«Sächsische Separatisten»: Auch nach einem halben Jahr Prozess fehlen Beweise für die Bildung einer terroristischen Vereinigung. Doch die Angeklagten schmoren in U-Haft. Ein Journalist hat einen von ihnen – Kurt Hättasch – im Gefängnis besucht. Und zeichnet ein ganz anderes Bild von ihm, als es die übliche Medienberichterstattung vermuten lässt. In «Fangschuss – Notizen aus der U-Haft» schildert er seine Lage selbst. Hier mehr erfahren.
Würde man Kurt Hättasch auf der Straße begegnen, dürfte nichts darauf hindeuten, dass es sich bei ihm um einen gefährlichen Extremisten handelt, der nach einem «Tag X» mit der Waffe in der Hand die Macht ergreifen wolle. Der 26-jährige ist treusorgender Familienvater, bodenständiger Metallbaumeister, war Dozent an der Handwerkskammer, absolvierte die Offizierschule des Heeres und gilt in seiner Gemeinde als passionierter Jäger. Würde man ein derart solides Leben und vor allem das Wohlergehen von Frau und Kind für Hasardeursaktionen aufs Spiel setzen? Wohl kaum.
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COMPACT unterstützenUnd doch wird ihm – wie sieben weiteren jungen Männern – von der Generalbundesanwaltschaft die Bildung einer terroristischen Vereinigung (§ 129a StGB) namens «Sächsische Separatisten» vorgeworfen. Diese soll, so die Anklage, noch nicht einmal versucht haben, die staatliche Ordnung anzugreifen, sondern sich für den Fall der Fälle gerüstet haben, um dann quasi dem Rad der Geschichte in die Speichen zu greifen und unter anderem die Herauslösung Sachsens aus dem bundesrepublikanischen Staat zu forcieren.
Klingt abenteuerlich – und das ist es auch. Zudem wird man den Verdacht nicht los, dass hier neues Futter für ein mögliches AfD-Verbotsverfahren gesammelt werden soll. Denn Hättasch war nicht nur Landesschatzmeister der früheren AfD-Jugendorganisation Junge Alternative, sondern saß für die blaue Partei auch im Stadtrat von Grimma. Neben ihm haben zwei weitere Angeklagte eine AfD-Vita.
«Ich war beeindruckt»
Hättasch sitzt seit November 2024 in U-Haft, im Januar 2026 begann vor dem 5. Senat des Oberlandesgerichts Dresden der Strafprozess in Sachen «Sächsische Separatisten». Obwohl nun schon ein halbes Jahr ins Land gegangen ist, ist die Indizienlage mehr als dünn, wie selbst Mainstream-Journalisten eingeräumt haben. Von handfesten Beweisen kann erst recht keine Rede sein. Das wird auch in Hättaschs Prozessberichten deutlich, die COMPACT regelmäßig veröffentlicht. Die letzten beiden finden Sie hier und hier.
Nun hat den Häftling ein Journalist des Web-Magazins Achse des Guten (Achgut) besucht und seine Eindrücke von Hättasch und den Umständen, unter denen er derzeit leben muss, geschildert. Der Bericht steht im krassen Widerspruch zu den Gruselstorys, die in der Medienlandschaft über die angeblich brandgefährlichen Angeklagten kursieren.
«Auf meine erste Frage nach seinem Befinden, antwortete der Inhaftierte, dass es ihm gut gehe. Unter den sehr schlechten Umständen, dass er inhaftiert sei, dass er von seiner Familie getrennt sei und seiner Arbeit nicht nachgehen könne, gehe es ihm gut», schreibt Stephan Kloss in seinem Beitrag für Achgut. «Er werde gut behandelt von den JVA-Beamten, die seien alle vernünftig.»
Doch welchen Eindruck konnte Kloss von Hättasch gewinnen? «Der 26-Jährige wirkte ruhig, freundlich, aufmerksam und nachdenklich. Er hatte eine Ausbildung zum Metallfacharbeiter abgeschlossen, war bei der Bundeswehr und befand sich im November 2024, als er verhaftet wurde, kurz vor dem Abschluss eines Schweißer-Lehrgangs in Halle/Saale», heißt es in dem Beitrag auf Achgut.
Auch in Haft bemüht er sich offenbar um eine sinnvolle Tätigkeit. «Von den 20 Monaten, die er inzwischen einsitze, absolviere er bereits seit 14 Monaten die Lehre, drei Prüfungen habe er schon bestanden. Abgenommen von zwei Ausbildern sowie einem IHK-Prüfer», schreibt Kloss und fügt hinzu: «Ich war beeindruckt.»
«Ausländerfeind» hilft Migranten
Hättasch befindet sich in Einzelhaft in der JVA Leipzig. Die übrigen Angeklagten sitzen fast alle in einem anderen sächsisch Gefängnis, was man im Fachjargon als «Tätertrennung» bezeichnet. Nur zwei Angeklagte sind gemeinsam in Dresden inhaftiert, dort aber auch voneinander isoliert. «Der Raum für meinen Besuch hatte wieder eine spezielle Ausstattung: Trennscheibe und Wechselsprechanlage, die manchmal etwas pfiff. Kurt Hättasch wurde auf der anderen Seite reingeführt. Die BKA-Beamtin belehrte ihn sofort, dass über die Inhalte des Verfahrens weder in objektiver noch in subjektiver Sicht gesprochen werden dürfe, das sei die Auflage des Gerichts», so die Schilderung des Achgut-Journalisten.
Und er fährt fort: «Pro Monat dürfe ihn seine Frau insgesamt vier Stunden besuchen, zweimal zwei. Jedes Mal mit Überwachung durch einen Beamten. Sein zweijähriges Kind sehe er nur einmal im Monat, Frau und Kind immer durch die Trennscheibe.»
Das Kind habe zwar das Recht auf direkten Kontakt mit seinem Vater, dies werde jedoch vom Gericht eingeschränkt. «Das ist nur eine der zahlreichen Besonderheiten bei dieser Art von Prozessen (…): verschärfte Haftbedingungen – eine Art Extra-Bestrafung während der Untersuchungshaft», so Kloss, der dafür kein Verständnis hat. «Welchen Sinn oder welche Rechtfertigung gibt es dafür, seine Frau bzw. sein Kind nicht in den Arm nehmen zu dürfen? Ich finde, keine. Außerdem gilt für Kurt Hättasch immer noch die Unschuldsvermutung», schreibt der Achgut-Autor.
Und auch das passt nicht in das Bild eines rechtsextremen Terroristen:
«Er berichtete weiter, dass er mit 40 Mitgefangenen im Zellenblock lebe. 40 Prozent seien Deutsche, 60 Prozent seien aus dem osteuropäischen oder arabischen Raum. Zahlreiche Zellengenossen seien im Alter mit 15 oder 16 Jahren durch Drogenkonsum auf die schiefe Bahn geraten. Er, Hättasch, hätte für Mitgefangene bereits zwischen 100 und 120 Anträge geschrieben für alles Mögliche, wie Strafanträge oder Anträge für Telefongenehmigung. Für einen Mitgefangenen persischer Herkunft habe er sogar einen Berufungsantrag geschrieben.»
Mit zwei weiteren inhaftierten Migranten teile sich Hättasch sogar die Haarschneidemaschine, mit ihnen verstehe er sich gut, weiß Kloss zu berichten. Das sei schon erstaunlich, da der Angeklagte ja angeblich ein Ausländerfeind sein soll, findet der Autor.
Kaum Solidarität aus der AfD
Mit der Solidarität aus den Reihen der AfD hapere es hingegen, findet Kloss. Hättasch sowie die Angeklagten Hans-Georg P. und Kevin R. seien «wohl formal noch AfD-Mitglieder». Die sächsische Landesverband reagierte wortkarg auf eine Anfrage von Achgut. «Zu den genannten Personen laufen Verfahren bei unseren unabhängigen Schiedsgerichten», ließ man ihn wissen. Auf eine Nachfrage, ob man die Betroffenen nicht zunächst einmal selbst anhören wolle, reagierte die Sachsen-AfD nicht.
Das ist offenbar symptomatisch. Der Achgut-Journalist berichtet: «Wie Kurt Hättasch mitteilte, hat sich bis heute, mit ein oder zwei Ausnahmen, niemand von der sächsischen AfD-Führung bei ihm gemeldet. (…) Keine Mitteilung des Landesvorstands, kein Anruf oder Information von AfD-Landeschef Jörg Urban. Nichts. Kurt Hättasch äußerte Verständnis, dass seine Partei nach der Verhaftung reflexartig das Ausschluss-Verfahren betrieben hätte. Doch nun sei er enttäuscht.»

Auch dafür hat Kloss kein Verständnis: «Während der 23 beobachteten Prozesstage sah ich zweimal einen AfD-Landtagsabgeordneten im Zuschauerraum. Die AfD bezeichnet sich selbst als Rechtsstaatspartei, und für diese drei Mitglieder gilt die Unschuldsvermutung. Aber die Landespartei geht auf Distanz.»
Zukunftsperspektiven
In dem Achgut-Artikel geht es schließlich auch um die weiteren Pläne des Inhaftierten. «Wenn er wieder draußen sei, endete Hättasch, wolle er wieder als Metallbauer arbeiten, oder als Ausbilder. Möglicherweise wolle er sich im sozialen Bereich engagieren, z.B. für Häftlinge. Auswandern wolle er nicht.»
In der JVA Leipzig sei er nun der einzige politische Häftling, nachdem zuletzt noch jemand seine Ersatzfreiheitsstrafe abgesessen hätte, weil er ein gegen ihn verhängtes Bußgeld aus der Corona-Zeit nicht gezahlt hätte. Dieser sei inzwischen entlassen worden. Wie lange es dauern wird, bis auch Kurt Hättasch mit seiner Familie ein Leben in Freiheit genießen kann, ist hingegen noch nicht abzusehen.
Machen Sie sich selbst ein Bild: In seinem Buch «Fangschuss – Notizen aus der U-Haft» schildert Kurt Hättasch den Gefängnisalltag, den Prozess gegen ihn und sieben weitere «Sächsischer Separatisten». Jeder Kauf ist auch ein Akt der Solidarität. Hier bestellen.




