Ich hatt‘ einen Kameraden

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Trauer um Manuel Ochsenreiter, meinen guten Kameraden

Ein Schock: Manuel soll gestern in einem Moskauer Krankenhaus an einem Herzinfarkt gestorben sein! Mit erst 45 Jahren! Ein grausamer Verlust! Er war einer der besten Leute auf der politischen Rechten, aufrecht und treu, dabei immer humorvoll und nicht verbiestert. Mir war er ein guter Kamerad, und wenn Not am Mann war, waren wir füreinander da. Dass er Chefredakteur von Zuerst! war und ich von COMPACT, haben wir nie als Sache der Konkurrenz verstanden, sondern als Aufgabe der Synergie.

Ich lernte ihn schon 2008 kennen. Wir trafen uns im Geheimen, denn ich war damals noch Mitarbeiter der linken Tageszeitung Neues Deutschland. Wäre es herausgekommen, dass ich mich mit einem böööösen Rechten traf, hätte ich Schwierigkeiten bekommen können. Aber mir war das egal, und das Treffen war sehr erfreulich. Wir redeten, als ob es keine ideologischen Unterschiede gäbe, und bei aktuellen Fragen – damals hatten die Russen gerade den Georgienkrieg gewonnen – waren wir schnell einer Meinung. Als ich ihn zum ersten Mal in seiner kleinen Wohnung besuchte, es wird 2010 gewesen sein (siehe dazu das Aufmacherfoto dieses Artikels), hing da ein Riesenporträt von Stalin über dem Sofa. Ich habe bei Manuel nie kapiert, ob das reine Provokation gegen seine braven rechten Freunde war oder inhaltliche Nähe. Jedenfalls hatte er seine NS-Affinität, die seine frühen 1990er Jahre noch  prägten, längst abgestreift, lange vor unserem ersten Treffen. Seine Mitarbeit bei der Jungen Freiheit, zeitweise als Ressortleiter, kündigte er Anfang der Nullerjahre. Er war ein Nationalrevolutionär und badete nicht gerne lau.

In den Jahren 2010 bis 2015 sahen wir uns oft. Er hatte im Munier-Verlag zusätzlich zur Deutschen Militärzeitung noch die neugegründete Zuerst! übernommen, etwa ein halbes Jahr vor dem COMPACT-Start. Die doppelte Aufgabe belastete ihn bis an die physischen Grenzen. Ich lud ihn ein, zu COMPACT zu wechseln, da hätte er einen ruhigeren Job. Er hätte das gern gemacht, aber winkte dennoch ab. Ausschlaggebend war seine Treue zu seinem Verleger, dem er im Wort stand, und ein Deutscher bricht sein Wort nicht. So war er! Und dafür habe ich ihn geschätzt und geliebt, obwohl er mein Angebot ausgeschlagen hatte.

Aus der Überlastung flüchtete er in noch größere Überlastung: Er reiste ab 2013 häufig nach Syrien, berichtete direkt von der Front. Als ich mal mit ihm telefonierte, ratterte im Hintergrund das Maschinengewehr. Er war furchtlos, ohne Fehl und Tadel. 2014 forderte der Stress seinen Preis: Er bekam den ersten Herzinfarkt, in Damaskus. Er überlebte nur, weil er gute Kontakte zu Ministerien hatte und im Krankenhaus der Assad-Regierung behandelt wurde.

Ochsenreiter (l.) das letzte Mal im COMPACT-Studio, Jahresanfang 2018

Das nächste Mal sahen wir uns 2017, auf der großen Russland-Konferenz der AfD in Magdeburg, damals noch von André Poggenburg veranstaltet. Er hatte sich ein neues, seriöses Auftreten verpasst, sprach über Geopolitik und mied jede Polemik. Die Ausgewogenheit nutzte ihm nichts: Er geriet schon allein deswegen ins Visier der Hetzer und Häscher, weil er für Frieden mit Russland eintrat und mit Alexander Dugin an einem Netzwerk arbeitete, das die Blöcke überspannte. Ein solcher Mann war gefährlich für die NATO! Im Jahr 2019 erhob Polen Anklage gegen ihn, weil er in einen Brandanschlag auf eine polnische Kultureinrichtung in der Ukraine verwickelt sei. Jeder, der ihn kannte, wusste: eine schmutzige Lüge! Manuel war kein Gewaltanhänger. Er war sanft, vielleicht zu sanft.

Aus Angst vor Auslieferung an Polen und später an die Ukraine floh Manuel aus Deutschland. Ein schwerer Schlag war die mangelnde Solidarität mit ihm: Alle AfD-Politiker, für die er zeitweilig gearbeitet und denen er immer ein Forum in Zuerst! geboten hatte (auch denen, die langweiligen Stuss verbreiteten…), wandten sich von ihm ab. An Schäbigkeit war das nicht zu übertreffen. Ich bot Manuel an, dennoch eine Solidaritätsbewegung für ihn zusammenzustellen, auch in der AfD ließen sich vielleicht noch einige Aufrechte finden, machte ich Mut – doch er war schon zu resigniert. Selbst in Zuerst! wurde – anders als in COMPACT in der Ausgabe 5/2019 – der Umstand nicht groß skandalisiert, dass der Chefredakteur eines legalen Magazins ins Exil gezwungen worden war… Manuel machte einfach weiter als Chefredakteur, obwohl er gar nicht mehr in Deutschland lebte. Wie er das geschafft hat? Keine Ahnung! Ich könnte es nicht…

Mich ließ er immer im Unklaren, wo er Asyl gefunden hatte; ließ nur – unter Lachen – durchblicken, es sei irgendwo in Nordafrika. Ich vermutete Syrien, die Heimat seiner zweiten Frau, einer armenischen Christin. Jetzt soll er in Moskau gestorben sein. Bevor jemand Verschwörungstheorien ausbrütet: Manuel war tatsächlich körperlich angeschlagen. Nach seinem ersten Herzinfarkt, siehe oben, war er nur kurzzeitig kürzer getreten, und die E-Zigaretten schmeckten ihm auch bald nicht mehr. Viel Bier, viel Tabak, viel Steaks, viel Stress, viele Enttäuschungen – das kann auch einen starken Mann umhauen. Zu Jahresanfang 2021 berichtete er mir, er sei über eine Woche im Krankenhaus gewesen, wegen Corona…

Jetzt gerade ist mir eine irre Idee gekommen: Manuel ist gar nicht tot. Er hat den Herzinfarkt fingiert. Mit falschen Papieren, ausgestellt von seinen russischen Freunden, will er den NATO-Häschern entkommen und in der BRD eine neue Existenz aufbauen. Zuzutrauen wäre es ihm, dem Schlitzohr.

Sei es, wie es ist: Ich denke an Dich, lieber Manuel. Gott der Herr beschütze Dich auf allen Wegen!

 

 

Über den Autor

Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957, arbeitete seit Mitte der neunziger Jahre vorwiegend für linke Medien wie Junge Welt, Konkret, Freitag, Neues Deutschland. Nachdem dort das Meinungsklima immer restriktiver wurde, ging er unabhängige Wege. Heute ist er Chefredakteur von COMPACT-Magazin. Alle Onlineartikel des Autors

14 Kommentare

  1. alter weiser weißer mann am

    Die tiefrote Maybrit Illner hat auch das Schummellieschen eingeladen.
    Und die übrige Runde war auch sehr "kompetent"

    Taliban vor den BuntenTag – sofort! ;-) ;-)

  2. Merkwürdig. "Kein Deutscher darf an das Ausland ausgeliefert werden " ,Art. 16 GG.

  3. Kannte ihn nur dem Namen nach … und von seiner Tätigkeit als Chefredakteur von ‚Zuerst‘. Dass er so überlastet war, war mir unbekannt. Sollte er tatsächlich gestorben sein … RIP, Manuel Ochsenreiter!

  4. Marques del Puerto am

    Ein ganz toller und stressfreier Typ ohne Frage.
    Wir hatten nur einmal 2018 kurz telefoniert und ich hatte ihn eingeladen zum August als spez. Gast.
    Er hatte aber gleich abgelehnt ohne direkte Gründe zu nennen, einfach zu viel Arbeit war die Überschrift.
    Das war bei ihm immer so, 20h am Tag Journalist zu sein war für ihn keine Seltenheit.
    Er lebte und liebte diesen Beruf. Selber wusste er wie angeschlagen sein Gesundheitszustand war, aber er konnte nicht anders.
    Manuel Ochsenreiter wird uns fehlen, einer der Besten ist für immer gegangen …

    Hochachtungsvoll…
    Marques del Puerto

  5. Wolfgang Eggert am

    feiner, würdiger nachruf. aber: wie kann man eine ns-affinität wieder abstreifen, ohne auftrag?
    wie soll das gehen?

    • WAS GENAU … heißt denn eigentlich: NS-Affinität?? Nur zum Beispiel: Hans-Ulrich Rudel war mit Sicherheit Nationalsozialist; Michael Wittmann ebenfalls. Und sicher noch viele andere, die den Genannten ähnlich waren. Und wenn ich heute auf youtube clips über diese neiden Personen und ihre militärischen Leistungen sehe, dann empfinde ich einfach … innere Nähe! Bin ich deshalb jetzt NS-affin?

      Manches im damaligen Deutschland mag unsäglich gewesen sein … aber … wenn ich heute die Wahl hätte zwischen einem Leben im damaligen Deutschland (vor dem Krieg) und einem Leben in dem, was heute als Deutschland bezeichnet wird – und von 99% der sogenannten Biodeutschen auch so empfunden wird – … dann fiele mir die Wahl nicht schwer.

      Und ansonsten: Das ‚Abstreifen‘ von NS-Affinität geschieht ganz einfach durch das Empfinden von Erfahrung; der Erfahrung, die man im Laufe seines Lebens eben jeden Tag empfinden muß … man wird ja nicht von seinen Erfahrungen gefragt "Willst du mich auch empfinden?", sondern … sie kommen einfach und man muß sie empfinden.

      • Teil 2

        Und wenn man mit 20 Jahren durch die bis dahin empfundene Erfahrung ein Ich hat, das einen große Nähe zum Nationalsozialismus empfinden läßt, so kann sich das durch die Erfahrung, die man in den nächsten Jahren und Jahrzehnten empfinden muß, vollständig ändern.

        Das ‚Ich‘ ist ja ein rein psychisches Institut, d.h. es baut sich ausschließlich durch das Empfinden von Erfahrung auf. Und wenn die die empfundene Erfahrung sich ändert … ändert sich das ‚Ich‘. Und genau so kann man auch eine einmal bestanden habende ‚NS-Affinität‘ verlieren und durch etwas anderes ersetzen.

      • Wolfgang Eggert am

        danke für die interessante antwort, otto. wenn ochsenreiter nun buddhist geworden wäre (und in seiner praxis entsprechende bestärkende erfahrungen gemacht hätte), dann würde ich das abstreifen des alten halbwegs nachvollziehen können. er blieb aber ein politischer mensch – und da erscheint es mir unmöglich, von hitler auf stalin umzuschalten. oder vom ns auf die plutokratie des westens.

      • Wolfgang Eggert am

        als politischer mensch kann man aus bestimmten systemen nicht mehr herausfallen, selbst wenn man in einem unterpunkt enttäuscht wurde. gaddafi, chavez, peron, hitler und olof palme sind beispiele – alles fünf dritte wege, die in sich so viel positivistisches aus anderen (mitunter konträr zueinander liegenden) bewegungen aufgesogen haben, daß alles da zu sein scheint. selbst negatives relativiert sich dann in bezug auf eine eigene neuausrichtung. ein nationalsozialist der vom t4-programm erfuhr mochte danach trachten die beteiligten ärzte und auftraggeber (ggf. sogar hitler selbst) an die wand zu stellen blieb aber nationalsozialist. und so starben die von der ss 1934 an die wand gestellten linken national-sozialisten mit dem deutschen gruß, teilweise sogar mit "hh" auf der sterbenden zunge. stauffenbergs letzte worte waren nicht minder ein bekenntnis

  6. heidi heidegger am

    Ochsensepp (BVP/CSU) und ²Ochsenreiter: legendäre Typen..mehr davon! gerne träume ich zamm mit Jürgen, wanns ich darf: ²he isch on a mission, mja.

  7. Cäcilia Allenstein am

    Moin, sollte Manuel tatsächlich tot sein macht mich dass sehr traurig. Beim Lesen der Nachricht, hier, am heitigen Nachmittag , war ich total erschüttert. Habe in der Vergangenheit öfter mit ihm telefoniert, er war ein sehr belesener, intelligenter , bodenständiger Mann mit sehr sehr viel Idealismus und Mut. Allein dafür habe ich ihn sehr bewundert und respektiert und tue es bis heute. Bin sehr traurig, wünsche seinen Kindern und seiner Frau sehr viel Kraft und Stärke. Wir brauchen viel mehr von solchen tapferen, loyalen , treuen Männern!! Frieden für Dich, Manuel , egal wo du jetzt bist,
    Hauke Claus

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