In Zürich wurde eines der ältesten und bedeutendsten Logenhäuser Opfer der Flammen. Vieles spricht für Brandstiftung. Animierte ein Video von Roger Köppels Weltwoche die Täter? Das meint ein Schweizer Wirtschaftsportal. Doch interessanter als diese Verschwörungstheorie sind die Infos, die ein Historiker in dem Video en passant fallen ließ. Freimaurer, Tempelritter, Rosenkreuzer und Illuminaten – in unserer Sonderausgabe „Geheime Geschichte“ haben wir ein ganzes Kapitel den diskreten Bünden gewidmet. Hier mehr erfahren.

    „Die Freimaurer sind ein alter Geheimbund und wollen unter sich bleiben – nun stehen sie wegen eines Brandes in der Öffentlichkeit“ – so betitelt die Neue Zürcher Zeitung einen Artikel über den Lindenhof in Zürich. In dem historischen Bau mitten in der Altstadt war in der Nacht auf Montag ein Feuer ausgebrochen, das schweren Schaden anrichtete.

    „Betroffen ist das Gebäude am Lindenhof 4, das als Freimaurerzentrum dient“, heißt es in einem Bericht des Schweizer Fernsehens. „Es gehört zusammen mit dem gesamten Lindenhof-Geviert der größten und ältesten Zürcher Freimaurerloge Modestia cum Libertate mit mehr als 120 Mitgliedern. Die Räumlichkeiten der brüderlichen Gemeinschaft – Frauen sind nicht zugelassen – im Untergeschoss des Hauses blieben vom Feuer unversehrt. Es entstand allerdings ein Wasserschaden.“

    Die Ermittlungen der Zürcher Kantonspolizei laufen auf Hochtouren, denn nach Erkenntnissen der Spurensicherung handelt es sich um einen Fall von Brandstiftung. Und nicht nur das: Laut dem Meister vom Großen Stuhl – also dem Chef – der Loge Modestia cum Libertate, Raoul Würgler, wurde in den nicht vom Feuer betroffenen Teil des Gebäudes eingebrochen, mehrere Gegenstände wurden gestohlen, darunter eine Sammlung von Gehstöcken, die in Glasvitrinen aufbewahrt wurden. Ob der Einbruchsdiebstahl etwas mit dem Feuer zu tun hat, sei laut Kantonspolizei noch nicht abschließend geklärt. Der Verdacht liegt aber nahe.

    Ehrenmitglied Franz Liszt

    Die Loge Modestia cum Libertate (lateinisch: Bescheidenheit mit Freiheit) gilt als eine der ältesten und bedeutendsten Freimaurervereinigungen in der Schweiz. Ihre Wurzeln reichen bis ins 18. Jahrhundert, und bis heute spielt sie eine prägende Rolle im kulturellen und gesellschaftlichen Leben der Stadt und darüber hinaus.

    Insignien der Freimaurerei. Foto: Angel Soler Gollonet / Shutterstock

    Gegründet wurde sie 1771 von Zürcher Honoratioren, die bereits im Ausland in den brüderlichen Bund aufgenommen waren. Nach einer längeren Unterbrechung durch die politischen Wirren der Französischen Revolution wurde die Loge 1811 wieder aktiviert, wuchs rasch und fand schließlich in der Mitte des 19. Jahrhunderts ihren festen Versammlungsort: Zwischen 1852 und 1854 baute sie das Logenhaus am Lindenhof in der Altstadt von Zürich, das bis heute als Versammlungsstätte dient und als architektonisch besonderes Gebäude gilt.

    Modestia cum Libertate war aber nicht nur in Zürich ein Zentrum freimaurerischer Aktivitäten, sondern wirkte auch am Aufbau der Schweizerischen Großloge Alpina mit, die 1844 gegründet wurde. Heute ist die Loge mit über 120 Mitgliedern die größte der Stadt. Ihr prominentester Bruder war der Komponist Franz Liszt, der auch als Ehrenmitglied geführt wird. Außerdem gehörten ihr der Chemie-Nobelpreisträger Hermann Staudinger, der Komponist Philipp Christoph Kayser und der Maler Rudolf Koller an.

    „Magischer Kraftort“

    Über die Loge Modestia cum Libertate berichtete die Weltwoche erst am 24. Januar, also zwei Tage vor dem Brand, in einem Videobeitrag, wobei Chefredakteur Roger Köppel höchstpersönlich zu dem „magischen Kraftort“ (so Köppel bei Min. 1:03 in dem Video) fuhr, um dort den Historiker Prof. Dr. Christoph Mörgeli zu sprechen.

    Der Geschichtswissenschaftler, der zudem Politiker der nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei (SVP) ist, habe für die Weltwoche schon mal eine „Titelgeschichte über die Freimaurer, eine Würdigung der Freimaurer“ geschrieben, so Köppel in dem Video. Mörgeli zeichnet daraufhin ein sehr positives Bild vom Logenwesen, geht auf die Bedeutung der Freimaurerei als treibende Kraft hinter aufklärerischen Ideen ein und widerspricht der Ansicht, dass in den Tempeln der Brüdern insgeheim Finsteres betrieben werde.

    Dabei rutschen dem Freimaurer-Historiker allerdings zwei Eingeständnisse heraus, die sonst stets ins Reich der Fantasie verbannt werden. Zum einen zählt Mörgeli stolz auf, wie viele Politiker schon den Schurz trugen, was einen an dem von Logenmitgliedern immer wieder behaupteten unpolitischen Anspruch zweifeln lässt. Zum anderen erzählt er (ab Min. 15:47), dass die Freimaurer sich im Sonderbundskrieg neutral verhielten, die Verletzten versorgten und so zum Vorläufer des Roten Kreuzes wurden.

    Der Sonderbundskrieg war ein konfessionell getriebener Bürgerkrieg in der Schweiz. Er dauerte vom 3. bis zum 29. November 1847 und war die letzte militärische Auseinandersetzung auf Schweizer Boden. Als Ergebnis wurde durch die Bundesverfassung vom 12. September 1848 die Schweiz vom Staatenbund zum Bundesstaat geeint.

    Die Freimaurer als Vorgänger des Roten Kreues? „Das sucht man mit Google vergebens“, so Wahrheitssucher und Investigativjournalist Oliver Janich auf seinem Telegram-Kanal. „Wie ich bereits in meinem Buch Die Vereinigten Staaten von Europa erkläre, dient das Rote Kreuz als Spionageinstrument für die Machtelite, weil man unbemerkt hinter die Linien beider Gegner kommt.“

    So sei „man bestens über den tatsächlichen Sachstand im Krieg informiert und kann ihn zugunsten desjenigen drehen, den man favorisiert. Und nun haben wir auch noch die Bestätigung, dass diese Machtelite in Freimaurerlogen organisiert ist“, kommentiert Janich das Interview weiter.

    Von Weltwoche als Ziel markiert?

    Sind Köppel und sein Interviewpartner also mit dem Weichzeichner über das Freimaurerwesen gegangen? Das sieht das Schweizer Wirtschaftsportal Inside Paradeplatz (IP) ganz anders. „Triggerte Weltwoche-Video Kriminelle zu Wahnsinnstat?“, fragt das Webmagazin per Schlagzeile. „48 Stunden nach Köppel-Mörgeli-Video brennt es am Zürcher Lindenhof: Freimaurer-Logenmitglieder gehen von Brandstiftung aus.“

    Laut IP könnte das Interview der beiden rechten Akteure das Zentrum als Anschlagsziel markiert haben. „Zwei bekannte, polarisierende Figuren des politischen und publizistischen Betriebs. Kein Skandal, keine Enthüllung, kein Aufruf. Ein historisch-kulturelles Gespräch, aber eines, das einem breiten Publikum zeigt: Hier, genau hier, gibt es diese Loge“, raunt der Artikel.

    Es stehe daher, so Inside Paradeplatz, die Frage im Raum: „War ein spannendes, gehaltvolles Video eines traditionsreichen Schweizer Mediums eine Initialzündung für eine Wahnsinnstat? Öffentlichkeit markiert Orte. Sie hebt sie aus der Anonymität. Sie macht sie sichtbar und damit angreifbar, zumindest im Kopf jener, die mit Symbolen, Machtfantasien oder Misstrauen operieren.“ Wenn das mal keine Verschwörungstheorie ist!

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