Frei ist, wer Regeln verinnerlicht

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Kann ein Mensch völlig nach seinen individuellen Vorstellungen leben? Kann er in der Luft fliegen wie ein Vogel, das Geschlecht wechseln wie die Kleider? Die Vorstellung einer Emanzipation von der Natur ist absurd.

_ von Dominikus Böhm

Wenn wir darüber nachdenken, worin das Wesen der Freiheit besteht, so tun wir das als Kinder unserer Zeit. Wir sind moderne Menschen, und deshalb ist unser Verständnis von Freiheit das der Moderne: Wir haben den Begriff von Freiheit, der in unserem gesellschaftlichen Umfeld etabliert ist, den man uns in der Schule beigebracht hat und der uns von den Medien und der Unterhaltungsindustrie präsentiert wird.
Was aber ist der Kern dieses modernen Freiheitsbegriffs? Die Moderne versteht Freiheit als Unabhängigkeit, das heißt Ungebundenheit. Freiheit besteht – ihrem modernen Verständnis nach – also in der Abwesenheit von Bindungen. Meine Freiheit wächst demzufolge in dem Maße, in dem ich mich fortschreitend aus allen Bindungen löse. Der Weg, auf dem ich zur Freiheit gelange, ist folglich der Weg der Emanzipation.

Freiheit «von» oder «zu»?

Im Terminus «Emanzipation» stecken die beiden lateinischen Wörter «manus» (Hand) und «capere» (ergreifen). Wenn ich aber etwas mit der Hand ergreife, so eigne ich es mir an. Und so bezeichnete man im antiken Rom den feierlichen Eigentumserwerb durch Handauflegung auch als «mancipium». «E-mancipare» bedeutet folglich, etwas aus dem mancipium zu entlassen. Daher bezeichnete man in Rom die Freilassung eines Sklaven oder die Entlassung eines erwachsenen Sohnes in die Selbständigkeit als «emancipatio».
Seiner modernen Bedeutung nach bezeichnet der Begriff der Emanzipation die Erlangung von Unabhängigkeit durch die Lösung aus familiären, ständischen, gesellschaftlichen, religiös-weltanschaulichen oder sonstigen Bindungen, die seit der Aufklärung als Formen nicht hinnehmbarer Abhängigkeit empfunden werden und mithin als Fesseln, die den Menschen an der angemessenen Ausübung seiner Freiheit hindern. In diesem umfassenden Sinne wird der Begriff der Emanzipation seit dem 18. Jahrhundert, also seit der Aufklärung verwendet.

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Nun weist der Begriff der Freiheit jedoch einen negativen und einen positiven Aspekt auf. Der negative Aspekt der Freiheit, der im modernen Verständnis besonders hervorgehoben wird, verweist auf die Freiheit von Bindungen und somit von Abhängigkeit, das heißt auf die Freiheit von Einschränkungen der Ausübung der Freiheit. Der positive Aspekt der Freiheit verweist hingegen auf das, was an der Freiheit nicht eingeschränkt werden soll, nämlich die Möglichkeit einer eigenständigen Wahl der Handlungsziele und somit der uneingeschränkten Selbstbestimmung. Freiheit ist niemals bloß Freiheit «von» sondern immer auch Freiheit «zu».

Diese Überlegungen führen uns zum nächsten Zentralbegriff des modernen Freiheitsverständnisses, nämlich dem der Autonomie. Er besagt, dass der Mensch der souveräne Herr seiner Existenz und seines Lebens ist beziehungsweise sein sollte, dass er also dazu ermächtigt sein sollte, sich selbst (autos) sein Lebensgesetz (nomos) vorzugeben. Dieser Vorstellung zufolge hat der Mensch in letzter Konsequenz ein Recht darauf, der zu sein, der er sein will, anzustreben, was immer er wünscht und dabei so zu handeln, wie es ihm beliebt.

Diese Lehre von der Autonomie des Menschen tritt in der Moderne in zwei unterschiedlichen Varianten auf, nämlich in einer kollektivistischen und in einer individualistischen Variante. In der kollektivistischen Variante ist das Subjekt der Autonomie nicht das Individuum, sondern ein Kollektiv, also etwa eine Ethnie, eine Nation, ein (Staats-)Volk, eine gesellschaftliche Klasse oder aber die Menschheit im Ganzen. Dem kollektivistischen Denken zufolge ist der Mensch zunächst und seinem Wesen nach Teil eines Kollektivs, und dieses Kollektiv ist es, dem die Autonomie zukommt. Was der Mensch ist, was er tun und wie er leben soll, ergibt sich aus dem Konsens, der im Kollektiv hinsichtlich dieser Fragen herrscht, unabhängig von der Art und Weise des Zustandekommens dieses Konsenses. Das Lebensgesetz des Menschen, das der Mensch sich in autonomer Weise selbst vorgibt, entspringt demzufolge dem Willen des Kollektivs, der durch den Willen einer Führungselite und letztlich durch den Willen eines obersten Führers repräsentiert wird. Dieses Konzept der Autonomie des Kollektivs wurde im Kommunismus (vor allem im Leninismus und im Stalinismus) und im Faschismus realisiert.

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Der heute die sogenannte westliche Zivilisation beherrschende Liberalismus realisiert die individualistische Variante der Lehre von der Autonomie des Menschen. Der zufolge ist jeder Einzelne der souveräne Herr seiner Existenz und bestimmt daher selbst sein Lebensgesetz. Die einzige Grenze der individuellen Freiheit und Autonomie bildet nach liberalem Verständnis die Freiheit und Autonomie der jeweils anderen Individuen. Allerdings realisiert die mit dem Liberalismus korrespondierende politische Organisationsform der Demokratie – jedenfalls der herrschenden offiziellen Ideologie zufolge – ein System wechselseitigen Ausgleichs, das es jedem Einzelnen erlaubt, ein weitestgehend selbstbestimmtes Leben zu führen.

Die Natur als Schranke

Selbst wenn diese heute nahezu weltbeherrschende ideologische Position zutreffend wäre – was sie freilich nicht ist –, so bliebe immer noch ein Einwand gegenüber dem modernen Autonomiegedanken bestehen, nämlich der folgende: Autonomie ist weder im kollektivistischen noch im individualistischen Sinne vollständig realisierbar, weil der Wille des vermeintlich autonomen menschlichen Kollektivs oder Individuums stets auf die Natur trifft. Was ist damit gemeint? Der Mensch agiert stets im Kontext der Natur, und er ist selbst ein Teil von ihr. Diese aber ist definitionsgemäß der Bereich dessen, was der Mensch nicht selbst hervorgebracht hat und was er in dessen Dasein und Sosein nicht bestimmen kann. Der Mensch spielt also immer schon nach Regeln, die er nicht selbst aufgestellt hat und die er nicht zu verändern vermag. Selbst die Beherrschung der Natur macht es erforderlich, sich den Regeln der Natur zu unterwerfen oder, wie Francis Bacon es ausgedrückt hat: «Natura non vincitur nisi parendo.» (Die Natur kann nicht besiegt werden, außer durch Gehorsam.)

Und sofern der Mensch selbst ein Teil der Natur ist, findet er sich auch selbst immer schon vor und zwar als einen ganz bestimmten, dessen Bestimmungen er nicht autonom entwerfen kann, sondern die er schlicht annehmen muss. Daher sprechen die Schöpfungsreligionen von der Geschöpflichkeit des Menschen. Der Mensch ist frei, aber seine Freiheit ist begrenzt. Und für die geschöpfliche und folglich mit endlicher Freiheit ausgestattete Person gilt, dass in ihr – anders als bei Gott – Wesen und Wille nicht identisch sind. Der Mensch vermag sich nur in dem Maße wirklich selbst zu bestimmen, in dem er den Regeln seiner eigenen Natur, also dem Naturrecht folgt, also – horribile dictu – Gehorsam leistet.

Die Vorstellung von der Autonomie des Menschen dagegen ist eine Illusion, und zwar eine höchst gefährliche und politisch folgenreiche Illusion. Freilich kann der Mensch selbstständig Regeln entwerfen; ja, er muss dies sogar tun. Das unterschiedet ihn vom Tier. Die vom Menschen entworfenen Regeln müssen aber auf Basisregeln gegründet werden, die ihrerseits menschlicher Verfügung entzogen sind. Diesen Basisregeln ist unbedingt Folge zu leisten, weil anderenfalls die menschengemachten Regelwerke grenzenloses Unheil heraufbeschwören.

Frei ist, wer virtuos ist

Hieraus ergibt sich ein Konzept von Freiheit, in dem Freiheit nicht auf Emanzipation, sondern auf Virtuosität gegründet ist. Dieses Konzept von Freiheit als Virtuosität möchte ich abschließend an Beispielen erläutern.
Wenn ich mich frage, wodurch ich Freiheit im sprachlichen Ausdruck erlange, dann kann die Antwort nicht lauten: durch die Emanzipation von den Regeln der Grammatik. Denn wer sich von den Regeln der Grammatik emanzipiert, verliert die Freiheit des sprachlichen Ausdrucks und kann in letzter Konsequenz nur noch stammeln. Je mehr ich mich hingegen den Regeln der Sprache unterwerfe, desto freier werde ich zu sagen, was immer ich will. Die Einübung der Sprachregeln führt sodann zu einer Virtuosität, in der mir die Regeln keinen Widerstand mehr entgegensetzen. Ich bemerke dann nicht mehr, dass ich Regeln folge, sondern ich spreche einfach, ohne dass mir die Regeln, denen ich folge, explizit bewusst werden. Ich bin dann ganz bei meinem Thema und nicht bei den Regeln der Sprache, derer ich mich bediene.

Auch die Beherrschung eine Cellos besteht nicht etwa darin, es in einem Akt der Emanzipation an die Wand zu schlagen, sondern darin, sich seinen Regeln zu unterwerfen und auf diese Weise Virtuosität zu erlangen. Auch wird das Schachspiel nicht dadurch interessanter, dass man sich von seinen Regeln emanzipiert, sondern dadurch, dass man den Regeln in der Weise zu folgen lernt, die es einem erlaubt, sich ihrer virtuos zu bedienen.

Der Begriff der «Regelbeherrschung» ist also ein dialektischer Begriff: Regeln beherrsche ich in dem Maße, in dem ich mich ihnen unterwerfe und dabei eine Virtuosität erlange, die den von den Regeln ausgehenden Widerstand aufhebt, weil ich mir die Regeln gleichsam anverwandelt habe.

Dieser Text erschien zuerst im COMPACT-Magazin 08/17.

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