Zwei Großmeister der Neofolk-Subkultur eröffneten gestern in Leipzig das 29. Wave-Gotik-Treffen. Für jeden Kulturinteressierten ein absolutes Muss: Das COMPACT-Geschichtsheft zur Kult-Serie Babylon Berlin. Die Zwanziger kehren zurück – wir liefern das Hintergrundwissen. Hier bestellen.

    Ein Leben ohne Wave-Gotik-Treffen ist möglich, aber sinnlos. Dieses Bonmot würden sicherlich Tausende von Anhängern der Dark-Wave-Szene rund um den Erdball unterzeichnen. Nirgendwo zelebriert sich der musikalische Untergrund so emphatisch wie jedes Jahr in Leipzig über die Pfingstfeiertage.

    „Großevent mit familiärem Charme“

    Umso größer war die Erleichterung, dass dieses Festival dieses Jahr wieder stattfinden konnte, nachdem es zwei Jahre lang durch den staatlich verordneten Corona-Wahnsinn verhindert wurde. Doch um was handelt es sich bei diesem Ereignis eigentlich? Daniell Pföhringer erklärte dazu in seinem Artikel „Black Celebration“ in COMPACT 6/2019:

    „Jahr für Jahr pilgern an den Feiertagen Tausende in die sächsische Metropole, um das Wave-Gotik-Treffen (WGT) zu zelebrieren. Was 1992 als kleine Veranstaltung mit einer Handvoll Musikgruppen im damaligen Eiskeller im Stadtteil Connewitz begann, zieht heute regelmäßig über 20.000 Gäste aus aller Welt nach Leipzig. Auch wenn aus dem WGT inzwischen ein Großevent geworden ist, hat es sich doch seinen familiären Charme bewahrt. Das liegt auch an der Friedfertigkeit der Gruftis. Alkoholexzesse und Schlägereien wie in Wacken gibt es hier nicht.

    Das WGT unterscheidet sich von anderen Festivals auch dadurch, dass sich das Geschehen nicht auf einen Ort konzentriert. Fast über die gesamte Stadt verteilt finden nicht nur unzählige Konzerte, sondern auch Autorenlesungen, Ausstellungen, Theateraufführungen, Kleinkunstdarbietungen, ein Viktorianisches Picknick oder Mittelaltermärkte statt. Selbst die Hochkultur kommt dabei nicht zu kurz. Im Richard-Wagner-Jubiläumsjahr 2013 reservierte das Leipziger Opernhaus ein Platzkontingent für die Bühnenstücke des Jahrhundertkomponisten, und als im Jahr zuvor die inzwischen verstorbene Starsopranistin Montserrat Caballé in Leipzig gastierte, standen die Besucher des WGT vor der Oper ebenso Schlange wie bei der Aufführung von Mozarts Requiem mit Texten des italienischen Meisterregisseurs Pier Paolo Pasolini 2014. Klassische Musik ist ein fester Bestandteil des Wave-Gotik-Treffens – auch in diesem Jahr.“

    „Wurzeln in der Spätzeit der DDR“

    Weiter bemerkt Pföhringer:

    „Die Vorgeschichte des Treffens reicht bis in die Spätzeit der DDR zurück. Ende der 1980er Jahre bildete sich in Leipzig eine lose Szene junger Leute, die sich, in Anlehnung an die damals im Westen bereits etablierte Wave- und Gothic-Subkultur, schwarz kleideten, die Haare toupierten, Musik von Gruppen wie Depeche Mode oder The Cure hörten. Herübergeschwappt war die neue Welle aus Großbritannien, wo sie Anfang der 1980er als Abspaltung der Punkszene entstand. Im Englischen bedeutet „gothic“ nicht nur „gotisch“, sondern auch unheimlich und mystisch, und so entwickelten die schwarzen Romantiker einen Stil, der sich an der Ikonografie von Gothic Novels wie Mary Shelleys Frankenstein und deren filmischen Erben, den Horrorproduktionen der Universal-Studios der 1920er bis 1940er Jahre mit Mimen wie Lon Chaney (Das Phantom der Oper ), Bela Lugosi (Dracula ) und Boris Karloff (Frankensteins Monster ), orientierte: Lange Gewänder, Gehröcke, Totenköpfe, Fledermäuse, blasse Haut mit dunklem Augen-Make-up, alte Gemäuer und Friedhöfe.“

    Auch die Besucher, die gestern in der Pleißestadt eintrafen, wurden nicht nur mit reichlich Sonne, sondern auch der entspannten Atmosphäre begrüßt, die sich in den Pfingsttagen über die sächsische Metropole legt. Langsam, aber sicher, prägen dunkel gewandete Personen das Stadtbild. Viele machen sich auf in Richtung des Alten Messegeländes.

    Schwarzes Happening im Volkspalast

    Kaum ein Ort in Leipzig könnte nämlich geeigneter für dieses Festival sein als der Volkspalast, der nicht umsonst als das erhaltungswürdigste Denkmal auf dem gesamten Messegelände gilt und dessen Frontansicht an das römische Pantheon erinnert: Eine 28 Meter hohe Halle wird von einer Kuppel mit einem Durchmesser von 30 Metern überragt. Im Gebäude selbst können die Besucher nun während mehrstündigen Konzertveranstaltungen mit einer Vielzahl von Gruppen tief abtauchen in die akustischen Klangwelten der medial weitgehend geächteten Subkultur des Neofolk.

    Daeth In Rome beim Wave-Gotik-Treffen 2022. Foto: Sven Reuth

    Diese Stilrichtung der Schwarzen Szene versteht sich als eine Art Erbe der Volksmusik, im Gegensatz zu dieser dominieren aber oft klare Rhythmen, was der Musik nicht selten ein militärisches Gepräge verleiht. „Fast allen Bands gemein sind ein verklärter Antimodernismus und die unausgesprochene Frage, wie Folkmusik klänge, hätte es die US-amerikanische Popgeschichte nie gegeben“, stellte das Magazin Rolling Stone als das wohl bedeutendste Periodikum für populäre Musik einmal fest.

    Neofolk mit Humor

    Die Hauptattraktion des gestrigen Abends war wohl die Gruppe Death In Rome. Es handelt sich um eine Neofolk-Coverband, die selbst Titel wie „Pump Up The Jam“ von Technotronic oder „Barbie Girl“ von Aqua durch militanten Einsatz von Schlaginstrumenten, dichte Keyboard-Teppiche und kühl wirkende Samples in fast schon mustergültige Neofolk-Stücke verwandelt. Dazu ist natürlich eine enorme Prise an Selbstironie und Humor nötig, den die drei Bandmitglieder, die nicht allzu viel von sich preisgeben wollen, allerdings auch mitbringen. Der Band gelingt es immer wieder, selbst das trashigste Ausgangsmaterial in einen irgendwie romantisierenden oder militaristischen Rahmen zu pressen. Eine witzige Idee, die sich zudem noch verdammt gut anhört.

    :Of the Wand & the Moon: beim Wave-Gotik-Treffen 2022 im Leipziger Volkspalast. Foto: Sven Reuth

    Das Publikum in der Kuppelhalle reagierte gestern jedenfalls restlos begeistert auf den Auftritt von Death In Rome. Der zweite große Höhepunkt des Abends waren :Of the Wand & the Moon:, ein Neofolk-Projekt des dänischen Sängers Kim Larsen, das Themen wie Runen und Naturromantik in englischen, isländischen und deutschen Texten behandelt. Mit seinem flüsternden Gesang und dem gekonnten Einsatz der Akustikgitarre zog er bald den gesamten Saal in seinen Bann. Das Wave-Gotik-Treffen konnte am gestrigen Abend jedenfalls wieder seinen alten Zauber entfalten.

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    27 Kommentare

    1. Katzenvater an

      L. Bagusch:
      Und ich war seit den 80igern in der Schwarzen Szene involviert und dachte immer, dass die Punks psychische und sonstige Probleme hatten(-;

      • Professor_zh an

        Seit den Achtzigigern?

        Es heißt ,,80er(n)"und nicht ,,80iger(n)"!!
        Furchtbar, sowas…

    2. Grufties sind schon OK, sind friedliche Leute.
      Allerdings haben die meisten psychische Probleme, ich kenne aus meiner Punkzeit (80er Jahre) einige von diesen Leuten und musste festellen dass die geistig in einer Wunschwelt leben.
      Liegt auch zum grossenteil an dem Elternhaus.

    3. Katzenvater an

      Teiresias:
      Mit Dekadenz, Liebe und Revolution (im hier gemeinten negativen Kontext) hat diese "morbide Dreckskultur" nichts gemein.
      Jeder hasst die Antifa:
      Wer "Grabsteinlecker" und Antifa verwechselt oder gar in einen Pott schmeißt, hat keine Ahnung von nix!! Unabhängig von den Inhalten und Werten, gibt es schon größte Unterschiede bei der Verwendung von Hygieneartikeln(-;

    4. Schönheit des Geistes, der Seele, des Leibes und der Kleidung, gepaart mit Wehmut: eine Wiedergeburt der Volksstämme, als eine sich über Länder hinweg inspirierende Erneuerung. Danke für diesen wundervollen Compact-Artikel!

    5. Über 60% der DAX Konzerne gehören ausländischen Investoren.
      Deutsche schuften und chinesische und arabische Staatsfonds, russische Oligarchen, US Hochfinanz usw. verdienen.
      Wir brauchen ein anderes Wirtschafts- und Finanzsystem und wir müssen den Liberalismus ausrotten, der im Kern rot ist und die Völker zerstört.

    6. friedenseiche an

      tanzen ist gesund

      die indianer tanzen für regen nahrung frieden
      die aboriginie tanzen sich in die zwischenwelt
      die kelten tanzten für ein langes leben
      alle tanzen wir irgendeinen tanz des lebens

      die hindus tanzen in orange
      die basken in blau

      farben sind ausdruck der seele heißt es
      ich liebe alle warmen farbtöne vor allem sonnenuntergangsorange

      • Das Schönste, was Füße tun können, ist Tanzen.
        Und was Füße noch tun könne, find’ ich das Allerschönste:

        Ihnen einen Abdruck am Hintern verpassen! Schreiben sie doch mal etwas Sinnvolles!

    7. Und nachdem ich ein Paar Erinnerungspillen eingeworfen habe, kam mir die Erinnerung. Ja ich habe von der „Lady in Black“ vor vielen Jahren gehört. Aber es liegt leider so lange zurück, dass mich nur noch der Songtext von Uriah Heep an sie erinnert. Verdammt war das damals eine Zeit, als es noch echte Rockmusik mit Gefühlen gab.
      Und hier ein Textausschnitt, aber nur für Romantiker:

      She came to me one morning
      One lonely Sunday morning
      Her long hair flowing
      In the midwinter wind

      • Professor_zh an

        Ja, damals… Als Professor_zh noch jung war, hat man zu dieser Musik sogar geschunkelt! Aber irgendwann sollte man darüber hinwegkommen und vernünftig werden. Was man von den wandelnden Leichen nicht gerade behaupten kann…

      • Marques del Puerto an

        @Satiriker,

        ja damals wars…..

        ditt war noch ne Tiet als der Meister noch lebte ;-)
        ( https://www.youtube.com/watch?v=LZ5fIKmn1ok )

        Mit besten Grüssen
        Marques del Puerto

    8. "Kultur" Soll das sein ? Die morbide Dreckskultur europäischer Dekadenz allenfalls. Paßt genau zu "Liebe und Revolution".

      • Professor_zh an

        Ach Gott, wie passen denn Liebe und Revolution zusammen? – Überhaupt nicht!

        Lieben bedeutet, jemanden Gutes zu wollen. Revolution bedeutet Umwälzung: Das Unterste spült sich zuoberst (hat nichts mit dem Stabsoffizier zu tun!). Was soll daran gut sein?

    9. Leipzig und Dresden waren vor dem ersten Weltkrieg Welt-Städte. Sie waren in der ersten Liga der Weltkultur und Zentren der Technik und des Fortschritts. Heute sind sie nur noch ein Schatten dessen, was sie mal waren, genau wie Deutschland, Europa und die ganze Welt des weißen Mannes.
      Die weiße Welt befindet sich im Griff satanischer Kräfte. Positives und Höherwertiges wird unterdrückt, Negatives und Minderwertiges gefördert. Solschenizyn sagte über die Natur des marxistischen Systems: Es schützt die Kriminellen und kriminalisiert die politische Opposition.
      Das Muster der Negativauslese zieht sich durch alle Bereiche. Kunst, Kultur, Bildung, Einwanderung, Politik, Religion…

    10. 1
      Hätte man bei der Wiedervereinigung das Beste aus beiden Systemen für ein vereintes Deutschland übernommen, wären wir heute doppelt so stark. Aber die Wiedervereinigung wurde bewusst ruiniert. Die BRD war damals noch stark im Griff der Westalliierten und diese wollten verhindern, daß Deutschland wieder mächtig wird.
      Der Eindruck der Ossis von den Wessis als arrogante Besserwisser ist nur zum kleinen Teil richtig. Nach der Wende kamen die Glücksritter und Gauner, die bei den unbescholtenen, naiven Mitteldeutschen Geschäfte machen wollten, sowie die Beamtenschaft aus dem Westen bei der sicher auch ein guter Teil Idioten dabei war.

      • alter weißer, weiser Mann an

        " Die BRD war damals noch stark im Griff der Westalliierten …"

        Nur "Damals" – wo lebst du denn?

    11. 2
      Ein großer Fehler war auch, daß alle Errungenschaften der DDR durch Westliches ersetzt wurde, selbst wenn dieses schlechter war, sowie die komplette Abschaffung der DDR Kultur – neben der Industrie, die mit Vorsatz vernichtet wurde.
      Dahinter steckte (antideutsches) System.
      Aber daraus auf eine Ablehnung der Mitteldeutschen durch die Westdeutschen zu schließen, ist falsch. In meinem Elternhaus wurde nur positiv über die Deutschen im Osten gesprochen und diese wurden als Brüder und Schwestern angesehen (was ja eigentlich eine Selbstverständlichkeit ist). Positiv hervorgehoben wurde Benehmen und Bildungsniveau.
      Auf Deutsche wird seit 100 Jahren eingeprügelt. Es darf nicht sein, daß Deutsche auch noch aufeinander einprügeln. Den Osten traf ein härteres Schicksal als den Westen. Alles Streben muss der Einigung aller Deutschen über alle Grenzen hinweg gelten.

      • alter weißer, weiser Mann an

        Da haben wirs, der WEBER ist ein Wessi, kein Wunder, daß da öfter dummes Zeug transportiert wird….

      • Professor_zh an

        Ja, Herr Weber, es wäre zu schön, würden nicht gerade Brüder aufeinander einprügeln! Aber leider ist das – wie der Ukrainekonflikt gerade zeigt – immer wieder der Fall, und wir sollten wissen, wer der Urheber dessen ist.

        Professor_zh trauert noch um einen MITTELDEUTSCHEN Kollegen, mit dem er sehr erfolgreich zusammengearbeitet hat.
        Und ruft allen zu, die sich in regionalen Animositäten verstricken: Laßt von den Lästereien ab, streitet nicht, sondern betet gemeinsam! Tragt zur Versöhnung bei!

        Und haltet Abstand von solchen, die nicht euer Intelligenzniveau erreichen! (war natürlich ‘n Scherz!)

    12. jeder hasst die Antifa an

      Da Leipzig zu Dunkeldeutschland gehört sind die Grabsteinlecker in der richtigen Stadt,hoffentlich werden sie nicht mit der Antifa verwechselt,die Kleidung ist fast identisch.

    13. Thüringer an

      Donnerwetter, die Frau sieht echt gut, nee, sehr gut aus !
      Mir jedenfalls gefällt’s schon auch wenn ich da nicht
      mitmachen würde.

      • alter weißer, weiser Mann an

        Aus den verotteten Staaten von Amerika importiertter Dreck

        • Katzenvater an

          Hilda:
          Sehr schön die got(h)ische Gedanken- und Gefühlswelt umschrieben…

      • Marques del Puerto an

        @ mein lieber Thüringer,

        na hoffentlich ist das auch ne Frau ?! So ganz sicher kann man das wissen bei den zugetackerten Prinzessinnen von Heute. Da muss Man(n) als Test erstmal zwischen die Beine fassen. Gut gebe zu, in den meisten Fällen eskaliert die Begrüssung und man wird als Sexist bezeichnet. Aber sicher ist sicher, bevor man sich mit einem Ladyboy einlässt und die bunten Bilder nie wieder aus dem Kopf bekommt.

        Wenn ich so manch junke Weiber mir anschaue, da bekomme selbst ich Angst als Graf Dracula ;-)

        Mit besten Grüssen
        Marques del Puerto

    14. Katzenvater an

      Schön, dass COMPACT dem "neugeborenen" WGT in Leipzig einen Artikel widmet, dies hat früher in wohlwollendem Ton auch mal die JF geschafft. Der Schwenk zur Werbung für "Babylon Berlin" ist allerdings gewagt. Seit Mitte der 90iger bis 2005 war ich regelmäßig beim Treffen der Schwarzromantiker und den Heroes of Neofolk und Industrial. Was für ein tolles, kulturvolles Event einer europäischen Jugend im Geiste von Tradition, Paganismus, Kultur, Ästhetik und Nonkonformität. Wer hier Satanismus/Okkultismus zu verorten versucht, sollte sich lieber bei den Eliten mit Weißkragen unter dem "allsehendem Auge" und mit vollem Geldbeutel umsehen. Kein Festival ist so friedlich wie das WGT, nirgends wird mehr gelacht und fröhlich dem Met gefrönt, niemand wird diesem erhabenen Flair gewahr, der nicht in die Nebel aus Patchoulie und Realmystik eintaucht…