Wegen Corona – Ärzte warnen: Chronische Krankheiten machen keine Pausesponsored 

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Die Zahlen sind zum Teil dramatisch. Immer weniger Patienten trauen sich zum Arzt. Sie haben Angst vor Corona. Die Kardiologen sprechen von 30 Prozent weniger Patienten. Deutschland ist nicht plötzlich gesünder. Ob Herz-Kreislauf, Diabetes, Krebs oder auch Rheuma – die Menschen gingen nicht oder viel zu spät zum Arzt. Mit dramatischen Folgen. Jetzt soll die Politik helfen. Aber wie?

Würde man nur auf die Statistik schauen, wäre Deutschland auf ein Mal viel gesünder. Die Arztpraxen und Krankenhäuser sind zum Teil gähnend leer. Allein die Kardiologen zählen derzeit 30 Prozent weniger Fälle an Herz- und Schlaganfallpatienten. Die Ärzte schlagen Alarm, denn sie befürchten schlimme Folgen.

Gerade bei Herzinfarkt und Schlaganfall ist die sofortige medizinische Hilfe maßgeblich dafür, ob und wie groß die Folgeschäden sind. Wer bei den typischen Anzeichen nicht zum Arzt geht, riskiert sogar sein Leben. Immerhin sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen immer noch die Todesursache Nr. 1 in Deutschland.

Chronische Erkrankungen machen wegen Corona keine Pause
Ob COPD, Herzschwäche, Diabetes-Typ-2, Krebs: Auch in Zeiten von Corona müssen Patienten mit schweren, zum Teil chronischen Erkrankungen behandelt werden. Die Ärzte sind bereit, jedoch die Patienten kommen nicht. Zwar würden genauso viele eindeutige Herzinfarkte wie im Vorjahr behandelt, wenn jedoch die Symptome eher unspezifisch, als nicht so schwerwiegend wahrgenommen würden, vermeide man den Arztbesuch. Im kardiologischen Zentrum des Universitätsklinikums Frankfurt am Main sanken die Zahlen solcher Fälle um mehr als 30 Prozent, sagt Prof. Andreas Zeiher, Direktor der Medizinischen Klinik III und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie.

Zahlen aus anderen Herzzentren wiesen ähnliche Rückgänge aus. Auch in Italien und Österreich gibt es diesen Trend. Zur Hochzeit der Pandemie schnellten in Italien dafür die Fälle von Reanimation zu Hause oder irgendwo unterwegs – also wenn es fast schon zu spät ist – um 40 Prozent nach oben. „Man muss davon ausgehen, dass ein Teil der Patienten Beschwerden hatte, sich aber aus Angst vor einer Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus entschieden hat, lieber nicht zum Arzt zu gehen“, meint Zeiher.

Viele Herz-Patienten würden offensichtlich viel zu spät medizinischen Rat suchen. Für diese These spricht auch die Zunahme an Infarktpatienten, die mit schweren Komplikationen in die deutschen Krankenhäuser eingeliefert werden. Viele der jetzt eingelieferten Fälle sähe man normalerweise gar nicht mehr, so Zeiher. Da durch frühzeitige Diagnose und Behandlung erkranktes Gewebe rechtzeitig behandelt und so dessen Durchblutung wieder hergestellt würde. Jetzt steige die Zahl der schweren Verläufe an, weil Patienten erst Tage nach einem Infarkt die Krankenhäuser aufsuchten, „nämlich dann, wenn sie gar keine Luft mehr bekommen oder es ihnen so schlecht geht, dass sie als Notfall eingeliefert werden“, so der Kardiologe.

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Auch Hausärzte beobachteten zurzeit, dass gerade chronisch erkrankte Patienten später als gewohnt oder gar nicht in die Praxen kämen, erklärt der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt: „z. B. sagen gerade vermehrt Diabetiker ihre Termine für die regelmäßige Stoffwechselkontrolle ab. Das ist umso riskanter, da sich viele durch die Pandemiemaßnahmen derzeit weniger bewegen und sich damit der Stoffwechsel verschlechtert hat“.

Ähnlich ist die Situation in den Praxen der Kinder- und Jugendärzte. Diese sähen zusätzlich mit großer Sorge, dass insbesondere die Versorgung von Kindern mit Entwicklungsstörungen ins Stocken geraten sei, weil deren Eltern die Praxen meiden. Andererseits dürften Therapeuten keine Hausbesuche mehr machen. Erklärt der Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, Dr. Thomas Fischbach. Auch viele Frühförderstellen und andere heilpädagogische Einrichtungen dürften nicht mehr arbeiten.

„Wir erleben zudem, dass wichtige Vorsorgeuntersuchungen, Impfungen und Kontrolluntersuchungen abgesagt oder nicht wahrgenommen werden“, sagt Fischbach. Die Fallzahlen in den Praxen seien um bis zu 50 Prozent gegenüber dem Vergleichsquartal des Vorjahres zurückgegangen. Das sei bedenklich und unnötig, denn die Kinder könnten in den Praxen gut vor Ansteckung geschützt werden. „Man muss meines Erachtens mehr Angst haben, sich im Supermarkt anzustecken als in einer Praxis“, sagt Fischbach. Neueste Studien bestätigen, dass man sich auch in Supermärkten kaum anstecken würde.

„Wir müssen den Menschen die Angst davor nehmen, sich im Krankenhaus zu infizieren. Denn deren eigentliche Erkrankung ist in vielen Fällen gefährlicher als eine mögliche Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus“, fasst Zeiher die Situation über den Vertrauensverlust der Patienten ganz gut zusammen. Sowohl in den Krankenhäusern als auch in den Praxen werde größtmögliche Sorge dafür getragen, dass „normale“ Patienten von Corona-Verdachtsfällen getrennt würden, versucht Zeiher zu versichern.

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Es stürben deutlich mehr Patienten an kardiologischen Erkrankungen als an Corona. Aber es ist nicht nur die Angst der Patienten. Aufgrund von Entscheidungen an höherer Stelle waren viele Krankenhäuser angewiesen worden, „nicht dringend notwendige“ Untersuchungen und Operationen zu verschieben. Folglich hatten Ärzte Schwierigkeiten, Patienten zu weiteren Untersuchungen oder zur Operation ins Krankenhaus einzuweisen.

Das Bild in der Krebstherapie ist etwas differenzierter. Bei dringend behandlungsbedürftigen Krankheitsbildern hätte sich die Zahl der Patienten, die Krankheitsverläufe und die verfügbaren Therapien nicht geändert. Da Covid-19 oft in gut abgeschirmten eigenen Bereichen behandelt würde und gleichzeitig die Stationen für Krebspatienten besonders isoliert wurden, so der medizinische Leiter der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO), Prof. Bernhard Wörmann.

Insgesamt ist Wörmann zufolge, die Zahl der in Kliniken und Praxen vorstellig gewordenen Tumorpatienten in den letzten Wochen allerdings zurückgegangen. Die Zahl der in Tumorkonferenzen vorgestellten Patienten sei im April z. B. deutlich gesunken, in einzelnen Institutionen um 30 bis 50 Prozent. Vor allem bei Erstdiagnosen, die im Rahmen von Screenings erstellt würden. „Diese Untersuchungen haben nicht stattgefunden, entsprechend ist mit einer kleinen Welle von Neudiagnosen im Sommer und im Herbst zu rechnen“, erklärt Wörmann.

Die Angst der Patienten vor Ansteckung sei auch in der Onkologie ein wichtiger Faktor. „Wir müssen in den nächsten Wochen weiterhin klar kommunizieren, dass die Krebserkrankung für die allermeisten Patienten eine größere Gefahr für ihr Leben darstellt als Covid-19“, meint der Onkologe.

Kassenärztliche Bundesvereinigung schlägt Alarm
Man müsse endlich wieder zur Regelversorgung übergehen, mahnte auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung bereits Ende April. Es wäre fatal, wenn nicht Sars-CoV-2-bedingte Krankheiten aus Angst vor Corona verschleppt und wichtige Therapien längere Zeit unterbrochen würden, erklärte deren Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen. Zwar müssten die Maßnahmen zur Eindämmung mit Augenmaß weitergeführt werden. Am Ende gilt auch wie in der übrigen Gesellschaft: „Wir dürfen aber nicht alles andere Corona unterordnen“.

Auch in den Notaufnahmen ist der rückläufige Trend an Patienten zu spüren. Fatalerweise fällt dies zusammen mit der Verordnung der Kontaktsperren, Mitte März. Prof. André Gries wird sogar noch deutlicher: Diese Entwicklung scheine mit den unterschiedlichen politischen Maßnahmen und der entsprechenden Berichterstattung in der Corona-Pandemie zu korrelieren: der Kontaktsperre und dem Shutdown, so Gries, immerhin Ärztlicher Leiter der Zentralen Notaufnahme am Universitätsklinikum Leipzig.

Teilweise sind die Fallzahlen in Deutschlands Notaufnahmen ganz erheblich gesunken, bis zu 70 Prozent! „Allerdings gäbe es eine deutliche Zunahme schwer erkrankter, komplexer und aufwendiger personalintensiver Patienten“, sagt Gries, der an einer deutschlandweiten Auswertung der Zahlen in Notaufnahmen beteiligt ist. Danach gäbe es Shutdown bedingt weniger Wege- und Freizeitunfälle, die sonst in der Notaufnahme landen, auch leichtere Fälle seien lieber zu Hause geblieben. Dann hätten Menschen „andere Bereiche des Gesundheitssystems in Anspruch genommen, vor allem die nun eingerichteten Fieberambulanzen.“ Drittens, so merkt Gries an, sind Menschen „trotz Beschwerden nicht zum Arzt gegangen, weder in die Notaufnahme noch zu einem anderen Behandler.“ Mit noch nicht absehbaren Folgen.

Eine Corona-Folge kann sich aber Gries vorstellen: Da viele Behandlungen aufgeschoben bzw. unterblieben seien, könne dies „zu einer Erhöhung der Gesamtmorbidität führen“.

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Deutschland als Vermummungsgesellschaft
Um das Vertrauen der Patienten in die medizinische Versorgung wieder zu stärken, hat die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie zusammen mit weiteren Fachgesellschaften und der Deutschen Herzstiftung vor kurzem die Minister Karliczek (Forschung) und Spahn (Gesundheit) um politische Unterstützung gebeten. In einem offenen Brief betonten sie: „Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt sei eine zeitnahe medizinische Versorgung in einem Krankenhaus unerlässlich, um schwerwiegende Folgen bis hin zum Tod zu vermeiden. Aus demselben Grund dürften auch dringliche oder notfallmäßige Herzoperationen nicht hinausgezögert werden.“

Ob aus der Politik dazu tatsächlich die richtigen Signale kommen werden, scheint zumindest fraglich. Wer ein Geschäft oder andere öffentliche Einrichtung betrete, komme in eine Atemschutzgesellschaft. Das gilt auch in Arztpraxen. Wenn jemand bei dieser Vermummung ein mulmiges Gefühl beschleicht, wäre das nicht verwunderlich. Wer sich dazu auch noch krank fühlt, nimmt lieber Reißaus als sich in ein Wartezimmer zu setzen. Signalisieren doch gerade diese Schutzmaßnahmen, dass gefährliche Keime unterwegs seien. Wer will sich – krank und geschwächt – dieser Gefahr freiwillig aussetzen?

Die Politik tut ein Übriges. Zum einen wird die Zahl 50 thematisiert. 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner und die Lockerung sei vorbei – wie jüngst in Coesfeld geschehen – heißt es landauf landab. Und der Faktor 1, der R-Faktor, spiele eine entscheidende Rolle. Zumindest erwecken die Mainstreammedien diesen Eindruck. Dass der sogenannte Reproduktionsfaktor nur eine Schätzgröße ist, wird zwar erwähnt, fällt in dem lauten Mediengetöse kaum auf. Bewegt sich der Faktor in Richtung 1 beruft das RKI schon mal eine Sonder-Pressekonferenz ein. Sieht so Beschwichtigung und Anti-Panikmache aus?

So könnte in der medizinischen Versorgung Gleiches wie in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft gelten: Die Folgen der Corona-Pandemie sind schlimmer und tödlicher als das Virus selbst. Die ergriffenen Maßnahmen der Politik zur Eindämmung der Pandemie, von einem beherzten Mitarbeiter Seehofers auch als „Fehlalarm“ tituliert, werden am Ende mehr Schäden anrichten als das Virus selbst.

Eine Infektion mit Sars-CoV-2 wird bei mindestens 80 Prozent der Bevölkerung einen milden bis nicht spürbaren Verlauf nehmen. Wer sein Immunsystem stärkt und auch sonst gesund lebt, hat große Chancen zu der ersten Gruppe zu gehören. Wer schwer an Covid-19 erkrankt, kann wie bei anderen Krankheiten auch, auf ein exzellentes Gesundheitssystem in Deutschland bauen.

Diese simplen Wahrheiten spielen in der öffentlichen Wahrnehmung keine oder nur eine sehr untergeordnete Rolle. Um das Vertrauen der Bevölkerung in unser Gesundheitssystem wieder herzustellen wird es wohl mehr als eines offenen Briefes bedürfen.

Zusammenfassung
Ganz allmählich sickern erschreckende Zahlen in die Öffentlichkeit. Herz-, Krebs- und Notfallmedizin berichten von stark sinkenden Fallzahlen in den Monaten März und April, um bis zu 70 Prozent. Schwere Fälle, insbesondere im kardiologischen Bereich nahmen gleichzeitig zu. Was darauf hinweist, dass vielfach Betroffene den Weg zum Arzt oder in die Notaufnahmen scheuten. Aus Angst sich mit Sars-CoV-2 zu infizieren. Auch viele niedergelassene Ärzte berichten von leeren Praxen und ebenso davon, dass sie vielfach Patienten zu weiteren Untersuchungen in Krankenhäuser nicht einweisen konnten, weil „nicht notwendige Untersuchungen und Operationen verschoben“ werden sollten, so die Vorgabe aus der Politik.
Die Ärzteschaft appelliert nunmehr dringend an die Politik, den Menschen die latente Angst vor einer Ansteckung an Covid-19 zu nehmen, damit diese wieder zur dringend notwendigen ärztlichen Behandlung erschienen. Hier ist viel Vertrauen verloren gegangen.

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