Krieg der fünften Dimension

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Die NATO hat das Internet zum Schlachtfeld erklärt, betreibt die Militarisierung des «Cyberraums» und rekrutiert Laptopkrieger für den virtuellen Ernstfall. Auch in Deutschland hat das Thema Konjunktur. Ein Blick hinter die Firewall des World Wide War. Es folgen Auszüge aus einem Artikel, den Sie vollständig in COMPACT 8/2016 lesen können – hier bestellen

_ von Marc Dassen

«Du schaust auf deine Armbanduhr. Es ist 8:15 Uhr. In der vergangenen Viertelstunde sind 157 große urbane Zentren Amerikas ins Chaos gestürzt – durch einen landesweiten Stromausfall zur Stoßzeit. (…) In Raffinerien verbrennen die Ölreserven mehrerer Städte. Untergrundbahnen sind in New York, Oakland, Washington und Los Angeles verunglückt, Güterzüge vor großen Verkehrsknotenpunkten (…) entgleist. Flugzeuge fallen nach Zusammenstößen buchstäblich vom Himmel. Pipelines, die Gas in den Nordosten des Landes transportieren, sind explodiert, Millionen müssen frieren.» Diese apokalyptische Vision stammt aus dem 2010 veröffentlichten Buch Cyber War von Richard Clarke, der über 20 Jahre lang Sicherheitsberater aller US-Präsidenten war – von Ronald Reagan bis George W. Bush. Alles Schwarzmalerei?

Cyberkriminalität, Cyberspionage, Cyberterrorismus, Cyberkrieg – der futuristisch klingende Themenkomplex suggeriert eine akute Bedrohungslage. Vordergründig weist die Offensive der NATO-Führung an der digitalen Front auf die Verwundbarkeit unserer vernetzten Infrastruktur hin, die nun angemessen vor sowohl staatlichen wie nichtstaatlichen Akteuren, Hackern, Saboteuren, Spionen und Cyberterroristen geschützt werden müsse. Zu Land, zur See, in der Luft, im Weltraum und nun auch im sogenannten Cyberspace: Auf dem NATO-Gipfel in Warschau Anfang Juli wurde das World Wide Web als fünfter militärischer «Operationsbereich» definiert. Eifrig treibt das Bündnis die digitale Aufrüstung voran.

Berüchtigt sind besonders die Cyberarmeen aus den USA, aus Russland, China und Israel, die zum Teil
beeindruckende Personalstärken vorweisen können. Etwa 6.000 solcher Cyberkrieger sollen derzeit offiziell für Washington tätig sein – die rund 40.000 Agenten der NSA nicht mitgezählt. Moskau soll nach Medienberichten knapp 4.000 Staatshacker beschäftigen. Seit 2007 hat auch die Bundeswehr im Kommando Strategische Aufklärung die Geheimtruppe Computer Netzwerk Operationen (CNO) gegründet, die heute schätzungsweise 80 Mann mit «elektronischer Kampfführung» betraut. 2008 wurde das zur NATO gehörende Cooperative Cyber Defence Center of Excellence im estnischen Tallin eingeweiht, das Anfang März 2013 ein Handbuch des Cyberkriegs vorstellte, in dem sogenannte «Hacktivists» gewarnt werden, dass sie im Kriegsfall als «legitime Ziele» gelten und getötet werden können.

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Eine Cyberattacke auf ein Mitgliedsland ist offiziell ausreichend, den Bündnisfall nach Artikel fünf – und damit Krieg! – auszulösen, drohte die NATO schon Mitte 2014 in ihrer aktualisierten Cyber Defense Policy. Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärte wiederholt, der netzbasierte Angriff sei «gleichzusetzen mit einem bewaffneten Überfall». Das Hauptproblem bei dieser Doktrin ist jedoch: Cyberattacken haben keinen Absender. Der Aggressor kann seine Identität mühelos verschleiern oder falsche Fährten legen. Der Angegriffene weiß nicht, wie ihm geschieht, kann erst reagieren, wenn es zu spät ist – Panzerverlegungen brauchen Tage, Raketenangriffe immerhin Stunden, Cyberangriffe bloß Millisekunden. Jeder Krieg beginnt mit einer Lüge, und im Cyberkrieg sind solche Lügen buchstäblich per Mausklick konstruierbar.

Die Ankündigungen der NATO müssen Friedensfreunde beunruhigen, bedenkt man, dass im neuen Kalten Krieg Cyberanschläge auf den Westen gerne auch ohne Beweise dem Kreml angelastet werden: So geschehen nach dem Angriff auf Estland 2007, als eine sogenannte DDoS-Attacke Banken-, Regierungs- und Verwaltungsserver für Wochen lahmlegte und in der Folge eine Mittäterschaft Putins behauptet wurde. Im Sommer 2015 wurde ein Einbruch in das Netz des Bundestages registriert und der Russe erneut zum Sündenbock gestempelt.

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Selbst konventionelle Waffensysteme können durch Cyberangriffe gestört oder fremdgesteuert werden. Der Präzedenzfall stammt aus dem Kalten Krieg, als die CIA 1982 «ein Computervirus in das Kontrollsystem der sowjetischen transsibirischen Gaspipeline» (Spiegel) einschleuste: «Wenig später folgte eine gigantische Explosion», die die Pipeline völlig zerstörte. 1999 setzte die NATO im Kosovo-Krieg unter anderem Hacker ein, um serbische Luftabwehrsysteme zu manipulieren. 2012 sorgte der Computerwurm Stuxnet, welcher laut New York Times auf Befehl des USPräsidenten Barack Obama in die Computersysteme der iranischen Urananreichungsanlage bei Natanz eingeschleust wurde, für erhebliche Zerstörungen. Ein mysteriöser Cyberangriff ereignete sich womöglich 2013, als ein Patriot-Raketensystem der Bundeswehr an der türkisch-syrischen Grenze plötzlich «unerklärliche » Befehle ausführte. Besonders enthusiastisch, was die Möglichkeiten der digitalen Kriegsführung angeht, sind die Militärs im Pentagon. In der schon 1993 veröffentlichten Studie Cyberwar is coming des US-Thinktanks Rand Corporation wird behauptet, dass der «Cyberkrieg für das 21. Jahrhundert sein könnte, was der Blitzkrieg für das 20. war.“

«Amerika braucht die Fähigkeit, Bombenteppiche im Cyberspace auszustreuen», erklärte Oberst Charles W. Williamson 2008. Vize-Verteidigungsminister Robert O. Work spricht derzeit von «Cyberbomben», die die Kommunikationsnetze des IS zerstören sollen. Der frühere Verteidigungsminister Leon Panetta schürt derweil die Angst vor einem «Cyber Pearl Harbor». Sein aktueller Nachfolger Ashton Carter drohte bereits Anfang 2015, dass die USA im Cyberspace auch präventive «Erstschläge» einleiten würden.

Während sich Angela Merkel noch Mitte 2013 mit der Erklärung, das Internet sei «für uns alle Neuland», gründlich blamierte, versteht es Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, das prestigeträchtige Thema geschickt zur Profilierung zu nutzen. «Deutschlands Freiheit wird auch im Cyberraum verteidigt», lautet der Werbeslogan, mit dem sie neue Cybersoldaten an die Tastaturen locken will. Ähnlich eifrig ist Innenminister Thomas de Maizière, der seine bislang nur in Auszügen bekannte «Cybersicherheitsstrategie für Deutschland 2016» im Herbst beschließen lassen will. Dabei geht es nach ersten Informationen um den weitreichenden Ausbau digitaler Sicherheits- und Überwachungssysteme. Ab 2017 sollen nach Informationen des Spiegel «13.500 Soldaten (…) einem Inspekteur, einer Art Cybergeneral, zuarbeiten.» Geplant ist ein sogenanntes Computer Emergency Response Team (CERT) – eine schnelle Eingreiftruppe für Computersicherheit. Drei weitere solcher Response Teams sollen im Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) sowie beim Bundeskriminalamt (BKA) abgestellt werden.

Diese Internetkrieger sollen angeblich rein defensiv arbeiten. Doch wer eine starke Abwehr aufbauen will, muss immer neue Attacken auf die eigenen Systeme simulieren, dazu immer neue Viren und Schadprogramme entwickeln.

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Dabei wäre die effektivste Antwort auf Bedrohungen des Cyberkrieges das genaue Gegenteil von digitaler Aufrüstung. Wer verhindern will, dass von außen auf sensible Hard- und Software zugegriffen werden kann, der muss tatsächlich nur eines tun: «Stecker ziehen!» So jedenfalls sieht es Sandro Gaycken, IT-Experte der Freien Universität Berlin: «Der richtige Schritt [gegen den Cyberwar]wäre eine Entnetzung. Die Netzwerke müssten zurückgebaut und verkleinert werden. Während der letzten 20 Jahre wurde schleichend überall IT hingebaut. (…) Deshalb ist mein Rat, am besten das ganze Zeug wegzuschmeißen (…).»

Über den Autor

Marc Dassen

Marc Dassen wurde 1989 in Aachen geboren und hat Anfang 2015 sein Studium der Geschichte und Philosophie mit dem Bachelor-Grad abgeschlossen. Seither arbeitet er als Journalist für COMPACT-Magazin.

 

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