Nachdem die Mauer 1989 gefallen war, begannen zügig Verhandlungen mit den Siegermächten über die Ausgestaltung der deutschen Einheit. Gorbatschow war kooperativ – aber an einem Punkt musste er ein für Moskau gefährliches Leck abdichten, das Stalin verursacht hatte. Ein Auszug aus dem Buch «1989 – Mauerfall Berlin. Zufall oder Planung?», das Sie HIER bestellen können.

    _ von Michael Wolski

    Für die Sowjetunion gab es bei einer Wiedervereinigung Deutschlands ein Problem. Sie hatte 1939 mit dem Deutschen Reich zwei Verträge geschlossen, die bei Wiederherstellung des Völkerrechtssubjekts Deutschland wieder Rechtsgültigkeit erlangen würden: den Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 (Hitler-Stalin-Pakt) und den Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939.

    Eine Spezialeinheit der Roten Armee erbeutete 1945 die Dokumente in Berlin.

    Nachdem die Deutschen am 1. September 1939 Polen überfielen, besetzten und die mit den Sowjets vereinbarte Demarkationslinie erreicht hatten, reklamierte die Sowjetunion jene Gebiete Polens und Litauens für sich, die sie nach der Niederlage im Krieg gegen Polen 1919–21 hatte abtreten müssen. Damals waren auch litauische Gebiete an Polen gefallen, Stichwort Curzon-Linie.

    Sprengsatz Königsberg

    Beide Verträge hatten geheime Zusatzprotokolle, die – so glaubten die Sowjets – nur ihnen bekannt waren. Denn 1945 hatte eine Spezialeinheit der Roten Armee alle wichtigen Dokumente in Berlin erbeutet, darunter auch die deutschen Originale des Nichtangriffspaktes und des Freundschafts- und Beistandsvertrages nebst den Geheimprotokollen.

    In der Nacht des 9. November 1989 kletterten hunderte Menschen auf die Mauer am symbolträchtigen Brandenburger Tor. Offiziell eröffnet wurde Übergang jedoch erst am 22. Dezember. Foto: picture alliance / imageBROKER

    Was man in Moskau nicht wusste: Ein amerikanischer Agent hatte schon 1939 im Auswärtigen Amt in Berlin die Verträge und Geheimprotokolle mit seiner Leica fotografiert, seither lagerten die Filme im Archiv des State Department. International bekannt waren jedoch lediglich die Verträge, aber nicht die Zusatzprotokolle. Besonders brisant: Unter den Geheimprotokollen war auch die «Beschreibung des Verlaufs der Staatsgrenze der UdSSR und der Staats- und Interessengrenze Deutschlands». Wollte also die Sowjetunion das von ihr im April 1946 annektierte und in ihr Staatsgebiet einbezogene Königsberg (Kaliningrad) in Ostpreußen – im Gegensatz zu den Beschlüssen der Alliierten im Potsdamer Abkommen – dauerhaft behalten, musste sie 1990:

    • 1. mit den Westalliierten, die 1946 gegen die Einbeziehung Königsbergs in das sowjetische Staatsgebiet durch Stalin protestiert hatten, eine einvernehmliche Lösung finden,
    • 2. beide Verträge und das Protokoll zur «Beschreibung des Verlaufs der Staatsgrenze der UdSSR und der Staats- und Interessengrenze Deutschlands» für ungültig erklären, um mögliche spätere territoriale Forderungen des wiedervereinigten Deutschlands zu Königsberg auszuschließen,
    • 3. den Abschluss eines Friedensvertrages mit Deutschland vermeiden, denn dieser würde nach dem Potsdamer Abkommen eine Entscheidung erforderlich machen, was mit dem zeitweilig und treuhänderisch verwalteten Königsberg geschehen solle.
    In der ursprünglichen Fassung des Abkommens war Litauen als deutsches Einflussgebiet vorgesehen. Grafik: COMPACT

    Das Problem Moskaus unter dem seit 1985 im Amt befindlichen Generalsekretär Michail Gorbatschow war, dass bis Ende 1988 die Existenz von geheimen Zusatzprotokollen oder kartografierten Grenzziehungen zu den (bekannten) Verträgen von allen bisherigen Regierungen der Sowjetunion geleugnet worden war. Man hatte in Moskau angeblich über 40 Jahre in den Archiven gesucht, nichts gefunden und die Westmächte immer böswilliger Unterstellungen bezichtigt, wenn sie auf dieses Thema zu sprechen kamen. Die von den Amerikanern erwähnten Kopien der Geheimprotokolle seien eine Fälschung, um die Friedenspolitik der UdSSR zu verleumden.

    Gorbatschow bestätigte gegenüber Kanzler Helmut Kohl die Existenz der sowjetisch-deutschen Geheimprotokolle von 1939 erst im Juni 1989 anlässlich seines Besuchs in Bonn. Aber auch er leugnete noch den Besitz der sowjetischen Originale der geheimen Protokolle. Allerdings musste er sie nach seinem Sturz Ende 1991 an den neuen starken Mann Boris Jelzin aushändigen, der sie dann 1992 veröffentlichte.

    Das Tabu von Nürnberg

    Den spannenden Insider-Report finden Sie in unserem Online-Shop. Foto: Michael Wolski

    Um zu verstehen, wie brisant für die Sowjetunion dieses Thema seit Kriegsende und besonders 1990 war, werfen wir einen Blick zurück ins Jahr 1946.

    Nürnberger Prozess, 25. März 1946: Der Verteidiger von Rudolf Heß wollte die Eidesstattliche Versicherung des Leiters der Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes zur Existenz der Geheimprotokolle des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 vorlegen und diese Protokolle auch bekanntmachen – zur Entlastung seines Mandanten. Der sowjetische Ankläger Roman Andrejewitsch Rudenko veranlasste, dass beide Anträge vom Gericht zurückgewiesen wurden. Lew Besymenski, ein bekannter sowjetischer Historiker, beschrieb in einem Bericht die Gründe, warum diese Rückweisung 1946 geschehen konnte. Im Artikel «Niemand kann uns überführen» (Der Spiegel, 14.1.1991) wird er über den Ablauf des Machtkampfes zitiert, der bis 1989 in der KPdSU um die Anerkennung der Existenz der Geheimprotokolle tobte: «Gemäß der Archivdokumentation stellte sich den Anklägern schon bei der Prozessvorbereitung die heikle Frage: Was geschieht, wenn die Angeklagten die für alle vier Alliierten unerwünschten Fragen ins Spiel bringen?» Auf Initiative der USA und Englands, von der Sowjetunion und Frankreich später unterstützt, wurde am 9. November 1945 beschlossen, dass «politische Ausfälle» der Nürnberger Angeklagten gegen die Siegermächte nicht zugelassen werden dürften. Stalin bestimmte daraufhin neun Komplexe, zu denen keine Fragen seitens der Verteidiger in Nürnberg genehmigt werden sollten:

    • 1. «Das Verhältnis der UdSSR zum Versailler Vertrag.
    • 2. Der sowjetisch-deutsche Nichtangriffspakt von 1939 und alle Fragen, die irgendeine Beziehung dazu haben.
    • 3. Molotows Besuch in Berlin, Ribbentrops Besuche in Moskau.
    • 4. Fragen, die mit dem gesellschaftspolitischen System der UdSSR zusammenhängen.
    • 5. Die baltischen Sowjetrepubliken.
    • 6. Die sowjetisch-deutsche Vereinbarung über den Austausch der deutschen Bevölkerung Lettlands, Litauens und Estlands mit Deutschland.
    • 7. Die Außenpolitik der Sowjetunion und, en détail, die Themen der Meerengen und angeblicher territorialer Ansprüche der UdSSR.
    • 8. Die Balkanfrage.
    • 9. Sowjetisch-polnische Beziehungen (die Probleme Westukraine und Westbelorussland).»

    Die Amerikaner, im Besitz von Kopien der geheimen Protokolle, begriffen offensichtlich aber erst zu diesem Zeitpunkt, im Winter 1945, welche Sprengkraft darin steckte – weil Moskau Fragen dazu verboten hatte. Aber da waren die Verträge in Jalta und Potsdam schon unterschrieben worden… Stalin hatte die Westmächte über den Tisch gezogen. Im Kalten Krieg dann die Retourkutsche: Washington und London erinnerten die Sowjetunion bei passenden Gelegenheiten immer mal wieder daran, dass es die Geheimprotokolle gab und man sie genau kannte.

    Die Feindstaatenklauseln sind bis heute Bestandteil der UN-Charta.

    1990 kamen die Probleme und Widersprüche, die zwischen den Siegermächten 1945 notdürftig kaschiert worden waren, wieder auf die Tagesordnung. Die in der «Mitteilung über die Dreimächtekonferenz von Berlin» im Amtsblatt des Kontrollrats genannten Beschlüsse der Potsdamer Konferenz waren völkerrechtlich kein bindender Vertrag. Das von der UdSSR eroberte deutsche Gebiet (Königsberg) stand nur unter ihrer zeitweiligen und treuhänderischen Verwaltung, und zwar vorbehaltlich bis zu dem Zeitpunkt, wenn es im Zuge eines Friedensvertrages zu einer endgültigen Bestimmung der territorialen Fragen kommen würde.

    Das erste Treffen der Zwei-plus-vier-Verhandlungen am 5. Mai 1990 in Bonn. Das Abkommen wurde schließlich im selben Jahr am 12. September in Moskau unterzeichnet. Foto: picture-alliance / dpa

    In der «Mitteilung über die Dreimächtekonferenz von Berlin» heißt es wörtlich: «VI. Stadt Königsberg und das anliegende Gebiet: Die Konferenz prüfte einen Vorschlag der Sowjetregierung, dass vorbehaltlich der endgültigen Bestimmung der territorialen Fragen bei der Friedensregelung derjenige Abschnitt der Westgrenze der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, der an die Ostsee grenzt, von einem Punkt an der östlichen Küste der Danziger Bucht in östlicher Richtung nördlich von Braunsberg-Goldap und von da zu dem Schnittpunkt der Grenzen Litauens, der Polnischen Republik und Ostpreußens verlaufen soll. Die Konferenz hat grundsätzlich dem Vorschlag der Sowjetregierung hinsichtlich der endgültigen Übergabe der Stadt Königsberg und des anliegenden Gebietes an die Sowjetunion gemäß der obigen Beschreibung zugestimmt, wobei der genaue Grenzverlauf einer sachverständigen Prüfung vorbehalten bleibt. Der Präsident der USA und der britische Premierminister haben erklärt, dass sie den Vorschlag der Konferenz bei der bevorstehenden Friedensregelung unterstützen werden.»

    Die Geheimnisse von Jalta

    Die Beschlüsse von Potsdam waren also nur ein Deal der Alliierten, Deutsche waren ohnedies nicht daran beteiligt. Die zeitweise Verwaltung von Königsberg war eine Entscheidung der Alliierten untereinander. Dem entgegen standen die beiden Abkommen zwischen Deutschland und der Sowjetunion aus dem Jahr 1939, die immer noch geltendes Recht waren.

    «Die Forderung nach einem Friedensvertrag konnte also definitiv nicht mehr erhoben werden…» Hans-Dietrich Genscher

    Außerdem war die Auslegung der im Schloss Cecilienhof gefassten Beschlüsse selbst unter den Siegermächten umstritten: So widersprachen die Amerikaner und Briten der am 7. April 1946 erfolgten Eingliederung Königsbergs in das sowjetische Hoheitsgebiet kurze Zeit später, da die Annexion im Widerspruch zum Potsdamer Abkommen stünde.

    Auch die vorhergehenden Vereinbarungen der Alliierten im Krim-Städtchen Jalta vom Februar 1945 geben zum Knackpunkt Ostpreußen nichts her, was insofern relevant ist, da es in der Mitteilung über die Dreimächtekonferenz von Berlin in Teil III Deutschland hieß: «Das Ziel dieser Übereinkunft bildet die Durchführung der Krim-Deklaration über Deutschland.»


    In der ersten Hälfte des Jahres 1989 droht Gorbatschow Honecker erstmals erstaunlich exakt jene politischen Unruhen an, die sich wenige Monate später tatsächlich entfalten sollten. Der Inhalt geht aus einer inzwischen freigegebenen Unterrichtung des Bundesnachrichtendienstes an die Bundesregierung vom 5. Juni 1989 hervor: «Jedes Land trage für seine innere Sicherheit die alleinige und ausschließliche Verantwortung: Unter seiner Führung werde die Sowjetunion nicht intervenieren, um eine Partei beziehungsweise Obrigkeit vor unzufriedenen Massen zu schützen.»

    In der ersten Hälfte des Jahres 1989 droht Gorbatschow Honecker erstmals erstaunlich exakt jene politischen Unruhen an, die sich wenige Monate später tatsächlich entfalten sollten. Der Inhalt geht aus einer inzwischen freigegebenen Unterrichtung des Bundesnachrichtendienstes an die Bundesregierung vom 5. Juni 1989 hervor: «Jedes Land trage für seine innere Sicherheit die alleinige und ausschließliche Verantwortung: Unter seiner Führung werde die Sowjetunion nicht intervenieren, um eine Partei beziehungsweise Obrigkeit vor unzufriedenen Massen zu schützen.»


    Spannend wie ein Krimi: Nachdem die Mauer gefallen war, begannen zügig Verhandlungen mit den Siegermächten über die Ausgestaltung der deutschen Einheit. Gorbatschow war kooperativ – aber an einem Punkt musste er ein für Moskau gefährliches Leck abdichten, das Stalin verursacht hatte. In seinem Buch „1989 – Mauerfall Berlin. Zufall oder Planung?“ enthüllt Michael Wolski, ehemaliger Mitarbeiter von Alexander Schalck-Golodkowski, verschwiegene Hintergründe zur deutschen Einheit. Das Buch können Sie HIER oder durch einen Klick auf das Banner oben bestellen.

    Dort finden sich Regelungen zu Polen und den sowjetischen Territorien im Fernen Osten (etwa Kurilen, Sachalin), aber keine Aussagen zu Königsberg. Auch die Fragen zu China sind nicht im offiziellen Protokolltext von Jalta enthalten, während die beabsichtigte Teilung Koreas am 17. Breitengrad öffentlich verkündet wurde. Offensichtlich wurden auf der Krim mehrere geheime Zusatzprotokolle beschlossen, die bis heute nicht veröffentlicht worden sind.

    In Jalta wurden auch der Entwurf der UN-Charta und der Beginn der Verhandlungen zur Gründung der Vereinten Nationen auf den 25. April 1945 festgelegt. Die Feindstaatenklauseln – die sich gegen Deutschland, Japan und andere Achsenmächte richteten – sind bis heute Bestandteil der UN-Charta und ermöglichen es UN-Mitgliedstaaten, ohne Beschluss des Sicherheitsrats in diesen Ländern zu intervenieren, falls von diesen eine – nicht näher definierte – Kriegsgefahr ausgehe.

    Berlin, Treptower Park: 1994 begingen die sowjetischen Truppen zum letzten Mal den Jahrestag des Kriegsendes in Deutschland. Foto: picture-alliance/ ZB

    Wie brisant die geheimen Dokumente von Jalta auch noch 35 Jahre später für die Sowjetunion waren, zeigt eine Drohung des damaligen US-Sicherheitsberaters Zbigniew Brzezinski im Jahre 1980. Als die Krise in Polen Erinnerungen an den sowjetischen Einmarsch in der Tschechoslowakei 1968 weckte, erklärte er, im Falle einer sowjetischen Intervention sollten die USA «an die öffentliche Aufkündigung der Abkommen von Jalta denken».

    Zwei plus vier gleich fünf

    In den geheimen Krim-Protokollen waren vermutlich die Bedingungen zur Dauer der Verwaltung des von der Sowjetunion eroberten deutschen Gebiets definiert oder bereits ein Junktim im Falle der endgültigen Übergabe in Aussicht gestellt. Aber im veröffentlichten Teil der damaligen Vereinbarungen finden sich keine Aussagen zur Treuhänderschaft über Territorien. Auch auf der Potsdamer Konferenz wurden nur allgemeine Regelungen (siehe oben) beschlossen und im Passus XI. festgehalten: «Die Konferenz prüfte einen Vorschlag der Sowjetregierung hinsichtlich einer Treuhänderschaft über Territorien, wie sie in dem Beschluss der Krim-Konferenz und in der Charta der Vereinten Nationen definiert sind.» Auch 1990, bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen zur deutschen Einheit, waren die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz, mit Ausnahme der Grenzziehung Deutschland–Polen, kein öffentliches Thema – man hatte sich offenbar schon vorher hinter den Kulissen geeinigt.

    Bei der Wiedervereinigung blieben fast alle Festlegungen der Potsdamer Konferenz unberücksichtigt.

    Der damalige deutsche Außenminister Hans-Dietrich Genscher schrieb dazu in seinen Erinnerungen: «Die mir nicht unwillkommene Debatte nutzte ich dazu, das stillschweigende Einverständnis der Vier , es werde keinen Friedensvertrag und keine friedensvertragsähnliche Regelung mehr geben, offenkundig zu machen. Die Bundesregierung schließt sich der Erklärung der vier Mächte an und stellt dazu fest, dass die in der Erklärung der vier Mächte erwähnten Ereignisse und Umstände nicht eintreten werden, nämlich dass ein Friedensvertrag oder eine friedensvertragsähnliche Regelung nicht beabsichtigt sind.» Für das Protokoll erklärte der französische Außenminister, der den Vorsitz führte: «Ich stelle Konsens fest.» Genscher kommentiert: «Damit war einvernehmlich niedergelegt, dass weder das Potsdamer Abkommen noch die Pariser Verträge der alten Bundesrepublik mit den drei Westmächten in Zukunft als Grundlage für die Forderung nach einem Friedensvertrag dienen konnten. Die Forderung nach einem Friedensvertrag konnte also definitiv nicht mehr erhoben werden – damit war uns auch die Sorge vor unübersehbaren Reparationsforderungen von den Schultern genommen.»


    Für die Wende in der DDR soll eine streng abgeschirmte Gruppe des KGB namens Lutsch (Lichtstrahl) zuständig gewesen sein. Hartnäckig halten sich Gerüchte, Putin habe in deren Auftrag den Dresdner SED-Bezirkschef Hans Modrow und Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer unterstützt. Der Lokalpolitiker galt 1989 als Hoffnungsträger der deutschen Perestroika-Fraktion. Wahrscheinlich ist, dass Putin auch Kontakte zu Markus Wolf, bis 1986 Chef der Auslandsaufklärung HVA, unterhalten hat. Der Staatssicherheit jedenfalls war die Dresdner KGB-Residentur verdächtig. Ihr dortiger Leiter General Horst Böhm verbot den Tschekisten aus dem Bruderstaat den sonst selbstverständlichen freien Zugang zu Stasi-Gebäuden. Böhm galt als überzeugter Anhänger Honeckers.

    Die einzige bei den Zwei-plus-Vier-Verhandlungen übernommene Festlegung der Potsdamer Konferenz war die Anerkennung der deutsch-polnischen Grenze, wie sie schon 1945 fixiert worden war, also der Oder-Neiße-Linie. Der am 12. September 1990 abgeschlossene und 1991 ratifizierte «Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland» bezog sich dann auch folgerichtig in der Präambel nur allgemein auf die Rechte der vier Mächte, ohne explizit die alliierten Beschlüsse von Jalta oder Potsdam und die darin benannten, bis zur Friedensregelung noch offenen territorialen Fragen zu erwähnen. Moskau bereinigte parallel die aus dem Jahr 1939 resultierenden völkerrechtlichen Unwägbarkeiten: Um auszuschließen, dass das wiedervereinigte Deutschland als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches später einmal territoriale Ansprüche auf Königsberg erhebt, mussten der Nichtangriffspakt und der Grenz- und Freundschaftsvertrag mit ihren geheimen Protokollen, etwa die «Beschreibung des Verlaufs der Staatsgrenze der UdSSR und der Staats- und Interessengrenze Deutschlands», für nichtig von Anfang an erklärt werden. Diese Aufgabe erfüllte der Volksdeputiertenkongress – seit 1988 höchstes gesetzgebendes Organ der UdSSR –, der am 24. Dezember 1989, keine sieben Wochen nach dem Berliner Mauerfall, zusammentrat.

    Eine vertane Chance

    Damit war das Königsberg-Problem vom Tisch, jedenfalls für die beteiligten Staaten und Regierungen. Doch zumindest bestimmte Kreise in Moskau müssen das anders gesehen haben. Bezeichnend ist das vom Spiegel  im Mai 2010 kolportierte Angebot eines sowjetischen Generals an den Leiter der politischen Abteilung der deutschen Botschaft in Moskau vom Juli 1990, auch das Gebiet um Königsberg und Umgebung mit in die noch laufenden Verhandlungen zur deutschen Einheit einzubeziehen. Dieses Angebot muss im Zusammenhang mit der – wenige Wochen vorher – erklärten Unabhängigkeit der baltischen Staaten gestanden haben, wodurch die Sowjetunion keinen Landzugang mehr zu Kaliningrad hatte, die Stadt also eine Exklave der russischen Sowjetrepublik und damit für Moskau ein ständiges Zuschussobjekt werden würde. Die Antwort des Bonner Beamten: «Bei der Vereinigung gehe es um die Bundesrepublik Deutschland, die DDR und das ganze Berlin.» Wenn die Sowjetunion «Probleme mit der Entwicklung des nördlichen Ostpreußens habe, so sei das ihre Sache». Im Klartext: Die Bundesregierung zeigte Moskau die kalte Schulter.

    _ Gekürzter und redigierter Auszug aus Michael Wolskis Buch «1989. Mauerfall Berlin – Zufall oder Planung?» (Berlin 2019, 154 Seiten, 9,95 Euro; erhältlich unter compact-shop.de).

    _ Michael Wolski (* 1952) veröffentlichte im vergangenen Jahr das Buch «1989. Mauerfall Berlin – Zufall oder Planung?». In der DDR absolvierte er ein Studium für Außenhandel und arbeitete dann in diesem Bereich, von 1986 bis 1990 im Internationalen Handelszentrum in Ostberlin. Aufgrund seiner intimen Kenntnisse über Schalck-Golodkowskis KoKo-Imperium war er Berater für die TV-Serie «Deutschland 86». Der Zehnteiler – ausgestrahlt 2018 bei «Amazon Video» und RTL – hat eine wahre Begebenheit als Grundlage: 1986 lieferte die DDR unter Bruch des UN-Embargos Waffen ausgerechnet an den Klassenfeind, das Apartheid-Regime in Südafrika. Ziel war die Beschaffung von Devisen für den klammen sozialistischen Staat.

    Dieser Artikel erschien im COMPACT-Magazin 10/2020. Diese Ausgabe können Sie in digitaler oder gedruckter Form  hier bestellen.

    11 Kommentare

    1. Zu alle dem gehört die Rückgabe der Deutschen Ostgebiete unter Polnischer Verwaltung auf die Tagesordnung.
      In einer Verfassung sind auch Feindstaaten zu benennen, auf Grund Iher Verbrechen.
      Ohne Revision geht kein gerechter Friede.
      Die Aufrechnung "Ihrer" Reparationsansprüche mit Gegenforderungen. Stichwort Bromberger Blutsonntag.
      Die Herrausgabe der erpressten Forderungen aus dem Katynmassenmord – bis Russland zugab "das in Katyn waren Wir".
      Bis zur Befriedigung unserer Ansprüche sollte das Fass ohne Boden Polen die EU verlassen
      Das hätte gravierende Vorteile, die ganzen Klaubanden hätten Flaute.
      Der Satz: Kaum gestohlen schon in Polen ist traurige Realität.
      Nach Artikel 146GG steht uns eine Verfassung zu. A r t i k e l 146

      Dieses Grundgesetz verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist.

      Bonn am Rhein, am 23. Mai 1949.

      Dr. Adenauer

    2. Deutschland hat bis heute keinen rechtsgültigen
      Friedensvertrag mit den Gegnern des 2.Weltkrieges geschlossen
      – weder mit den vier alliierten Besatzungsmächten, noch mit
      irgendeinem anderen Staat. Aufgrund der „Feindstaatenklausel“
      der Vereinten Nationen (Artikel 53 und 107 der UNCharta)
      befindet sich Deutschland mit insgesamt 47 Staaten
      völkerrechtlich noch immer im Kriegszustand. Dieser Zustand
      kann nur durch einen Friedensvertrag aufgehoben werden. Im
      SHAEF- Gesetz- Nr. 3 (veröffentlicht von der Militärregierung
      für Deutschland – Kontrollgebiet des obersten Befehlshabers,
      bestätigt und ausgegeben am 15.11.1944), erkennen folgende
      Staaten die U.S.A. als Oberbefehlshaber und Hauptsiegermacht
      des 2. Weltkrieges und somit den fortwährenden
      Kriegszustand an (Deutschland hat bis zum heutigen Tage nur
      einen Waffenstillstand)

      WEIL es dem Marionettensystem hier so gefällt.
      Der Staatsfunk steht bis zum Jahr 2099 unter dem Schutz der Allierten Kriminellen.
      Zuerst muss der Lügenfunk verschwinden.

      • Der Rundfunkbeitrag sollte vom 1. Januar 2021 an auf 18,36 Euro monatlich steigen.
        Die Gierhälse vom GEZ-Lügenfunk bekommen noch mehr in den Hals – die Abschaffung dieser Staatsfunkbanden ist längst überfällig. Dieser Tom Buhrow nimmt sich 395000€ pro Jahr.

        Brav plärren Mistkäfer, wenn Kackpack seine Wünsche hat.

        2000 von 40 000Besatzungssoldaten sollen abgezogen werden

        Seit 2006 sind unsere Besatzert Völkerrechtswirdig hier im Land und dann sowas:

        Winfried Kretschmann (Grüne), Malu Dreyer (SPD) Volker Bouffier (CDU) und Markus Söder (CSU).Bitten den Besatzer VSA doch hier zu bleiben.

        Zeigt was sich da angesammelt hat.

        Widerlich so und so – Besatzer haut ab – Hochverräter in den Knast – Verfassunsfeinde, das – sind die Grundgesetzliebhaber.

        Weg mit dem Besatzerstatut Grundgesetz – Verfassung gem. Art146GG jetzt.

        • Mit diesem feigen Volk, werden wir nichts erreichen können!
          Wir werden weiterhin gemolken und ausgeraubt und das Volk lässt es ungehindert geschehen!

    3. Eine Tatsache ist die, daß "der Westen" die SU wirtschaftlich kaltgestellt hatte! (Kalter Krieg) Und eine wirtschaftliche Machtsteigerung geht immer einer politischen voraus! Damit erklärt sich auch der Spruch der 90er Jahre, der herumging daß Rußland D. Ostpreußen angeboten habe – ob mit Ausgleichszahlung (Abkaufen, wie einst die USA Alaska) oder ohne – und Kohl zugeben mußte, daß das heranbringen an den Standart der Zeit schon für die DDR teuer genug sei. Das noch rückständigere Ostpreußen nicht zu stemmen und sowieso die BRD nicht genügend Volk hat, um das Ganze zu besiedeln. Deshalb habe er es vehement abgelehnt.
      Dazu ist festzustellen daß der letzte geschlossene Friedensvertrag, der von Verailles und Vororten, alles Andere als ein Vertragswerk war, um dauerhaften Frieden zu sichern, eher das Gegenteil! Der führte nämlich von einer Wirtschaftskriese in die Nächste! Und die Wirtschaft läuft der Politik stets vor! Der Waffenstillstand, mit dem das "Wirtschaftswunder" möglich wurde, nach dem 2.WK war in jedem Fall günstiger als ein Friedensvertrag ala Versailles! Deshalb hat keiner nach einem Friedesvertrag gerufen.

    4. Alles was noch an unser Vaterland erinnert soll systematisch, gründlich vernichtet werden,

      schauen wir mal den Text "Baggersee" der "ausgezeichneten" Band "Antilopengang" an.

      Darin heißt es:
      "Atombombe auf Deutschland – alles Gute kommt von oben" und
      "Atombombe auf Deutschland, dann ist Ruhe im Karton. – Komm wir bomben einen Krater und dann fluten wir das Loch."

      Diese Band erhielt den "Anonio-Amadeu-Preis" der gleichnamigen Stiftung. Gefördert mit unseren Steuermitteln vom Familienministerium.

    5. Das Land welches mit derlei "Regierung" an

      von den "Befreiern" beglückt wurde
      braucht niemehr Angst vor äußeren Feinden zu haben.

    6. Im Übrigen sei dem Autor, Herrn Wolski, empfohlen doch auch gelegentlich mal auf der Seite der ‘gemeinde neuhaus’ zu lesen – da könnte er mit Sicherheit noch einiges über die tatsächlichen Verhältnisse lernen. Zwischen dem ‘Deutschen Reich’ von 1871 (German Empire) und dem ‘Deutschen Reich in den Grenzen von 1937’ (‘Deutschland’ in der Diktion der Siegermächte) gibt es nämlich essentielle Unterschiede, die einem gerade bei diesem Themenkomplex bewußt sein sollten.

      • Deutschösterreicher aus dem Wienerwald an

        Zu den Begriffen Deutschland und Deutsches Reich erlaube ich mir anzumerken, dass mir neulich in einer österreichischen Postfiliale ein Brief zurückgegeben wurde, weil ich, wie seit Jahrzehnten, bewusst BRD darauf geschrieben hatte, da Deutschland für mich "soweit die deutsche Zunge klingt" umfasst. Dies sei nicht mehr möglich, die Verteilmaschinen könnten mit BRD nichts anfangen und ich solle gefälligst Deutschland darauf schreiben. Demnächst muss ich versuchen, ob USA oder UK auch die Maschinen überfordern…

    7. "Die Antwort des Bonner Beamten: «Bei der Vereinigung gehe es um die Bundesrepublik Deutschland, die DDR und das ganze Berlin.» "

      Da hatte der ‘Bonner Beamte’ absolut recht: Es ging in der Tag nur um das Verhältnis verschiedener Besatzungsverwaltungen, wobei der sowjetische Klon in die Struktur des – ökonomisch erfolgreicheren – US-amerikanischen Klons integriert wurde. Mit einem ‘Deutsch-Land’ als im Wortsinne ‘Land der Deutschen’ hat das alles nichts zu tun, denn dazu müßten die ‘scMenschen, die heute als Deutsche addressiert werden (und diese Addressierung ja auch angenommen haben) ja überhaupt erst mal (wieder) Deutsche werden, d.h. sie müßen Empfindende der kollektiven Erfahrung, die die Deutsche ist, werden statt Empfindende der Blockierung eben dieser Erfahrung zu sein. Und bis dahin … fließt noch viel Wasser den Rhein runter…