In den Katakomben der Résistance

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Weite Teile Europas haben vor dem Islam kapituliert, in Frankreich herrscht ein Kalifat, die letzten Christen in Paris vegetieren in Ghettos vor sich hin – in ständiger Angst vor der Scharia-Polizei: Das ist der düstere Hintergrund des Zukunftsthrillers «Die Moschee Notre-Dame. Anno 2048». Doch die russische Autorin hat nicht nur die Apokalypse beschrieben, sondern auch die Auferstehung.

Jelena Tschudinowa im Gespräch mit Jürgen Elsässer

COMPACT: Frau Tschudinowa, in Ihrem Buch wird der Aufstand gegen das Kalifat in Frankreich unter anderem von dem serbisch-russischen Agenten Slobodan angeführt. Warum haben Sie diese Figur gewählt? Oder allgemeiner gefragt: Glauben Sie, dass die Widerstandskraft Westeuropas im Kampf gegen die Islamisierung zu schwach ist, wenn nicht das slawisch-orthodoxe Element zu Hilfe kommt?

Tschudinowa: Ich persönlich bin Katholikin und Traditionalistin. Aber ich bin auch Russin. Ich erinnere daran, dass zu Anfang des 19. Jahrhunderts, als die Welt nach den grausamen Kriegen Bonapartes in Ruinen lag, mein Land durch seinen Herrscher einen wundervollen und großartigen Anfang vorgeschlagen hatte: die Heilige Allianz. Ihr Prinzip: Ein Christ zieht nicht gegen einen anderen Christen in den Krieg. Wenn
Europa im 20. Jahrhundert den gleichen Weg eingeschlagen hätte, wie viel Leid wäre uns erspart geblieben!
Aber es ist noch nicht zu spät. Mein neues Buch Die Gewinner handelt vom Traum einer Zweiten Heiligen Allianz. Ich bin gegen die Ökumene, aber politisch und im Sinne des Wertekanons sollte es einen Schulterschluss der christlichen Völker geben.

COMPACT: Noch mal zu Slobodan: Warum haben Sie gerade einen Serben zu einer Zentralfigur gemacht? Weil für Sie der Vorstoß der Muslime in den 1990er Jahren auf dem Balkan das Vorspiel
zum Dschihad gegen Europa war?

Tschudinowa: Einen Hauptprotagonisten gibt es in dem Buch nicht. Vielmehr gibt es mehrere Protagonisten entsprechend den zu vermittelnden Botschaften. Aber ja, Sie haben den Grund für das Auftauchen der Figur Slobodan in meinem Roman richtig erraten. Wir in Russland wissen so einiges über das Kosovo: ein Knotenpunkt für Drogenhandel, ein Zentrum für den Handel mit menschlichen Organen, wofür unschuldige Opfer gekidnappt werden. Und die Bombardierung Belgrads durch die NATO 1999?! Ich weiß nicht, warum Russland die Serben nicht beschützt hat. Kosovo ist das heilige christliche Gebiet des
serbischen Volkes. Es ist aber verloren. Was werden wir noch verlieren? Poitiers? Reims?

COMPACT: In Ihrem Roman finden im Aufstand gegen das Kalifat zwei Kräfte zusammen: die Christen in den Katakomben von Paris und die Partisanen des Maquis, die nicht oder nicht besonders religiös sind. Ist das nicht eine Art Querfront von Anhängern Jeanne d‘Arcs und Robespierres?

Tschudinowa: Der ungläubige junge Mann in meinem Roman ist nicht nur bereit, für die Kathedrale zu kämpfen, sondern auch mit ihr zu fallen, und dient schließlich das erste Mal in seinem Leben als Messdiener im Gottesdienst. Der tragende Gedanke dabei ist, dass die noch gestern ungläubigen Maquisards heute im Kampf um die Kathedrale sterben. Wir dürfen uns nicht von Nichtgläubigen distanzieren, sondern sollten sie durch das Beispiel eines christlichen Lebens bekehren.

COMPACT: Mir scheint, als ob sich dieses Bündnis zwischen gläubigen Orthodoxen und ungläubigen Revolutionären bereits realisiert hat, und zwar im Donbass. Dort kämpfen Sowjetnostalgikerund Neozaristen Schulter an Schulter für die neue Volksrepublik und gegen den NATO-Faschismus des Kiewer Regimes.

Tschudinowa: Ich muss mit großem Bedauern sagen, dass diese Konstellation im Donbass viel mehr das Jahr 2014 widerspiegelt als das Jahr 2017. 2014 sind Anhänger der Weißen Bewegung und Monarchisten mit Stalinisten und Nationalbolschewiken zusammen in den Kampf gezogen. Aber die Bedingung dafür war,
dass die Ersteren die unbestrittene Führung innehatten. Ich persönlich kenne einen Kommandanten der
Donbass-Volksmiliz, Igor Borisowitsch Iwanow, das Oberhaupt der ROVS, der Russischen Militärunion –
einer Organisation, die im Bürgerkrieg gegen die Roten 1920 vom «weißen» Baron Wrangel gegründet
worden war. In Slawjansk [umkämpfte Stadt im Donbass] gab es 2014 gemeinsame Moleben [Bittgottesdienste] und Prozessionen mit Heiligenbildern – das war eine romantische Periode. In Slawjansk
sind damals alle Vorräte an Spirituosen auf dem Asphalt zerschlagen worden, denn der russische Soldat
soll nüchtern sein! Die kleinsten Plünderungen wurden sehr hart bestraft. Aber das war «zu Zeiten der Weißen». Jetzt ist die Herrschaft «errötet». Anstatt der Helden haben wir heute einen Schriftsteller-
Kommunisten Sachar Prilepin, der schicke Fotos in Schützengräben und eigene PR-Arbeit mit russischem
Blut macht. Unter roter Führung wird eskeinen russischen Sieg geben. Viele der Weißen und der Monarchisten sind im Donbass geblieben –  ohne jede Hoffnung auf einen Sieg, aber zum Schutz
der Alten und der Kinder, die fast täglich bei ukrainischen Bombenangriffen ums Leben kommen. Alles
ist ziemlich kompliziert in der [Donbass-Volksrepublik] Noworissija. Es ist eigentlich ein eigenes Thema
– ein riesiger russischer Schmerz.

COMPACT: Ihr Roman endet mit dem geplanten und erfolgreichen Rückzug der Christen aus Paris, vermutlich in den Untergrund auf dem Land: eine neue Résistance. Doch die historische Résistance
im 2. Weltkrieg siegte nur, weil die Alliierten von außen zu Hilfe kamen, und wo diese Hilfe fehlte, wie in der Vendée während der Französischen Revolution, scheiterten die Aufständischen. Wer also wird dem Widerstand gegen das europäische Kalifat dereinst zu Hilfe kommen? Russland?

Tschudinowa: Sie haben Recht: Ohne Hilfe gehen die Chouans [monarchistische Aufständische gegen die französische Revolution]aller Epochen zu Grunde. Aber ich will ganz direkt antworten. Erinnern Sie sich an den Dialog meiner Romanfiguren Eugène-Olivier und Jeanne? Der Junge sagt bei der Flucht aus Paris: «Wir kehren in Panzern zurück.» – «In russischen Panzern?», fragt Jeanne zögerlich. Sie hatte Russen niemals kennengelernt. «Sophia [eine Kommandantin der Aufständischen]ist Russin», beruhigte sie der Junge. «Nun, wenn alle Russen so sind, dann ist ja gut.»

Aber dieser Dialog ist einer zwischen zwei Kindern – keine Prognose, sondern eine Wunschvorstellung. Mein russischer Traum ist, dass wir es sein werden, die alle retten. Aber jetzt ist es noch weit bis 2048, und wir wissen nicht, welches Land als erstes die christliche Vernunft zum Ausdruck bringt. Und ist das eigentlich überhaupt wichtig?

COMPACT: Kann Europa auf Russland hoffen?

Tschudinowa: Ich finde, dass Russland sich nur teilweise von der westlichen Umklammerung lösen konnte. Wenn man das mit den Zeiten Jelzins, der Russland verkauft hat, vergleicht, dann ja, mit Sicherheit… Zur
Zeit gibt es wenigstens keine vollkommene Preisgabe unserer Positionen, deshalb ist Putin beliebter als Jelzin. Aber um von einer Rückkehr zu einem eigenständigen politischen Kurs zu sprechen, ist es noch zu früh. In der Donbass-Frage nimmt Russland jedoch Rücksicht auf den Westen. Es gäbe ansonsten keine «Volksrepublik Donezk» und keine «Volksrepublik Lugansk» [die prorussischen Gebiete im Donbass], sondern einfach nur Russland – so wie es das Volk im Donbass will.

Das Interview erschien zuerst in COMPACT 01/18

Sie können die Autorin auf einer COMPACT-Veranstaltung im Rahmen von ‚Leipzig liest‘ auf der Leipziger Buchmesse kennen lernen:

Donnerstag, 15.03.2018
Uhrzeit 17:30 – 18:00 Uhr
Ort: Leseinsel Halle 3, Stand H504 (direkt gegenüber vom COMPACT-Stand!)
Titel: Die Moschee Notre-Dame: Anno 2048
Mitwirkende: Autorin Jelena Tschudinowa, Jürgen Elsässer (COMPACT-Chefredakteur)

Unser Stand befindet sich in Halle 3, Stand G602 – weitere Veranstaltungen

Achtung: Wir werden Tschudinowas Buch – Ladenpreis 22 Euro – auf der Buchmesse (und nur dort!) jedem schenken, der COMPACT abonniert – und Frau Tschudinowa wird es signieren (15. März, 17:30 Uhr).

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