Prinz Philips Herkunft: Wer war Maria Salomea Schweppenhäuser?

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Vor über 200 Jahren wurde für die Tochter eines südpfälzischen Pfarrers die Freundschaft zu Mädchen, die bei ihrer Großmutter weilten, zum Schicksal. Auch der am 9. April verstorbene Prinz Philip von England war ihr Nachfahre. | Von unserem Autor ist auch ein Beitrag in COMPACT-Geschichte Panzerschlachten: Die legendären Blitzkrieger von Erwin Rommel bis Moshe Dayan erschienen. Hier bestellen.

_ von Hans-Jürgen Wünschel

Im 1723 wieder aufgebauten Schloss von Bergzabern weilten oft die Töchter von Karoline-Henriette, Frau des in Pirmasens residierenden Landgrafen Ludwig IX. von Hessen. Auf dem Altersruhesitz ihrer Großmutter fühlten sich die Enkelinnen Friederike, Caroline, Luise, Amalie und Wilhelmine wohl. Zusammen mit den befreundeten Pfarrerstöchtern durchstreiften sie Felder und Wälder.

Maria Salomea Schweppenhäuser. Bild: Alexander Molinari, CC0, Wikimedia Commons.

Besonders zwischen Wilhelmine und Marie Salomea entstand eine herzliche Freundschaft, die noch intensiviert wurde als Marie Salomeas Vater Pfarrer im nahe Bergzabern gelegenen Oberotterbach wurde. Mitten in dem sorglosen Treiben der Mädchen schlug im Sommer 1772 das Schicksal zu. Friedrich der Große, König in Preußen, hatte an Landgräfin Karoline Henriette geschrieben: „Es handelt sich um keine Kleinigkeit, Madame, sondern darum, ob eine Ihrer Töchter den Thron von Russland besteigt oder nicht.“ Madame antwortete: „Ich fühle den ganzen Wert der Güte, mit der Ew. Majestät mich beehren…“

Glücklich ist die Landgräfin, zeigten doch endlich ihre Bemühungen, ihre Töchter vorteilhaft zu verheiraten, Früchte. Sie selbst hatte ihre Töchter malen lassen und ihre Porträts auch an den Zarenhof geschickt. Nach langer Beratung wurde Tochter Wilhelmine auserwählt, die Frau des russischen Thronerben Paul zu werden.

Trotz einiger Widrigkeiten, bei denen der preußische König mit Hilfe des späteren Generals des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges Friedrich Wilhelm Steuben bei Zarin Katharina der Großen intervenierte, wurde endlich am 10. Oktober 1773 in Petersburg die Hochzeit zwischen der Prinzessin aus hessischem Hause und dem Thronfolger Paul gefeiert.

Marie, Moritz und Maurice

Wilhelmine hatte auf ihrer Reise nach Russland auch ihre Freundin Marie Salomea Schweppenhäuser aus Oberotterbach mitgenommen. Sie blieb in ihrer Gesellschaft und begleitete sie auch auf manchen Reisen. Bei einem Besuch Warschaus lernte sie Friedrich Wilhelm Hauke, einen sächsischer Artillerieoffizier und Sekretär des im Dienste des Wettiner August III. stehenden Gouverneurs Graf Brühl kennen.

Marie Salomea verliebte sich unsterblich in Friedrich. Beide heirateten sofort und ein Jahr später, 1775, konnte die zwanzigjährige Pfarrerstochter aus der Südpfalz die Geburt des Sohnes Johann Moritz nach Hause melden. Es war die Zeit des Kampfes von Preußen, Österreich und Russland um die Aufteilung Polens, die für den jungen Moritz zum Schicksal wurde.

Mit 14 Jahren trat er als Kadett der polnischen Armee in die Fußstapfen seines Vaters und kämpfte unter dem polnischen General Kosciuszko. Mit 21 Jahren war er bereits Oberst. Polen wurde von den umliegenden Großmächten 1795 endgültig zerstückelt und aufgeteilt, dann wenige Jahre später von den Truppen Napoleons I. besetzt.


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Unter dem General der französischen kaiserlichen Armee Jan Hendryk Dombrowski (Vater des Dombrowski-Marsches „Noch ist Polen nicht verloren“, der heute noch als Nationalhymne gesungen wird) setzte Moritz seine militärische Karriere fort. Von nun an nannte sich der Sohn der Pfälzerin Marie Salomea Schweppenhäuser Maurice Hauke. Er erwarb sich große Verdienste bei der Verteidigung der Feste Zamocs gegen anstürmende Russen. Dennoch, Napoleon I. verlor 1812 und musste sich geächtet als Feind der Menschheit ins Exil begeben. Die europäischen Karten wurden neu gemischt.

Maurice Haukes militärische Qualitäten wurden auch beim Zaren von Russland geschätzt, so dass er zum Oberbefehlshaber der in Kongress-Polen stationierten russischen Truppen ernannt, dann zum General und Kriegsminister befördert wurde. Schließlich erhob ihn Zar Nikolaus I. 1826 in den Adelsstand.

1811 hatte Maurice Sophie Lafontaine, die Tochter einer Ungarin und eines französischen Arztes geheiratet. Als zehntes Kind wurde ihnen 1825 Julie Therese Salomea geboren. Sie musste als Fünfjährige mit ansehen, wie ihr Vater 1830 von polnischen Aufständischen als Verräter gegenüber der polnischen Sache ermordet wurde. Sophie brach das Herz.

Am Hofe des Zaren

Ihre verwaisten Kinder wurden von Zar Nikolaus I. am Hof in Petersburg aufgenommen. Dort sollte Julie Therese Hauke wieder, wie ihre Großmutter, in eine schicksalhafte Begegnung mit dem Haus Hessen kommen. Im Jahr 1841 war nämlich die künftige Braut des Zarewitsch, die hessische Prinzessin Marie, nach Petersburg gekommen, um ihren späteren Ehemann Alexander näher kennenzulernen.

Reiterstandbild von Zar Nikolaus I. in St. Petersburg. Foto: Lavantos, CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons

Die 16-jährige Julie Therese, bestens erzogen und ausgebildet, wurde ihre Hofdame. Als Maries Bruder Alexander von Hessen-Darmstadt seine Schwester in Petersburg besuchte und dort als Garde-Kürassier Kommandeur auch eine Anstellung fand, lernte er die kleine Polin mit den pfälzisch-ungarischen Wurzeln Julie Therese kennen und verliebte sich Hals über Kopf in sie.

Alexander war bekannt wegen seiner amourösen Abenteuer, so dass man zunächst den Flirt nicht allzu ernst nahm. Doch man sollte sich täuschen. Die beiden Verliebten waren unzertrennlich. Einer Heirat stand aber der Zar als Vormund Julies im Wege.

Alexander wurde mit diplomatischen Aufträgen überhäuft, die ihn im Auftrag des Zaren drei Jahre lang durch ganz Europa schicken sollten. Man hoffte am Petersburger Hofe, dass er darüber seine Julie vergessen würde. Doch bekannte sich Alexander auch nach seiner Rückkehr zu ihr und hielt offiziell beim Zar um ihre Hand an. Dieser war so empört – sein Schwager als Mann einer Hofdame! –, dass er Alexander aus seinen Diensten entließ und vom Hof jagte.

Julie Therese und Alexander flüchteten und heirateten am 28. Oktober 1851 in aller Stille in Breslau. Wenig später wird im Exil in Genf die Tochter Marie geboren.

Die Wiedergeburt der Battenbergs

Wie reagierte der Großherzog von Hessen, der Bruder Alexanders und nun Schwager der ehemaligen Hofdame, des Fräuleins von Hauke? Sie und ihre Brut sollten einen anständigen Namen erhalten, so die Order Ludwigs III. Julie musste hoffähig werden. Der Name eines 1314 ausgestorbenen Adelsgeschlechtes wurde reaktiviert und auf Julie übertragen. Von nun an war sie Gräfin von Battenberg! Ein Name, den viele ihrer Kinder und Nachkommen in Zukunft führen sollten.

Julie und Alexander waren auf die Unterstützung des Bruders in Darmstadt und der Schwester in Petersburg angewiesen. Nur allmählich wurde Alexander bei europäischen Fürstenhöfen wieder geduldet. Seine diplomatischen, vermittelnden Fähigkeiten, die ihn schon früher im Auftrag des Zaren drei Jahre lang durch Europa reisen ließen, wurden in der Zeit der europäischen Krisen – Krimkrieg, preußisch-französischer Krieg, Auseinandersetzung zwischen Russland und Österreich, Frankreich und Italien und so weiter – genutzt und verschafften ihm im Laufe der Jahre wieder Anerkennung.

Er vermittelte auch Heiraten der europäischen Fürstenhäuser. So verheiratete er Albert, den Sohn der englischen Königin Victoria, mit der Zarentochter Marie; sein Sohn Sandro wurde König von Bulgarien. Ein anderer Sohn, Ludwig, vermählte sich mit seiner Kusine Viktoria von Hessen und Rhein. Der vierte Sohn Heinrich von Battenberg wiederum heiratete Prinzessin Beatrice von England. Deren Tochter Viktoria Eugenie wurde als Gemahlin Alfonsos VIII. Königin von Spanien und damit Großmutter des heutigen Königs Juan Carlos.

Gestatten, Mountbatten!

Der dritte Sohn von Julie und Alexander Ludwig von Battenberg wurde 1868 englischer Staatsbürger. Als Admiral und 1. Seelord war er zusammen mit Winston Churchill verantwortlich für die Aufrüstung der britischen Seestreitkräfte vor dem Ersten Weltkrieg. 1917 erhob ihn der englische König Georg V. zum Marques von Milford Haven. Er selbst nannte sich nun Prinz Louis und anglisierte seinen Namen Battenberg in Mountbatten.


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Seine Kinder machten auch Karriere: Sein Sohn Ludwig wurde Vizekönig von Indien, eine Tochter wurde Königin von Schweden, und die Tochter Alice heiratete den Prinzen Andreas von Griechenland und Dänemark. Damit sind die Eltern des gerade verstorbenen Gemahls der englischen Königin Elisabeth II. genannt: Prinz Philip ist der Sohn von Andreas und Alice von Battenberg beziehungsweise Mountbatten, geborene Haucke-Schweppenhäuser.

So wurde aus der pfälzischen protestantischen Pfarrerstochter Marie Salomea Schweppenhäuser die Ahnin des Prinzen Philip, Herzog von Edinburgh. und des 1948 geborenen künftigen englischen Thronfolgers Charles; möglicherweise wird der Ururenkel der Pfälzerin englischer König!

_ Hans-Joachim Wünschel (*1947) war von 1982 bis 2012 Akademischer Direktor am Historischen Seminar der Universität Landau. Bei dem Beitrag handelt es sich um einen aktualisierten Auszug aus seinem Buch Lebendige Pfalz (2020). Der Text wurde von der Redaktion mit neuer Überschrift und Zwischenüberschriften versehen.

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12 Kommentare

  1. Was interessieren mich die Könige,Prinzen ,Adeligen ,Blaublütigen …………. Ich lebe heute .

    Der Gatte von Mutter Elisabeth ist tot,bleibt tot…Gott hat ihn abberufen … Der kriegt kein Grab unter der Glocke vom Dom wie Helmut Kohl…. ,der bekommt einen Platz wo die Piepmätze singen und die Erde rein und sauber ist ,vielleicht auch eine Gruft -wenns langweilig wird aussteigen aus dem Liegetorpedo und mit den anderen Vergrufteten Karten spielen ,oder umhergeistern in den königlichen Gemäuern … Meinetwegen kann Nofrettete seine Urgrossmutter gewesen sein , das lag nicht in unser Macht der Veränderung ….

    Leider ist meine Einstellung so ,weil diese Erdenbürger des gehobenen Standes zuviel Show veranstalteten ,verantwortlich sind für Kriege und Tote…. Eroberungen ,Kolonialismus und Ausbeutung ,das ist deren Geschichte. Seht euch die Nachkommen dieser hohen Durchlauchtigkeiten an ……. ,wenn die die Sau rauslassen ist es schon eine Familienkomödie.

  2. Weisheitsfreund am

    Ach, Buchauszug, deshalb die lang ausgewalzten Fakten. Es ginge auch kürzer : Der englische Thronfolger nach Lizzy II. hat einen Anteil bürgerlichen Blutes aus der Pfalz in den Adern, horribile dictu. Na passt, der 3. in der Thronfolge hat ja schon eine geschiedene Chichi geehelicht. Eine der glanzvollsten Monarchien die die Welt je gesehen hat, demontiert sich selbst. Wie die anderen. Niemand erzähle mir was von der Rückkehr der Hohenzollern.

  3. Nero Redivivus am

    Und wenn sie nicht gestorben wären, dann reGIERten sie noch heute. Auch Adel vernichtet mit Zacken in der Krone Corona-gekrönt und Corona-ungekrönt: Alle Menschen werden arm und adelig!
    Und sterben’s müsse de Leit: ob reich oder arm zuletzt im Enddarm; nur der Graf von Saint-Germain lebt ewig.

    • heidi heidegger am

      mja, dieser äh skandalöse Tod..*ob arm oder reich etzala sanns alle gleich (tot)* Filmzitat/BARRY LYNDON, woisch?

  4. Mountbatten / Mountbatten-Windsor

    Die britische Linie der gräflichen Familie änderte den Namen Battenberg 1917 aus politischen Gründen
    Verbergung bzw. Verleugnung des Deutschtums
    in die englische Bezeichnung Mountbatten um.
    Genauso verfuhr man in jenem Jahr mit dem in Großbritannien regierenden deutschen Adelshaus Sachsen-Coburg und Gotha, das in Windsor umbenannt wurde.

    Die Nachkommen aus der Ehe der englischen Königin Elisabeth II. (Adelshaus Sachsen-Coburg und Gotha) und Prinz Philip (Adelshaus Battenberg) tragen nunmehr den Familiennamen Mountbatten-Windsor, der zu deutsch richtigerweise entsprechend Battenberg-Sachsen-Coburg und Gotha heißen müßte.

    • Weisheitsfreund am

      Windsor = Hannover ( Welfen). Wie soll Coburg-Gotha da hineinkommen? ( daß 1917 ein deutscher Name in England nicht en Vogue war, kann man wohl suaviter beurteilen).

      • Deutschösterreicher aus dem Wienerwald am

        Weil der Gemahl der Königin Viktoria Prinz Albert von Sachsen, Coburg und Gotha war, ganz einfach.

      • So einfach liegen die Dinge nicht. Denn die Kinners von Albert u. Vicki hießen halt nicht Sachsen-C-G.

  5. Werner Holt am

    Sehr interessant, dies mal ganz genau aufgedröselt zu sehen.
    Aber ein kleiner Fehler hat sich wohl eingeschlichen:

    "(…) möglicherweise wird der Urahn der Pfälzerin englischer König!"

    Hier ist offensichtlich statt eines Urahns ein Ururenkel gemeint –
    oder habe ich etwas falsch verstanden? Dann: Asche auf mein Haupt.

    COMPACT: Danke für den Hinweis. Wurde geändert.

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