Ein Sensationsfund in Nordisrael elektrisiert Archäologen und Anthropologen gleichermaßen: Erstmals wurde ein gemeinsamer Nachkomme von Homo sapiens und Neandertaler gefunden. Die beiden Menschenarten kamen sich näher als gedacht. Ein weiteres Beispiel dafür, wie wichtig die historische Revision in unserer Sonderausgabe „Geheime Geschichte – Von den Pharaonen bis zur Kabale im Vatikan“ wirklich ist. Hier mehr erfahren.

    Eine Höhle am Fuße des Berges Carmel südlich der heutigen Buch von Haifa vor 140.000 Jahren: Es ist eine Zeit, in der die Welt noch wild ist, voller Geheimnisse und Gefahren. Im Halbdunkel treffen zwei Menschenarten aufeinander – Neandertaler und Homo sapiens. Sie kommen sich näher, als wir es uns je vorgestellt haben, haben Geschlechtsverkehr. Aus der ungleichen Liaison geht ein Kind hervor. Und dessen Überreste haben Forscher nun entdeckt. Muss die Geschichte der Menschheit komplett umgeschrieben werden?

    Viel früher als gedacht

    Die archäologische und evolutionsbiologische Sensation begann mit einem eher unscheinbaren Fund: dem Schädel eines etwa fünfjährigen Kindes, entdeckt in der Sahuol-Höhle in Nordisrael. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und der Hebrew University in Jerusalem staunten nicht schlecht, als sie die Knochen analysierten. Der Schädel zeigt nämlich Merkmale zweier Menschenarten – die feineren Züge des Homo sapiens, kombiniert mit den robusten, wulstigen Augenbrauen und der fliehenden Stirn eines Neandertalers.

    Professor Israel Hershkovitz von der Hebrew University ist überzeugt:

    „Dies ist das älteste Individuum, das Merkmale von Neandertaler und Homo sapiens in sich vereint.“

    Der Fund zeige, „dass unsere Vorfahren und die Neandertaler nicht nur nebeneinander lebten, sondern auch intim miteinander verbunden waren“, so der Anatom und Anthropologe.

    Die Knochen, etwa 140.000 Jahre alt, wurden mithilfe modernster CT-Scans und 3D-Mapping-Techniken untersucht. Das Ergebnis: Der Junge – die Forscher gehen von einem männlichen Kind aus – war ein Hybride. Damit verschiebt sich der Zeitpunkt der ersten bekannten Kreuzung um fast 100.000 Jahre zurück, viel früher als die bisher angenommenen 60.000 Jahre.

    Die Sahuol-Höhle liegt im Herzen des Zagros-Gebirges, einer Region, die damals wie heute wegen ihrer Biodiversität bekannt war. „Das Gebiet hat eine vielfältige ökologische Übergangszone in einem relativ kleinen Gebiet“, schreibt der Ur- und Frühgeschichtler Saman Heydari-Guran von der Universität Köln in Scientific Reports.

    Schmelztiegel der Menschheit

    Doch wie kam es zu dieser ungewöhnlichen Verbindung? Stellen wir uns die Szene vor: Die Neandertaler, stämmig und an das raue Leben in den Höhlen Eurasiens angepasst, treffen auf die schlankeren, aus anderen Regionen einwandernden Homines sapientes. War es Liebe auf den ersten Blick? Ein flüchtiger Moment der Leidenschaft? Oder vielleicht eine strategische Allianz zwischen zwei Gruppen, die ums Überleben kämpften?

    So genau kann es die Wissenschaft nicht beantworten, doch die genetischen Beweise sprechen für sich. „Wir fanden starke Hinweise darauf, dass sich Neandertaler und Homo sapiens über einen Zeitraum von etwa 7.000 Jahren vermischten“, so der Genetiker Leonardo Iasi vom Max-Planck-Institut im Fachmagazin Science.

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    Andere Funde aus der Region wie ein fossiler Zahn, der Spuren von Homo-sapiens-Werkzeugtechniken aufweist, deuten auf kulturellen Austausch hin. „Neandertaler waren keine primitiven Höhlenmenschen. Sie jagten Großwild, schufen Schmuck und hinterließen Höhlenmalereien“, schrieb der im vergangenen Jahr verstorbene Archäologe Paola Villa von der University of Colorado bereits 2018 im Online-Fachjournal Plos One.

    Diese kulturelle Komplexität legt nahe, dass Neandertaler und Homo sapiens mehr teilten als nur Gene – vielleicht Werkzeuge, Techniken oder sogar Rituale. Doch die Spekulationen gehen weiter. Manche Forscher vermuten, dass die Neandertaler nicht einfach verschwanden, sondern in der größeren Population der Homo sapiens aufgingen. Klimaveränderungen, Konkurrenz oder die schiere Überzahl der Homines sapientes könnten ihr Verschwinden vor etwa 40.000 Jahren beschleunigt haben, doch ihre genetischen Spuren sind unübersehbar.

    Komplexe Kultur

    Die Entdeckung des Hybridkindes in Nordisrael wirft weitere Fragen auf, die die Wissenschaft noch nicht beantworten kann. Waren solche Kreuzungen selten – oder waren sie Teil eines größeren Netzwerks von Interaktionen? Funde wie die Shanidar-Höhle im Irak, wo Neandertaler möglicherweise rituelle Bestattungen durchführten, deuten auf eine komplexe Kultur hin.

    Die Geschichte vor der Geschichte

    Die Vorstellung, dass unsere Vorfahren und die Neandertaler gemeinsam am Feuer saßen, Werkzeuge tauschten oder einander Geschichten erzählten, ist faszinierend. Vielleicht war das Kind aus der Sahuol-Höhle kein Einzelfall, sondern ein Symbol für eine Ära des Austauschs. „Dieser Fund zeigt, wie eng unsere Geschichte mit der der Neandertaler verwoben ist“, so Hershkovitz gegenüber National Geographic.

    Historische Revision notwendig

    Der Schädel aus der Sahuol-Höhle ist mehr als ein fossiles Relikt – er ist ein Beweis dafür, dass Homo sapiens und Neandertaler nicht nur nebeneinander lebten, sondern einander begegneten, sich vermischten und womöglich gemeinsam die Grundlage für die heutige Menschheit legten. Der Fund zeigt zudem, dass wir unsere Vorstellungen über die Ur- und Frühzeit, aber auch über andere Epochen, ständig neu überdenken und nachjustieren müssen.

    Die Wissenschaft steht erst am Anfang, das komplexe Puzzle zu lösen. Doch eines ist klar: Jeder neue Fund, jedes Stück DNA bringt uns näher an die Wahrheit über unsere Wurzeln. Und die könnte ganz anders aussehen, als wir heute vermuten.

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