Am 3. September 1939 erklärten Paris und London Hitler den Krieg. Der deutsch-polnische Konflikt weitete sich damit zum Weltkrieg aus. Wir gehen den Ursachen auf den Grund. Ein Auszug aus COMPACT-Geschichte «Schicksalstage der Deutschen».
Sowjetdiktator Josef Stalin erklärte im Moskauer Rundfunk und in der Parteizeitung Prawda am 30. November 1939:
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COMPACT unterstützen«Sie können nicht leugnen, dass Deutschland nicht Frankreich und England angegriffen hat, sondern Frankreich und England haben Deutschland angegriffen, womit sie die Verantwortung für den gegenwärtigen Krieg tragen und dass Deutschland sich nach Eröffnung der Kriegshandlungen an Frankreich und England mit Friedensvorschlägen wandte.»
Deutlicher noch hatte es schon am 8. November 1939 in einem Tagesbefehl des Marschalls der Sowjetunion, Kliment Woroschilow, zum 22. Jahrestag der Oktoberrevolution gestanden:
«Der europäische Krieg, dessen Anstifter und hartnäckige Fortsetzer England und Frankreich sind, hat sich noch nicht zu einer verheerenden Feuersbrunst entfacht; jedoch tun die englischen und französischen Aggressoren, die den Frieden nicht wollen, alles, um den Kriegsbrand zu verstärken und ihn auch auf andere Länder auszuweiten.» Am selben Tag ließ Außenminister Wjatscheslaw Molotow verlauten: «Für das Verbrechen des gegenwärtigen Krieges tragen England und Frankreich die Verantwortung, jene Verantwortung insbesondere, dass der jetzige Krieg in die Länge gezogen wird.»
Dergleichen heute festzustellen, dürfte (zumindest in der real existierenden BRD) juristische Konsequenzen nach sich ziehen. Das Thema Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs ist dermaßen mit, auch noch immer höher wuchernden, Tabus versehen, dass die schlichte Vorstellung von Großbritannien und Frankreich als Aggressoren bestenfalls als skurriler Revisionismus abgetan, ungünstigstenfalls als «Verharmlosung» mit zahlreichen Paragraphen des Strafrechts sanktioniert wird.
Doch wer den Krieg erklärt, das besagt jedweder gesunde Menschenverstand, ist der Angreifer; wem der Krieg erklärt wird, gilt als angegriffen. Aber Hitlerdeutschland als Angegriffener! Das darf unter keinen Umständen sein, selbst wenn sämtliche Fakten dagegen sprechen. Was ist diesen dramatischen Kriegserklärungen des 3. September 1939 vorangegangen?
Polnische Drohung
Im Versailler Vertrag von 1919 war neben zahlreichen anderen Ungereimtheiten und Fehlentscheidungen die alte deutsche Hansestadt Danzig vom Reich losgelöst und als «Freie Stadt» dem Völkerbund (Vorläufer der UNO) unterstellt worden. Zu diesem Kunstgebilde gehörten neben Danzig auch die Städte Zoppot, Praust, Neuteich und Tiegenhof; insgesamt 2.000 Quadratkilometer mit 415.000 Einwohnern (1939).
Die Bevölkerung hatte man nicht befragt, eine Abstimmung fand nie statt. Gleichzeitig bekam der neugegründete Staat Polen westlich davon einen Zugang zur Ostsee, den sogenannten Korridor mit der Kleinstadt Gdingen (Gdynia). Nach 1933 forderten die Danziger Nationalsozialisten eine Rückgabe ihrer Stadt an Deutschland. Bei den demokratischen Wahlen zum Parlament (6. Volkstag) 1935 hatte die NSDAP 59,3 Prozent erhalten, während für die Polenpartei nur 3,5 Prozent stimmten.

Unter diesen Voraussetzungen begann die deutsche Regierung Anfang 1939 Verhandlungen mit Polen, um eine Rückkehr Danzigs ins Reich zu ermöglichen. Doch Großbritannien und Frankreich hatten am 31. März eine «Garantieerklärung» verkündet, worin man Warschau «die Versicherung des Beistandes in jeglicher Form» gab, sollte Polen zur Verteidigung seiner territorialen Unversehrtheit gezwungen sein.
Dass die Warschauer Militärregierung unter Führung des Marschalls Edward Rydz-Smigły dies richtig als unbeschränkte kriegerische Rückendeckung interpretierte, war ganz offensichtlich. Jegliche Verhandlungen mit Deutschland wurden brüsk zurückgewiesen. Schon am 23. März leiteten die Polen eine Teilmobilmachung sämtlicher Streitkräfte ein. Dabei kam deutscherseits zunächst nur eine exterritoriale Eisenbahn- bzw. Autobahnverbindung von Westpreußen nach Danzig (der «Korridor durch den Korridor») zur Sprache.
Doch bereits am 26. März teilte Botschafter Józef Lipski dem deutschen Außenministerium mit, dass «er die unangenehme Pflicht habe, darauf hinzuweisen, dass jegliche weitere Verfolgung dieser deutschen Pläne, insbesondere soweit sie die Rückkehr Danzigs zum Deutschen Reich beträfen, den Krieg mit Polen bedeuten».
Ganz in diesem Sinne erklärte der polnische Kriegsminister Tadeusz Kasprzycki am 15. Mai 1939 dem französischen Außenminister Georges Bonnet:
«Wir gedenken, einen Bewegungskrieg zu führen und gleich bei Beginn der Operationen in Deutschland einzumarschieren.»
Diese unversöhnliche Grundhaltung wurde insbesondere von Großbritannien forciert. Frankreich schien viel zu sehr mit innenpolitischen Problemen beschäftigt. Das Land war politisch extrem instabil. Seit 1919 gaben sich hier 40 Regierungen die Klinke in die Hand; allein das Ressort des Außenministers wechselte in dieser Zeit 22 Mal den Inhaber, das des Innenministers sogar 28 Mal! Völlig zu Recht stellten sich Medien und Politiker in Frankreich die bange Frage: «Mourir pour Danzig?» (Sterben für Danzig?). Doch die Regierung von Edouard Daladier bewegte sich 1939 politisch völlig im Fahrwasser der Briten.
Berechtigtes Misstrauen
Um Polen auf dessen Territorium militärisch wirksam unterstützen zu können, verhandelten die Westmächte seit dem 15. Juni 1939 wochenlang über eine Militärkonvention mit der UdSSR. Stalin verlangte ein Durchmarschrecht für die Rote Armee durch Polen. Dessen Regierung befürchtete, die Sowjets würden dieses Recht zur Rückgewinnung ihrer 1921 verlorenen Gebiete ausnutzen.
«Es gab zu diesem Zeitpunkt Uneinigkeit in territorialen Fragen zwischen der Sowjetunion und sowohl Polen als auch Rumänien über die West-Ukraine, den Westen Weißrusslands und Moldawien”, erklärt der russische Historiker Oleg Budnizki. «Beide Staaten fürchteten, dass die Sowjets, sobald sie einmal einen Fuß über die Grenze gesetzt hatten, bleiben würden. (…) Für Stalin waren solche Staaten lediglich Marionetten. Er war der Ansicht, dass Briten und Franzosen sie zwingen könnten. Aber es war weitaus komplizierter. London und Paris gelang es nicht, Warschau davon zu überzeugen, dass die Sowjetunion auch nur einen Deut besser war als Deutschland.» Polens Außenminister lehnte diese Bedingung daher am 15. August 1939 endgültig ab.

Nur drei Tage später geschah etwas, das selbst die kühnsten politischen Propheten für unmöglich hielten: ein Bündnis zwischen Sowjetrussland und Nazi-Deutschland. An jenem 18. August 1939 schrieb der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop an den Botschafter in Moskau Friedrich Graf von der Schulenburg, er solle die Sowjets darauf hinweisen, «dass jeden Tag Zwischenfälle eintreten könnten, die den Ausbruch eines offenen Konfliktes unvermeidlich machen». Außenminister Wjatscheslaw Molotow hatte bereits am 15. August Stalins Interesse an einer Übereinkunft signalisiert.
Zunächst wurde schnell ein Wirtschaftsvertrag über sowjetische Rohstofflieferungen in Höhe von 180 Millionen Reichsmark geschlossen (19. August). Dem folgte die förmliche Einladung des deutschen Außenministers Ribbentrop nach Moskau. Der flog am 23. August eiligst los und hatte im Kreml eine persönliche Begegnung mit Stalin. Offiziell wurde ein Nichtangriffspakt geschlossen, dessen Kernsatz lautete: «Die beiden vertragschließenden Teile verpflichten sich, sich jeden Gewaltakts, jeder aggressiven Handlung und jeden Angriffs gegeneinander, und zwar sowohl einzeln als auch gemeinsam mit anderen Mächten, zu enthalten.»
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