Das Schweigen der Lämmer

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Nach dem Terroranschlag in einem schwulen Nachtclub in Orlando werden homosexuelle Stimmen zum Schweigen gebracht, die auf den islamischen Hintergrund des Verbrechens hinweisen. Unser Autor kämpft schon seit Jahren gegen die Kapitulation vor dem Fundamentalismus in der Szene – sehr zum Ärger der Funktionäre, aber bei wachsender Zustimmung der Betroffenen. Es folgen Auszüge aus einem Artikel, den Sie ungekürzt in der brandneuen COMPACT lesen können: am Kiosk kaufen oder – Hier bestellen

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_von David Berger

Schon kurz nachdem in den USA die ersten Berichte über das Massaker von Orlando die Runde gemacht hatten, erreichten mich zahlreiche persönliche Nachrichten. Eine von einem Kollegen lautete: «Wir beide haben immer davor gewarnt und wurden dafür gemobbt – aber dass es so schlimm kommen würde, haben nicht einmal wir erwartet.» Erinnerungen aus den letzten Jahren wurden wach, an jene ersten Tage im neuen Job, als ich 2013 vom ehemaligen Vatikanprofessor zum Chefredakteur des Schwulenmagazins Männer wurde – und Leser mich immer wieder fragten, ob es nun nicht an der Zeit sei, den tödlichen Homohass im Islam stärker ins Visier zu nehmen, statt immer wieder jenen der katholischen Kirche zu kritisieren. Vorsichtig wagte ich den Versuch mit einem Schwerpunktheft zu Islam und Homosexualität.

Noch bevor es überhaupt erschienen war, gab es innerhalb der links-grünen Homoszene enorme Aufregung. Ein Mitarbeiter des Blogs queer.de beschimpfte mich als islamophoben Rassisten, das Magazin als «schwulen Stürmer». Gleichzeitig schrieben mir zahlreiche Betroffene, die aus deutschen Großstädten über Gewalterfahrungen durch Männer mit muslimischem Migrationshintergrund klagten. Sie betonten gleichzeitig immer, dass man bei den einschlägigen Hilfsstellen oder Homo-Medien, an die man sich gewandt habe, immer nur daran interessiert war, die Angaben über den kulturell-religiösen Migrationshintergrund möglichst tief unter den lukrativen rosa Teppich zu kehren.

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Ab diesem Zeitpunkt galt ich in der ganz von linksgrünen Ideologien und deren Vertretern bestimmten Homosexuellenszene in Deutschland als «rechtspopulistisch» und «islamophob». Verschwörungstheoretisch angehauchte Zeitgenossen, wie der ehemalige The European-Kolumnist Wolfgang Brosche, argwöhnten gar, ich sei als eine Art katholischer James Bond vom Papst in die Homoszene eingeschleust worden, um dort einen Kreuzzug gegen den Islam zu führen. Bald darauf warnte mich auch der Herausgeber der Huffington Post, der frühere ZDF-Morgenmagazin-Moderator Cherno Jobatey, in einem persönlichen Telefongespräch, diesen Eindruck durch islamkritische Artikel aus meiner Feder entstehen zu lassen.

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Nun unterzog ich den Homohass im Islam einer ähnlichen Kritik, wie ich die Homophobie in der katholischen Kirche seit 2010 an den Pranger gestellt hatte. Während es jedoch vorher kaum eine Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gab, zu der ich nicht als schwuler Kirchen- und Papstkritiker eingeladen worden war, wurde im Frühjahr 2016 der Versuch eines HR-Redakteurs, mit mir ein TV-Interview für eine ARD-Produktion zum Thema «Islam und Homosexualität» aufzuzeichnen, bereits im Vorfeld gestoppt: «Hetze» wolle man keine Bühne geben. Die Absage kam interessanterweise aus dem gleichen Umfeld, in dem man mich vor nicht allzu langer Zeit vor TV-Auftritten mit einem süffisanten Lächeln darauf hingewiesen hatte, dass es sich um eine Livesendung handle und man daher meine Aussagen zu einem Schwulsein und der Homophobie des Papstes nicht nachträglich «herausschneiden» könne.

Wenige Wochen nach der Absage des ARD-Interviews brach dann das herein, wovor schwule «Islamophobe» seit Jahren gewarnt hatten: Die Schreckensnacht von Orlando, in der der afghanischstämmige Moslem Omar Mir Seddique Mateen in einem Gay-Club 49 Personen erschoss und 53 weitere Menschen teilweise lebensgefährlich verletzte. Was schockierte, waren die Reaktionen von Schwulen und Lesben in aller Welt, die zum großen Teil von einer Mischung aus Masochismus und Stockholm-Syndrom geprägt waren. Ohne sich angesichts der ermordeten Brüder und Schwestern irgendwie zu schämen, übernahm man das Schweigen Barack Obamas zum Islam als treibende Kraft des Massenmordes und stürzte sich – neben Selbstmitleidsbekundungen – in Diskussionen über die Waffengesetze der USA.

Auch die inzwischen vom FBI dementierte Vermutung, Mateen könnte selbst schwul gewesen sein und habe aus Hass auf seine nicht akzeptierte sexuelle Orientierung gehandelt, sollte vom Islam ablenken. In Deutschland eröffnete der Homo-Journalist Stefan Mielchen auf Stern Online einen Nebenkriegsschauplatz, der wie gemacht war für die zum Beleidigtsein neigenden queeren Shitstormbürger: «Angela Merkel trauert um die Opfer vor Orlando. Mit keinem Wort erwähnt sie jedoch, dass es sich bei den Toten um Lesben und Schwule handelte. Diese Ignoranz ist erbärmlich. Und sie tut weh.» Damit ist eigentlich schon alles gesagt, was den Artikel inhaltlich ausmacht – außer vielleicht die Tatsache, dass der Islam in dem Beitrag nicht vorkommt, stattdessen aber das Christentum anspielungsweise zum Täter gemacht wird: «Eine Geste, ein Zeichen der Empathie in Richtung der Homosexuellen ist offenbar zu viel für eine christliche Politikerin.»

Der Coup funktionierte: Im ganzen Land erregten sich nun Homosexuelle in den sozialen Netzwerken über die «christliche» Kanzlerin – und vergaßen dabei komplett, worum es eigentlich ursprünglich gegangen war.

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Origineller war nur noch die Berliner Filiale des Lesben- und Schwulenverbandes Deutschlands. Das von diesem Verein eröffnete Ablenkungsmanöver war die Beleuchtung des Brandenburger Tors in Regenbogenfarben. Die damit verbundenen technischen Schwierigkeiten wurden provinzpossenhaft zur Staatskrise hochgespielt, erfüllten aber ebenfalls perfekt die Funktion, Empörungserektionen auszulösen, ohne den Islam zu thematisieren. Im vergleichenden Bild gesprochen: Die Brandstifter konnten sich zünftig über den Scheuklappenblick der Hausfrauen freuen, die sich alleine Sorgen um den Hochglanz ihres Parketts machten, während bereits das ganze Haus brannte.

Manche begnügten sich allerdings nicht mit Aufrufen zum Parkettbohnern, sondern gingen in ihrem pathologischen Masochismus so weit, auch noch die Feuerwehrleute wegzusperren. Auffälligerweise wurden innerhalb weniger Tage nach Orlando fast alle für ihre Islamkritik bekannten schwulen Journalisten aus den sozialen Netzwerken, allen voran Facebook, ausgesperrt. Der weltweit erfolgreichste schwule Journalist, Milo Yiannopoulos, hatte kurz nach Orlando getwittert: «As a gay person, the scariest words you will ever hear are ”Allahu akbar”». («Für einen Schwulen sind die furchteinflößendensten Worte, die Du je hören wirst, ”Allahu akbar”.») Der Satz wurde tausende Male retwittert und geteilt, woraufhin der Account von Yiannopoulos geblockt und der Tweet gelöscht wurde. Kurz danach wurde auch sein Profil bei Facebook gesperrt. Ähnlich erging es auch anderen schwulen Journalisten und dem Verfasser dieser Zeilen, der in einem Beitrag den islamophilen Homoaktivisten zugerufen hatte: «Ihr seid nicht Orlando!» Ein homosexueller Damendarsteller, der als Veranstalter und Moderator des Berliner Orlando-Gedenkens am Brandenburger Tor auftrat, brüstete sich damit, dass er den erfolgreichen Denunziationssturm zur «Sperrung der Bergerette» auf Facebook initiiert habe.

Das geschilderte Verhalten zeigt eine angesichts des islamischen Terrors komplett überforderte Gesellschaft.

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David Berger (* 1968) ist ein katholischer Theologe, Publizist und Philosoph. Von 2003 bis 2010 war er Professor an der Päpstlichen Thomas-Akademie im Vatikan. Nach seinem Coming-Out 2010 kam es zu Konflikten mit der Kirche, die zu seinem Austritt führten. Berger, der sich weiterhin als Katholik versteht, schrieb auch für «Taz», «Zeit», «Huffington Post», «Cicero» und «Vice». Von 2013 bis zu seiner Entlassung im Februar 2015 wirkte er als Chefredakteur der Schwulen-Monatszeitschrift «Männer». Viele seiner Beiträge finden sich auf seinem Blog «philosophia-perennis.com».

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