Sieben Tore für die Ewigkeit

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Es war ein fast surreales Ereignis, als Deutschland im WM-Halbfinale 2014 Gastgeber Brasilien in Grund und Boden schoss. Das Spiel bescherte den Zuschauern die wohl spektakulärsten sechs Minuten der Fußballgeschichte – und ebnete den Weg zum vierten Titel. Ein Textauszug aus COMPACT-Spezial Nr. 17 «Nationalsport Fußball»

_ von Sven Reuth

Vor diesem Halbfinale haben wir Fans gebibbert. Zu oft hatten unsere Jungs in den Jahren zuvor trotz guter Anfänge in den Entscheidungsspielen gepatzt. Und jetzt ausgerechnet Brasilien, das Zauberland des Fußballs… In unserer Kneipe um die Ecke bot der Wirt für jeden deutschen Treffer eine Lokalrunde Bier aufs Haus.

Wir freuten uns nach dem ersten Treffer, waren euphorisiert nach dem Zweiten, aber dann konnten wir nicht so schnell kippen, wie die Pille im Netz zappelte… Wir schrien uns die Seele aus dem Leib, lagen uns in den Armen und küssten unbekannte Frauen.

Hatten wir geträumt? Waren wir in einem Paralleluniversum gelandet? 7:1 gegen Brasilien, das konnte doch nicht wahr sein? Doch die Zeitungen bestätigten den Wahnsinn, selbst die gewöhnlich nicht besonders deutschfreundliche Britenpresse lag im Staub vor uns. «Deutschland verprügelt Brasilien im tollsten WM-Spiel aller Zeiten. Brasiliens WM-Karneval endet in völliger Verzweiflung und Demütigung, nachdem die Deutschen Amok liefen», schrieb der Daily Mirror.

The Sun ergänzte: «Entzweigerissen in 179 Sekunden. Es war wie bei einer Party, bei der plötzlich die Musik aufhört, das Licht angeht und die Polizei durch die Tür kommt. Auf Jahre hinaus werden wir uns an die unglaublichste Kapitulation in der Geschichte dieses Turniers erinnern.»

Die historische, ach was: kosmische Bedeutung machte L’Équipe aus Frankreich klar: «Unglaublich. Diese Leistung ist einzigartig, weil sie in Brasilien erbracht wurde und weil sie gegen Brasilien erbracht wurde. Am Tag des Weltuntergangs, den die Brasilianer gestern ohne Frage bereits zu erleben glaubten, wird man sich noch an dieses Halbfinale erinnern.»

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Beißwütiger Kannibale

Sportlich begann die deutsche Elf das Turnier gleich mit einem Paukenschlag und fegte Portugal in Salvador mit einem 4:0 vom Platz, wobei Bayern-Star Thomas Müller dreimal versenkte. Im zweiten Gruppenspiel gegen Ghana stand unsere Mannschaft dann am Rande einer Niederlage und wurde nur durch den Ausgleichstreffer von Miroslav Klose zum 2:2 in der 71. Minute gerettet. Dann wurden Klinsis US-Boys mit 1:0 nach Hause geschickt.

Die Gruppenphase war durch zahlreiche Überraschungen geprägt. In der Gruppe B hatte Spanien, das über Jahre hinweg den Weltfußball dominierte und drei große Turniere hintereinander gewinnen konnte (Europameister 2008, Weltmeister 2010, Europameister 2012) gleich im ersten Spiel einen rabenschwarzen Tag: Die Seleccion erlitt gegen Holland mit 1:5 die höchste Niederlage aller Mannschaften in der Vorrunde.

Stimmung pur: Beim Public-Viewing fieberten und jubelten deutsche Fans gemeinsam vor den Leinwänden der Republik. Foto: picture alliance / dpa

Nach einem 0:2 gegen die stark aufspielenden Chilenen im zweiten Spiel war der Titelverteidiger schon ausgeschieden. In der Gruppe D wurde die herkömmliche Fußball-Hierarchie ganz auf den Kopf gestellt: Die früheren Weltmeister Italien und England schieden als Dritt- und Viertplatzierter aus, während sich das kleine Costa Rica vor Uruguay den Gruppensieg sicherte.

Am letzten Spieltag dieser Gruppe kam es im Entscheidungsspiel Italien gegen Uruguay in Natal zu einer bizarren Szene: Luis Suarez, bis heute einer der weltbesten Mittelstürmer in den Diensten des FC Barcelona, biss in der 80. Minute seinen italienischen Gegenspieler Giorgio Chiellini so kräftig in die Schulter, dass er sich danach selbst ständig an die Zähne fasste, um zu prüfen, ob sein Gebiss überhaupt noch vollständig sei.

Der mexikanische Schiedsrichter Marco Rodríguez übersah dieses schwere Foul – was allerdings nichts daran änderte, dass Suarez im Nachgang von der FIFA für vier Monate von allen fußballerischen Aktivitäten ausgeschlossen wurde. Schließlich war «El Canibal» schon vorher durch Beißattacken aufgefallen.

Ihrem ersten Play-off-Spiel im Achtelfinale sahen die deutschen Spieler mit gemischten Gefühlen entgegen. In Porto Alegre traf man auf Algerien. Es konnte nicht ausbleiben, dass bittere Erinnerungen an die WM 1982 in Spanien wach wurden, als der nordafrikanische Außenseiter in Gijon die DFB-Elf um Karl-Heinz Rummenigge und Paul Breitner mit 2:1 besiegt hatte.

Und wieder gab es eine Zitterpartie: Nach der regulären Spielzeit stand es 0:0. Allein Torwart Manuel Neuer hatte die Mannschaft am Ende noch im Spiel gehalten, oftmals mit waghalsigen Aktionen außerhalb des eigenen Strafraums. 19 Ballkontakte des Ausnahme-Keepers vom FC Bayern München außerhalb des Sechzehners zählten die Statistiker am Ende, und die Presse feierte Neuer augenzwinkernd als «besten Libero seit Franz Beckenbauer».

In der Verlängerung konnten die Deutschen dann ihre Chancen nutzen: André Schürrle und Mesut Özil schossen die beiden Tore zum 2:1-Sieg.

Das Wunder von Belo Horizonte

Im Viertelfinale gab es eine Hitzeschlacht gegen Frankreich, die die deutsche Elf erstmals während dieses Turniers ins legendäre Maracana-Stadion in Rio de Janeiro führte und die durch ein frühes Tor von Mats Hummels entschieden wurde. Und dann folgte jenes unvergleichliche Spiel gegen die Gastgeber, dessen Ergebnis – Sete a um! (7:1) – man bis heute in Brasilien nur nennen muss, damit jeder Bescheid weiß.

Der Fußballphilosoph und Sporthistoriker Christian Eichler hat ein fast 300-seitiges Buch nur über diese Begegnung geschrieben und ist fest davon überzeugt, dass es zu jener Handvoll Partien gehört, über die man noch im 22. Jahrhundert sprechen wird.

Eichler spricht von einer Wasserscheide der Fußballgeschichte: Während der Weltfußball zuvor durch brillante Individualisten geprägt wurde, die häufig aus Brasilien stammten – Pelé, Zico, Romario, Ronaldo –, präsentierte sich am 8. Juli 2014 im Mineirao-Stadion von Belo Horizonte eine deutsche Mannschaft als Kollektiv, das Spielfreude und höchstes taktisches sowie technisches Können mit traditionellen Stärken wie Disziplin und Organisation vereinte.

Laut Eichler ist damit endgültig eine Wachablösung im modernen Fußball vorgenommen worden, die das Spiel noch auf Jahrzehnte prägen wird. Auch wer dieser Interpretation nicht folgen mag, wird doch zugeben müssen, dass allein schon das Ergebnis eine Sensation war. Es war die höchste Niederlage eines WM-Gastgeberlandes und die höchste Niederlage eines WM-Halbfinalisten – zwei Rekorde, die vermutlich eine Ewigkeit Bestand haben werden. (Ende dees Auszugs)

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Dies ist ein Auszug aus COMPACT-Spezial Nr. 17 «Nationalsport Fußball». Den vollständigen Text finden Sie im Heft. Zur Bestellung einfach hier oder auf das Bild oben klicken.

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6 Kommentare

  1. Das Spiel bescherte auch mir die wohl spektakulärsten sechs Minuten der Fußballgeschichte.

    Auf haargenau diesen Lorbeeren hat sich die ****schaft ausgeruht, ist deshalb schlecht vorbereitet nach Russland gefahren und geschlagen zurück gekommen, wie immer.

    Dass das fette Geld nicht immer Tore schießt hat Kroatien nun mehrfach bewiesen.

    Lothar Matthäus mußte das wie nun auch England erfahren und ist ausgeschieden.

    Kroatien macht gute Werbung mit viel Herzblut für den Sport. Im Wasserball, Handball, Basketball und Fußball.

    Auch weil wohl die Ehre für sein Land seinen Sport zu repräsentieren extra beflügelt, was Geld offenkundig alleine nicht schafft!

    Wer sich in einem Nationalteam mit seinem Land weder kulturell noch lingual verbunden fühlt, fährt eben nach der Vorrunde nach Hause, nach München im Freistaat Bayern.

    🙂

  2. Jeder hasst die Antifa am

    Leider wurde die Wertschätzung und Achtung von Brasilien 2014 diesmal kläglichst verspielt.

    • heidi heidegger am

      ämm..magst nochmal reinkommen (in mein äh unser! forum) und’s weiterversuchen? ich gebe dir mal ne drei minus für deinen kommi, weil du immer so klug zu mir bist, pah! äh: hah!

      • Jeder hasst die Antifa am

        Hast du schon Antwort von Frau Merkel auf dein Jobgesuch?

      • heidi heidegger am

        hast du schon deine forums-kündigung wg. *nix-beitragen-machen-zur-diskussion* und COMPACT des-disavouieren durch deine schiere existenz, häh? sehr gut!! adieu !!!!

  3. heidi heidegger am

    sieben tore für ein hallelujah. oder was mich betrifft: ten wheels for jesus! denn damals war ich noch fussballantideutsch druff, aus trotz, jawoll aus trotz! ja-weil JE das sommermärchen abfeierte-nein, das war 4 jahre früher, *Klinsi* unn datt, oder? und d e n schwoabaseggl hasse ich, wie ich die sünde liebe und JE (pädagogischer eros unn datt..)..ämm

    zacknweg

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