Das politische Untier – Zum Tod von Eduard Limonow

2

Am Dienstag verstarb der russische Querfront-Provokateur Eduard Limonow. In der Februar-Ausgabe von COMPACT gab er eins seiner letzten Interviews!

Seine Zeitschrift hieß Limonka – ein Wortspiel aus seinem Künstlernamen und Granate. Das war Eduard Limonow tatsächlich: Eine Granate, die sich lebenslang in die Politik ihrer Zeit warf. Explosion garantiert! Kein Establishment in West und Ost, das er nicht bis ins Mark provoziert hätte.

Der 1943 in der Ukraine geborene Eduard Limonow startete in Moskau eine Karriere als Underground-Lyriker, bis man ihn 1974 des Landes verwies. Fortan führte er eine prekäre Existenz in New York, wo er sein Punk-Image perfektionierte: als Prekarier saß er auf dem Balkon eines Hotels, umgab sich mit Durchgeknallten, Freaks und Künstlern, beäugte das Gewimmel, das Rattenrennen in den Straßen. US-Liberalismus? No, thanks! Der aufsässige Russe schrieb Romane wie „Fuck off, Amerika“ (1976, 15 Übersetzungen), die in Westeuropa für Furore sorgten. In Frankreich galt Limonov bald als linke Ikone.

Das endete, als der Provokateur im Jugoslawienkrieg auf Seiten Radovan Karadzics posierte, und – zurück in Moskau – in Moskau mit Alexander Dugin die nationalboschewistische (Querfront-) Partei gründete. In Zeiten, als Jelzin das halbe Land an Investoren verhökerte, den Menschen die Existenzgrundlage entzog, demonstrierten die Nationalbolschwiken (Nazbolis) für Stalin, Beria und Gulag. In einem Bunker als Parteizentrum versammelten sich Unzufriedene, Weggeworfene, verkrachte Existenzen. Stolz verkündete man, dass der Großteil aller russischen Punkbands und Psychiatrie-Insassen Mitglied der Nazbolis seien. Als  Gegenentwurf zum „motivierten“ Einzel-Gewinner des Globalismus stellt man die Verlierer der neuen Verhältnisse aus.

Die Masterminds dieser patriotischen Partei, der Philosoph Alexander Dugin und Edward Limonow erstellten eine Ahnengalerie gegen den westlichen Kapitalismus. Vorbilder, auf die man sich berief. Kategorien wie Rechts oder Links spielten da keine Rolle. Hauptsache Revolution: Lenin, Ernst Jünger, Yukio Mishima, Friedrich Nietzsche, Rosa Luxemburg, Benito Mussolini, Carl Gustav Jung, Martin Heidegger, Andreas Baader, Che Guevara, Richard Wagner, Meister Eckart, Laotse, usw. – Limonov brachte aus den USA noch den Charles Manson-Kult mit.

Die Zeitschrift Limonka las sich wie ein Punk-Magazin. Dugin publizierte darin erste Ansätze zu seiner späteren Eurasien-Ideologie. Limonow, mehr Erzähler als Theoretiker, lieferte scharfe Beobachtungen zur Lage der Zeit. Freilich ließ er auch seiner Provokationslust freien Lauf: Als ein weibliches Partei-Mitglied starb, schrieb er einen Nachruf, in dem er ausschließlich betonte, dass sie eine gute  Bett-Genossin gewesen sei.

Nachdem die Nazbolis 2005 verboten wurden und Limonow vier Jahre Knast abgesessen hatte, kreierte er „Das andere Russland“ als Nachfolge-Partei. Sein letztes Buch, „Er wird ein liebevoller Anführer werden“, erschien im vergangenen Dezember: Es erzählt Teile der Nazboli-Historie als Abenteuergeschichte, mit Verweisen auf Limonows Lieblingsroman, Robert Louis Stevensons „Die Schatzinsel“. Und so führte er auch sein Leben: als Abenteuerroman. In den letzten Jahren hoffte Limonov auf den Literaturnobelpreis, weil Putin – so glaubt er – sich darüber ärgern würde.

In Westdeutschland erregte „Fuck off, Amerika“ erneutes Aufsehen, als Regisseur Frank Castorf ihn 2008 für die Berliner Volksbühne adaptierte. In der Ankündigung hieß es: „Eduard Limonow feiert die Asozialität als heilige Handlung, den politisch-erotischen Affekt als Gesamtkunstwerk. Das Risiko, für ein politisches Untier gehalten zu werden, geht er dabei gerne ein.“ – Am Diesntag starb er im Alter von 77 Jahren.

Eins seiner letzten Interviews („Putin ist nicht streng genug“) gab Limonow dem COMPACT-Magazin 02/2020. Das lesen Sie auf Digital+ oder Sie bestellen die Printausgabe hier. Es folgt die erste Frage des Interviews als Kostprobe:

COMPACT Herr Limonow, vor 30 Jahren fiel die Berliner Mauer, kurz danach kollabierte die Sowjetunion. Macht Sie das nostalgisch?

Limonow: Die Sowjetunion war damals nötig, als eine Wächterin Eurasiens. Die Menschen im Ostblock hatten keine Informationen über das Leben im Westen und sahen ihn als eine Art Paradies, in dem es alles zu kaufen gab. Im Gegensatz zu damals können die Russen heute mit eigenen Augen sehen, wie der Westen wirklich ist, und genau deswegen wird das westliche Modell von der Mehrheit nicht angenommen. Im Endeffekt waren der Fall der Berliner Mauer und der Selbstmord der Sowjetunion eine Tragödie, weil sie sehr bald alte Feindschaften zwischen den Völkern wieder aufleben ließen. Das habe ich damals selbst erfahren: Anfang der 1990er Jahre lebte ich in Serbien, wo ich als freier Journalist tätig war. Dort konnte ich beobachten, wie die deutsche Regierung die Kroaten gegen die Serben bewaffnete, mit dem Ziel, die jugoslawischen Völker zu spalten und wieder Einfluss auf dem Balkan und das ehemalige Gebiet der Österreich-Ungarn-Monarchie zu gewinnen. Ähnliche Situationen haben wir in den letzten Jahren leider immer wieder erlebt, zum Beispiel in der Ukraine – der Westen spaltet die Völker, um sie auszubeuten. Diese These ist bei Euch nicht beliebt, trotzdem sehe ich es als meine Pflicht, sie zu verbreiten…

Das ganze Interview in COMPACT 02/2020 lesen – auf Digital+ oder in der Printausgabe, die Sie hier bestellen können.

Über den Autor

Avatar

2 Kommentare

  1. Avatar
    Peter Töpfer am

    "Wortspiel": Es war nicht sein Familienname; er nannte sich selbst so.

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Empfehlen Sie diesen Artikel