Heute vor 60 Jahren fiel das wohl berühmteste Tor der Fußball-Geschichte. Im Finale der Fußball-WM 1966 brachten die Engländer unserer Nationalmannschaft einen tödlichen Treffer bei – mithilfe des Schiedsrichters. Dieser Artikel stammt aus dem COMPACT-Spezial 17 „Nationalsport – Herzschlag einer deutschen Leidenschaft“, als E-Paper noch erhältlich. Hier mehr erfahren.

    _ von Bernd Schumacher

    Es war ein Turnier der großen Überraschungen: Der amtierende Doppelweltmeister Brasilien hatte zuerst gegen Ungarn verloren und war schließlich an den Portugiesen um Ballzauberer Eusebio gescheitert; die Azzurri aus Italien waren den exotischen WM-Debütanten aus Nordkorea unterlegen. Deswegen hatten die wenigsten Buchmacher auf dem Zettel, dass am 30. Juli als Endspiel Deutschland gegen England auf dem Spielplan stehen würde.

    Die Vorgeschichte

    Schwere Spiele steckten den Athleten beider Teams in den Knochen. Die Gastgeber hatten sich gegen Argentinien und Portugal durchsetzen müssen. Deutschland – richtiger: die Mannschaft der Bundesrepublik – hatte in der Vorrunde geglänzt, im Viertelfinale die beinharten Urus mit 4:0 abgefertigt und gegen die UdSSR einen Arbeitssieg errungen. Denkwürdige Momente bleiben für immer in Erinnerung: das torgekrönte Solo des jungen Franz Beckenbauer gegen die Schweiz, das „unmögliche Tor“ von Lothar Emmerich aus spitzem Winkel gegen Europameister Spanien, die Wahnsinnsparaden seines Dortmunder Vereinskollegen Hans Tilkowski gegen die anstürmenden Sowjets.

    Die Deutschen hatten sich den krönenden Abschluss in Wembley verdient; aber auch England hatte Klasse gezeigt. Bobby Charlton, Alan Ball und Bobby Moore pflegten geradlinigen Fußball und erfüllten die hohen Erwartungen der heimischen Fans. Nur der brutale Ausputzer Nobby Stiles hatte den Ruf der ansonsten fairen Insulaner befleckt.

    Das Endspiel

    Mit dem Anpfiff zählen nur noch die 22 Spieler und der damals noch braune Ball – beziehungsweise, wie oft er auf welcher Seite im Kasten landet. Und das lässt nicht lange auf sich warten: Bereits in der 12. Minute klingelt es. Ausgerechnet Helmut Haller, der blonde Augsburger, der für den FC Bologna spielt, trifft zur frühen Führung.

    Neben ihm steht mit dem AC-Milan-Star Karl-Heinz Schnellinger ein zweiter „Italiener“ in der Stammelf. Beide haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die deutsche Mannschaft bis ins Endspiel gekommen ist. Haller ist torgefährlichster Spieler und hat bereits fünf Mal verwandelt, Schnellinger die Abwehr nach italienischem Vorbild so gut organisiert, dass sie bis zum Finale nur zwei Gegentreffer hinnehmen musste.

    Doch die Freude währt nicht lange: Schon sechs Minuten nach dem 1:0 gleicht Geoff Hurst aus, bis zur Halbzeit bleibt es beim gerechten Remis. Auch nach dem Wiederanpfiff sind die Chancen gleichmäßig verteilt. Ohne sich von der Kulisse und den englischen Fans einschüchtern zu lassen, erspielen sich die Deutschen eine Reihe von guten Möglichkeiten. Leider ist der junge Franz Beckenbauer, der sich im Laufe des Turniers als genialer Spielmacher erwiesen hatte, durch seinen Gegenpart Bobby Charlton fast neutralisiert.

    Die Partie wogt hin und her. Dann, in der 78. Minute, prallt der Ball nach einer Ecke unglücklich vom Bremer Abwehrspieler Horst-Dieter Höttges ab: Martin Peters zieht aus nächster Nähe ab, und es steht 2:1. Der Favorit führt, und zwölf Minuten vor dem Abpfiff setzt kaum noch jemand auf die Deutschen.
    Doch in unnachahmlicher Manier, voller Disziplin, Ausdauer und Kampfgeist stürmen die Mannen um Spielführer Uwe Seeler nach vorne, um den Ausgleich zu erzwingen. Die reguläre Spielzeit ist fast zu Ende, als nach einem Freistoß der Ball von Schnellingers Rücken an den Pfosten klatscht. Der Kölner Wolfgang Weber reagiert am schnellsten und schiebt das Ei über die Linie. Dieses Tor ist nicht herausgespielt, sondern herausgekämpft. Aber das spielt keine Rolle. Am Ende der regulären Spielzeit steht es 2:2 – Verlängerung!

    Das Fake-Tor

    22 Mann lassen sich auf den Rasen fallen, sie sind am Ende ihrer Kräfte. Der Nachmittag ist heiß, das Turnier lang und die letzten 90 Minuten sind eine Tortur für Nerven und Muskeln gewesen. Auswechseln? Nein, jeder will jetzt weitermachen, ackern, sich aufopfern für den Sieg. Nach kurzer Pause geht es weiter.

    Was dann in der 101. Minute passiert, geht in die Fußballgeschichte ein. Kein „Tor“ ist berühmter, keines umstrittener, keines tragischer und – zumindest für die Engländer – wichtiger als das 3:2 von Geoff Hurst. Er nimmt das Leder nach einem Pfostentreffer an, dreht sich auf engstem Raum, zieht aus kurzer Distanz ab und – trifft nur die Latte. Glück gehabt! Der Ball tropft nach unten ab, springt zwar noch einmal hoch, aber Verteidiger Weber eilt Tilkowski zu Hilfe und köpft die Pille über den Querbalken. Gefahr gebannt. Umso entsetzter gucken die deutschen Spieler, Schlachtenbummler und Millionen von Zuschauern und Zuhörern in der Heimat, als der Schiedsrichter zur Seitenlinie eilt. Gottfried Dienst spricht hektisch mit Linienrichter Tofik Bachramow aus der UdSSR.

    Dieser nickt heftig, gestikuliert wild und redet intensiv auf den Schweizer ein. Dienst dreht sich um und zeigt zum Mittelkreis. Anstoß nach Tor! Unfassbares war geschehen – eine eindeutige Fehlentscheidung droht, das WM-Finale zu einer Farce zu degradieren. Sofort schießt es den meisten durch den Kopf: Ausgerechnet ein Sowjet! War seine Entscheidung so etwas wie ein Revanchefoul? Im Halbfinale hatten sich die starken Russen der deutschen Kampfkraft geschlagen geben müssen.

    COMPACT-Spezial Nationalsport Fußball

    Doch die deutsche Nationalelf wäre nicht so legendär, wenn sich die elf Kameraden nicht auch angesichts dieser schreienden Ungerechtigkeit zusammenreißen würden. Seeler treibt seine Jungs an, jeder – auch die Abwehrspieler – stürmt nach vorn und will das Ruder noch einmal herumreißen. Die bedingungslose Offensive öffnet die Räume im Hinterland, in die die pfeilschnellen Engländer hineinstoßen wie in Plumpudding. Als wiederum Hurst in der allerletzten Minute das 4:2 erzielt, ist die Partie endgültig vorbei.

    Das WM-Finale von 1966 mit dem berüchtigten „Wembley-Tor“ steht auch 60 Jahre danach als Fanal für die Bitterkeit, die jeder Sport, jeder Kampf, jedes Duell bis aufs Blut mit sich bringen. Dass die Drei-Löwen-Mannschaft seitdem die Deutschen als absoluten Angstgegner sieht und in den Turnieren 1970, 1996 und 2010 an diesem scheiterte, mag manchem zum Trost gereichen. Aber die Erinnerung an den gestohlenen Sieg nagt in unseren Fußballherzen weiter!

    Dieser Artikel stammt aus dem COMPACT-Spezial 17 „Nationalsport – Herzschlag einer deutschen Leidenschaft“, als E-Paper noch erhältlich. Hier bestellen.

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