„Jazz und ein bisschen Revolution“: 40 Jahre „Solo Sunny“

2

Vor 40 Jahren kam der Film „Solo Sunny“ in die Kinos der DDR. Er drückte das Lebensgefühl vor allem der jungen Generation in einer bleiernen Zeit aus und hat deshalb auch heute noch Strahlkraft. Das Jubiläum passt in eine ebenfalls bleierne Gegenwart, in der zahlreiche junge Menschen wieder aufbegehren. Lesen Sie Auszüge aus dem Artikel „,Jazz und ein bisschen Revolution‘: 40 Jahre ,Solo Sunny'“ vollständig in COMPACT 09/2020 – hier bestellen.

_ von Dieter Jörg List

Noch einmal lag für eine kurze Zeit Veränderung in der Luft von Karl-Marx-Stadt bis Berlin. Wir durften relativ problemlos (nicht aus heutiger Sicht, sondern für DDR-Verhältnisse) mit Visa nach Ungarn oder Bulgarien reisen. So konnten wir die weltstädtische Atmosphäre von Budapest mit der herrlichen Architektur genießen. Im dort angesagtesten Buchladen konnten wir Westbücher vieler weltbekannter Schriftsteller und international renommierter Verlage kaufen, sogar Solschenizyns Archipel Gulag, Orwells 1984 oder auch Bergbücher von Reinhold Messner.

Dieser Film war die Aufforderung, für unsere Träume zu leben.

Unser Budget reichte aber immer nur für zwei bis drei Bände. Zum einen hatten wir als Studenten nicht viel, zum anderen war der Umtausch in Forint begrenzt. So kostete ein kleines broschiertes Buch umgerechnet circa 35 bis 45 Ostmark, das entsprach ungefähr dem Umtauschsatz pro Person für einen Tag. Aber wir kauften uns auch westdeutsche und englischsprachige Tageszeitungen. Wir konnten stundenlang in dieser Buchhandlung herumstöbern, lesen, uns einen Überblick verschaffen und zu unserer Überraschung sogar Freunde und Bekannte aus der DDR treffen.

Aus Sicht ihrer Kollegen war Sunny «nicht mehr ganz jung, aber immer noch Nachwuchs». Foto: Filmmuseum Potsdam

Der Schock kam dann spätestens bei der Rückkehr und dem Übertreten der DDR-Grenze. Wir trafen auf unfreundliche Grenzer und patzige Zöllner, graue Fassaden, eben den tristen SED-Staat. Wir sahen gleich die schweren Umweltschäden aufgrund des Massensterbens der Bäume von Reitzenhain. Für uns war unser Land trotz aller Probleme mit dem weiteren Aufbau des real existierenden Sozialismus ein schönes Land – jedenfalls bis dahin. Erst mit dem gewonnenen Abstand und dem «Welt anschauen», nicht dem von Manne Krug, sondern unserer abgespeckten DDR-Version im Kleinen, erst damit veränderte sich unsere Sicht.

Dann kam 1980, kurz nach unserem Ungarn-Ausflug, der Film „Solo Sunny“ von Konrad Wolf in unsere Kinos, mit der auch 40 Jahre später noch sehr guten Musik von Günther Fischer. Ich war noch bis Freitagnachmittag auf einer Großbaustelle, Steffi holte mich direkt vom Arbeiterbus ab. Seit Wochen hatten wir uns auf die Premiere an diesem Tag gefreut. Wir waren dabei und ahnten damals noch nicht, dass unsere nächste Kino-Premiere erst 19 Jahre später mit dem Film Sonnenallee kommen sollte…

Happy End im Hinterhof

Biografie «Meine wunderbaren Jahre von Karl-Marx-Stadt» von Dieter Jörg List. Erhältlich im COMPACT-Shop.

Ich saß im Kinosaal und wurde fast sofort in die Geschichte hineingezogen: Es ging um eine junge Sängerin in der DDR-Musikszene, deren berufliche wie private Träume vom kleinen Glück nur schwer mit den widrigen Umständen des sozialistischen Alltags in Einklang zu bringen sind. Trotz aller Niederlagen lässt sich Sunny nicht entmutigen und versucht einen neuen Anfang. Der Streifen endet in einer optimistischen Schlusssequenz mit einer Skiffle-Band. Der ganze Film wird getragen von der wunderbaren Musik Fischers, die direkt unter die Haut geht. Verstärkt wird diese Wirkung durch die Gesangstitel von Regine Dobberschütz. «Man müsste etwas ganz anderes machen… (Ende des Auszugs)

Dieser Artikel erschien im COMPACT-Magazin 09/2020. Diese Ausgabe können Sie in digitaler oder gedruckter Form  hier bestellen.

_ Dieter Jörg List wurde 1957 in Karl-Marx-Stadt geboren und lebt bis heute in Chemnitz. 1978 trat er aus der Parteijugend FDJ aus und durfte für einige Jahre nicht studieren, konnte aber später doch Ingenieur werden. 1989 beteiligte er sich an der friedlichen Revolution in seiner Heimatstadt. Heute engagiert er sich bei Pro Chemnitz. – Im Eigenverlag hat er seine Biografie «Meine wunderbaren Jahre von Karl-Marx-Stadt» veröffentlicht, die auch im COMPACT-Shop erhältlich ist.

 

 

Über den Autor

COMPACT-Magazin

2 Kommentare

  1. Avatar

    Die studentische BRD-Jugend begehrt nicht auf:
    Sie kämpft für Klima und gegen Adolf Hitler.
    Langweiliger geht’s kaum.

    • Avatar

      Die jugendlichen West BRiD Insassen sind ja auch komplett verblödet.

      Was da für Kasper in schieren Massen auf den Straßen herumlaufen
      Derlei Idioten sind in Mitteldeutschland die absolute Ausnahme und die werden auch gemieden.

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln. Kommentare sind nur innerhalb von 24 h nach Veröffentlichung des Artikels möglich.

Empfehlen Sie diesen Artikel