens ab Mai 2011 gewusst haben, als ihn der Kieler Rechtsanwalt Michael Gubitz darüber informierte, soll aber nichts unternommen haben. Dazu schweigt Schlie bislang. Hintergrund der Mobbing-Vorwürfen sind interne Ermittlungen der Polizeiführung in den Jahren 2010 bis 2013. Aus Rockerkreisen waren damals durch Informanten und Kronzeugen vor Gericht Hinweise aufgetaucht, dass es in der damaligen Sonderkommission gegen Rockerkriminalität in der Polizei einen ‚Maulwurf‘ gebe.“ Schlie ist seit dem 5. Juni 2012 Präsident des Schleswig-Holsteinischen Landtags.

    Bandidos Rocker
    Mitglied eines Rockerklubs. | Foto: Nicoleon, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

    Mai 2020 – Noch einmal Rocker-Affäre: Innenminister Hans-Joachim Grote (CDU) über seine Kontakte zu dem Ex-Polizeiermittler Thomas Nommensen und einem Journalisten. Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) erklärt, ihm fehle das Vertrauen für eine weitere Zusammenarbeit mit Grote.

    Günthers und Habecks Familienbande

    Dabei ist Günther selbst schon ins Zwielicht geraten: Schon seit 2017 besteht der Verdacht der Vetternwirtschaft bei Merkels Liebling. Die Kieler Nachrichten berichteten, dass Günther den Eltern seines Patenkindes, Kristina und Niclas Herbst, nach der Landtagswahl 2017 „lukrative Jobs“ verschafft habe. Niclas Herbst war zum Spitzenkandidaten von Schleswig-Holsteins CDU zur Europawahl avanciert, seine Ehefrau Kristina, studierte Betriebswirtin, war in mehreren Ministerien des Landes tätig, zuletzt als Projektleiterin für die Sanierung der Uni-Klinik, bevor sie 2017 in Günthers Schattenkabinett auftauchte und schließlich Staatssekretärin im Innenministerium wurde.

    Ein Jahr später geriet Günther wieder wegen seiner Familienbande in die Schlagzeilen: Er hatte sich im Rathaus von Büdelsdorf (Kreis Rendsburg-Eckernförde) vergeblich für ein von seinem Onkel organisiertes Radrennen eingesetzt. Später wurde kritisiert, dass der Bruder des Ministerpräsidenten zum Vizedirektor des Landtags befördert worden war.

    Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther. | Foto: Sandro Halank, CC-BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

    Gewisse familiäre Beziehungen spielen auch bei einem prominenten Grünen aus dem hohen Norden eine Rolle: Robert Habecks Bruder Hinrich war Sprecher des Arbeitskreises der Bio-Regionen. Mitglieder dieses Verbandes sind unter anderem Bayer, Boehringer Ingelheim, die Deutsche Bank, Ernst & Young, Merck, Novartis, Pfizer, Roche, Sanofi, Biontech und SAP. Ihre Vorteile: Vertretung der gemeinsamen Interessen in Berlin und Brüssel. Heute ist Hinrich Habeck Leiter von Life Science Nord – dem regionalen Branchennetzwerk für Medizintechnik, Biotechnologie und Pharma für die Länder Hamburg und Schleswig-Holstein…

    Schöner Flecken Erde

    Aktuell laufen Ermittlungen gegen den Gründer der Firma Euroimmun wegen des Einsatzes eigener Corona-Vakzine. Am 5. März berichtete die Ärztezeitung: „Der Medizinprofessor und Unternehmer Winfried Stöcker hat Medienberichten zufolge ein Antigen gegen SARS-CoV-2 entwickelt, dessen Wirkung auch Virologen bestätigt haben sollen. (…) Gegenüber dem Spiegel erklärte die Lübecker Staatsanwaltschaft: „Er soll ohne erforderliche Erlaubnis ein SARS-CoV-2-Antigen hergestellt und in der Folgezeit sich selbst und anderen Personen verabreicht haben, ohne dass er über die dafür die erforderlichen Genehmigungen verfügt hätte‘.“ Über den Fall berichtete COMPACT hier.

    Eine Büsumer Möwe thront über dem zerschlissenen Deutschland. | Foto: Autor

    Ja, es stimmt, Schleswig-Holstein ist das Bundesland mit den gefühlt meisten Politikskandalen – nebst sehr interessanten Verwicklungen und einem Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik und alten Familienbünden, die zahlreiche Krisen überstanden, getreu dem Motto: „Gemeinsam sind wir stark“.

    Aber der hohe Norden ist nichtsdestotrotz auch eine der schönsten Ferienregionen Deutschlands. Ich habe in Büsum jedenfalls noch ein paar wunderbare Tage verbracht und kann jedem nur empfehlen, diesen schönen Flecken Erde einmal aufzusuchen.

    Lust auf weitere Reiseberichte? Davon gibt es gleich vier in einem großen Dossier in unserer März-Ausgabe. Urlaub vom Lockdown: Begleiten Sie unseren Weltenbummler Johannes Scharf auf seinem Trip nach Brasilien, erkunden Sie das Nachtleben von Minsk mit unserem Reporter Billy Six, lassen Sie sich von unserer Autorin Katharina Edl nach Tansania und Sansibar entführen und genießen Sie die Freiheit Schwedens mit Querdenkerin Christa-Maria. Zur Bestellung der Ausgabe gelangen Sie hier oder per Klick auf das Banner unten.

    10 Kommentare

    1. Ausser Lockdown nix gesesen an

      An der Waterkant gibt’s Allerhand.
      Skandale und Herumsauen…
      Können die außerdem noch was Nützliches oder Brauchbares?

    2. jeder hasst die Antifa an

      Die etablierten Schmarotzerparteien haben sich den Staat zu Beute gemacht und Beuten ihn schamlos aus aber solche Schafe wie Überzieher und der Beutegrieche finden das noch toll.

    3. Das mit den Familienbünden, die gemeinsam zahlreiche Krisen überstehen, kann ich nicht bestätigen!
      Das mit den größten Schlafschafen hingegen schon!
      Gott sei Dank sind wir im Sommer hier weg!

    4. Äh,was ist die Botschaft des Artikels ? Daß an der Nordseeküste immer noch Krabben gepuhlt werden ? Daß man ein Lokal nicht "Luzifer" nennen sollte, sowenig wie einen Flughafen "Willy Brandt", weil sonst die Pleite garantiert ist ?

      • DerSchnitter_Maxx an

        Flughäfen, sollten keinen anderen Namen tragen … wie den Namen der Stadt und den Stadt-Teil … wo sich dieser Airport befindet – das ist/wäre völlig ausreichend ! ;)

        • Der Überläufer an

          Genau wie Schulen, Straßen und alles andere. Durchnummerieren wie Autobahnen.

      • Der Überläufer an

        Vorgezogenes Sommerloch für all die, denen Corona zum Hals raus hängt.

        • Diejenigen, denen Corona (diktatur) am weitesten zum Hals raus hängt, die stören sich gar nicht daran. Sie scheinen es sogar zu genießen.