Gefeiert in Deutschland – diskriminiert in den USA: Der vierfache Goldmedaillen-Gewinner war der Star der Olympischen Spiele in Berlin. Dass ihm Hitler den Handschlag verweigerte, weil Owens Schwarzer war, ist eine von vielen «Geschichtslügen gegen Deutschland», die wir in unserer gleichnamigen Sonderausgabe widerlegen. Hier mehr erfahren.

    Am 3. August 1936 stellte der Amerikaner Jesse Owens mit 10,3 Sekunden den Weltrekord im 100-Meter-Lauf ein und gewann olympisches Gold. Drei weitere Siege sollten folgen: Am 4. August gewann Owens Gold mit 8,06 Metern (olympischer Rekord), einen Tag später ging er im 200-Meter-Lauf mit 20,7 Sekunden (olympischer Rekord) als Erster durch Ziel. Am 6. August schließlich errangen der schwarze Sprinter aus Alabama und seine US-Teamkollegen Ralph Metcalfe, Foy Draper und Frank Wykoff in der 4 × 100-Meter-Staffel 39,8 Sekunden sogar einen neuen Weltrekord. Der Jubel im Berliner Olympiastadion war groß.

    Mit dieser Bilanz war Owens der erfolgreichste Athlet der Sommerspiele 1936 in Berlin. Vier Goldmedaillen hatte vor ihm nur der finnische Läufer Paavo Nurmi 1924 in Paris errungen. Immer wieder hört man das Gerücht, NS-Machthaber Adolf Hitler habe dem US-Amerikaner aus rassistischen Gründen Gratulation und Handschlag verweigert. Doch das ist frei erfunden.

    Vor 90 Jahren: Olympische Spiele in Berlin

    In Wahrheit wurden bei keiner Olympiade Siegerehrungen und Medaillenverleihungen durch das Staatsoberhaupt des gastgebenden Landes vorgenommen. Nur der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) oder ein von diesem ernannter Stellvertreter durften die Ehrungen durchführen. Als Hitler in Unkenntnis dieses Comments zunächst die Sieger der Wettkämpfe in die Führerloge des Olympiastadions bat, um ihnen zu gratulieren, ließ der damalige IOC-Chef Henri de Baillet-Latour, dem «Führer» ausrichten, dass man diese Geste nicht wünsche.

    Der NS-Diktator kam dem nach und empfing deshalb später auch Owens nicht. Der Amerikaner sagte bemerkenswerterweise in der 1970 ausgestrahlten TV-Doku «The Jesse Owens Story»: «Als ich am Kanzler vorbeikam, stand er auf, winkte mir zu und ich winkte zurück. Ich denke, die Journalisten zeigten schlechten Geschmack, als sie den Mann der Stunde in Deutschland kritisierten.»

    Gefeiert in Deutschland

    Tatsächlich wurde der schwarze Sprintstar aus Übersee zu keiner Zeit während der Olympischen Spiele in Berlin diskriminiert. 1936 kam in Deutschland ein offizieller Bildband heraus, in dem Owens auf mehreren Seiten in Abbildungen positiv herausgestellt wird. In Leni Riefenstahls zweiteiligem Olympia-Film («Olympia – Fest der Völker» und «Olympia – Fest der Schönheit», 1938) ist er mehrfach prominent zu sehen und gehört damit zu den zentralen Athleten der Dokumentation.

    US-Leichtathlet Jesse Owens bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Foto: CC0

    Der Name des US-Sportlers ist zu beiden Seiten des Marathontores des Olympiastadions eingemeißelt und mit Blei ausgegossen worden, wie bei den anderen Sieger auch. Luz Long, sein deutscher Kontrahent im Weitsprung, war ihm ein echter Sportskamerad. Bei dem Wettkampf am 4. August war der Amerikaner klarer Favorit, sprang in der Qualifikation jedoch zweimal ungültig und drohte auszuscheiden.

    Nach Owens‘ späteren Erinnerungen trat Long daraufhin zu ihm und gab ihm einen Rat: Da er deutlich weiter springen konnte als für die Qualifikation nötig, solle er seinen Anlauf einige Zentimeter vor dem Absprungbrett beginnen, um keinen weiteren Fehlversuch zu riskieren. Owens befolgte den Rat, qualifizierte sich problemlos und gewann die Goldmedaille. Long wurde mit 7,87 m Zweiter.

    Owens erinnerte sich später:

    «Man könnte alle meine Medaillen und Pokale einschmelzen; sie wären nicht einmal eine Vergoldung im Vergleich zu der 24-karätigen Freundschaft, die ich für Luz Long empfand.»

    Nach dem Finale ging Long demonstrativ zu Owens, gratulierte ihm, und die beiden verließen gemeinsam das Stadion Arm in Arm. Ein Bild von hoher Symbolkraft gerade unter den damaligen politischen Vorzeichen in Deutschland.

    Diskriminiert in den USA

    Ganz anderes musste der viermalige Gold-Gewinner erleben, als er nach Amerika zurückkehrte. Bei einer Wahlkampfveranstaltung der Republikanischen Partei in Kansas City, Missouri, am 15. Oktober 1936 sagte er:

    «Hitler hat mich nicht brüskiert – unser Präsident hat mich brüskiert. Der Präsident hat mir nicht einmal ein Telegramm geschickt.»

    Damit spielte er darauf an, dass ihn der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt nach den Spielen weder ins Weiße Haus einlud noch ihm offiziell gratulierte. Hintergrund: Roosevelt wollte im Wahljahr 1936 die Unterstützung der weißen Wähler im Süden nicht gefährden.

    In den USA musste Owens vielerorts weiterhin die Rassentrennung (Jim-Crow-Gesetze) hinnehmen. Er durfte viele Hotels und Restaurants nicht benutzen und war gesellschaftlich Bürger zweiter Klasse. Bei einem Empfang in New York musste er sogar einen Nebeneingang und Lastenaufzug benutzen, weil Schwarze nicht durch den Haupteingang gehen durften.

    In einem Fernseh-Interview in den 1970er Jahren bemerkte Owens:

    «Als ich in mein Heimatland zurückkehrte, nach all den Geschichten über Hitler, durfte ich nicht vorne im Bus sitzen. Ich musste den Hintereingang benutzen. Ich durfte nicht dort wohnen, wo ich wollte. Wo war da der Unterschied?»

    Obwohl er Weltruhm erlangt hatte, bekam Owens in den USA zunächst keinen Job. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, nahm er später an Schauveranstaltungen teil, bei denen er entwürdigenderweise gegen Pferde oder Hunde sprinten musste. In seiner Autobiografie «Blackthink» (1970) zog er daher das bitte Fazit: «So verkaufte ich mich in eine neue Art von Sklaverei. Ich war nicht länger der stolze Mann, der vier olympische Goldmedaillen gewonnen hatte. Ich war zu einer Attraktion geworden.»

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