6. Oktober 105 v. Chr.: In der Schlacht bei Arausio schlagen Kimbern und Teutonen die Römer vernichtend. Zweimal machte das Imperium Bekanntschaft den germanischen Stämmen. Ein Beitrag aus unserer Geschichtsausgabe «Die Germanen», über die Sie hier mehr erfahren.

    _ von Sven Reuth

    Ein albtraumhafter Druck lastete schon zu Beginn des Jahres 113 v. Chr. auf Rom. Die Sibyllinischen Bücher, eine alte Sammlung von Orakelsprüchen, verkündeten ein fürchterliches Verhängnis: Drei vestalische Jungfrauen – Aemilia, Licinia und Marcia – wurden wegen Verstoßes gegen die Keuschheitsgebote hingerichtet. Auch dies zählte zu den Prodigien, den unheilvollen Wunderzeichen, dieser Zeit. Die Furcht vor einer nahenden Katastrophe führte dazu, dass es zur Durchführung grausamer Menschenopfer kam.

    Ein keltisches und ein griechisches Paar wurden auf dem Forum Boarium, dem Rindermarkt, lebendig begraben. So sollten wohl auf symbolischer Ebene die beiden größten Gefahren abgewehrt werden, die man sich seinerzeit in der Ewigen Stadt vorstellen konnte. Doch die Götter ließen sich durch die schaurige Gabe nicht besänftigen. Nur kurze Zeit später standen die Legionen einem Gegner von bislang nicht gekannter Kampfkraft gegenüber.

    Hightech-Krieger des Nordens

    Die Bedrohung kam allerdings viel weiter aus dem Norden, als man sich das zu dieser Zeit in der Tiber-Metropole vorstellen konnte. Sieben Jahre zuvor waren zwei germanische Stämme, die Kimbern und Teutonen, aus ihrer Heimat Jütland – dem kontinentalen Teil des heutigen Dänemarks – massenhaft zu einem großen Zug nach Süden aufgebrochen.

    Möglicherweise hatten Sturmfluten oder andere Naturkatastrophen zu diesem Exodus geführt. Es könnte aber auch sein, dass die karge, vor allem aus Moor und Heide bestehende Heimat die dort siedelnden Völker einfach nicht mehr ernährt hat. Archäologische Funde beweisen, dass quälender Hunger wohl ein allgegenwärtiger Begleiter dieser Menschen gewesen war. In dem Mageninhalt von sezierten Moorleichen aus dieser Region fand man Hafer und Haselnüsse, aber auch viele Unkrautsamen, beispielsweise von Knöterichgewächsen, die heute als völlig ungenießbar gelten.

    Unser Geschenk für Sie: COMPACT-Geschichte «Deutsche Frauen – Die klügsten und tapfersten aus 2.000 Jahren»! Von Thusnelda über Königin Luise bis zu Elly Beinhorn und Leni Riefenstahl. Ein Hohelied auf die deutsche Frau! Diese Ausgabe (sonst 8,80 Euro) VERSCHENKEN wir an alle Kunden, die bis Dienstag (6. Oktober 2026, 24 Uhr) etwas in unserem Shop bestellen. Nutzen Sie die Gelegenheit: Decken Sie sich ein mit unseren Magazinen, Medaillen, DVDs und anderen Produkten. Zu wirklich jeder Bestellung gibt es die GRATIS-Ausgabe obendrauf. Das dürfen Sie sich nicht entgehen lassen! Hier geht’s zur Bestellung und damit automatisch zum Geschenk!

    Allen Widrigkeiten ihrer rauen Umwelt zum Trotz hatten diese Stämme eine schon weit entwickelte Zivilisation geschaffen. Sie trugen leuchtend bunte Kleidung, die mit modischen Schnitten und Mustern versehen war. Außerdem zählten Kimbern und Teutonen schon vor der Zeitenwende zu den Hightech-Nationen ihrer Zeit. Jedes Dorf verfügte über eine Schmiede, in der hochwertige Waffen hergestellt wurden. Diese konnten sich problemlos mit dem Kriegsgerät messen, über das man damals im Imperium Romanum verfügte.

    Über ihre Handelsbeziehungen zu den Skythen und Kelten wie auch über ihre eigenen Fernreisenden wussten die Kimbern und Teutonen, dass das Überleben in fast allen anderen Gebieten leichter war als auf ihrer sturmumtosten Halbinsel. Die Ambronen, ein vermutlich in der Norddeutschen Tiefebene siedelnder germanischer Stamm, hegten ähnliche Gedanken. Einige Wissenschaftler sind der Auffassung, dass sich die Eigenbezeichnung auf die damals noch mit dem Festland verbundene heutige Nordseeinsel Amrum zurückführen lässt.

    Showdown in Kärnten

    Nach Beratungen der Stammesfürsten und Befragung der Orakel fasste man jedenfalls den Entschluss, den Zug nach Süden zu wagen. Eine im höheren sechsstelligen Bereich liegende Zahl an Menschen setzte sich am Ende in Bewegung – allerdings nicht chaotisch, sondern in der festen Ordnung eines sortierten Trosses. Der größte Schatz waren die mitgeführten Pferde, die zu dieser Zeit allerdings nur die Größe von Islandponys hatten.

    Er stellte sich den Kimbern und Teutonen entgegen: Der römische Staatsmann und Feldherr Gaius Marius (158–86 v. Chr.). Foto: Cassell’s illustrated universal history, Public domain

    Großer Wert wurde auf ein gepflegtes Äußeres gelegt. Archäologen haben herausgefunden, dass jeder Recke neben seiner Streitaxt einen Kulturbeutel bei sich trug, in dem sich Zahnstocher, Kamm, ein Rasiermesser, eine Haarschere und sogar eine Pinzette zum Zupfen der Nasenhaare befand. Das von manchen Quellen überlieferte Bild der Germanen als ungeschlachte Barbaren ist also völlig falsch.

    Bald schon hatte der Treck, der streckenweise wohl an der Elbe flussabwärts zog, den Herkynischen Wald erreicht. Diese geografische Bezeichnung wurde damals für den sich vom Schwarzwald bis in die Karpaten erstreckenden Mittelgebirgsgürtel verwendet.

    Ein erster Versuch, sich im Land der Boier – also der Böhmen – niederzulassen, scheiterte. Schließlich erreichte die Wanderlawine 113 v. Chr. das Reich der keltischen Noriker, das im heutigen Dreiländergebiet Kärnten–Steiermark–Slowenien zu verorten ist. Die aufgrund der schieren Menschenmassen beunruhigten Einheimischen informierten ihre Schutzmacht, das Römische Reich.

    Es folgte ein historisches Ereignis von höchster Bedeutung, nämlich der erste Zusammenstoß zwischen germanischer und lateinischer Welt. Dieser Gegensatz zwischen dem Norden und dem Süden Europas sollte sich als einer der wichtigsten Treiber der Weltgeschichte erweisen – bedenkt man die Folgen der Reformation, dann entstand aus ihm unsere moderne Welt. Davon ahnte Konsul Gnaeus Papirius Carbo, damals Oberbefehlshaber des römischen Heeres, noch nichts.

    Er glaubte, leichtes Spiel mit diesen merkwürdigen Menschen zu haben, die man damals noch für völlig aus jedem gewohnten Rahmen fallende Kelten hielt. Die oftmals sehr großgewachsenen und blonden Hünen zeigten sich im persönlichen Gespräch allerdings sehr friedfertig und betonten, dass sie die Freundschaft zwischen den Norikern und dem Imperium Romanum nie hatten stören wollen.

    Hinterlistig sicherte Carbo den teutonischen Boten einen ungestörten Rückzug zu, ließ sie aber tatsächlich durch Späher verfolgen, um dann ihren Lagerplatz überraschend anzugreifen. Doch die Attackierten wehrten sich mit größtem Mut und überwältigender Kampfkraft. Etwa 30.000 Legionäre – so die heutigen Schätzungen – wären bis zum letzten Mann niedergemacht worden, wenn nicht ein heftiges Gewitter eingesetzt hätte. Die Nordvölker deuteten dies als Zeichen ihres Donnergottes Thor und ließen von ihren Feinden ab. Denn das Einstürzen des Himmels war das Einzige, was sie wirklich fürchteten.

    Ein geflügeltes Wort

    Der einst von Lukan geprägte Begriff spielte auch im 20. Jahrhundert noch eine gewisse ideengeschichtliche Rolle. Sigmund Freud teilte beispielsweise 1938 dem US-amerikanischen Psychiater Smith Ely Jelliffe aus London nach seiner Flucht ins britische Exil mit, dass er dem «Furor teutonicus» entkommen sei. 1987 wiederum bemerkte der DDR-Dissident und Öko-Kommunist Rudolf Bahro in seinem damals erschienenen Buch Logik der Rettung: «Es kann aus derselben Energie, die damals auf die Katastrophe hin disponiert war, sogar aus der Neigung zum Furor teutonicus, wenn sie bewusst gehalten und dadurch kontrolliert wird, heute etwas Besseres werden.» Schon 1980 hatte der Brecht-Schüler Hans-Dietrich Sander seine auch in Kreisen der Neuen Rechten sehr geschätzte Programmschrift Der nationale Imperativ mit der Forderung begonnen: «Es ist wieder an der Zeit, den Furor teutonicus zu wecken.»

    In Rom griff angesichts der Nachricht von der militärischen Katastrophe, die als «Schlacht bei Noreia» in die Annalen einging, eine nie zuvor gespürte gewaltige Furcht um sich, die als Trauma die Jahrtausende überlebte. Sie hat sich bis heute als Angst vor dem «Furor teutonicus», der «teutonischen Raserei», gehalten. Der Begriff taucht erstmals bei dem römischen Geschichtsschreiber und Dichter Lukan einige Jahrzehnte nach der Zeitenwende in seiner Beschreibung der Kimbernkriege auf und ist bis heute ein geflügeltes Wort geblieben.

    Armageddon in der Provence

    Tatsächlich war die Panik, die sich nun in der Ewigen Stadt wie ein Lauffeuer verbreitete, nicht unbegründet. Immer mehr keltische Stämme, namentlich die zu den Helvetiern – den Vorfahren der Schweizer – zählenden Tiguriner, sahen nun etwa die ideale Möglichkeit gekommen, sich aus dem Würgegriff des Imperiums zu befreien, indem man sich dem Germanenzug anschloss. 107 v. Chr. setzte es für die Armee des Senators Lucius Cassius Longinus in der Schlacht bei Agen in der Nähe des südfranzösischen Flusses Garonne die nächste krachende Niederlage gegen ein keltisch-germanisches Heer. Zwei Jahre später nahm die militärische Katastrophe Roms dann geradezu unvorstellbare Dimensionen an.

    Grafik: COMPACT/Stefan Koch

    Der Kimbernkönig Boiorix nutzte am 6. Oktober 105 v. Chr. die Uneinigkeit und die Eifersüchteleien zwischen den beiden römischen Generälen Quintus Servilius Caepio und Gnaeus Mallius Maximus eiskalt aus. In der Schlacht bei Arausio – der heutigen Stadt Orange in der Provence – fanden mehr als 100.000 Legionäre und leicht Bewaffnete den Tod. Die Römer wurden vernichtend geschlagen, und das Datum ging als «Dies ater», als «Schwarzer Tag», auf ewig in die Annalen des Imperiums ein. Es gab in der gesamten römischen Geschichte nur eine weitere Niederlage ähnlicher Größenordnung – nämlich die durch den karthagischen Feldherrn Hannibal in der Schlacht von Cannae am 2. August 216 v. Chr.

    Obwohl Rom in den Monaten nach dem großen Sieg des Boiorix praktisch schutzlos vor den Invasoren lag, setzten diese nie zum endgültigen Sturm auf die Stadt an. Die im Grunde treuherzigen Germanen suchten weiter nach Siedlungsland, nicht nach einem endgültigen Triumph über die eigentlich schon geschlagene antike Supermacht. Mehr noch: Die große Wanderlawine spaltete sich auf.

    Die Kimbern zogen in das heutige Spanien bis zum Fluss Ebro, die Teutonen suchten hingegen das Innere Galliens auf. Das wiederum gab in Rom dem Staatsmann und Feldherrn Gaius Marius die nötige Zeit, um im Zuge einer Heeresreform eine schlagkräftige Berufsarmee zu schaffen, die im Stadtstaat am Tiber bald zur wichtigsten Institution überhaupt avancierte. Der Vater des Vaterlandes, wie er später genannt wurde, stellte 102 v. Chr. erst die Teutonen in der Schlacht von Aquae Sextiae (dem heutigen Aix-en-Provence). Ein Jahr später erwischte er die Kimbern in Norditalien.

    Auch dieses als Schlacht von Vercellae in die Geschichtsbücher eingegangene Aufeinandertreffen endete mit einer totalen Niederlage der Germanen. Römische Geschichtsschreiber berichten, dass auch die Frauen sich am Ende selbst den Tod gaben, da sie nicht als Sklavinnen in einem Triumphzug vorgeführt werden wollten. Es sollte nun mehr als ein Vierteljahrtausend – bis zu den Markomannenkriegen gegen Kaiser Mark Aurel – dauern, bis Germanen wieder das Territorium des Imperium Romanum angriffen.

    Mehr über die Geschichte und Kultur unserer Vorfahren lesen Sie in COMPACT-Geschichte «Die Germanen» . Der historischen Wahrheit verpflichtet – und ohne politisch korrekten Filter. Hier bestellen.

    Kommentare sind deaktiviert.