Armageddon oder Antichrist? Die Wiener Festwochen haben Tech-Milliardär Peter Thiel ausgeladen. Der Silicon-Valley-Mogul hätte über Theologie und Realpolitik diskutieren sollen. Mehrere Künstler drohten mit Rückzug. Was die Eliten planen: COMPACT-Spezial «Transhumanismus – Künstliche Intelligenz und das Ende des Menschen» gibt Antworten. Hier mehr erfahren.
Was als intellektuelles Streitgespräch über Gott, Macht und Apokalypse geplant war, endete als Lehrstück über die Grenzen der Meinungsfreiheit. Die Wiener Festwochen kapitulierten vor dem Druck einer Handvoll Künstler, obwohl Experten und Gremien selbst für den Auftritt plädierten.
Intendant Milo Rau erklärte:
«Aus meiner Verantwortung für das Gesamtprogramm musste ich mich leider gegen die geplante Veranstaltung mit Peter Thiel entscheiden, obwohl ich diese extrem spannend und im Rahmen der Republic of Gods [diesjähriges Festivalmotto] thematisch konsequent gefunden hätte.»
Sein Fazit: «Nicht um jeden Preis.» Thiel selbst hat sich bislang nicht geäußert.
Der Überwachungskönig
Peter Thiel, 1967 in Frankfurt am Main geboren und in den USA aufgewachsen, wurde mit Paypal reich und mit Palantir mächtig. Das von ihm mitgegründete Datenerfassungsunternehmen gilt als zentraler Architekt moderner Überwachungsinfrastruktur, tief eingebettet als strategischer Partner des US-Verteidigungsministeriums, des israelischen Militärs und der ukrainischen Streitkräfte.
Der Name ist Programm: Palantire sind in Tolkiens «Herr der Ringe» magische Sehersteine, mit denen man über große Entfernungen alles erblicken kann, doch wer zu lange hineinschaut, riskiert, vom dunklen Herrscher Sauron gesehen zu werden.
Seine KI aggregiert Satellitendaten und Drohnenaufnahmen zu militärischen Zielvorschlägen vom Donbass bis in den Libanon. Thiel ist zudem Mentor von US-Vizepräsident J. D. Vance und einer der wichtigsten Finanziers Donald Trumps.
Sein Weltbild ist apokalyptisch, die Demokratie hält er für gescheitert:
«Ich glaube nicht länger, dass Freiheit und Demokratie miteinander vereinbar sind.»
Er sieht die Welt gefangen zwischen zwei Abgründen: dem Antichristen, einem globalen Einheitsstaat, der unter dem Deckmantel von Sicherheit und Frieden die Freiheit verschlingt, und dem Armageddon, dem katastrophalen Zusammenbruch der Zivilisation:
«Der Antichrist wird ankommen, indem er ununterbrochen über Armageddon spricht.»
Die einzige Gegenkraft nennt Thiel den Katechon, ein Begriff aus dem Neuen Testament für eine geheimnisvolle aufhaltende Kraft. Für Thiel sind das dezentralisierte Staaten, konkurrierende Mächte, starke Einzelakteure. Der Katechon selbst ist dabei selbst ein regionaler Alleinherrscher, der jederzeit zum Antichristen werden kann:
«Es ist nur ein kleiner Schritt vom Katechon zum Antichristen. Claudius zu Nero, Karl der Große zu Napoleon.»
Bereits 2010 erklärte er offen:
«Wir könnten niemals eine Wahl gewinnen, weil wir in der Minderheit sind. Aber vielleicht könnte man die Welt einseitig verändern, ohne ständig Menschen überzeugen zu müssen — mithilfe technologischer Mittel.»
Mit «wir» meinte er die libertäre Tech-Elite: für Thiel der Katechon in Menschengestalt.
Ringkampf der Antidemokraten
Thiels Vorlesungen über den Antichristen fanden bislang weltweit unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, meist ohne Debatte. Wien sollte das erstmals ändern. Unter dem Titel «Armageddon und Antichrist? Von der Theologie zur Realpolitik» hätte Thiel am 7. Juni mit dem linken Theologen Wolfgang Palaver öffentlich diskutiert, moderiert von Festwochen-Intendant Milo Rau. Rau selbst nannte die Veranstaltung «extrem spannend». Erstmals hätte sich Thiel öffentlich den Fragen eines Kritikers stellen müssen.
Dazu kam es nicht. Die Entscheidung zur Absage fiel am Samstagabend und überraschte selbst die Festwochen-Leitung. Ein eigens einberufener «Rat der Republik» hatte die Durchführung befürwortet. Drei externe Experten sprachen sich einstimmig dafür aus. Den Ausschlag gaben am Ende mehrere Beteiligte des künstlerischen Programms, die anonym mit ihrem Rückzug drohten. Die Festwochen kapitulierten.
Wiens Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler goss im Standard zusätzlich Öl ins Feuer:
«Die Einladung von Peter Thiel führt durchaus berechtigt zu großem Unmut in der Bevölkerung.»
Das Paradox ist bitter. Wer dem Tech-Guru das Wort verbietet, handelt nach derselben Logik, die er selbst predigt. Dabei wäre eine öffentliche Konfrontation mit Thiel genau das gewesen, was seine Ideen am stärksten hätte beschädigen können. Stattdessen verlässt er Wien als Märtyrer der Meinungsfreiheit.
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