Das dunkle Geheimnis der Wall Street. Seit Jahrzehnten fetzt sich die Geschichtswissenschaft um die Finanzierung der NSDAP durch die Großindustrie. Linke und bürgerliche Historiker stehen sich in erbitterter Feindschaft gegenüber – und keine der beiden Parteien will über den Elefanten sprechen, in dessen mächtigem Schatten die Kontroverse steht. Den ganzen Artikel, der hier auszugsweise veröffentlicht wird, erhalten Sie in der Juliausgabe des COMPACT-Magazins. Jetzt bestellen!

    _ von Jürgen Elsässer

    Die Guten waren die Kommunisten, und die Bösen waren die Kapitalisten, so wollte es die Geschichtsschreibung der KPD, der SED und ihrer Nachfolger. Versinnbildlicht wurde die These in einer Fotomontage, die der Berliner John Heartfield Ende 1932 für das Titelbild der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung des linken Zeitungstycoons Willi Münzenberg gefertigt hatte: Der «Sinn des Hitlergrußes» wird als simple Geldübergabe illustriert. Hinter dem kleinen Adolf steht ein riesiger Kapitalist und legt ihm die Scheine in die erhobene rechte Hand. «Motto: Millionen stehen hinter mir», schrieb der Künstler dazu.

    Klassenschuld versus Kollektivschuld

    Das sei eine Verschwörungstheorie, mit der die Kommunisten von ihrer eigenen Schuld am Untergang der Weimarer Republik ablenken wollte – so keilten die westdeutschen Eliten zurück. «Hitler und die NSDAP wurden bis zum Ende der Weimarer Republik weder vom RDI [Reichsverband der Deutschen Industrie] noch von Krupp von Bohlen mit einer Spende bedacht», lautet das Resümee einer großen Studie, die der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) im Jahr 2019, zum 100. Jahrestag der Gründung seines Vorläufers RDI, vorlegte. Eberhard Kolb, einer der führenden westdeutschen Historiker, resümierte 2013 den Forschungsstand seiner Zunft dahingehend, dass «die Großindustrie keinen letztlich entscheidenden materiellen Beitrag zum Aufstieg des Nationalsozialismus und zu den nationalsozialistischen Wahlerfolgen geleistet hat». Auch der sozialdemokratische Historiker Hans-Ulrich Wehler hält das «Ammenmärchen, dass sie sich Hitler und seine Schergen gekauft hätten», für «endgültig widerlegt».

    In der DDR wurden die Kapitalisten verteufelt und das Volk freigesprochen – in der BRD war es umgekehrt.

    Bevor wir beide Behauptungen – die der Kommunisten und die der Bürgerlichen – prüfen, ein Wort zu den Folgewirkungen der jeweiligen Theoreme: Die SED-Geschichtsinterpretation mit der Schuldzuweisung an «Stahlbarone und Kanonenfabrikanten» ermöglichte es der DDR nicht nur, sich als blitzsauberen Antifa-Staat zu präsentieren, sondern auch, allen Bevölkerungsgruppen unterhalb der Großkapitalisten eine Entnazifizierung zu ersparen (sofern sie sich der SED-Herrschaft fügten) und sich betont national zu präsentieren: vom Zuschnitt der NVA-Uniformen bis zum Stechschritt übernahm man viele Wehrmachttraditionen. In der frühen Bundesrepublik ging man umgekehrt vor: Großunternehmer wurden ohne scharfe Entnazifizierung schnell wieder ins Wirtschaftsleben integriert, die Adenauer-Administration beschäftigte bis hin zum Staatssekretär Hans Globke ungeniert ehemalige Funktionsträger des Dritten Reiches. Im Unterschied dazu wurde die breite Masse der Bevölkerung der sogenannten Reeducation unterworfen, mit der die amerikanischen Besatzer die nationalen Traditionen durch eine «Charakterwäsche» (Caspar von Schrenck-Notzing) auflösen wollten – ein Unterfangen, das freilich erst so richtig Fahrt aufnahm, als die Achtundsechziger in das Geschäft einstiegen. Dabei bildete die Frankfurter Schule das Scharnier: Ihre Gründer Theodor W. Adorno und Max Horkheimer hatten zunächst den amerikanischen Umerziehungsprogrammen zugearbeitet und wurden mit 1968 zu Theoriepäpsten der antiautoritären Studentenbewegung.

    4. Parteitag der NSDAP 1929. Mit der Kampagne gegen den Young-Plan beginnt der Aufstieg der Partei. Foto: picture-alliance / Dena

    Holzschnittartig gesagt: In der DDR wurden die Kapitalisten als Hitler-Unterstützer verteufelt und das Volk von Schuld freigesprochen – in der BRD war es umgekehrt. Mit dem Untergang der DDR wurde die volksfeindliche Tendenz übermächtig und radikalisierte sich: Spätestens mit Erscheinen von Daniel Goldhagens Buch Hitlers willige Volkstrecker 1995 war die sogenannte Vergangenheitsbewältigung eine fatale Verbindung mit der Kollektivschuldthese eingegangen, die man vor 1989 sowohl im Osten wie im Westen abgelehnt hatte.

    Zwei Fraktionen

    Die Schuldzuweisung an das Großkapital wurde zum ersten Mal ausführlich in einer Untersuchung der KPD-Parteizeitung Rote Fahne aus dem Sommer 1932 vorgenommen. Drei Jahre später goss die Kommunistische Internationale (Komintern), der von Moskau geführte Zusammenschluss aller KPs, den Erkenntnisstand in die sogenannte Dimitroff-Formel – benannt nach dem damaligen Komintern-Vorsitzenden Georgi Dimitroff. In seiner Rede vor dem 7. Weltkongress der Komintern zitierte der Bulgare die beschlossene Definition: «Der Faschismus an der Macht, Genossen, ist, die offene, terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.» Das war erstaunlich differenziert: Verantwortlich wurde nicht «das» Kapital und nicht einmal «das» Großkapital gemacht, sondern ausschließlich das «Finanzkapital», und auch dieses nicht in seiner Gänze, sondern nur dessen «am meisten chauvinistischsten, am meisten imperialistischen Elemente» (siehe auch Infobox).

    Grafik: COMPACT

    In der DDR waren es vor allem die Historiker Jürgen Kuczynski, Kurt Gossweiler, Eberhard Czichon und Wolfgang Ruge, die sich um Klärung des Verhältnisses zwischen Unternehmertum und Nationalsozialismus bemühten. Auf der Grundlage der Dimitroff-Formel entwickelte zum Beispiel Kuczynski die Monopolgruppentheorie. Sie unterschied die auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähigen schwerindustriellen Monopole, für die die Namen Thyssen und Borsig standen, von der immer noch profitablen Chemie- und Elektroindustrie (AEG, Siemens, I. G. Farben). Erstere trommelten schon vor 1933 für die NSDAP, letztere erst danach.

    Die Gegenargumente

    Westliche Historiker attackierten ab Anfang der 1970er Jahre die «These von der Hitlerpartei im Solde des Kapitals», so Joachim C. Fest. Wichtig waren in diesem Zusammenhang auch die Arbeiten des US-amerikanischen Historikers Henry Ashby Turner, insbesondere dessen 1985 auf Englisch erschienenes und sofort ins Deutsche übersetztes Werk Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Nach seinen Erkenntnissen sponserte die große Mehrheit der deutschen Industriellen in der Endphase der Weimarer Repu­blik nämlich nicht Hitler und die NSDAP, sondern den rechtsnationalen Reichskanzler Franz von Papen und die Deutschnationale Volkspartei (DNVP). Erst nach der Machtübernahme am 30. Januar 1933 habe sich das geändert.

    «Der Sinn des Hitlergrußes: Millionen stehen hinter mir!» – Fotomontage, 1932, von John Heartfield in der kommunistischen AIZ («Arbeiter-Illustrierten-Zeitung»). Foto: picture-alliance / akg-images

    Turners Bruder im Geiste, der Fuldaer Historiker Hans-Ulrich Thamer, resümierte den Diskussionsstand 2016: «Auf keinen Fall kann die Dynamik der nationalsozialistischen Glaubens- und Protestbewegung mit materiellen Unterstützungen der Großindustrie erklärt werden. Die Finanzierung der gewaltigen Propagandakampagnen der NSDAP erfolgte in erster Linie durch die Mitglieder und ihre Beiträge sowie durch Eintrittsgelder, dann durch Hilfe von Sympathisanten vor allem mit kleineren und mittleren Betrieben. Es liegen keine Belege für eine kontinuierliche finanzielle Förderung der NSDAP durch die Großindustrie vor. Zudem war das Verhalten der Großindustrie gegenüber der NSDAP und Hitlers Regierungsbeteiligung 1932/33 sehr uneinheitlich; nur eine kleine Fraktion unterstützte Hitler.» Hier wird das Märchen erzählt, die NSDAP sei durch eine Art Graswurzelfinanzierung – heute würde man von Crowdfunding sprechen – groß geworden.

    Franz von Papen und der Bankier Kurt von Schröder, Vermittler von Geheimbesprechungen, die dann zu Hitlers Machtübernahme führten, zu Jahresanfang 1933 in Hamburg. Foto: picture-alliance / akg-images

    Die beschriebene Megadebatte zwischen kommunistischen und westlichen Historikern um die Rolle des Großkapitals quält sich seit Jahrzehnten hin, weil sie in einer Antinomie gefangen ist: Jede Seite hat gegen die andere Recht, aber keine Seite liegt absolut richtig. Selbstverständlich waren wichtige Großkonzerne am Aufstieg Hitlers interessiert und beteiligt – die vor allem aus der DDR vorgelegten Beweise sind stichhaltig. Andererseits können diese Gelder nicht den Ausschlag gegeben haben, denn sie füllen die Finanzierungslücke nicht, die zwischen schwachen Eigenmitteln der NSDAP und riesigen Ausgaben klafft, und sie klärt nicht, inwiefern diese Industriefraktionen von Finanzkreisen beeinflusst oder gesteuert wurden.

    «Ich bezahlte Hitler», Autobiografie von Fritz Thyssen. Das Buch wurde nicht ins Deutsche übersetzt. Foto: CC0, Wikimedia Commons

    In dieser Leerstelle steht der Elefant, über den beide Seiten nicht zu sprechen wagen: das internationale Finanzkapital und die Wall Street. Immerhin schimmert die Erkenntnis bei den kommunistischen Autoren ab und zu durch, findet aber keine Berücksichtigung in der Theoriebildung des linken Antifaschismus. Total zensiert wird jede Beachtung dieses Themas in den amtlichen Dokumenten der amerikanischen Siegermacht: Die US-Militärverwaltung OMGUS bezichtigte in ihren Studien für das Nürnberger Kriegsverbrechertribunal ausschließlich deutsche Kapitalkreise der Unterstützung des Nationalsozialismus. Und der Historiker Henry Ashby Turner bezeichnete gar «die Finanzhilfen ausländischer Unternehmer (…) als bloße Gerüchte», so die Zusammenfassung auf Wikipedia.

    Es ist vor allem das Verdienst des US-Amerikaners Antony C. Sutton und des Russen Nikolaj Starikow, hier mit bahnbrechenden – und dennoch (oder gerade deswegen?) im Mainstream kaum beachteten – Recherchen für die Klarheit gesorgt zu haben, die den kommunistischen wie den westlichen Historikern fehlt. Ihre Bücher Wall Street und der Aufstieg Hitlers beziehungsweise Wer zwang Hitler, Stalin zu überfallen? werden in der Fachwissenschaft ignoriert.

    Die unsichtbare Hand

    Sutton erklärt die Hinwendung der Wall Street zu den Nazis mit deren korporatistischem Wirtschaftsmodell, das im Unterschied zur freien Marktwirtschaft stabile Gewinnraten garantiere – aus dem selben Grund unterstützten die Banker laut Sutton auch den US-Präsidenten Franklin Delano Roosevelt (1933–1945) und die Sowjetunion. Im Unterschied zu ihm geht Starikow davon aus, dass nicht das korporatistische Wirtschaftsmodell, sondern die geostrategische Orientierung die angloamerikanischen Geldhaie zur Unterstützung Hitlers brachte: Washington und London zogen die NSDAP vor allem deswegen anderen nationalistischen Parteien und Strömungen vor, weil sich Hitler in Mein Kampf vehement für ein deutsch-britisches Bündnis gegen Russland ausgesprochen hatte – das passte zur Globalstrategie der angelsächsischen Seemächte. Aus demselben Grund erfuhren Aktivisten im Umkreis der Konservativen Revolution keine Förderung: Sie waren zumeist anti-englisch eingestellt und damit trotz ihres Antikommunismus den Finanzmogulen suspekt.

    Das berühmte Buch von Antony C. Sutton. Foto: Perseus-Verlag

    Starikow recherchierte penibel die Kontakte, die US-Regierungskreise bereits 1921/22 zu Hitler knüpften – vor allem über den Militärattaché Truman Smith und den von ihm instruierten NSDAP-Spendensammler und Führer-Intimus Ernst «Putzi» Hanfstaengl. Der Börsenexperte Thorsten Schulte («Silberjunge») berichtet, von Starikow ausgehend, in seinem Buch Fremdbestimmt. 120 Jahre Lügen und Täuschung über die Begeisterung Truman Smiths nach einem Treffen mit Hitler am 20. November 1922: «Ein fabelhafter Demagoge. Ich habe kaum zuvor einem so konsequenten und fanatischen Mann zugehört.» Das Zitat, entnommen dem englischen Original des Standardwerks Aufstieg und Fall des Dritten Reiches von William L. Shirer aus dem Jahr 1960, fehlt in dessen deutscher Ausgabe…

    Ein wichtiger Spendenvermittler war auch der Schriftsteller Dietrich Eckart, der den Kontakt zu Warren C. Anderson hielt, den Europa-Präsidenten des amerikanischen Autoproduzenten Henry Ford. 1924 fuhr der Nazi-Playboy Kurt Lüdecke direkt zum Geldsammeln in die USA. Gerichtliche Untersuchungen ergaben, dass Ford schon im Jahre 1923 drei Mal größere Geldbeträge für Hitler angewiesen hatte.

    Ein erstes Fanal setzte die NSDAP am 9. November 1923 durch einen Putschversuch in München. «Das Verblüffendste und Rätselhafteste am Erfolg dieses Menschen (Hitlers) ist die Tatsache, dass er 1923, auf dem Höhepunkt des Inflationstaumels, über Devisen verfügte, über Dollars, Tschechenkronen, holländische Gulden, ja offenbar auch über französische Franken», schreibt Walter Görlitz in Geldgeber der Macht (Düsseldorf/Wien, 1976).

    Der gesamte Artikel „Wer finanzierte Hitler“ erschien im COMPACT-Magazin 07/2026. Diese Ausgabe können Sie in digitaler oder gedruckter Form hier bestellen.

     

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