Parsifal und der Karfreitag: Die Überwindung der Schuld

22

Richard Wagner wollte aus Opernhäusern religiöse Weihestätten des Volkes machen. Auch wenn dies nicht gelang, ist der Ansatz nicht falsch. Ein tieferes Verständnis von Religion böte nicht nur einen Wertekompass, sondern könnte sogar dazu beitragen, Schuldkomplexe zu überwinden und neues Selbstvertrauen zu erlangen. Ein Beitrag zum Karfreitag.

_ von Thierry Baudet

«Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.» – Mit diesem sonderbaren Satz beginnt eines der berühmtesten Werke der Weltliteratur, nämlich der 1925 erschienene Roman Der Prozess von Franz Kafka. In diesem Buch wird ein junger Mann mit einer Anklage konfrontiert – es bleibt unklar, wofür er angeklagt wird und welche Strafe er möglicherweise zu erwarten hätte. Aber irgendetwas in Josef K. fühlt sich durch die Anschuldigung getroffen. Seine Versuche, sich zu widersetzen, scheitern an seiner eigenen Zwiespältigkeit – er kann an nichts anderes mehr denken als an seine Verurteilung. Er fühlt sich schuldig.

Kafkas Werk hat Generationen von Lesern auf der ganzen Welt bewegt. Das Gefühl, «schuldig zu sein», ist universell. Als Erwachsener entwickelt der Mensch im Lauf seines Lebens das Bewusstsein, irgendwo zu versagen – und dass ihm eine angeborene Sünde anhaftet. Das Christentum liefert für dieses vage Schuldgefühl des Menschen eine Erklärung: Die Schuld entsteht aus dem Sündenfall. Im Paradies konnte der Mensch seinen Hunger nach Wissen, nach Macht, nach sexueller Befriedigung nicht beherrschen. Daher wurde er aus ihm verstoßen – so wie wir alle aus dem Paradies der Kindheit verstoßen werden, sobald die Pubertät einsetzt.

Aber neben einer Erklärung bietet das Christentum auch die Wandlung des Schuldgefühls durch den Opfertod Jesu. Selbst frei von Sünde (und ohne sexuelles Verlangen), stirbt Jesus in der Überlieferung am Kreuz für unsere Sünden. So macht die christliche Tradition ihren Frieden mit dem menschlichen Schuldgefühl: Es wird aufgehoben, es ist nicht mehr nötig. Im Tausch dafür hält die Idee Einzug, Jesus verpflichtet zu sein – und in seinem Gefolge der (christlichen) Gemeinschaft, seinen Nächsten und der Welt insgesamt.


Einst galt unser Land als der Hort von Mythen, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden. COMPACT-Geschichte 3 „Mythisches Deutschland“ lässt dies für alle Nachgeborenen wieder aufleben und führt Sie an die historischen Stätten unseres Volkes. Zur Bestellung HIER oder auf das Bild oben klicken.

Aber was ist zu tun, wenn diese Geschichte ihre Glaubwürdigkeit verliert? Wenn wir die Idee vom Sündenfall nicht mehr für eine brauchbare Metapher halten, um die menschliche Konstitution zu überdenken, und wenn wir die Symbolik des Opfertods Jesu nicht mehr begreifen? Wenn die Glaubensdogmen zu unwahrscheinlich für den modernen Menschen werden und damit die gesamte Religionnverworfen wird?

Das ist die Frage, die Richard Wagner beim Schreiben seiner Oper Parsifal inspirierte, die an einem Karfreitag spielt. Die Oper ist ein großartiger Versuch, ein säkulares Evangelium zu begründen, zu dem nicht in der Kirche, sondern im Opernhaus ein Bekenntnis abgelegt wird. Eine ritterliche Priestergemeinschaft ist im Bann der begangenen Sünden. Das Land ist grau geworden, die Rittergemeinschaft betrübt. Immer wieder werden die Rituale der Prozession wiederholt, aber ohne Ergebnis. Dann kommt der Erlöser, Parsifal, der sein eigenes Verlangen opfert und sich in den Dienst eines größeren Ganzen stellt. Der Funke schlägt wieder über. Das Land wird fruchtbar – die Natur «frei von Sünden». Der «Karfreitagszauber» im Schlussakt der Oper gehört zur schönsten Musik, die je geschrieben wurde. Aber ohne Zweifel rührt sie auch deshalb so an, weil sie an das Urgefühl der Sünde, der Schuld, die vergeben wird, rührt. Nach fünf Stunden musikalischer Bußübung läuft man wie wiedergeboren aus dem Operngebäude heraus – jedenfalls war das die Idee.

Wagners Versuch, zu einer neuen Opern-Religion zu kommen, scheiterte. Opernhäuser sind keine Volkskirchen geworden; der Kreis der Wagnerianer ist sehr klein (und die meisten Aufführungen werden durch modernistische Opernintendanten gründlich verdorben). Dennoch hat Wagner ein ernsthaftes Kulturproblem nachempfunden. Unser Schuldgefühl muss aufgegeben werden – und dafür brauchen wir ein kollektives Ritual.

«Tyrannei der Reue»

Vielleicht ist es so gesehen doch eine gute Idee, das Christentum auf eine säkularisierte Art neu zu würdigen. Viele Juden machen dies auch: Sie glauben oft kein Wort aus der Thora mehr, erleben aber nichtsdestoweniger, dass in der religiösen Tradition viel Weisheit steckt; sie sind stolz, sich als «jüdisch» zu sehen, und begreifen, dass die Rituale und Gebräuche – wie der wöchentliche Feiertag im kleinen Kreis und das Weitererzählen der Geschichten – unser modernes Dasein auf eine sonderbare Weise komplettieren.

Die heutigen Diskussionen über Entwicklungshilfe, Immigration und Multikulturalismus zeigen ein großes, aber vages Schuldgefühl, das sich unserer Kultur bemächtigt hat. Eines Auswegs beraubt, wuchert es weiter. Wir sind alle Josef K. geworden; der französische Philosoph Pascal Bruckner nennt dies in seinem Buch Der Schuldkomplex: Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für Europa «die Tyrannei der Reue». Daher ist es wichtig, über die Bedeutung von Karfreitag nachzudenken. Es ist ein Tag des Leidens, aber auch von neuer Fruchtbarkeit und neuem Selbstvertrauen. Josef K. ging an seinem Schuldgefühl zugrunde. Das muss nicht das Schicksal der westlichen Kultur werden.

Dieser Beitrag wurde zuerst in COMPACT 1/2018 veröffentlicht.


Mit COMPACT bleiben Sie immer auf dem Laufenden: Monat für Monat bereiten wir wichtige Ereignisse aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft so auf, wie Sie es in der Mainstream-Presse garantiert nicht lesen. Mit einem Abo von COMPACT sichern Sie sich einen entscheidenden Wissensvorsprung. Zur Bestellung HIER oder auf das Bild oben klicken.

Über den Autor

COMPACT-Magazin

22 Kommentare

  1. Avatar

    Die "Erbsünde" – also die Tatsache, daß man für etwas haften muß, was man garnicht selber getan hat, sondern was von den Vorfahren ererbt wurde, oft als Überraschung ist eins der Vehikel, mit denen das Christentum seit gut 1800 Jahren seine Anhänger terrorisiert und bei der Stange gahalten hat!
    Unsere germanischen und keltischen Vorfahren kannten solchen Terror nämlich nicht, waren deswegen viel freier und selbstbestimmter. Die waren auch nie "verpflichtet" für Fremde oder Versager und von Mutter Natur Aussortierte Verantwortung übernehmen zu müssen, die nicht zu den Blutsverwandten gehörten! Als sich Mitteleuropäer kurz nach der Christianisierung zwischen Sippe und Glaubensgemeinschaft entscheiden mußten, zerstörte es deren ursprüngliche Wesensart und der Konflikt trieb einige in den Selbstmord.
    Der "Prozeß" beschreibt geradezu einen Fall von "Erbsünde"!
    Auch mit dem Umstand, die endgültige Strafe oder Belohnung in die Zeit nach dem Tod zu versetzen – was man nicht prüfen kann – und die angebliche Einmaligkeit des Seins – die Reinkarnation wurde um 1000 verboten – bewirkte die lange Haltbarkeit dieser Religionen(en)!

  2. Avatar
    Der Osterhase am

    Alle Religionen sind Erfindungen von Menschen, was man heute wissenschaftlich auch belegen kann. Der Fortschritt hat schon längst diese 3 großen Ideologien überholt und wenn diese Religionen sich nicht bald modernisieren, sind diese bald auch nicht mehr zeitgemäß für die Menschen. Außerdem würde bei der jetzigen unchristlichen Politik und der Verlogenheit des göttlichen Bodenpersonal in Deutschland, Jesus Christus bei Pegida mitlaufen und Martin Luther wäre schon AfD Mitglied, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

    • Avatar
      DerSchnitter_Maxx am

      Religionen sind absolut nutzlos und eher wahrscheinlich … mit das schädlichste was es gibt auf Erden – schädlicher … als Corona es je sein wird/würde ! 😉

  3. Avatar
    Wilhelm Furtwängler am

    Wagner List Bruckner Beethoven Mozart Strauß Haydn Brahms ….und heute nur noch „Dummland sucht den Superstar“ Deutschlands Rettung wär eine echte „Götterdämmerung“

    • Avatar
      Jeder hasst die Antifa am

      Dafür haben wir jetzt Lindenberg ,Grölemeier,Rote Sosse Fischgestank und wie all die diversen Sänger und Bands heissen welche Speichellecker des Systems sind.

  4. Avatar
    Katzenvater am

    Gerade die Säkularisierung des Christentums, siehe Staatskirchen, führte zur Zementierung des Schuldkomplexes. Immigration, Multikultur und Genderwahn sind letztlich nicht mit einer höheren religiösen Ethik verbunden, sondern entspringen einer verfehlten Humanmoral, die den Menschen materialisiert. Die "thorafreien" Juden sind häufig politische Zionisten, denen es um weltliche Belange geht. Eine Befreiung vom Schuldkomplex erlangt man in der Tat nur durch neues Selbstbewusstsein, welches jedoch "im Westen" nicht auf der Agenda steht. Mich wundert bei heutigen bürgerlich-konservativen Kreisen, die nur gläubig sind, wenn es gegen den Islam geht, nicht, dass der Islam im Artikel keinen Widerhall findet. Gerade durch Geist und Spiritualität des Shia-Islam schließt sich der Kreis zur wagnerischen Weihestätte echter Religiösität. Welcher auch die Wiege wäre, den -dort inhaltlich nicht verorteten-Schuldkomplex abzuladen…

    • Avatar
      heidi heidegger am

      aha! aber watt für Schuld? Jesus starb für unser aller SündenSchuld und kam wieder und wird wiederkommen, so sicher wie die Sonne jeden Morgen erscheint (und sie scheint sogar nächtens, uff da *ebsch Seit*..ämm)..alora, non problemo, ey? 😉

    • Avatar
      Svea Lindström am

      Und als im Mittelalter und in der Renaissance das Christentum wütete, wurden Freigeister, Andersdenkende, Gnostiker etc. pp. in Massen abgemurkst. Das Christentum war damals nämlich nicht weniger blutdurstig wie der heutige Fundamentalislam. Fazit: Wir brauchen weder das eine noch das andere.

      • Avatar
        heidi heidegger am

        Ämm..d-d-ditt waren notwendige Correcturään. Nun, bissi arg leid um *die Gnostikka* tut es mimimir aber schon. Denn selbst bei uns‘ Soki musste ich da und dort über die Forums(RaumSchiff)Jahre gewisse *G-Anteile* erspechtään, hah! so! *zacknweg*

      • Avatar
        heidi heidegger am

        ..und es war im Übrigen schon! ca. *200 nach Jesu‘ 2ten Kommen*, dass Schluß war mit dem äh "Speculacius" darüber ob der Sohn weniger als der GottVater wäre usw. usw. , ja?

        ..und ob die imperfekte-unperfekte Welt etwa von eim‘ Demiurgään geschaffänn wordään waere etc. pp *peace, yo!* und (heidi)Liebe pur an alle!

      • Avatar
        HERBERT WEISS am

        Jesus führte das Beispiel eines Landmannes an, der seinen Knechten Einhalt gebot, die das auf dem Acker aufkommende Unkraut ausreißen wollten: "Lasst es sein, damit ihr nicht den guten Weizen mit ausreißt!"

        Die damaligen Wortführer hielten sich nicht daran. Im Prinzip auch solche Gangster, wie die, die zuvor von Pilatus die Kreuzigung Jesu forderten.

        Jede Lehre kann missbraucht werden!

      • Avatar
        heidi heidegger am

        sehr gut, Bruder WEISS..Jesus "Lass ett, Jung!" Christus sagte genau dies, yo! Nun, ditt heidi erwartet/erbittet nun von Dir ein Bibelwort zur ForumsEinstimmung am Anfang jeden ForumsMonats. 🙂 Grüßle!

      • Avatar
        Andor, der Zyniker am

        @ SVEA LINDSTRÖM

        Und vor allem brauchen wir keine Relotius-Presse,
        kein Staatspropaganda-TV, also keine Systemmedien
        die sich wie wilde Säue in der Panikmache suhlen,
        sich mit Begeisterung der Volksverdummung widmen
        und den 75jährigen NS-Schuldkomplex jetzt auf die
        sogenannte Pandemie ausweiten.
        Motto: Wenn Ihr (das Pack) die Anordnungen der weisen
        Merkel-Regierung nicht befolgt, seid Ihr selbst schuld an
        der Ausbreitung der menschengemachten Krankheit .
        Bleibt also schön artig zuhause, wir (die Regierenden)
        werden derweil den "schutzsuchenden Flüchtlingen"
        aus sicheren Herkunftsländern helfen
        und (!)
        waschen somit unsere Hände in Unschuld.

        Halleluja

        P.S.: Doch der Herr kennt nicht nur die Seinen,
        sondern auch die anderen und lässt also
        das Virus auch in die Chef-Etagen aufsteigen.

    • Avatar
      Svea Lindström am

      Im Übrigen ist Parzival zwangschristiansiert worden. Im Grunde geht es dabei um eine ganz andere Wahrheit

      Das wußte im Übrigen auch der gute, alte Wagner!

  5. Avatar
    DerSchnitter_Maxx am

    Legenden, Mythen, 1001 Lügenmärchen …

    Alles sehr schwammig – nicht wirklich evident offenkundig und sicherlich auch nicht empirisch beweisbar …

    Wogegen viele Lügen … heutzutage, offenkundiger denn je sind/werden … 😉

  6. Avatar
    heidi heidegger am

    Also soo alt ist doch Parzifal gar nicht: Chrétien wrote the first story of Percival, Perceval, the Story of the Grail, in the late 12th century. Wolfram’s Parzival, Thomas ²Malory’s Le Morte d’Arthur, and the now-lost Perceval by Robert de Boron are other famous accounts of his adventures.

    ²Percival is tempted by a devil in the form of a beautiful woman; m. E. eine schröcklich schöne Illustracion (zu Malory’s Buch) von Arthur Hacker RA (St Pancras, Middlesex, 25 September 1858 – 12 November 1919 Kensington, London) was an English classicist painter.

    Quelle: Hacker_Arthur_Percival_with_the_Grail_Cup.jpg

    • Avatar
      heidi heidegger am

      Teil 2

      Soki, höre misch nun ganz genau: der Teufel der ischd eine ²Frau. (Gabi umschlang einst meinen zarten heidiLeib – Herscher der Hölle, dein Name ischd Weib!) 🙂

      Hier die Beispiele aus der (Kunst)Geschichte:

      1) Eva Schlange und Apfel

      2) ♪♫ Wearin‘ her perfume, Chanel No. 5
      Got to be the finest thing alive
      Walks real cool, catches everybody’s eye
      Catch you too nervous and you can’t say hi
      Not too skinny not too fat
      Real humdinger and I like it like that
      She’s the devil with the blue dress, blue dress, blue dress,
      Devil with the blue dress on (have mercy!) ♪♫ — Mitch Ryder & The Detroit Wheels

      ²dann-demnach ist die Hälfte d. Menschheit voll Teufel, ey! LOL

      • Avatar
        heidi heidegger am

        Teil 3

        "Eva Serpent" wäre aber auch ein (fast so) goiler ForumsNickName wie hh, hehe..gleich mal Titelschutz druff anmeldään unn datt wohl so auch.. 🙂

      • Avatar
        heidi heidegger am

        Teil 4

        uh, Baby! o h n e weibl.(!) Muse durch den Frühling zu lechzään ist für ditt heidi hart und zwingt misch zum äh sublimierään äh variieren/remixen quasi:

        ♪♫Real humdinger ([female] [coll.] Klassefrau {f} [ugs.]) and I like it like that..

        -> und dazu deshalb ditt heidi dann so: ♫ She nice änd a real fist filler änd I like it like thät, yo! ♪♫ [Pause] no? aukidauki, dann halt eben nischd!, pah! *mümmel+weghoppel* 🙂

      • Avatar
        heidi heidegger am

        corr.: He r r schäär (der Hölle)..ihr habbet eh bemerkt wohl auch so unn pipapo, yo! 🙂

      • Avatar
        RechtsLinks am

        Gut, dass Adam und Eva als europaeisch aussehend dargestellt werden. Wenn die beiden Chinesen gewesen waeren, dann haetten sie die Schlange mit Aepfeln gefuellt und gegrillt.

      • Avatar
        heidi heidegger am

        *lecker!* sprich weiter, bitte!: Speisenfolge(n)&Gästeliste(n) ischd mein täglich ForumsBrot als "Society-heidi" watt ick halt ooch gerne bin ab und an quasi, hihi.

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Empfehlen Sie diesen Artikel