Parsifal und der Karfreitag

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Vor 135 Jahren starb Richard Wagner. Der Komponist wollte aus Opernhäusern religiöse Weihestätten des Volkes machen. Auch wenn dies nicht gelang, ist der Ansatz nicht falsch. Ein tieferes Verständnis von Religion böte nicht nur einen Wertekompass, sondern könnte sogar dazu beitragen, Schuldkomplexe zu überwinden und neues Selbstvertrauen zu erlangen.

_ von Thierry Baudet

«Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.» – Mit diesem sonderbaren Satz beginnt eines der berühmtesten Werke der Weltliteratur, nämlich der 1925 erschienene Roman Der Prozess von Franz Kafka. In diesem Buch wird ein junger Mann mit einer Anklage konfrontiert – es bleibt unklar, wofür er angeklagt wird und welche Strafe er möglicherweise zu erwarten hätte. Aber irgendetwas in Josef K. fühlt sich durch die Anschuldigung getroffen. Seine Versuche, sich zu widersetzen, scheitern an seiner eigenen Zwiespältigkeit – er kann an nichts anderes mehr denken als an seine Verurteilung. Er fühlt sich schuldig.

Kafkas Werk hat Generationen von Lesern auf der ganzen Welt bewegt. Das Gefühl, «schuldig zu sein», ist universell. Als Erwachsener entwickelt der Mensch im Lauf seines Lebens das Bewusstsein, irgendwo zu versagen – und dass ihm eine angeborene Sünde anhaftet. Das Christentum liefert für dieses vage Schuldgefühl des Menschen eine Erklärung: Die Schuld entsteht aus dem Sündenfall. Im Paradies konnte der Mensch seinen Hunger nach Wissen, nach Macht, nach sexueller Befriedigung nicht beherrschen. Daher wurde er aus ihm verstoßen – so wie wir alle aus dem Paradies der Kindheit verstoßen werden, sobald die Pubertät einsetzt.

Aber neben einer Erklärung bietet das Christentum auch die Wandlung des Schuldgefühls durch den Opfertod Jesu. Selbst frei von Sünde (und ohne sexuelles Verlangen), stirbt Jesus in der Überlieferung am Kreuz für unsere Sünden. So macht die christliche Tradition ihren Frieden mit dem menschlichen Schuldgefühl: Es wird aufgehoben, es ist nicht mehr nötig. Im Tausch dafür hält die Idee Einzug, Jesus verpflichtet zu sein – und in seinem Gefolge der (christlichen) Gemeinschaft, seinen Nächsten und der Welt insgesamt.

Wagners Gralstempel

Aber was ist zu tun, wenn diese Geschichte ihre Glaubwürdigkeit verliert? Wenn wir die Idee vom Sündenfall nicht mehr für eine brauchbare Metapher halten, um die menschliche Konstitution zu überdenken, und wenn wir die Symbolik des Opfertods Jesu nicht mehr begreifen? Wenn die Glaubensdogmen zu unwahrscheinlich für den modernen Menschen werden und damit die gesamte Religionnverworfen wird?

Das ist die Frage, die Richard Wagner beim Schreiben seiner Oper Parsifal inspirierte, die an einem Karfreitag spielt. Die Oper ist ein großartiger Versuch, ein säkulares Evangelium zu begründen, zu dem nicht in der Kirche, sondern im Opernhaus ein Bekenntnis abgelegt wird. Eine ritterliche Priestergemeinschaft ist im Bann der begangenen Sünden. Das Land ist grau geworden, die Rittergemeinschaft betrübt. Immer wieder werden die Rituale der Prozession wiederholt, aber ohne Ergebnis. Dann kommt der Erlöser, Parsifal, der sein eigenes Verlangen opfert und sich in den Dienst eines größeren Ganzen stellt. Der Funke schlägt wieder über. Das Land wird fruchtbar – die Natur «frei von Sünden». Der «Karfreitagszauber» im Schlussakt der Oper gehört zur schönsten Musik, die je geschrieben wurde. Aber ohne Zweifel rührt sie auch deshalb so an, weil sie an das Urgefühl der Sünde, der Schuld, die vergeben wird, rührt. Nach fünf Stunden musikalischer Bußübung läuft man wie wiedergeboren aus dem Operngebäude heraus – jedenfalls war das die Idee.

Wagners Versuch, zu einer neuen Opern-Religion zu kommen, scheiterte. Opernhäuser sind keine Volkskirchen geworden; der Kreis der Wagnerianer ist sehr klein (und die meisten Aufführungen werden durch modernistische Opernintendanten gründlich verdorben). Dennoch hat Wagner ein ernsthaftes Kulturproblem nachempfunden. Unser Schuldgefühl muss aufgegeben werden – und dafür brauchen wir ein kollektives Ritual.

«Tyrannei der Reue»

Vielleicht ist es so gesehen doch eine gute Idee, das Christentum auf eine säkularisierte Art neu zu würdigen. Viele Juden machen dies auch: Sie glauben oft kein Wort aus der Thora mehr, erleben aber nichtsdestoweniger, dass in der religiösen Tradition viel Weisheit steckt; sie sind stolz, sich als «jüdisch» zu sehen, und begreifen, dass die Rituale und Gebräuche – wie der wöchentliche Feiertag im kleinen Kreis und das Weitererzählen der Geschichten – unser modernes Dasein auf eine sonderbare Weise komplettieren.

Die heutigen Diskussionen über Entwicklungshilfe, Immigration und Multikulturalismus zeigen ein großes, aber vages Schuldgefühl, das sich unserer Kultur bemächtigt hat. Eines Auswegs beraubt, wuchert es weiter. Wir sind alle Josef K. geworden; der französische Philosoph Pascal Bruckner nennt dies in seinem Buch Der Schuldkomplex: Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für Europa «die Tyrannei der Reue». Daher ist es wichtig, über die Bedeutung von Karfreitag nachzudenken. Es ist ein Tag des Leidens, aber auch von neuer Fruchtbarkeit und neuem Selbstvertrauen. Josef K. ging an seinem Schuldgefühl zugrunde. Das muss nicht das Schicksal der westlichen Kultur werden.

Darum: COMPACT-Geschichte lesen und verteilen! Vergangenheitsbewältigung auf patriotisch!

Dieser Text erschien zuerst in COMPACT 01/18 – „Kampf ums Abendland“

 

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16 Kommentare

  1. Kommt drauf an, wie früh man die Kultur ansetzt! VOR den monotheistischen Buchreligionen gab es keine kollektiven Schuldgefühle! Das wurde den Leuten anerzogen, weil sich mit den ganzen Komplex die Menschen von den Obrigkeiten einfacher beherrschen ließen. Das Belohnungs- und Bestrafungssystem wurde ins Jenseits verlegt, damit es keiner nachprüfen kann. Und wenn man das den Leuten oft genug erzählt, glauben sie es auch – sobald es Generationen geglaubt haben, wird es als Selbstverständlichkeit hingenommen.
    Entwickelt wurde ein solcher Jenseitsglaube wohl im alten Ägybten, wo man damit die Menschen veranlaßte freiwillig! Monumentalbauten zu errichten.
    Seit es diese Schultkulte gibt, werden Ausreden erfunden, d.h. der Unwahrheit und Lügerei Vorschub geleistet. Für komplette Staaten / Völker gilt das übrigens erst seit Ende des WK I. Früher war es selbstverständliches Recht des Souveräns, dem Nachbarn den Krieg zu erklären. In ein Gebiet, das man erobern mochte, marschierte man einfach ein!

    • 2. Die – späteren – europäischen Kolonialstaaten nahmen den "Missionsbefehl" als Vorwand in ihre späteren Kolonieen einfach einzumarschieren und diese erst zu erobern und dann Zwangszubekehren. Später, vor allem bei den Engländern, genügte dann der Umstand, daß diese technisch unterlegen waren (und so leicht zu nehmen) und man sich "verpflichtet" fühlte, diesen (westliche) Zivilisation beizubringen. So entstand das Empire. Und die USA, als subjektiver "Erbe" handelt noch genauso – unter der Flagge "Menschenrechte.
      Die frühen christlichen Sagen und Legenden entstanden in der Zeit der Zwangschristianisierung Europas. Ältere Texte sind möglicherweise in Island erhalten worden, aber in Kontinentaleuropa sorgfältig vernichtet worden, denn niemandem sollte klar werden, daß es früher auch Menschen gab, die gut ohne die neue Religion lebten und "Gott" eben nicht von Anfang an da war!

  2. Ich habe auch nicht mehr Ahnung von klassischer Musik bzw. gar von Wagnerscher Musik als viele andere Unbedarfte, war aber kürzlich tief beeindruckt von der Ouvertüre des "Tannhäuser", die in diesem Youtube-Video von Thomas Wangenheim äußerst gut durch Hörbeispiele erklärt wird:

    "Einige Gedanken zur Tannhäuser-Ouvertüre . Richard Wagner . Hörbeispiele"

    Wenn ich von klein auf jemanden gehabt hätte, der mir derart klassische Musik nahe bringt, hätte sich bei mir ein ganz anderes Verständnis dafür entwickelt. Tatsächlich ist es jedoch eher Glückssache, ob uns ein solcher Lehrer/Kenner begegnet (Thomas Wangenheim ist so einer)!

    Die Tannhäuser-Ouvertüre ist jedenfalls der absolute Hammer! Jetzt weiß ich auch, warum sich meine Oma als Wagneranerin bezeichnet hat…

  3. "Nach fünf Stunden musikalischer Bußübung läuft man wie wiedergeboren aus dem Operngebäude heraus – jedenfalls war das die Idee."

    Ja, natürlich! Auch Angela Merkel fährt jedes Jahr mit ihrem Mann nach Bayreuth. Jesus, Wagner, Kafka, Orwell, Crichton, Bruckner, Benoist. Das sind alles Vorbilder, irgendwie. Am wichtigsten ist aber, die Regeln selbst zu bestimmen, der Unterwelt zuvor zu kommen, statt zu warten, alle zusammen:
    [YOUTUBE.com: "7×22 – Chosen – Speech"]

  4. Sehr interessanter Beitrag (auch wenn ich nicht direkt ein Wagner-Fan bin). Sehr gut kommt zum Ausdruck, dass die Erzählungen der Religionen eigentlich als symbolische Erzählungen gemeint sind, nicht als solche, die man wörtlich auffassen sollte. Und als solche haben sie uns in der Tat einiges zu sagen.

    Vielleicht darf ich mich mal laienhaft an der Kreuzigung Jesu versuchen: er mußte leiden, obwohl er unschuldig war. Das ist eine Situation, vor die jeder von uns jederzeit gestellt sein kann. Sich das klar zu machen, kann in der Tat dem Schuldgefühl entgegen wirken – gerade für uns Deutsche wichtig. Und auch das eigene Schuldig-Werden ist nicht immer zu vermeiden und trotzdem kein Verdikt zu ewiger Verdammnis.

    Übrigens: der Buddhismus sagt ebenfalls, dass das Wälzen von Schuldgefühlen weder förderlich noch sinnvoll noch notwendig ist.

  5. Jürg Rückert am

    Kürzlich las ich, Theater und Opernsäle seien inzwischen Orte für Exkrementierungen und Blasphemien aller Art.
    Wir bräuchten Parzival statt Merkel, St. Michael statt Luzifer, Mozart statt 12-ton-musik.
    Mal sehen, für was sich die Vorsehung entscheidet.

    • das schwarze Schaf am

      Die Vorsehung, wenn man damit Gott meint, entscheidet sich für den freien Willen der Menschen. Nicht die Vorsehung fabriziert diesen Mist hier auf der Welt und in Deutschland, sondern der von Gott freigelassene Mensch.

      Natürlich gibt es göttliche Vorgaben, an diese darf der Mensch sich freiwillig halten, was er leider nicht tut.

    • "Kürzlich las ich, Theater und Opernsäle seien inzwischen Orte für Exkrementierungen und Blasphemien aller Art."

      Es ist tatsächlich vielfach so!

  6. "Sie [die Juden] glauben oft kein Wort aus der Thora mehr, erleben aber nichtsdestoweniger, dass in der religiösen Tradition viel Weisheit steckt; sie sind stolz, sich als «jüdisch» zu sehen."

    Warum ""jüdisch"" in Anführungszeichen?
    Juden gehören zum Volk der Juden. So einfach ist das.

    Dass die Religion für den Zusammenhalt eines Volkes eine wichtige Rolle einnimmt,
    ist eine Erkenntnis, die so alt ist, wie die Religionen selbst.

    Selbstverständlich wird auch das Deutsche Volk aus der Todesphase,
    in der es sich im Moment befindet, wieder auferstehen.
    Und natürlich wird es in Zukunft Menschen geben, die an ihr Deutschtum glauben
    und sich zu ihm religiös bekennen.

    • das schwarze Schaf am

      Verehrter Aristoteles,
      eine kleine Korrektur hätte ich anzumerken: Judentum ist keine Staatsangehörigkeit, sondern eine Religion. Ein Volk der Juden im säkularen Sinne kann es also nicht geben, denn dann gäbe es auch ein Volk der Christen etc. –

      Deutschtum dagegen ist eine Staatsangehörigkeit, mithin gibt es ein Volk der Deutschen, da gibt’s nichts zu glauben und nix religiös zu bekennen.

      Jesus hat damals den Pharisäern schon gesagt, dass sein Reich nicht von dieser Welt (also nicht säkular) ist.

    • Andreas Walter am

      Weil es auch "Die Juden" als religiöses und auch geistig homogenes Gebilde nicht gibt. Das wollte der Autor glaube ich mit den Anführungszeichen nur noch mal betonen, weil es hier um Religion geht.

      Materiell, körperlich, physisch betrachtet ist seit Ezra (um etwa 550 v. Chr.) nur derjenige Jude, diejenige Jüdin, der/die von einer jüdischen Frau geboren wird.

      Hihihi, weil die jüdischen Männer damals zuviel auch an fremden Hönigtöpfen genascht haben.

      Ezra hat damit erheblich die Frauenrechte der Jüdinnen gestärkt und jüdische Männer dadurch wieder diszipliniert. Zu der Zeit soll auch die Thora erstmals niedergeschrieben worden sein, was bis dahin alles nur mündliche Überlieferungen gewesen sein sollen. Fand alles erst nach dem babylonischen Exil statt, wobei es auch den hochrangigen Juden darin nicht schlecht ging. War ähnlich wie auch Arminius (und sein Diener?) in Rom, um das Ganze damals besser zu verstehen. Oder so wie es uns Deutschen heute geht, unter dem "Imperium das es angeblich gar nicht gibt".

  7. Komisch das man diesen Mist noch auffuehren darf ,wo Hitler doch der groesste Wagner Fan war ….und Merkel auch darauf abfaehrt.
    Gleichgesinnter Kultur- und Kunstbedarf ….

    Mir reicht die komische Oper ….. Merkels Sternengang aus …. taeglich unaufhoerlich.

    • Aha. Weil Hitler und Merkel gerne Schokolade essen, darf dieser "Mist" also nicht mehr gegessen werden?
      Ihre Logik ist haarsträubend.

      Einen Unterschied gibt es allerdings: Hitler scheint die Musik Wagners wirklich gefallen zu haben. Merkel geht zu den Veranstaltungen wohl nur deshalb, weil sie auf ihrem Terminkalender stehen.

    • Verehrter +60 OSSI, natürlich muss niemand zum Kirchen- oder zum Wagner-Fan werden. Aber in Ihrer Argumentation sehe ich doch ein Problem, das heute leider allzu oft anzutreffen ist:
      Nur weil Hitler etwas gemocht hat oder gesagt hat oder getan hat, muss man es doch heute nicht zwangsläufig meiden! Da gäbe es viel zu meiden. Lassen wir doch den Adolf, wo er ist: in der Kiste (oder so). Und richten uns nicht ständig an ihm aus!

    • heidi heidegger am

      was interessiert mich aaadolf? Nietzsche und unser "Kini" waren noch größere Wagner-Enthusiasten als ämm das mrkl, hihi. Tristan und Isolde ist ein Musikdrama und so dermassen ein (zeitloser) hammer, das es m. e. gleich mal als visitenkarte für äh etzala verlor ich den faden..tsstss..

    • Herbert Weiss am

      Ich kann mich Aristoteles und Borsti nur anschließen! Hitler hat bekanntlich auch gemalt. Wenn man es geschafft hätte, dass er sich ganz auf seine Kunst konzentrierte – na und?

      Ich finde auch den damaligen Baustil gar nicht so übel, ohne deshalb ein Nazi oder Stalinist sein zu müssen. Denn das wirklich Schlimme waren nicht die Prachtbauten in den großen Städten, sondern die etwas abgelegenen Orte des Grauens.

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