„Haust Du mich, hau’ ich Dich“ – Interview mit Horst Teltschik

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Er war der wichtigste außenpolitische Berater von Helmut Kohl in der Zeit der Wiedervereinigung und leitete bis 2008 die Münchner Sicherheitskonferenz: Horst Teltschik kennt die Entscheidungsträger und Machtstrukturen, die bis heute Einfluss in Moskau und Washington haben. Es folgen Auszüge aus einem Interview, den Sie vollständig in COMPACT 7/2016 lesen können – hier bestellen

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COMPACT: Kann Russland ein Partner sein im Kampf gegen den Islamischen Staat?

Horst Teltschik: Ich war enttäuscht, wie lange man gebraucht hat, um mit Herrn Putin wegen Syrien zu sprechen. Es scheint nur darum zu gehen, ob man Assad wegschickt oder ob er bleiben soll. Warum hat man nicht mit Putin geredet, wie ein Frieden mit Assad aussehen kann? Putin hat klargemacht: Ohne ihn [Putin] geht nichts. Die Entwicklungen mit dem Iran haben dies auch deutlich gezeigt.

C: Stehen hier transatlantische Interessen im Wege?

H.T.: Welche? Wegen der Ukraine und der Krim? Merkel hat Hollande an die Hand genommen, um mit Putin zu sprechen, daraus ist das Abkommen Minsk II [zur Deeskalation in der Ukraine]entstanden. Die Kanzlerin hat die Initiative ergriffen, nicht die USA. Es geht auch nur als gemeinsame Initiative, denn Hollande allein ist innenpolitisch zu schwach und wird außenpolitisch nicht ernst genommen. Obama überlässt das Thema der Kanzlerin, Russland ist für ihn eine Regionalmacht, die er nicht ernst nimmt.

C: Handelt die deutsche Regierung also auch in ganz eigenem Interesse?

H.T.: Natürlich sind wir näher an Russland dran. Wir haben auch mehr Erfahrungen, positive und negative. Wir wollen und werden nicht gegen die USA und die NATO agieren. Wir sollten aber eigene Positionen entwickeln und darüber mit den USA reden. Kanzler Kohl hatte die USA wegen der deutschen Einheit nicht gefragt, wohl aber hat er sie stets über sein Handeln unterrichtet und sich mit ihnen abgestimmt. Wir müssen also eigene Positionen entwickeln und diese bei beziehungsweise mit den Amerikanern einwerben.
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C: Mir hat ein hochgestellter NATO-Vertreter erklärt, dass die Partnerschaft mit der Türkei über alles gehe und der Erhalt derselben absolute Priorität habe.

H.T.: Sie ist natürlich ein Schlüsselland, für den ganzen Nahen und Mittleren Osten. Das sieht man ja auch schon in der Frage der Zusammenarbeit mit Israel. Das sieht man im Zusammenhang mit der ganzen Kurdenfrage, mit der Auseinandersetzung Schiiten/Sunniten, auf der einen Seite mit dem Iran als Führungsmacht, auf der anderen mit Saudi-Arabien. Da sind politisch-tektonische Verschiebungen denkbar, die sehr schnell zu Lasten der USA und des Westens gehen können. Die ganze Region ist in einer Situation, die einen Religionskrieg weiter befördern kann, der dazu führt, dass Staaten zerbrechen, ohne dass wir wissen, was an deren Stelle tritt – auch ein Kalifat kann man da nicht ausschließen. Das wäre natürlich das Schlimmste, was man befürchten müsste. Für mich ist diese ganze Region schlicht ein Albtraum. Daher bin ich schon der Meinung, dass man gegenüber der Türkei jetzt nicht das Kind mit dem Bade ausschütten sollte, deswegen spreche ich auch von Geheimdiplomatie: Ich würde also erwarten, dass ein Obama Erdogan immer wieder am Telefon zur Räson bringt. Man muss ja einen Partner nicht öffentlich, so dass er sein Gesicht verliert, anklagen.

C: Wäre die Unterstützung in Gefahr, wenn deutlich würde, dass man die Türkei damit sehr düpieren würde? Sollte Deutschland die Kurden-Unterstützung einstellen, wenn Erdogan protestiert?

H.T.: Das hängt davon ab, was die Peschmerga [kurdische Guerilla-Kämpfer]am Ende politisch erreichen wollen. Im Augenblick unterstützen wir sie, weil sie die effektivsten Kämpfer gegen den IS sind und es keine Alternative dazu gibt. Die Türkei hat bisher strikt vermieden, die syrische Grenze zu überschreiten. Auf der anderen Seite sind iranische militärische Kräfte in Syrien aktiv, was weder im Interesse Erdogans noch im Interesse des Westens ist. Der beste Widerstand dagegegen kommt auch wieder von den Peschmerga. Der stabilste Teil Syriens ist Kurdistan. Von daher glaube ich, wenn die Absichten klar erkennbar und überzeugend sind, sollten wir die Peschmerga durchaus unterstützen. Wir müssen eben nur ein Auge darauf haben, was sie am Ende wollen.

C: Die Türkei wendet sich jetzt schon wirtschaftlich Saudi-Arabien und Qatar zu. Auch Abgrenzung vom IS war bisher nicht überzeugend. Inwieweit kann man ihm trauen?

H.T.: Die Priorität von Erdogan liegt erst mal im Bereich Innenpolitik: Er will eine Änderung in Richtung eines präsidialen Systems. Dem ist er bereits ziemlich nah gekommen. Ich kann nicht beurteilen, wie die Amerikaner dies einschätzen, sie haben ja auch ein Präsidialsystem… Außenpolitisch habe ich große Fragezeichen, was Erdogan wirklich will. Der Ministerpräsident [Ahmet Davutoglu], den er gerade in die Wüste geschickt hat, trat als Außenminister mit der Strategie an, gute Beziehungen zu allen Nachbarn zu haben, auch zu Assad. Das ist nun alles zerstört. Wie Sie sehen, reihum hat man alles kaputt gemacht. Ich frage mich, was soll die Alternative sein? Bezüglich der türkischen Verbindungen zu Saudi-Arabien könnte man natürlich sagen, Sunniten verbinden sich mit Sunniten.

C: Eigentlich eher: Muslimbrüder mit Wahhabiten.

H.T.: Ja. Ich bin strikt gegen den Wahhabismus, der ja international dafür bekannt ist, radikale Strömungen zu unterstützen, selbst auf dem Balkan. Es ist auch kein Geheimnis, dass Angehörige der königlichen saudischen Familie Spenden an den IS und derartige Einrichtungen gegeben haben.

C: Was, wenn Erdogan ebenfalls von einem Kalifat träumt?

H.T.: Dann muss er wissen, dass er einen sehr hohen Preis zahlt. Ich glaube nicht, dass die Amerikaner das schweigend hinnehmen würden, wenn er in eine solche Richtung ginge.

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