Fünf Kugeln sollten den preußischen Ministerpräsidenten töten. Doch der Student Ferdinand Cohen-Blind verletzte Bismarck nur leicht und wurde dann sogar von ihm selbst entwaffnet. Welches Motiv trieb den Attentäter an? In COMPACT-Geschichte «Preußens Glanz» finden Sie mehr Wissenswertes aus dieser Ära. Hier mehr erfahren.

    Am frühen Abend des 7. Mai 1866 geht der Otto von Bismarck zu Fuß die Berliner Prachtstraße Unter den Linden entlang. Der preußische Ministerpräsident ist auf dem Heimweg. Trotz des milden Frühlingswetters trägt er einen dicken Überzieher, weil er sich gerade von einer Krankheit erholt hat.

    Die Spannungen zwischen Preußen und Österreich haben sich in diesen Wochen dramatisch verschärft. Ein Krieg scheint jederzeit möglich. Bismarck ist zu diesem Zeitpunkt bereits eine der wichtigsten politischen Figuren Europas – für die einen ist der 51-Jährige ein genialer Staatsmann, für die anderen ein skrupelloser Machtpolitiker.

    Plötzlich fallen Schüsse. Ein junger Mann hat aus kurzer Distanz einen Revolver auf den späteren Eisernen Kanzler gerichtet. Insgesamt fünfmal drückt er ab. Zwei Kugeln treffen den preußischen Regierungschef. Doch Bismarck bleibt beinahe unverletzt, denn der dicke Stoff seines Mantels und eine Rippe lenken die Kugeln ab. Statt zusammenzubrechen, stürzt er sich auf seinen Attentäter, ringt mit ihm um die Waffe und hält ihn fest, bis Soldaten und Polizisten herbeieilen. Der Angreifer heißt Ferdinand Cohen-Blind. Er ist 22 Jahre alt, Student, jüdischer Herkunft und Stiefsohn eines politischen Flüchtlings der Revolution von 1848.

    Aus hochpolitischem Milieu

    «Ich griff nach seiner rechten Hand, während der dritte Schuss losging, und packte ihn zugleich am Kragen», erinnerte sich Bismarck später. «Er fasste aber schnell den Revolver mit der linken, drückte ihn gegen meinen Überzieher und schoss noch zweimal. Eine Rippe tat zwar etwas weh, ich konnte aber zu meiner Verwunderung bequem nach Hause gehen.» Die Szene wirkte auf Zeitgenossen fast wie aus einem Abenteuerroman: der große, kräftige preußische Staatsmann, der seinen Attentäter eigenhändig überwältigt. Tatsächlich trug der Vorfall erheblich zu Bismarcks wachsendem Mythos bei.

    Bismarck-Attentäter Ferdinand Cohen Blind. Bild: CC0

    Der junge Mann, der ihn töten wollte, stammte stammte aus einem hochpolitischen Milieu. Ferdinand Cohen wurde 1844 geboren. Nach dem Tod seines leiblichen Vaters heiratete seine Mutter den demokratischen Revolutionär Karl Blind, einen entschiedenen Gegner der restaurativen Monarchien im Deutschen Bund. Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 musste die Familie ins Exil nach London fliehen.

    Cohen-Blind wuchs somit in einem Umfeld auf, das von liberalen und demokratischen Ideen geprägt war. Anders als viele spätere politische Attentäter galt er keineswegs als fanatischer Außenseiter oder psychisch verwirrter Einzelgänger. Zeitgenossen beschrieben ihn vielmehr als intelligenten, sensiblen und gebildeten jungen Mann.

    Er studierte an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim bei Stuttgart und soll dort hervorragende Leistungen erbracht haben. Im Frühjahr 1866 brach er zu einer Reise durch Deutschland auf. Dabei verdichtete sich offenbar sein Entschluss, Bismarck zu töten.

    Angst vor dem deutschen Bruderkrieg

    Doch was trieb ihn an? 1866 stand Mitteleuropa am Rand einer militärischen Eskalation. Seit Jahren kämpften Preußen und Österreich um die Vorherrschaft im Deutschen Bund. Bismarck verfolgte das Ziel einer deutschen Einigung unter preußischer Führung – ohne Österreich.

    Viele Liberale und Demokraten sahen darin jedoch einen Verrat an der Idee eines gemeinsamen deutschen Nationalstaates. Vor allem in Süddeutschland sympathisierten zahlreiche Menschen mit einer «großdeutschen Lösung», also einem Deutschland unter Einschluss Österreichs. Cohen-Blind war überzeugt, dass Bismarck bewusst auf einen Krieg hinarbeitete.

    Bereits 1862 hatte der preußische Ministerpräsident mit seiner berühmten «Blut und Eisen»-Rede enormes Aufsehen erregt. Darin erklärte er:

    «Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden, sondern durch Eisen und Blut.»

    Für Gegner Bismarcks war dies der Beweis, dass der preußische Regierungschef bereit war, Europa in einen Krieg zu treiben. Das ist zwar aus heutiger Sicht fragwürdig, doch Cohen-Blind sah es so. Seine Motive erklärte er in mehreren Abschiedsbriefen erstaunlich offen. Dort schrieb er: «Die einzige Lösung der so verwickelten Lage in Deutschland [ist] die Beseitigung Bismarcks.» Und weiter: «Es ist doch wenigstens des Probierens wert, durch das Opfer zweier Menschen viele zu retten.»

    Kronprinzessin zeigt Verständnis

    Der Anschlag war dilettantisch ausgeführt. Cohen-Blind hatte in Berlin einen belgischen Bündelrevolver gekauft, ohne einen ausgefeilten Plan zu entwickeln. Nach der Festnahme gestand er sofort: Ja, er sei gekommen, um den Grafen Bismarck zu töten. Noch am selben Abend nahm er sich im Polizeigewahrsam das Leben. Mit einem versteckten Messer schnitt er sich die Halsschlagader auf. Wenige Stunden später starb er.

    In Berlin versammelten sich Bürger vor Bismarcks Haus und jubelten. König Wilhelm I. kam persönlich zum Abendessen, um seinem Ministerpräsidenten zu gratulieren. In Süddeutschland und Österreich jedoch wurde Cohen-Blind als Märtyrer gefeiert. Zeitungen nannten ihn einen «wackeren Jüngling», der sein Leben geopfert habe, um das Vaterland von einem «Unhold» zu befreien. Selbst in höchsten Kreisen gab es Verständnis: Kronprinzessin Victoria nannte ihn einen «gutmeinenden, aber verfehlenden und kurzsichtigen Unglückswurm».

    Bismarck selbst vermutete sofort ein großes Komplott radikaler Demokraten aus der Londoner Emigrantenszene. Er ließ wochenlang ermitteln – vergeblich. Der Attentäter war ein Einzelgänger gewesen. Und seine Tat änderte nichts am Lauf der Geschichte. Nur zwei Monate später begann der deutsche Bruderkrieg. und Preußen siegte letztendlich am 3. Juli 1866 bei Königgrätz. Dreizehn Jahre später wurde das Deutsche Reich gegründet ohne Österreich. Und Bismarck wurde sein erster Kanzler.

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