Argentiniens Superstar Lionel Messi hat nach seinen drei Treffern bei der gestrigen Auftaktpartie gegen Algerien den WM-Tor-Rekord unseres Ausnahmestürmers Miroslav Klose eingestellt. Beide liegen nun mit 16 Goals auf Platz eins. Klose errang den Rekord bei dem legendären 7:1-Sieg gegen Brasilien 2014, den wir in COMPACT-Spezial «Nationalsport Fußball» gebührend feiern. Hier mehr erfahren.
Was für ein WM-Auftakt für Argentinien. Mit drei Zaubertoren von Stürmer-Star Lionel Messi fegten die Gauchos Algerien vom Platz – und das auf den Tag genau 20 Jahre nach seinem ersten WM-Spiel bei der Sommermärchen-WM 2006 in Deutschland.
Mit seinem 16. WM-Tor stellte Messi den Rekord ein, der bislang von unserem Ex-Nationalspieler Miroslav Klose gehalten wurde. Sowohl die argentinische als auch die deutsche Fußball-Legende stehen damit jetzt zusammen auf Platz eins der ewigen WM-Torschützenliste. Nur: Klose stand von 2001 bis 2014 insgesamt 137 für die DFB-Elf auf dem Platz, ist heute Trainer des Zweitligisten 1. FC Nürnberg. Messi hingegen hat noch einige Spiele vor sich – und dürfte im Laufe des Turniers Kloses Rekord knacken.

Miro schoss sich am 8. Juli 2014 im legendären WM-Halbfinale gegen Brasilien an die Spitze. Er traf in der 23. Minute zum zwischenzeitlichen 2:0 für die deutsche Nationalmannschaft. Am Ende errang die DFB-Auswahl in einer der sensationellsten Parteien der Weltmeisterschaftsgeschichte ihren zweithöchsten Sieg bei WM-Spielen. Es folgte der Titelgewinn im Endspiel gegen Argentinien – mit Lionel Messi.
Nachfolgend ein Beitrag unseres ehemaligen Redakteurs Sven Reuth aus COMPACT-Spezial «Nationalsport Fußball», der dieses herausragende Ereignis der Sportgeschichte noch einmal in Erinnerung ruft.
Sieben Tore für die Ewigkeit
Vor diesem Halbfinale haben wir Fans gebibbert. Zu oft hatten unsere Jungs in den Jahren zuvor trotz guter Anfänge in den Entscheidungsspielen gepatzt. Und jetzt ausgerechnet Brasilien, das Zauberland des Fußballs… In unserer Kneipe um die Ecke bot der Wirt für jeden deutschen Treffer eine Lokalrunde Bier aufs Haus. Wir freuten uns nach dem ersten Treffer, waren euphorisiert nach dem Zweiten, aber dann konnten wir nicht so schnell kippen, wie die Pille im Netz zappelte… Wir schrien uns die Seele aus dem Leib, lagen uns in den Armen und küssten unbekannte Frauen.
Am Äquator kämpfte man bei 40 Grad und Luftfeuchtigkeit von fast 100 Prozent.
Hatten wir geträumt? Waren wir in einem Paralleluniversum gelandet? 7:1 gegen Brasilien, das konnte doch nicht wahr sein? Doch die Zeitungen bestätigten den Wahnsinn, selbst die gewöhnlich nicht besonders deutschfreundliche Britenpresse lag im Staub vor uns. «Deutschland verprügelt Brasilien im tollsten WM-Spiel aller Zeiten. Brasiliens WM-Karneval endet in völliger Verzweiflung und Demütigung, nachdem die Deutschen Amok liefen», schrieb der Daily Mirror.
The Sun ergänzte: «Entzweigerissen in 179 Sekunden. Es war wie bei einer Party, bei der plötzlich die Musik aufhört, das Licht angeht und die Polizei durch die Tür kommt. Auf Jahre hinaus werden wir uns an die unglaublichste Kapitulation in der Geschichte dieses Turniers erinnern.» Die historische, ach was: kosmische Bedeutung machte L’Équipe aus Frankreich klar: «Unglaublich. Diese Leistung ist einzigartig, weil sie in Brasilien erbracht wurde und weil sie gegen Brasilien erbracht wurde. Am Tag des Weltuntergangs, den die Brasilianer gestern ohne Frage bereits zu erleben glaubten, wird man sich noch an dieses Halbfinale erinnern.»
Beißwütiger Kannibale
Sportlich begann die deutsche Elf das Turnier gleich mit einem Paukenschlag und fegte Portugal in Salvador mit einem 4:0 vom Platz, wobei Bayern-Star Thomas Müller dreimal versenkte. Im zweiten Gruppenspiel gegen Ghana stand unsere Mannschaft dann am Rande einer Niederlage und wurde nur durch den Ausgleichstreffer von Miroslav Klose zum 2:2 in der 71. Minute gerettet. Dann wurden Klinsis US-Boys mit 1:0 nach Hause geschickt.

Die Gruppenphase war durch zahlreiche Überraschungen geprägt. In der Gruppe B hatte Spanien, das über Jahre hinweg den Weltfußball dominierte und drei große Turniere hintereinander gewinnen konnte (Europameister 2008, Weltmeister 2010, Europameister 2012) gleich im ersten Spiel einen rabenschwarzen Tag: Die Seleccion erlitt gegen Holland mit 1:5 die höchste Niederlage aller Mannschaften in der Vorrunde. Nach einem 0:2 gegen die stark aufspielenden Chilenen im zweiten Spiel war der Titelverteidiger schon ausgeschieden.
In der Gruppe D wurde die herkömmliche Fußball-Hierarchie ganz auf den Kopf gestellt: Die früheren Weltmeister Italien und England schieden als Dritt- und Viertplatzierter aus, während sich das kleine Costa Rica vor Uruguay den Gruppensieg sicherte. Am letzten Spieltag dieser Gruppe kam es im Entscheidungsspiel Italien gegen Uruguay in Natal zu einer bizarren Szene: Luis Suarez, bis heute einer der weltbesten Mittelstürmer in den Diensten des FC Barcelona, biss in der 80. Minute seinen italienischen Gegenspieler Giorgio Chiellini so kräftig in die Schulter, dass er sich danach selbst ständig an die Zähne fasste, um zu prüfen, ob sein Gebiss überhaupt noch vollständig sei. Der mexikanische Schiedsrichter Marco Rodríguez übersah dieses schwere Foul – was allerdings nichts daran änderte, dass Suarez im Nachgang von der FIFA für vier Monate von allen fußballerischen Aktivitäten ausgeschlossen wurde. Schließlich war «El Canibal» schon vorher durch Beißattacken aufgefallen.
«Das spektakulärste WM-Spiel aller Zeiten.» bundesliga.de
Ihrem ersten Play-off-Spiel im Achtelfinale sahen die deutschen Spieler mit gemischten Gefühlen entgegen. In Porto Alegre traf man auf Algerien. Es konnte nicht ausbleiben, dass bittere Erinnerungen an die WM 1982 in Spanien wach wurden, als der nordafrikanische Außenseiter in Gijon die DFB-Elf um Karl-Heinz Rummenigge und Paul Breitner mit 2:1 besiegt hatte.

Und wieder gab es eine Zitterpartie: Nach der regulären Spielzeit stand es 0:0. Allein Torwart Manuel Neuer hatte die Mannschaft am Ende noch im Spiel gehalten, oftmals mit waghalsigen Aktionen außerhalb des eigenen Strafraums. 19 Ballkontakte des Ausnahme-Keepers vom FC Bayern München außerhalb des Sechzehners zählten die Statistiker am Ende, und die Presse feierte Neuer augenzwinkernd als «besten Libero seit Franz Beckenbauer». In der Verlängerung konnten die Deutschen dann ihre Chancen nutzen: André Schürrle und Mesut Özil schossen die beiden Tore zum 2:1-Sieg.
Das Wunder von Belo Horizonte
Im Viertelfinale gab es eine Hitzeschlacht gegen Frankreich, die die deutsche Elf erstmals während dieses Turniers ins legendäre Maracana-Stadion in Rio de Janeiro führte und die durch ein frühes Tor von Mats Hummels entschieden wurde. Und dann folgte jenes unvergleichliche Spiel gegen die Gastgeber, dessen Ergebnis – Sete a um! (7:1) – man bis heute in Brasilien nur nennen muss, damit jeder Bescheid weiß. Der Fußballphilosoph und Sporthistoriker Christian Eichler hat ein fast 300-seitiges Buch nur über diese Begegnung geschrieben und ist fest davon überzeugt, dass es zu jener Handvoll Partien gehört, über die man noch im 22. Jahrhundert sprechen wird.

Eichler spricht von einer Wasserscheide der Fußballgeschichte: Während der Weltfußball zuvor durch brillante Individualisten geprägt wurde, die häufig aus Brasilien stammten – Pelé, Zico, Romario, Ronaldo –, präsentierte sich am 8. Juli 2014 im Mineirao-Stadion von Belo Horizonte eine deutsche Mannschaft als Kollektiv, das Spielfreude und höchstes taktisches sowie technisches Können mit traditionellen Stärken wie Disziplin und Organisation vereinte. Laut Eichler ist damit endgültig eine Wachablösung im modernen Fußball vorgenommen worden, die das Spiel noch auf Jahrzehnte prägen wird. Auch wer dieser Interpretation nicht folgen mag, wird doch zugeben müssen, dass allein schon das Ergebnis eine Sensation war.
«Zeige der Welt, dass Du besser als Messi bist!» Löw zu Götze
Es war die höchste Niederlage eines WM-Gastgeberlandes und die höchste Niederlage eines WM-Halbfinalisten – zwei Rekorde, die vermutlich eine Ewigkeit Bestand haben werden. Thomas Müller stellte schon früh auf 1:0. Aus deutscher Sicht besonders bemerkenswert war jedoch das, was ab der 23. Minute geschah: Mit seinem Tor zum 2:0 übernahm Miroslav Klose die alleinige Führung in der Ewigen Rangliste der WM-Torschützen. Der aus Oppeln in Schlesien stammende Stürmer liegt nun mit insgesamt 16 Treffern vor dem Brasilianer Ronaldo mit 15 Toren. Dann ging es Schlag auf Schlag: Gleich drei weitere Treffer erzielten Sami Khedira und Doppeltorschütze Toni Kroos in den nächsten sechs Minuten. Mit einem Doppelpack in der zweiten Hälfte entschied Joker André Schürrle dann die Partie gegen die Selecao vollends.
Super-Mario macht’s
Nach diesem Erdbeben im Halbfinale – laut bundesliga.de «das spektakulärste WM-Spiel aller Zeiten» – war Deutschland, ganz anders als 1954 und 1974, haushoher Favorit auf den Titelgewinn. Und Bundestrainer Joachim Löw wusste genau, wie gefährlich eine solche Ausgangssituation ist. Im Finale, das in Rio ausgetragen wurde, traf man auf Argentinien, das sich als der erwartet schwere Gegner präsentierte. Die Mannschaft um den Superstar Lionel Messi vom FC Barcelona beeindruckte mit ihren traditionellen Stärken: ihrer Härte bei gleichzeitig höchsten technischen Fähigkeiten.

Christoph Kramer von Borussia Mönchengladbach, der kurzfristig für den verletzten Khedira in die Startelf rückte, schleppte sich nach dem Zusammenstoß mit einem argentinischen Spieler längere Zeit mit einer Gehirnerschütterung über den Platz und sprach nach dem Spiel von Erinnerungslücken. Die Partie ging mit 0:0 in die Verlängerung, und als alle schon mit dem Elfmeterschießen rechneten, geschah wieder etwas völlig Unerwartetes. André Schürrle überlief auf der linken Außenbahn drei Argentinier und brachte den Ball irgendwie zum Bayern Mario Götze. Der nahm ihn am Fünf-Meter-Raum mit der Brust an und schloss in fließender Bewegung per Scherenschlag aus einem extrem spitzen Winkel direkt ab: Noch eine Sensation, denn dieses Tor schien alle Gesetze der Physik zu außer Kraft zu setzen! Berühmt wurden die Worte, die Jogi Löw Götze noch kurz vor dessen Einwechslung für Miroslav Klose in der 88. Minute ins Ohr geflüstert hatte: «Zeige der Welt, dass Du besser als Messi bist!» Und er zeigte es! Der Sieg war perfekt, der Jubel groß!
Der Maracanaco-Mythos
Die Brasilianer nennen ihr Halbfinal-Debakel gegen Deutschland Mineiraco. Der Begriff lehnt sich nicht nur an den Namen des Mineirao-Stadions in Belo Horizonte an, wo man unterlag, sondern auch an Maracanaco. Dieses Wort steht für das Ur-Trauma des brasilianischen Fußballs: Schon bei der Heim-WM im Jahr 1950 hatte das ganze Land nämlich den Titel von ihrer Selecao erwartet. Im letzten Spiel der Finalrunde am 16. Juli 1950 trafen dann Brasilien und Uruguay im Maracana-Stadion in Rio de Janeiro aufeinander, in dem sich damals mehr als 200.000 Zuschauer drängelten – bis heute der Publikums-Weltrekord für ein Fußballspiel. Zum grenzenlosen Entsetzen der Brasilianer gewann der kleine Nachbar aus dem Süden das Spiel mit 2:1 und wurde Weltmeister. Angeblich sollen sich damals auf den Rängen sogar enttäuschte Fans umgebracht haben. Der brasilianische Fußballhistoriker Geneton Moraes, der als bester Kenner des Maracanaco gilt und sich 15 Jahre mit diesem Thema beschäftigte, konnte allerdings keine dieser angeblichen Selbsttötungen belegen und hält sie für einen Mythos.
Die Korsettstangen des WM-Kaders von 2014 – Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Per Mertesacker, Lukas Podolski und Miroslav Klose – hatten schon die WM des Jahres 2006 im eigenen Land mitgeprägt, waren damals aber im Halbfinale knapp an Italien gescheitert. Dieses Muster wiederholte sich in den Folgejahren: 2008 verlor man das EM-Finale in Wien gegen Spanien, 2010 schied man bei der WM in Südafrika gegen Spanien aus, 2012 kam im EM-Halbfinale von Warschau das Aus dann wieder gegen Angstgegner Italien. Die «Generation Sommermärchen» wäre also trotz ihres Traumfußballs um ein Haar eine silberne geblieben, im Hexenkessel des Maracana wurde sie dann doch noch zu einer goldenen.
Erleben Sie noch einmal die großen Momente der deutschen Fußball-Geschichte: In COMPACT-Spezial «Nationalsport Fußball – Herzschlag einer deutschen Leidenschaft» lassen wir die Glanzzeiten wieder aufleben: Von den Anfängen im Kaiserreich über das Wunder von Bern 1954 bis zum Sommermärchen 2006. Hier als E-Paper sichern.




