Sie faszinieren Jung und Alt bis heute: Die von Jacob und Wilhelm Grimm zusammengetragenen Märchen und Sagen. Nun sind diese einzigartigen Werke in einer neuen Gesamtausgabe erschienen. Zwei Bände im edlen Schuber. Ideal als Geschenk! Hier mehr erfahren.

    Schneewittchen und Dornröschen, Hänsel und Gretel, der Rattenfänger von Hameln oder Tannhäuser: Nicht nur jedes Kind kennt diese Figuren. Viele ihrer Geschichten sind weit älter als die Bücher, in denen wir sie heute lesen. Dass sie nicht verloren gingen, verdanken wir zwei Brüdern: Jacob und Wilhelm Grimm.

    Ihre »Kinder- und Hausmärchen« gehören zu den bekanntesten Werken der Weltliteratur. Kulturgeschichtlich nicht weniger bedeutend sind die »Deutschen Sagen«, die sie zusammengetragen haben. Beide Sammlungen führen zurück in eine Erzählwelt, in der sich Volksglaube, historische Erinnerung und überkommene Vorstellungen von Recht und Unrecht, Schuld und Strafe, Glück und Unglück erhalten haben.

    Zwei Brüder und ein Lebenswerk

    Jacob Grimm wurde 1785 geboren, sein Bruder Wilhelm ein Jahr später. Beide kamen in Hanau zur Welt. Nach dem frühen Tod des Vaters geriet die Familie in finanzielle Schwierigkeiten. Ihre Jugend verbrachten die Brüder zunächst in Steinau, später besuchten sie das Lyzeum in Kassel. Anschließend studierten beide Rechtswissenschaft in Marburg.

    Doch beim Jurastudium blieb es nicht lange. Ihr Interesse galt zunehmend der Sprache, der Literatur und der Geschichte. Besonders die schriftlichen Zeugnisse des Mittelalters faszinierten sie. Die Brüder kehrten nach Kassel zurück. Die hessische Residenzstadt wurde für viele Jahre zum Mittelpunkt ihres Lebens und ihrer wissenschaftlichen Arbeit.

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    Jacob arbeitete dort unter anderem als Bibliothekar, später waren beide an der kurfürstlichen Bibliothek tätig. Vor allem aber entstand in und um Kassel jenes Netzwerk von Bekannten und Erzählerinnen, aus dem zahlreiche Geschichten für die »Kinder- und Hausmärchen« kamen. Um 1806 begannen die Brüder, diese Überlieferungen systematisch zu sammeln.

    Die Grimms gehörten damit zu den bedeutenden deutschen Gelehrten des 19. Jahrhunderts und wurden zu Wegbereitern der Germanistik. Jacob beschäftigte sich intensiv mit Sprachgeschichte, Mythologie und alten Rechtsvorstellungen. Wilhelm widmete sich vor allem der mittelalterlichen Dichtung und der literarischen Überlieferung. Gemeinsam begannen sie später ihr monumentales »Deutsches Wörterbuch«.

    Auch politisch bezogen die Brüder Stellung. Als der Hannover’sche König Ernst August 1837 die Verfassung außer Kraft setzte, gehörten Jacob und Wilhelm zu sieben Göttinger Professoren, die öffentlich protestierten. Die »Göttinger Sieben« verloren daraufhin ihre Ämter.

    Aus den Quellen des Volkes

    Die Grimms lebten in einer Zeit politischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Französische Revolution und napoleonische Herrschaft hatten die politische Ordnung Europas erschüttert. Alte Dynastien verschwanden, neue Staaten entstanden. Gleichzeitig veränderten Industrialisierung und soziokultureller Wandel das Leben der Menschen.

    Die Romantik reagierte darauf mit einem neuen Interesse an Geschichte, Mittelalter, Volksliedern, Mythen und mündlicher Überlieferung. In diesem Umfeld begannen Jacob und Wilhelm um 1806, Märchen systematisch zusammenzutragen. Später entstand daraus ein schönes, aber falsches Bild: Die Brüder seien durch die Dörfer gewandert, hätten sich in Bauernstuben an den Herd gesetzt und dort uralte Geschichten gehört und aufgeschrieben.

    Alte Sagen und Erzählungen: Sie vermitteln der jungen Generation Mut, Tapferkeit, Gerechtigkeit, kulturelles Wissen und Identität. Foto: COMPACT/ChatGPT

    Doch so einfach war es nicht. Viele ihrer Erzähler kamen aus bürgerlichen oder adligen Familien. Eine wichtige Rolle spielten Frauen bei der Überlieferung. So steuerte die Schneidersfrau Dorothea Viehmann etwa 40 Märchen bei. Marie Hassenpflug, deren Familie hugenottische Wurzeln hatte, erzählte Geschichten, in denen sich teilweise französische Einflüsse erkennen lassen. Auch Dortchen Wild, die spätere Frau Wilhelm Grimms, gehörte zum Kreis der Gewährsleute. Andere Stoffe fanden die Brüder in bereits gedruckten Quellen oder erhielten sie schriftlich zugesandt.

    Und noch etwas gehört zur Entstehungsgeschichte: Die Grimms schrieben die Erzählungen nicht einfach wortgetreu ab. Vor allem Wilhelm überarbeitete sie immer wieder. Er glättete die Sprache, ergänzte Redewendungen und gab vielen Geschichten erst jenen unverwechselbaren Ton, den wir heute mit einem Grimm’schen Märchen verbinden.

    Neid und Gier, Liebe und Treue

    Im Jahr 1812 erschien der erste Band der »Kinder- und Hausmärchen«, 1815 folgte der zweite. Anfangs richtete sich das Werk keineswegs ausschließlich an Kinder. Die Grimms verstanden ihre Sammlung auch als wissenschaftliche Arbeit an der volkstümlichen Überlieferung.

    Doch das Werk veränderte sich. Von Auflage zu Auflage wurden die Texte überarbeitet. Manche Geschichten verschwanden, andere kamen hinzu. Die illustrierte »Kleine Ausgabe« von 1825 erreichte schließlich ein größeres Publikum. Bis zur Ausgabe letzter Hand von 1857 entstand so das Märchenbuch, das Generationen von Lesern prägen sollte.

    Der Reinhardswald in Nordhessen inspirierte die Gebrüder Grimm und Annette von Droste-Hülshoff. Ein wahrhaft märchenhafter Ort.
    Foto: Heinz Mathis, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

    Die Welt, von der die Märchen zeugen, ist alles andere als harmlos. Kinder werden im Wald ausgesetzt, Hexen und böse Stiefmütter bedrohen ihre Opfer, Menschen werden verzaubert, verstümmelt oder getötet. Zugleich siegen vermeintlich Schwache über Mächtige, arme Leute gelangen zu Glück und Wohlstand, und wer Mut, Klugheit oder Treue beweist, wird belohnt.

    Gerade das macht viele dieser Geschichten auch heute noch lehrreich. Sie erzählen von Ängsten und Hoffnungen, die sich kaum verändert haben: von Verlust, Neid und Gier, von Liebe und Treue, von Ungerechtigkeit und dem Wunsch, dass am Ende doch noch alles ins Lot kommt.

    Über Generationen hinweg

    Vier Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes  der »Kinder- und Hausmärchen«, 1816, erschien der erste Band der »Deutschen Sagen«, 1818 der zweite. Zum Verkaufsschlager wurden die Bücher zunächst nicht – zu Lebzeiten der Brüder erschien keine zweite Auflage. Für die Erforschung von Volksglauben und Erzähltraditionen wurde die Sammlung trotzdem wegweisend.

    Den Unterschied zwischen beiden Gattungen brachten die Grimms selbst auf eine einfache Formel:

    »Das Märchen ist poetischer, die Sage historischer.«

    Ein Märchen braucht keinen bestimmten Ort. Es beginnt irgendwann, irgendwo. Die Sage dagegen will wissen, wo etwas geschehen ist. Sie ist verbunden mit einem Berg, einer Burg, einem Wald oder einer Stadt. Auch historische Personen und Ereignisse können zum Ausgangspunkt werden.

    Der Rattenfänger gehört zu Hameln, Tannhäuser zur Wartburg. An einem Felsen soll einst ein Riese gewirkt haben, in einem Berg schläft ein längst vergangener Herrscher, auf einer alten Burg geht ein Geist um. Reale Orte bekommen so eine zweite Geschichte. Das macht den besonderen Reiz der Sage aus. Das Unheimliche und Wunderbare geschieht nicht in einem fernen Märchenreich. Es geschieht gleich nebenan.

    Siegfried lässt sich von dem Zwerg Regin das Schwert Balmung schmieden. Fresko (1880) von Wilhelm Hauschild (1827–1887). Foto: CC0, Wikimedia Commons

    In den »Deutschen Sagen« finden sich Spuren traditioneller Glaubensvorstellungen, lokaler Traditionen und historischer Erinnerungen. Zwerge und Riesen treten auf, Nixen und Geister, Teufel und Wiedergänger. Daneben stehen Könige, Ritter und andere Gestalten der Geschichte.

    Märchen und Sagen ergänzen sich dabei und folgen einem Grundgedanken der Romantik: Alte Geschichten waren kein wertloser Aberglaube, den eine aufgeklärte Gesellschaft möglichst schnell vergessen sollte. Sie erzählten etwas über die Menschen, die sie über Generationen hinweg weitererzählten.

    Von Kassel in die ganze Welt

    Der Erfolg der »Kinder- und Hausmärchen« blieb keineswegs auf den deutschen Sprachraum beschränkt. Schon im 19. Jahrhundert wurden die Geschichten in zahlreiche Sprachen übersetzt. Heute gehören sie zu den international bekanntesten Werken deutscher Literatur. Figuren wie Schneewittchen, Rapunzel oder der Froschkönig sind längst Teil einer weltweiten Populärkultur.

    Die Gebrüder Grimm beeinflussten die Entstehung der modernen Märchenforschung entscheidend. Wissenschaftler begannen, Erzählungen aus verschiedenen Ländern miteinander zu vergleichen, gemeinsame Motive zu bestimmen und ihre Verbreitungswege nachzuzeichnen. Daraus entstand später die internationale Klassifikation von Märchentypen, die heute als Aarne-Thompson-Uther-Index bekannt ist. Noch immer dient sie Forschern dazu, verwandte Erzählungen über Sprach- und Landesgrenzen hinweg einzuordnen.

    Eine zweite Karriere machten die Grimm’schen Stoffe schließlich außerhalb der Literatur. Theater und Oper griffen sie auf, später Film, Fernsehen und Comic. Walt Disneys »Schneewittchen und die sieben Zwerge« von 1937 machte die Protagonistin zu einer globalen Ikone. Andere Geschichten wurden romantisiert, entschärft, parodiert oder ins Horrorgenre zurückgeführt. Jede Epoche schuf sich gewissermaßen ihre eigenen Grimms.

    Der Vergleich mit den ursprünglichen Texten kann deshalb überraschen. Wer nur moderne Verfilmungen und Kinderbuchfassungen kennt, begegnet dort häufig einem anderen Ton: knapper, härter und bisweilen erheblich düsterer. Kein Wunder, denn zwischen den Texten von Jacob und Wilhelm Grimm und ihren heutigen Nachfahren liegen inzwischen fast zwei Jahrhunderte Kulturgeschichte.

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