Der preisgekrönte Journalist Bojan Pancevski hat eine glänzende Recherche über „Die Nord Stream Sprengung“ – so der Titel seines Buches – veröffentlicht. Liest sich wie ein Thriller, hat aber eine entscheidende Schwachstelle. Um die zu entdecken, muss man ein anderes Buch lesen.
„Die wahre Geschichte der Sabotage, die Europa erschütterte“ ist Pancevskis Untertitel. Man muss immer wieder schlucken, wenn der Autor aus seiner antirussischen Einstellung keine Mördergrube macht, aber da er so wunderbar flüssig und atmosphärisch dicht erzählt, kommt man darüber weg. Vor seinem ideologischen Hintergrund ist es umso bemerkenswerter, dass er eine russische Täterschaft kategorisch und absolut ausschließt und sich über die anhaltenden Versuche lustig macht, ihn (und die Öffentlichkeit insgesamt) vom Gegenteil zu überzeugen.
Pancevski hat mit allen Beteiligten der Andromeda-Operation mehrfach gesprochen (und dabei viel Alkohol vernichtet). Der Leiter der Operation, Roman Tscherwinski, ist ein hoher General der ukrainische Sondereinheiten. Er stellte ein Team aus Spezialkräften und Zivilisten zusammen, die Nord Stream am 26. September 2022 gesprengt haben sollen. Ein Mitglied des Teams bezeichnete diese Schattenstruktur tatsächlich als „Deep State“ der Ukraine, Pancevski benutzt den Ausdruck „Start-Up“. Jedenfalls stehen die Andromeda-Akteure und ihre Hintermänner, so Pancevski, in Opposition zu Selenski und vor allem zu seinem korrupten Büroleiter Jermak (vor Kurzem verhaftet, jetzt auf Kaution frei) und genossen angeblich nur die Protektion von Armeechef Saluschni. Ansonsten hätten sie den Coup alleine durchgezogen. Pancevski macht plausibel, dass auch eine Nussschale wie die „Andromeda“ die nötige Menge an Sprengstoff transportieren konnte (man brauchte nämlich nicht so viel) und wie man ohne eine Dekompressionsanlage auf die nötige Tauchtiefe von über 80 Meter kommen konnte (die Crew verwendete sogenannte Rebreather am Mann). Die Andromeda-Story, von mir bisher immer angezweifelt, erlangt Glaubwürdigkeit durch Haftbefehle der Bundespolizei bzw. des Generalbundesanwalts gegen zwei der Taucher, mit denen der Autor gesprochen hat. Sprengstoffspuren von der geborstenen Röhre fanden sich zum Beispiel bei einer Hausdurchsuchung an einem Taucheranzug. Der eine Tatverdächtige sitzt mittlerweile in Deutschland in U-Haft. Der andere wurde, unter Missachtung eines deutschen Auslieferungsersuchens, von der polnischen Justiz wieder auf freien Fuß gesetzt.
Der blinde Fleck
Während Pancevski also die Story einer kleinen Terroristen-Gruppe nachzeichnet, die den größten Terroranschlag in Europa nach 1945 gemacht hat, ist einer der von ihm interviewten Taucher gegenteiliger Meinung: „Die Amerikaner, die waren es!“, sagte dieser „Iceman“ Pancevski. Wo er doch selbst die Sprengsätze an den Röhren befestigt haben will? Aber es geht ihm um die Hintermänner.

Ein ganz entscheidendes Dokument, das die CIA belastet, kommt bei Pancevski nur am Rand vor. Um seine Bedeutung zu erkennen, muss man Georg Tills Buch „Nord Stream. Die Sprengung der alten Weltordnung“ lesen (im COMPACT-Shop). Es geht um die Derkatsch-Aussage. Andrij Derkatsch ist ein ehemaliger ukrainischer Abgeordnete, steht mittlerweile auf Kriegsfuß mit Selenski und lebt im Ausland. Im Mai 2024 erzählte er im weißrussischen Fernsehen die gleiche Taucher-Story wie Pancevski, aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass die Operation vom CIA-Mann Christopher W. Smith geleitet wurde, damals zweitwichtigste Mann in der US-Botschaft in Kiew, heute Staatssekretär im Außenministerium. Er habe sogar das Probetauchen der Crew in einem Steinbruch-See bei Shitomir überwacht.
Die Derkatsch-Aussage klingt wie russische Propaganda. Er stützt sich allerdings auf ein Dossier des ukrainischen Geheimdienstes SBU, das – auch von Pancevski bestätigt – an ihn, ganz oder teilweise, durchgestochen wurde. Und dieses Dossier wiederum fasst die Aussage von „Freya“ zusammen, der einzigen weiblichen Taucherin im Andromeda-Team, die beim SBU über Nord Stream ausgepackt hat, um ihre Stellenbewerbung interessanter zu machen. Derkatsch spricht über „Andromeda“ als einer Ablenkungsoperation, die von der wirklichen Sprengung mit einer Coverstory ablenken sollte. Das ist übrigens auch die Meinung von Seymour Hersh, der als Bombenleger US-Spezialkräfte mit Unterstützung der Norweger sieht. – Wie gesagt: Pancevski Buch ist ein spannender Thriller und enthält mit Sicherheit wichtige Puzzleteile der Wahrheit. Das entscheidende Detail wird aber in Georg Tills Buch „Nord Stream. Die Sprengung der alten Weltordnung“ aufgeschlüsselt. Hier bestellen.





