Falls es noch irgendwen interessiert: Das Humboldt-Forum feierte am Mittwoch seine Eröffnung – im Digitalstream.

    Von der Öffentlichkeit wenig bemerkt, wurde am Mittwoch die postmoderne Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses, das Humboldt Forum, endlich eröffnet. Am gleichen Tag, an dem in der Bundeshauptstadt der Hardcore-Lockdown startete und sich die Straßen leerten. Vor 30 Jahren in einer Zeit allgemeiner Aufbruchstimmung und wirrer Euphorie gestartet, endete die Rekonstruktion in minimaler Online-Feier. Den Medien war es kaum ein Aufmacher wert.

    Da stand der Prachtbau unter grauem Himmel. Selbst für Nostalgie-Fans kein wirklicher Triumph. Denn das Charisma alter Bauwerke will selbst die Fassade nicht ausstrahlen. Die Frage ist, ob sie es jemals tat. Der Publizist Wolf Jobst Siedler, der für die Rekonstruktion einst die Trommeln traktierte, konstatierte zwar: „Berlin war das Schloss!“ Aber er stellte nie die Frage, auf welche Resonanz „der graue Kasten“ (Volksmund) in den Einwohnern stieß.

    Es fällt nämlich auf: Auf kaum einem berühmten Gemälde der vergangenen Jahrhunderte bildet das Schloss die Kulisse. Ebenso wenig in Filmen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Am Alexanderplatz, auf der Friedrichstraße, der Oberbaumbrücke, vor der Staatsoper – überall kurbelte man Kinostreifen, aber vor oder im Schloss? Lediglich in dem Bio-Pic „Andreas Schlüter“ (1942) über den gleichnamigen Architekten fand es Verwendung. Die Popularität des Bauwerks schien sich in Grenzen zu halten.

    Die ließ sich auch nicht durch Anachronismen in der Rekonstruktion nachliefern. Eine Autorin von baunetz.de suchte den Grund für den mangelnden Sexappeal auf ästhetischer Ebene:

    „Es gibt Architekturen, die gerade wegen ihrer immanenten Kontraste und Widersprüche großartig sind. Beim Humboldt Forum ist das Gegenteil der Fall. Hier kollidiert so ziemlich alles, was aus verschiedener Planer*innenhand oder anvisierter Zeitepoche aufeinandertrifft und erstickt jeden Versuch, ein Fünkchen Begeisterung zu entwickeln.“

    Aber selbst an den drei Seiten der Außenfassade, wo pure Rekonstruktion, reines Preußenbarock vorherrscht, überzeugt das Humboldt Forum nicht. Weshalb? Weil ein Schloss keinerlei Zukunft mehr symbolisiert. Es geht keine Dynamik mehr von ihm aus. Der letzte Versuch, den Schlössern neue Bedeutung jenseits der Touristik zu verleihen, stammte von dem Sozialutopisten Charles Fourier. Der visionierte, dass die ganze Bevölkerung seines Zukunftsstaates in solchen Prunkbauten leben werde. Ein später Anhänger dieses Wohnutopie, der Soziologe Nicolaus Sombart, verstarb vor zwölf Jahren. Vielleicht müssten jetzt die Querdenker das Schloss-Forum besetzen, es zu ihrem Hauptquartier erklären, um ihm neuen Symbolwert zu verleihen?

    Denn in der aktuellen Depressions-Republik würden nicht nur Schlösser, sondern jeder offizielle Symbolbau zum Hohn geraten – auf die Bevölkerung, der die Souveränität und damit die Demokratie geraubt wurde. Vielleicht sollte man den Bau einfach wieder abreißen und Spenden für eine zeitgemäße Wiedererrichtung des Palastes der Republik sammeln. Der würde zumindest den heutigen Zeitgeist adäquat spiegeln.

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    11 Kommentare

    1. heidi heidegger an

      stabiler Beitrag. Ei approve (t)his message und halte dagegen bzw. ergänze mit ditt *Landshut-Debatte*, wo soll der schrottige Boeing737-Vogel hin, häh? Da blamiert sich doch ditt äh Ministerialbürokratie wo sie nur kann, oder? will sagen: wanns der Umgang mit einem *Symbol-Jet* schon die Entscheider überfordert, muss frau sich nicht wundern wanns ein fragwürdiger Symbolbau, wie von KM scharf beschrieben, es erst recht tut.

    2. Schlossermeister an

      Man merkt dem Autor an, daß er offenbar beleidigt ist, den (leider unvollständigen – fehlende Rekonstruktion des Innenausbaus, Beton-Ostfassade) Wiederaufbau des Stadtschlosses nicht verhindern gekonnt zu haben. Bislang war ich es von COMPACT eher nicht gewohnt, beleidigten (Ex?)-Kommunisten Platz für ihre Nörgeleien einzuräumen.

      Frei nach einem ehemaligen Berliner Bürgermeister unseligen Angedenkens: »Das Schloß ist wieder da – und das ist gut so!«.

      Man stelle sich nur vor, was anstelle der prächtigen Schloßfassade nun andernfalls dort stehen würde: Irgendwelche postmodernistischen Beton-/Stahl-/Glasfassaden oder der unsägliche "Ballast der Republik", der den Triumph des SED-Kommunismus, des saarländischen Dachdeckers, über die Hohenzollern symbolisieren sollte.

    3. HEINRICH WILHELM an

      Wenn Linke sich an Historie versuchen, dann muss etwas Graues herauskommen.
      In der Regel kommt sogar was Grausames heraus.
      Und wenn in der bösen Zeit (und davor) das Hohenzollernschloss in der Filmkunst nur wenig Erwähnung fand, so liegt das nicht am historischen Bauwerk, sondern an der Haltung der Filmschaffenden, auch derjenigen der NS-Führung.
      Andererseits ist es nicht verwunderlich: Wenn die Handlungen der verfilmten Werke nicht an Orten bestimmter Wahrzeichen spielen, dann kommen solche Bauwerke eben nicht vor.
      Wieviel ausführliche Erwähnungen in bedeutenden Spielfilmen erfuhr bspw. das Bode-Museum?

      • Stefan Uhlmann an

        Ich lese Ihr Statement als elegante Antwort auf Jemanden, der als besonders klug gelten möchte. Das Bodemuseum ist der schönste Argumentationsabschluß, den ich je las.