Er arbeitete für Himmler und die SS, fiel bei den Nazis in Ungnade und wurde später von Willy Brandt empfangen: Kaum ein Frühzeitforscher ist so umstritten wie Herman Wirth. Seine Thesen waren revolutionär – und stellten vieles auf den Kopf. Nun sollten seine Bücher aus dem Verkehr gezogen werden – doch wir sie gesichert. Und zwar hier.

    Sein Name ist heute nur noch wenigen bekannt, dabei leistete er echte Pionierarbeit auf dem Gebiet der Frühzeitforschung, auch wenn manchen seine Thesen nicht schmeckten: Der Niederländer Prof. Dr. Herman Wirth (1885–1981) ist Begründer mehrerer Wissenschaftszweige als Ergebnis seiner regen Forschungstätigkeit. Als Verfasser grundlegender Werke zur Symbolkunde und Religionsgeschichte machte er in den 1920er Jahren auf eine bis dahin unbekannte Hochkultur der Vorzeit aufmerksam und erwarb sich damit schon früh einen beachtlichen Ruf in Deutschland und Europa.

    Trotz Razzia: Germanen-Verleger wieder am Start!

    Wirths reiche Sammlung an fachübergreifenden Zeugnissen aus aller Welt, die er für seine neuartigen Thesen heranzog, waren so bedeutend, dass er damit Zeit seines Lebens immer wieder die unterschiedlichsten Gegner aus Wissenschaft, Politik und sogar Kirche zu heftigen Disputen und Ablehnung herausforderte. Andererseits gibt es inzwischen viele Veröffentlichungen und Forschungsprojekte, die manche seiner Erkenntnisse über eine Hochkultur zur Steinzeit nachträglich bestätigen.

    Von der Uni an die Front

    Geboren wurde der spätere Frühzeit-Papst am 6. Mai 1885 in Utrecht (Niederlande) als Sohn des aus der deutschen Rheinpfalz stammenden Gymnasiallehrers Ludwig Wirth und seiner holländischen Ehefrau Sophie Gijsberta, geborene Roeper Bosch.

    1904 bestand Herman in Utrecht das Abitur und wandte sich dem Studium der niederländischen Philologie, der Germani­stik und der Geschichte zu. 1911 wurde er mit seiner kulturgeschichtlichen Arbeit «Der Untergang des niederländischen Volksliedes» an der Universität Basel zum Dr. phil. promoviert.

    Herman Wirth bei Ausgrabungsarbeiten in den frühen 1930er Jahren. Foto: 4pt.su

    Nach Kriegsbeginn 1914 trat er freiwillig in das deutsche Heer ein, wurde in Belgien von der deutschen Zivilverwaltung zur Betreuung der deutschfreundlichen Flamen eingesetzt. 1916 heiratete er in Berlin Margarethe Schmitt, die Tochter des akademischen Kunstmalers Prof. E. Vital Schmitt.

    Am 12. Dezember 1916 wurde Wirth in Berlin der Ehrentitel eines Titularprofessors verliehen. Ab 1922 wurde er für einige Zeit Gymnasiallehrer in Sneek (Friesland) und schuf in diesen Jahren die Grundlagen für seine symbolhistorischen Arbeiten zur Vorgeschichte und Ur-Religionsgeschichte, die er alsbald weiter vertiefte. Durch seine öffentlichen Vorträge zu diesen Themen wurde er auch in Deutschland immer bekannter.

    Sein epochales Werk – bis heute im Fokus

    Im Jahr 1924 zog Wirth mit seiner Familie in sein neues Haus nach Marburg an der Lahn. Dann folgte der Durchbruch, aber auch ein großer Wissenschaftsstreit: 1928 erschien beim Verlag Eugen Diederichs in Jena sein epochales Werk «Der Aufgang der Menschheit». Darin zeichnete er den Aufstieg und Werdegang des nordisch-germanischen Menschen von seinem subpolaren Ursprungsraum über die Auswanderung und Niederlassung in den verschiedensten Teilen der Welt nach. Zugleich lieferte er Antworten auf lange ungeklärte Fragen nach den Mythen von Thule, Atlantis und den oft zitierten Indogermanischen Wanderungen.

    Wirth selbst sprach vom «Entwurf einer Entwicklungslinie» – und doch öffnete «Der Aufgang der Menschheit» es dem orientierungslos Ahnenden, dem Schauenden, einen großartigen Einblick in eine plausible Vergangenheit der eigenen frühesten Vorfahren. Mit diesem zweibändigen Werk rief Wirth zugleich die Kritik der Historikerzunft – der «Katheder-Wissenschaft», wie er es formulierte – hervor, war diese doch trotz intensiver Befassung mit der Materie nicht in der Lage, ein so klares, nachvollziehbares Bild unserer Urzeit zu entwerfen.

    Unfassbar: Razzia in Verlag – alles beschlagnahmt!

    Erst kürzlich sorgte das im Forsite-Verlag in einer preiswerten Neuauflage erschienene Werk «Der Aufgang der Menschheit» wieder für Furore, gehörte es doch zu den Schriften, die obwohl vollkommen unbedenklich und juristisch einwandfrei, skandalöserweise bei einer Razzia unter fadenscheinigem Vorwand beschlagnahmt wurden. Doch wir konnten für Sie noch einige Exemplare von Wirths Opus Magnum hier sichern.

    In Diensten von Himmlers SS

    In den Dreißigerjahren setzte Wirth sein Werk unbeirrt fort. 1931 folgte der erste Band seines zweiten großen Werkes «Die heilige Urschrift der Menschheit» beim Verlag Koehler und Amelang in Leipzig – und bis 1933 elf der insgesamt zwölf Bände. 1935 erschien der letzte Band.

    Bereits ein Jahr zuvor hatte er seine wegweisende Schrift «Was heißt deutsch?» veröffentlicht. Darin wies er nach: Die uns geschichtlich überlieferte Bedeutung des Wortes «deutsch» deckt sich mit keinem staatlichen Begriff, wohl aber mit den Worten «Volk» und «Land». Die Geschichte des Namens der Deutschen liege, so Wirth, klar vor uns. Das Wort «deutsch» besage «Atem Gottes», «Leben Gottes» und «Geist Gottes», analog zum prähistorisch-germanischen Zeichen «odil». Auch die Neuauflage dieses Werkes konnte vor den Häschern des Regimes hier gesichert werden.

    Inzwischen war der deutsch-niederländische Frühzeitexperte ein berühmter Mann und gefragter Referent. Schon 1925 war er NSDAP-Mitglied geworden, aber schon ein Jahr später wieder ausgetreten. Wegen seiner neuen Erkenntnisse und Erkenntniswege wurde er für manche etablierten Wissenschaftler ein oftmals unliebsamer («umstrittener») Forscher.

    Dennoch haben ihn Gönner 1932 zur Schaffung einer Volkshochschul-Siedlung als Bildungsstätte nach Mecklenburg gerufen, kurz darauf sogar Ministerpräsident Granzow zur Gründung und Leitung eines Instituts für Geistesurgeschichte in Bad Doberan. Wirth plante die Errichtung eines urreligiösen Freilichtmuseums, ein Jahr später schuf er dann eine große Ausstellung «Der Heilbringer» in Berlin und in Bremen. Dazu kam die erneute Berufung zum außerordentlichen Professor an die Universität Berlin, und alsbald folgte der Umzug nach Michendorf bei Potsdam.

    Das Wappen des SS-Ahnenerbes. Foto: CC0, Wikimedia Commons

    In Diensten von Himmlers SS

    In der Fachwelt erhob sich Kritik an Herman Wirth, nachdem er 1933 eine Übersetzung und Kommentierung der sogenannten Oera-Linda-Chronik veröffentlicht hatte. Diese war schon im 19. Jahrhundert als «Fälschung» bezeichnet worden. Ebenso rührten sich unter einflussreichen Nationalsozialisten auch viele Gegner der Thesen Wirths, und er erlebte nun durch diese eine heftige Ablehnung.

    Wirth wurde zwar erster Leiter und Ehrenpräsident des von Reichsführer-SS Heinrich Himmler initiierten Vereins Deutsches Ahnenerbe, was durch eine neue Satzung allerdings ein einflussloses Amt war. Auch wurde er wieder NSDAP-Mitglied. Doch schon 1938 trat er aus Gewissensgründen und unter Protest aus Partei, SS und dem – heute so genannten – «SS-Ahnenerbe» aus (sein Förderer Walter Darré hatte inzwischen ebenfalls sein Ministeramt aufgegeben).

    Bis Kriegsende wurde er mit Lehr-, Rede- ­und Veröffentlichungsverbot belegt. Für einen Wissenschaftler vom Range eines Herman Wirth bedeutete dies das Ende seines Rufes in der Öffentlichkeit. Bis zum Kriegsende lebte er mit seiner Familie zurückgezogen in seinem Haus in Marburg an der Lahn und widmete sich weiteren Studien, ohne an die Öffentlichkeit treten zu dürfen. Er stand in diesen Jahren quasi unter Hausarrest und durfte nicht einmal in seine holländische Heimat zurückkehren oder die ihm schließlich am 1. November 1944 vermittelte Kustodenstelle an der Universität Göttingen antreten.

    Als «Naziverbrecher» diffamiert

    Dennoch denunzierte ihn, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, ein Marburger Bürger bei der amerikanischen Besatzungsmacht als «Naziverbrecher». Wirth wurde bis 1947 eingesperrt, sein Haus mitsamt seiner wieder neu begonnenen wissenschaftlichen Sammlung und Bibliothek beschlagnahmt. Erst Jahre später – inzwischen rehabilitiert – erhielt er sie, allerdings schwer beschädigt, zurück, um nun – eigentlich schon im Rentenalter – zum dritten Mal in seinem Leben von vorne anzufangen.

    Der Frühzeitforscher und erste Leiter der unter der Ägide der SS stehenden Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe, Herman Wirth, bei der Arbeit. Foto: geopolitika.ru

    Anfang 1948 ging Wirth zu seiner Schwester nach Dieren (Niederlande), im Herbst nach Schweden. Erst 1951 fand er eine Anstellung an der Universität Lund. 1954 kehrte er nach Marburg zurück und gründete die Europäische Sammlung für Urgemeinschaftskunde. 1957 wurde die Herman-Wirth-Gesellschaft unter neuem Namen wieder gegründet.

    Wirth arbeitete und reiste rastlos (unter anderem zu einer Expedition nach Bohuslän in Schweden), lebte unter äußerst bescheidenen persönlichen Verhältnissen, stets um den Wiederaufbau einer Ausstellung seiner erneuten Sammlung von Zeugnissen der urgeschichtlichen Hochkultur bemüht, um seine wissenschaftlichen Thesen öffentlich beweisen zu können. Außerdem erschienen weitere kleine Arbeiten von ihm, etwa «Die symbolhistorische Methode» (1955) oder «Um den Ursinn des Menschseins» (1960).

    Unterstützung von Willy Brandt

    Mit Unterstützung von Mitgliedern und Förderern gelang es, 1974 in Fromhausen bei den Externsteinen in einem leerstehenden Bauernhaus noch einmal eine Ausstellung (Ur-Europa-Museum) zu eröffnen. Da bot sich plötzlich und unverhofft durch die Vermittlung und persönliche Unterstützung des damaligen SPD-Vorsitzenden und vormaligen Bundeskanzlers Willy Brand im Kreis Kusel (Pfalz) eine neue Möglichkeit für eine Ausstellung in der wieder aufzubauenden Burg Lichtenberg.

    Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges: Willy Brandt als Regierender Bürgermeister vor dem noch offenen Brandenburger Tor im Jahr 1958. Foto: Fotoarchiv Jupp Darchinger im AdsD, Bonn

    Kurz vor dem Umzug, am 16. Juni 1978, verlor Wirth seine Frau Margarethe, die treue Lebens- und Arbeitsgefährtin, der er einige seiner Schriften widmete. Sie schenkte vier Kindern das Leben. Und doch stürzte sich Wirth von Thallichtenberg aus in unermüdliche Arbeit.

    Er untersuchte verschiedene Kulthöhlen der Pfälzer Umgebung (er filmte unter anderem Felsritzungen in der sogenannten Schlangenhöhle) und folgte den Entdeckungen des Ingenieurs Ludwig Schmidt aus Kaiserslautern. Er veranstaltete eine Ostermaien-Ausstellung in seinem Privatinstitut in Thallichtenberg und hielt stundenlange Vorträge, unter anderem im überfüllten Auditorium Maximum der Universität Augsburg vor begeisterten Studenten.

    Am 16. Juni 1978 ist Hermann Wirth gestorben. Die Gesellschaft für europäische Urgemeinschaftskunde e.V. (später Ur-Europa e.V.) übernahm die Einlagerung von Teilen seiner hinterlassenen Sammlung, des umfangreichen Fotoarchivs und der Bücherei, sowie der unveröffentlichten Manuskripte und damit die Verantwortung und Betreuung für diesen Teil des Nachlasses.

    Vor dem Zugriff des Regimes gesichert: Wir können Ihnen trotz rechtswidriger Beschlagnahmung beim Forsite-Verlag die Neuauflagen von Herman Wirths Werken «Der Aufgang der Menschheit» und «Was heißt deutsch?» weiterhin anbieten – denn die Bücher selbst sind vollkommen unbedenklich und juristisch einwandfrei. Es empfiehlt sich aber, schnell zu handeln, denn es ist ungewiss, ob und wie schnell ein Nachdruck erfolgen kann. Hier zuschlagen.

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