Heute vor 264 Jahren kam es in Sankt Petersburg zu einem geradezu sensationellen Friedensvertrag zwischen dem Königreich Preußen und dem Russischen Reich, der ein Jahr zuvor noch vollkommen undenkbar gewesen wäre. Das Abkommen markierte einen Wendepunkt im Siebenjährigen Krieg und für die Neuordnung Europas. Über diesen und vieles mehr lesen Sie in COMPACT-Geschichte «Preußens Glanz». Unser Erbe, unser Stolz! Hier mehr erfahren.
Preußen unter Friedrich II. befand sich 1761 in einer schier aussichtslosen Lage, doch der Tod von Zarin Elisabeth am 25. Dezember 1761 (julianisch; 5. Januar 1762 nach gregorianischem Kalender) änderte alles. Die Herrscherin, die seit 1741 regierte, hatte Russland als tragende Säule fest in der antipreußischen Koalition mit Österreich, Frankreich und Sachsen verankert. Ihr Tod – sie starb bereits im Alter von 50 Jahren – veränderte die europäische Machtkonstellation schlagartig.
Ihr Neffe und Nachfolger, Peter III. (geborener Karl Peter Ulrich von Schleswig-Holstein-Gottorf), bestieg den Thron. Er war ein glühender Bewunderer Friedrichs des Großen und des preußischen Militärs. Bereits als Herzog von Holstein hatte er den preußischen König verehrt, preußische Uniformen getragen und sogar den Schwarzen Adler-Orden erhalten. Seine propreußische Haltung stand im scharfen Kontrast zur Politik seiner Tante und bestimmte von Beginn seiner kurzen Regierungszeit an die russische Außenpolitik.
Das zweite Mirakel des Hauses Brandenburg
Das russische Zarenreich stand seit 1757 mit starken Kräften im Krieg gegen Preußen. Unter Feldmarschall Stepan Apraksin, später unter Generälen wie Wilhelm von Fermor und Pjotr Saltykow, waren russische Truppen tief in preußisches Gebiet eingedrungen. Ostpreußen war dabei vollständig besetzt worden; in Königsberg richtete die zaristische Verwaltung unter General-Gouverneur Wassili Suworow eine provisorische Herrschaft ein. Die ostpreußischen Stände leisteten der Zarin den Treueid, und die Provinz wurde als russisches Territorium behandelt.
Russische Heere drangen derweil weiter vor: 1759 siegten sie in der blutigen Schlacht bei Kunersdorf entscheidend über Friedrich II., und im Oktober 1760 besetzten russische und österreichische Truppen zeitweise Berlin. Die preußische Hauptstadt wurde geplündert. Die Besatzung wehrte allerdings nur wenige Tage. Die Lage Preußens schien 1761/62 katastrophal: Das Land war ausgeblutet, die Armee dezimiert, und eine vollständige Zerschlagung des Königreichs drohte.
Doch Zar Peter III. stellte bereits in den ersten Tagen seiner Herrschaft die Kampfhandlungen vollständig ein. Schon am 9. Januar 1762 (julianisch) ordnete er den bedingungslosen Rückzug der russischen Truppen aus allen besetzten preußischen Gebieten an. Ostpreußen, Hinterpommern und die Neumark wurden ohne jede Gegenleistung oder Entschädigungsforderungen an Preußen zurückgegeben – ein außergewöhnlicher Schritt, der dem Usus der Zeit völlig widersprach. Ein buchstäbliches Wunder. Die russische Verwaltung in Königsberg wurde aufgelöst, und die preußischen Behörden übernahmen an ihrer statt wieder die Kontrolle.
Hinter der Rückgabe stand jedoch nicht nur, wie fast ausschließlich dargestellt, Bewunderung des Zaren für den König von Preußen, sondern auch rationales Kalkül: Peter III. strebte ein Bündnis mit Friedrich II. an, um den Rücken für einen geplanten Feldzug gegen Dänemark frei zu haben. Sein Ziel war die Rückgewinnung seines Stammlands Holstein-Gottorf.

Der Vertrag
Die Verhandlungen führte auf preußischer Seite der Gesandte Baron Wilhelm Bernhard von der Goltz, den Friedrich II. instruiert hatte, die Eitelkeit des Zaren geschickt zu nutzen. Auf russischer Seite verhandelte Kanzler Michail Illarionowitsch Woronzow, der trotz seiner persönlichen Vorbehalte den Weisungen seines neuen Herrn folgte.
Die Gespräche kamen innerhalb weniger Wochen zum Abschluss. Der formelle Vertrag wurde schließlich Anfang Mai unterzeichnet. Er stellte den Status quo ante bellum vollständig wieder her: Russland räumte nicht nur alle besetzten Gebiete, es entließ auch Kriegsgefangene und verzichtete auf jegliche Reparationen.
Peter III. ging noch weiter: Er stellte Teile der kampferprobten russischen Verbände – zeitweise bis zu 12.000 Mann unter General Sachar Tschernyschew – der preußischen Armee zur Verfügung. Für Preußen bedeutete es eine immense Entlastung, während die antipreußische Koalition nun ihrerseits in existenzielle Turbulenzen geriet. Schweden scherte ebenfalls aus dem Bündnis aus, folgte wenig später mit dem Frieden von Hamburg (22. Mai 1762), da es andernfalls ein russisch-preußisches Vorgehen fürchtete. Ohne Verwerfungen blieb der Paradigmenwechsel nicht. Innerhalb des russischen Militärs und Adels löste er tiefe Verbitterung aus, da er die vorangegangenen Siege und vor allem die Opfer des Krieges hinfällig machte.
Neue kontinentale Ordnung
Der Frieden von Sankt Petersburg und das anschließende Bündnis (1. Juni 1762) retteten Preußen vor dem vermutlich sicheren Untergang. Friedrich konnte Schlesien halten und in den folgenden Monaten Erfolge bei Burkersdorf und Freiberg erringen.
Der Vertrag überdauerte auch den raschen Sturz Peters III. im Juli 1762. Die neue Regierung unter Katharina II., seiner Frau, die durch eine Palastrevolution die Macht übernahm, trat nicht erneut in den Krieg ein, entzog Preußen allerdings die im Juni zugesagte militärische Unterstützung. Damit blieb die Lage bis zum Frieden von Hubertusburg (15. Februar 1763) für Friedrich II. stabil.
Die Vorgänge die dem Friede von Sankt Petersburg vorausgingen, illustrieren eindrucksvoll, wie Zufälle den Lauf der Geschichte bestimmen. Der Tod der Zarin, die Thronbesteigung ihres Neffen, einem deutschen Fürsten und Verehrer Friedrich II., sicherte Preußens Aufstieg zur Großmacht und begründete ein preußisch-russisches Verhältnis, das – trotz des Umsturzes in Sankt Petersburg – das Fundament für die kontinentale Ordnung der kommenden Jahrzehnte legte.
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