Bismarck und die Emser Depesche: Die erste Alleinschuld-Lüge (Teil 1)

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Nicht nur der Erste und Zweite Weltkrieg, auch der Ausbruch des Blutvergießens von 1870/71 gehe komplett auf das Schuldkonto der Deutschen – meinen Bewältigungsextremisten. Einer näheren Prüfung hält diese These jedoch nicht stand. Weitere historische Richtigstellungen finden Sie in unserer neuen Sonderausgabe Geschichtslügen gegen Deutschland. Hier mehr erfahren.

Kritischen Geistern der Historikerzunft wird von der veröffentlichten Meinung nur zu gerne Schwarzweißmalerei vorgeworfen. Wer vom vorgegebenen Kurs abweicht, ist nicht selten mit Ächtung und Diffamierung konfrontiert. Verdächtig ist neuerdings bereits, wer Otto von Bismarck (1815–1898) als großen Deutschen würdigt. Forderungen nach einem Abriss von Bismarck-Denkmälern waren zuletzt laut und deutlich vernehmbar.

So soll dem legendären Eisernen Kanzler zum Beispiel die Alleinschuld am Krieg gegen die Franzosen 1870 zugeschanzt werden. Ausschließlich die Deutschen also wieder einmal als Kriegstreiber? Ist das nicht schwarzweiß gemalt? Als vermeintliches Schlüsseldokument präsentieren Einseitige eine damalige Bismarck-Verlautbarung, die Napoleon III. (1808–1873) angeblich nur als Provokation habe auffassen können und Frankreich somit schließlich ins Blutvergießen getrieben habe. Was aber hat es damit tatsächlich auf sich?

Sehnsucht nach Einigkeit

Bei der Beleuchtung der Hintergründe spielt zunächst die Gründung des Norddeutschen Bundes im Jahre 1867 eine Rolle. Nach dem Deutschen Krieg und der Auflösung des Deutschen Bundes hatte Bismarck die Verbündeten Preußens für einen neuen Zusammenschluss gewinnen können. Das schmeckte Frankreich ganz und gar nicht.

Kein Wunder: Deutsche Zwietracht war seinerzeit das große, ja existenzielle Problem und in der Hauptsache auch ursächlich dafür, dass einem napoleonischen Imperialismus in der Vergangenheit nichts entgegengesetzt werden konnte. Selbst große und sogar welthistorische Erfolge wie die Völkerschlacht 1813 oder die Schlacht bei Waterloo 1815 konnten das Ruder nicht dauerhaft herumreißen. Ein starker und vor allen Dingen einheitlicher Nationalstaat blieb zunächst unerfüllter Lebenstraum der Deutschen.

Büste von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben auf seiner Grabstätte in Corvey. Foto: Fabian Junge | Shutterstock.com

Nach dem Wiener Kongress 1815, der nach dem Sieg über Napoleon I. (1769–1821) eine machtpolitische Neuordnung bringen sollte, war Deutschland in sage und schreibe 39 souveräne Teilstaaten gespalten. Ein schwacher Deutscher Bund mit einem Deutschen Bundestag in Frankfurt am Main, im dem fremde Machthaber mitbestimmten, eignete sich nicht, Deutschlands Handlungsfähigkeit als Ganzes zu gewährleisten, wenn er auch zumindest ein loses Band darstellte, das die deutschen Staaten ein wenig zusammenhielt. Es war die Zeit, in der August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798–1874) dem Volk das Lied der Deutschen schenkte und damit die Sehnsucht nach Einigkeit und Recht und Freiheit so vortrefflich zum Ausdruck brachte.

Mit dem Norddeutschen Bund kam Otto von Bismarck dem Streben nach Einheit ein gutes Stück entgegen. Dort vereinten sich oberhalb des Mains 22 deutsche Staaten. Preußens König Wilhelm I. (1797–1888) fungierte als Bundespräsident, Bismarck als Bundeskanzler. Der Bundesrat war die Vertretung der Länder, der nach den Grundsätzen des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts gewählte Reichstag die Repräsentanz des Volkes. Was damals noch niemand wissen konnte: Der Norddeutsche Bund war die unmittelbare Vorstufe des neuen Deutschen Reiches. Seine Verfassung bildete die Grundlage für die Reichsverfassung 1871.

Streitpunkt Spanien

Frankreich unter Kaiser Napoleon III. sah in dem neuen Staat einen Konkurrenten im Streben um die Vorherrschaft in Europa heranwachsen. Der Franzosenkaiser setzte sich ruhelos für eine Renaissance der von seinem Onkel Napoleon I. geschaffenen europäischen Ordnung unter französischer Herrschaft ein und hatte zahlreiche Provokationen zu verantworten, die auf Spaltung der Deutschen ausgerichtet waren.

Dadurch kam es seinerzeit zu mehreren diplomatischen Krisen, darunter auch die Frage der Neuordnung der Machtverhältnisse in Spanien. Dort hatten verschiedene Parteiführer und militärische Kreise um General Juan Prim (1814–1870) im Jahre 1868 Königin Isabella II. (1830–1904) gestürzt.

Während Bismarck die deutsche Einheit anstrebt, schielt Napoleon nach Luxemburg. Karikatur im Kladderadatsch, 1867. Foto: CC0, Wikimedia Commons

Vorausgegangen waren tiefgreifende soziale Spannungen und eine chronische Staatsverschuldung. Der Putsch erfolgte ohne Blutvergießen, die Monarchin flüchtete schließlich mitsamt Familie nach Frankreich. Das Ringen um ihre Nachfolge war kompliziert und berührte sensible außenpolitische Fragen. Obwohl das Königreich Spanien im 19. Jahrhundert in der Weltpolitik nur noch eine untergeordnete Rolle spielte, strahlte die altehrwürdige spanische Krone noch immer Glanz aus.

Das spanische Parlament hatte am 3. Juli 1870 beschlossen, einen Hohenzollern als neuen König zu wählen. Otto von Bismarck kontaktierte in dieser Angelegenheit daraufhin Fürst Karl Anton von Hohenzollern-Sigmaringen (1811–1885) vom süddeutsch-katholischen Zweig der Hohenzollern mit dem Ansinnen, dessen Sohn Leopold von Hohenzollern (1835–1905) für den spanischen Thron zu gewinnen. Auch Spaniens Putschisten und Wilhelm I. waren mit dieser Lösung einverstanden.

Kaum aber wurde der Plan öffentlich, protestierte Frankreich energisch und deutete dies als einen Versuch der Einkreisung durch Preußen. Außenminister Antoine Herzog von Gramont (1819–1880) polterte im Parlament: „Frankreich wird nicht dulden, dass der Prinz von Hohenzollern oder ein anderer preußischer Prinz Spaniens Thron besteigt.“ Wilhelm I. erkannte die brenzlige Lage und forderte Leopold auf, seine Ansprüche zurückzustellen. Dessen Ambitionen waren in Wahrheit gar nicht besonders groß, und entsprechend umgehend zog er sich in dieser Frage dann auch zurück.

Wird fortgesetzt.


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Über den Autor

_ Sven Eggers (*1965) arbeitete von 1986 bis 2019 als Zeitungsredakteur. Der gebürtige Hamburger und Vater von fünf Kindern ist Verfasser mehrerer Bücher über Politik, Zeitgeschichte und Sport. Unter anderem für die COMPACT-Sonderausgaben „Nationalsport Fußball“ und „Geschichtslügen gegen Deutschland“ steuerte er mehrere Aufsätze bei. In COMPACT schreibt er vor allem über Sport-Themen.

15 Kommentare

  1. Die Parallen zur heutigen Zeit sind o f f e n k u n d g. Denn nur dressierte BRiD Insassen sind gefügige Steursklaven.

  2. Rechtsstaat-Radar am

    In den Schulbüchern der Altparteien in den sog. "Ländern" wird Otto von Bismarck und damit, wie von ihnen klar intendiert, das eigentliche Ziel, nämlich Preußen, als der Aggressor dargestellt. Dabei waren es Napoleon III und sein Frankreich, die der alleinige Aggressor und zudem der aggressivste Staat der damaligen Zeit waren.

    Klar wollen sie Preußen und unseren Bismarck verunglimpfen, denn sie alle, jeder der sog. Ministerpräsidenten der sog. "Länder", nur Ba-Wü, Sachsen, HB, HH, Mecklenburg und kleine Teile Thüringens und Hessens ausgenommen, sitzen ja auf den Trümmern Preußens und wollen verhindern, dass es wieder zusammengefügt wird.

    Schulpolitik bitte ist nicht ohne Grund "Ländersache". Die verschissenen Altparteienpolitiker wollen alles einhalten, wie es ihre Zuhälter, die Westalliierten, ihnen geschaffen und sie als deren tabuloses Escort Girls eingesetzt haben.

    Pfui Deibel!

  3. Alle Kriege im 18. und 19, Jah. waren "Kabinettskriege, d.h. von Regenten, Monarchen beschlossen. Erst beim 1.WK bedurfte es parlamentarischer Beschlüsse, also der Völker.
    Napoleon III. hatte damals schon keinen stabilen Halt in seiner eigenen Bevölkerung, war also auf Krieg aus, um – wie üblich – innenpolitische Probleme mit einem außenpolitischen Erfolg zu übertünchen! F. war damals das reichste Land, Preußen das militärtechnisch fortschrittlichste, also rechneten sich beide einen Sieg aus. Napoleon biß also auf den Köder Emser Depesche gerne an, den Bismarck ihm gab, da letzterer lieber die kleindeutsche Reichseinugung (mit Bayern) wollte, als ewig auf eine Großdeutsche (mit Österreich/Habsburg) zu warten, bis daß alle Optionen dazu verstrichen waren!
    Als Napoleon III. kaputulierte, war daher der Krieg in F. noch lange nicht zu Ende, sondern es ging mit dem Aufstand der Pariser Kommunen erst so richtig los! Das war eine Art weitere franz. Revolution, die aber nicht so bekannt ist.
    Dieser Krieg wurde von Einzelpersonen gewollt und beschlossen, es ist als müßig, ihn Völkern anzulasten.

    • "Dieser Krieg wurde von Einzelpersonen gewollt und beschlossen, es ist als müßig, ihn Völkern anzulasten."

      Na, DAS … läßt sich ja nun wirklich eins zu eins auch über den 1. Weltkrieg sagen (und natürlich auch über den 2. Weltkrieg). Buchhinweis zur Genese des 1. Weltkriegs einmal mehr: "Verborgene Geschichte" von Macgregor/Docherty – oder wahlweise auch Helmut Roewer "Unterwegs zur Weltherrschaft", Teil I.

  4. heidi heidegger am

    wie auch immer..die COMPACT bleibt dekonstruktivistisch im äh historischen Rahmen quasi, erst wanns etwa die Existenz Bielefelds bestreiten würde, dann würde ich räppään: DADA od. esoterisch abgesoffen bzw. dann: *schimpf wie Rohrspatz*, hihi.

    • heidi heidegger am

      corr.: dekonstruktiv(istisch) ..sieht schon besser aus, gell? *schmunzel* + Grüßle an den gesamten TextproduktionsLaden und unser geliebtes GesamtForum, mja. ;-)

  5. Der 70/71er Krieg heißt offiziell auch ‚französisch-deutscher Krieg‘. "Deutsch-französischer Krieg" ist aus der Terminologie heraus falsch, weil der Aggressor in Historikerkreisen immer zuerst genannt wird.

  6. siehst du im osten das morgenrot... am

    Die "Sehnsucht nach Einheit" plagte hauptsächlich die bürgerlichen Geschäftemacher, denen 39 Staatsgrenzen einfach hinderlich waren. Weswegen das gleiche Pack aus dem gleichen Grund heute die EU geschaffen hat und die globale Einheit anstrebt.

    • heidi heidegger am

      ..also streng nach Marx litten die Frühkapitalisten (aus dem Handwerk entstanden) / Händler schon unter den Wegezöllen auf dem Mittel-Rhein, denn an jeder Burg äh Biegung am Flußufer wurde abkassiert oder gleich direkt ausgeraubt, hihi.

      • Hauptsaechlich im Sommer wird man am Mittelrhein ausgeraubt wenn man nicht aufpasst HEIDI. Tasse Kaffee 6 Euronen. Milch extra 50 Cent.

      • heidi heidegger am

        *seufz* Rüdi am Rhoi, isso! mein heidiTipp: gehe eines weiter flussabwärts rechtsrheinisch und kost‘ nur die Hälfte, hihi, ->

        Assmannshausen ist ein Rotwein­ort am Rhein und seit der Eingemeindung 1977 ein Stadtteil von Rüdesheim am Rhein im Rheingau-Taunus-Kreis im südwestlichen Hessen. Er hat knapp 1000 Einwohner und gehört zum Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal…lecker (Auto)Fähre nach Ingelheim für ca. sechs €

    • Professor_zh am

      Was für ein hinkender Vergleich, spottet Professor_zh! Wie kann man denn das multiethische Gebilde EU mit dem Deutschen Reich in einen Topf werfen? Und: Was hätten Sie denn gerne – fünfzigtausend Dorf-Fürstentümer vielleicht?

      • HEINRICH WILHELM am

        @PROFESSOR_ZH
        Eine winzige Korrektur sei gestattet: Eine Nichtregierungsorganisation (EU) mit dem (im besten Sinne) föderalen deutschen Kaiserreich in einen Topf zu werfen, ist in der Tat abenteuerlich.
        Es fehlt keine künstliche Zersplitterung, sondern echte Subsidiarität.
        Eine NGO über parlamentarische Demokratien bzw. konstitutionelle Monarchien zu stellen, ist, vornehm ausgedrückt, fatal. Man kann es an den Ergebnissen erkennen.

  7. siehst du im osten das morgenrot... am

    Das es sowas wie "Kriegsschuld" geben könne, Krieg also ein Unfall oder gar ein Verbrechen sein könne, ist eine Idee, die erst mit und nach dem 1.WK aufkam. Preussen eine "Schuld "zuschreiben zu wollen, erledigt sich als Anachronismus von selbst, das selbe gilt für die Apologie Preussens.

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