In Preußen stand die Wiege des Deutschen Idealismus. Einer seiner wichtigsten Vertreter war der Philosoph Johann Gottlieb Fichte, der mit seinen „Reden an die deutsche Nation“ ein Bekenntnis zu nationaler Selbstbehauptung ablegte, das nichts an Aktualität eingebüßt hat. Genau wie unsere Preußen-Medaillen aus Silber – jetzt 10 Euro günstiger! Hier zuschlagen.
Für die deutschen Zeitgenossen war es die größte nationale Tragödie: Im August 1806 erlosch nach 900-jähriger Existenz durch den Verrat napoleonhöriger Fürsten das Heilige Römische Reich deutscher Nation. Im Oktober 1806 unterlag zudem das preußische Heer den Truppen des französischen Usurpators in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt, woraufhin diese Berlin besetzten. Unter diesem Eindruck hielt Johann Gottlieb Fichte seine „Reden an die deutsche Nation“ als Appell an den nationalen Selbstbehauptungswillen.
Der Historiker Hellmut Diwald fing in seinem Grundlagenwerk „Geschichte der Deutschen“ die Stimmung des Jahres 1806 ein:
„Mit dem Zerfall des Deutschen Reiches war alles zerbrochen, was dem Gedanken und dem Empfinden einer deutschen Zusammengehörigkeit bis dahin einen Halt gegeben hatte. 1806, im Jahr der größten Hoffnungslosigkeit, gab der Nürnberger Buchhändler Johann Philipp Palm eine Flugschrift unter dem Titel ‚Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung’ heraus, die auch in Österreich vertrieben wurde. Der Text, dessen Verfasser unbekannt geblieben ist, brandmarkte die Willkürherrschaft Napoleons und den schamlosen Fahnenwechsel der deutschen Fürsten.“
Diwald schilderte das weitere Geschehen so: „Napoleon ließ Palm und zwei österreichische Kaufleute, die das Büchlein verbreitet hatten, im August von einem Militärgericht zum Tode verurteilen und erschießen. Die Flugschrift selbst hätte niemals eine so aufrüttelnde Wirkung haben können wie Palms Exekution. Seit dem 26. August 1806 besaßen die deutschen Patrioten ihren ersten Märtyrer. Als eineinhalb Jahre später, im Winter 1807/08, der Philosoph Johann Gottlieb Fichte in Berlin seine Reden an die deutsche Nation hielt, wurde befürchtet, dass die französischen Behörden sich an das Exempel erinnern würden, das an Palm statuiert worden war. Doch Fichte blieb unbehelligt.“
Ein Geistestitan für Deutschland
Fichte, einer der wichtigsten Vertreter des Deutschen Idealismus, wurde im Mai 1762 in Rammenau im Kurfürstentum Sachsen geboren und starb im Januar 1814 in Berlin im Königreich Preußen. Nach seinem Studium verdingte er sich als Hauslehrer, bis ihn 1795 sein philosophisches Werk „Grundlagen der gesamten Wissenschaftslehre“ schlagartig bekannt machte.
Zwei Jahre später breitete er in den „Grundlagen des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenschaftslehre“ seine Vorstellungen von Recht und Politik aus. Im Jahr 1799 wurde der angesehene Philosoph aufgrund seiner nationalen wie freiheitlichen Überzeugungen seines Universitätspostens in Jena enthoben. In der Folgezeit entstand die Schrift „Der geschlossene Handelsstaat“. An ihr orientierten sich später viele Wirtschaftsdenker, die dem regellosen Freihandel ablehnend gegenüberstanden und der Wirtschaft eine gemeinwohldienende Rolle zuschrieben, ohne ihn den Sozialismus abzugleiten.
Bedrückt durch die französische Besetzung Berlins, hielt Fichte seit Dezember 1807 seine „Reden an die deutsche Nation“, die ein Jahr später in gedruckter Form weite Verbreitung fanden. Der Politikwissenschaftler Bernard Willms stellte hierzu fest:
„Die Reden wurden zum Hausbuch jedes späteren deutschen Nationalismus – in der Verbreitung nur mit Arndts Gedichten ‚Des Deutschen Vaterland’ oder ‚Der Gott, der Eisen wachsen ließ’ zu vergleichen.“
Nationalismus war von Willms nicht negativ gemeint, also nicht im Sinne von Chauvinismus, sondern als wertneutrale Bezeichnung einer geistig-politischen Strömung.
Gegen Fremdbestimmung
Obwohl die „Reden“ der Ausdrucksweise nach etwas unzugänglich sind, weisen sie doch eine klare Argumentationslinie auf. Demnach raube die französische Fremdherrschaft den Deutschen jede Würde und politische Selbstbestimmung. Der elende Zustand der Nation sei auf die Selbstsucht der Herrschenden und die Uneinigkeit im Volk zurückzuführen. Um das Hauptübel der deutschen Zerrissenheit zu beseitigen, derer sich das Ausland zur Niederhaltung der Deutschen bediene, müsse der Selbstbehauptungswille des ganzen Volkes geweckt werden.
Deshalb forderte Fichte eine umfassende Nationalerziehung. Der preußische Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt griff diesen Gedanken auf und schuf mit der Berliner Universität (1810) den geistigen Mittelpunkt der in Preußen wirkenden Freiheitsbewegung. Fichtes Ansatz entspricht dem Grundgedanken des Deutschen Idealismus, der geistige Werte für die Antriebsfeder des Menschen hält und nicht etwa materielle wie der Liberalismus oder der spätere Marxismus. Mit der Verbindung von Geist und Volk knüpfte Fichte zudem an die Volksgeist-Idee der Romantiker an.
Der Philosoph wollte mit seinen „Reden“ das in Resignation verfallene Volk aufrütteln und zur nationalen Freiheit emporreißen. Damit ist er hochaktuell, wie auch der im Januar 2017 verstorbene Publizist Hans-Dietrich Sander in seinem Buch „Der nationale Imperativ“ feststellte. Im Folgenden soll Fichte selber zu Wort kommen, damit quellengestützt die Parallelen von damals zu heute deutlich werden.
In der ersten Rede hieß es zur Lage des politisch fremdbestimmten Vaterlandes:
„Keine Nation, die in diesen Zustand der Abhängigkeit herabgesunken, kann durch die gewöhnlichen und bisher gebrauchten Mittel sich aus demselben erheben. War ihr Widerstand fruchtlos, als sie noch im Besitze aller ihrer Kräfte war, was kann derselbe sodann fruchten, nachdem sie des größten Teils derselben beraubt ist? Was vorher hätte helfen können, nämlich wenn die Regierung derselben die Zügel kräftig und straff angehalten hätte, ist nun nicht mehr anwendbar, nachdem diese Zügel nur noch zum Scheine in ihrer Hand ruhen und diese ihre Hand selbst durch eine fremde Hand gelenkt und geleitet wird.“
Fichte weiter: „Sollte eine so gesunkene Nation dennoch sich retten können, so müsste dies durch ein ganz neues, bisher noch niemals gebrauchtes Mittel, vermittelst der Erschaffung einer ganz neuen Ordnung der Dinge, geschehen. Lassen Sie uns also sehen, welches in der bisherigen Ordnung der Dinge der Grund war, warum es mit dieser Ordnung irgend einmal notwendig ein Ende nehmen musste, damit wir an dem Gegenteile dieses Grundes des Untergangs das neue Glied finden, welches in die Zeit eingefügt werden müsste, damit an ihm die gesunkene Nation sich aufrichte zu einem neuen Leben.“
Sittliche Würde
Die Wichtigkeit einer Nationalerziehung betonte Fichte in seiner zweiten Rede:
„Wir sind daher sogar durch die Not gedrungen, innerlich und im Grunde gute Menschen bilden zu wollen, indem nur in solchen die deutsche Nation noch fortdauern kann, durch schlechte aber notwendig mit dem Auslande zusammenfließt. Wir müssen darum an die Stelle jener Selbstliebe, an welche nichts Gutes für uns sich länger knüpfen lässt, eine andere Liebe, die unmittelbar auf das Gute schlechtweg als solches und um sein selbst willen gehe, in den Gemütern aller, die wir zu unsrer Nation rechnen wollen, setzen und begründen.“
In der zwölften Rede führte er zum vaterländischen Erziehungsgedanken aus:
„Fragt man mich, wie dies zu erreichen sei, so ist darauf die einzige alles in sich fassende Antwort diese: wir müssen eben zur Stelle werden, was wir ohnedies sein sollten, Deutsche. Wir sollen unsern Geist nicht unterwerfen: so müssen wir eben vor allen Dingen einen Geist uns anschaffen und einen festen und gewissen Geist; wir müssen ernst werden in allen Dingen und nicht fortfahren, bloß leichtsinnigerweise und nur zum Scherze dazusein; wir müssen uns haltbare und unerschütterliche Grundsätze bilden, die allem unserm übrigen Denken und unserm Handeln zur festen Richtschnur dienen; Leben und Denken muss bei uns aus einem Stücke sein und ein sich durchdringendes und gediegenes Ganzes; wir müssen in beiden der Natur und der Wahrheit gemäß werden und die fremden Kunststücke von uns werfen; wir müssen, um es mit einem Worte zu sagen, uns Charakter anschaffen; denn Charakter haben und deutsch sein, ist ohne Zweifel gleichbedeutend.“
Um in der politischen Ohnmacht nicht auch noch die sittliche Würde zu verspielen, redete Fichte seinen Landsleuten in der dreizehnten Rede ins Gewissen: „Diese Gründlichkeit, Ernst und Gewicht unsrer Denkweise wird, wenn wir sie einmal besitzen, auch hervorbrechen in unserm Leben. Besiegt sind wir; ob wir nun zugleich auch verachtet und mit Recht verachtet sein wollen, ob wir zu allem andern Verluste auch noch die Ehre verlieren wollen: das wird noch immer von uns abhängen. Der Kampf mit den Waffen ist beschlossen; es erhebt sich, so wir es wollen, der neue Kampf der Grundsätze, der Sitten, des Charakters.“
Nationale Selbstachtung
In derselben Rede beschwor Fichte seine Deutschen, Schluss mit jener nationalen Selbstentäußerung zu machen, die in unserer Zeit ihren grotesken Ausdruck unter anderem in der Merkel’schen „Willkommenspolitik“ fand „Geben wir unsern Gästen ein Bild treuer Anhänglichkeit an Vaterland und Freunde, unbestechlicher Rechtschaffenheit und Pflichtliebe, aller bürgerlichen und häuslichen Tugenden als freundliches Gastgeschenk mit in ihre Heimat, zu der sie doch wohl endlich einmal zurückkehren werden. Hüten wir uns, sie zur Verachtung gegen uns einzuladen; durch nichts aber würden wir es sicherer, als wenn wir sie übermäßig fürchteten oder unsre Weise dazusein aufzugeben und in der ihrigen ihnen ähnlich zu werden strebten“, warnte der Ideengeber des Deutschen Idealismus.
Fichte fuhr fort: „Übrigens aber wird es die sicherste Maßregel sein, allenthalben unsern Weg also fortzugehen, als ob wir mit uns selber allein wären, und durchaus kein Verhältnis anzuknüpfen, das uns die Notwendigkeit nicht schlechthin auflegt; und das sicherste Mittel hierzu wird sein, dass jeder sich mit dem begnüge, was die alten vaterländischen Verhältnisse ihm zu leisten vermögen, die gemeinschaftliche Last nach seinen Kräften mittrage, jede Begünstigung durch das Ausland für eine entehrende Schmach halte.“
Instrumentalisierung für fremde Interessen
Zeitlos ist auch Fichtes Klage, dass deutsche Soldaten für fremde Interessen ihr Blut vergössen. Damals mahnte er:
„Es war dem nur den nächsten Augenblick berechnenden Eigennutze des Auslandes nicht gemäß, dass es so bliebe. Sie fanden die deutsche Tapferkeit brauchbar, um durch sie ihre Kriege zu führen, und die Hände derselben, um mit ihnen ihren Nebenbuhlern die Beute zu entreißen; es musste ein Mittel gefunden werden, um diesen Zweck zu erreichen, und die ausländische Schlauheit siegte leicht über die deutsche Unbefangenheit und Verdachtlosigkeit.“
Gegen den deutschen Bruderstreit argumentierend, führte er weiter aus: „Nur durch dieses künstliche Bildungsmittel wurden alle Zwiste, die über irgendeinen Gegenstand in der Alten oder Neuen Welt sich entspinnen mochten, zu eignen Zwisten der deutschen Stämme untereinander; jeder aus irgendeinem Grunde entstandene Krieg musste auf deutschem Boden und mit deutschem Blute ausgefochten werden, jede Verrückung des Gleichgewichts in derjenigen Nation, der der ganze Urquell dieser Verhältnisse fremd war, ausgeglichen werden, und die deutschen Staaten, deren abgesondertes Dasein schon gegen alle Natur und Vernunft stritt, mussten, damit sie doch etwas wären, zu Zulagen gemacht werden zu den Hauptgewichten in der Waage des europäischen Gleichgewichts, deren Zuge sie blind und willenlos folgten.“
Polit-Establishment gegen Fichte
An der Universität Berlin wirkte der streitbare Denker bis zu seinem Tod 1814 als Professor. Welchen großen Anteil er an der Entwicklung des Nationalbewusstseins hatte, zeigt der vorwurfsvolle Ton, mit dem die „Reden“ in bundesrepublikanischen Zeiten selbst in der wissenschaftlichen Literatur kommentiert werden.
Ein Beispiel dafür ist das von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene Buch „Politische Theorien von der Antike bis zur Gegenwart“. Dort wird über die vor über 200 Jahren gehaltenen Reden Fichtes verschwurbelt geätzt:
„Ihre problematische Wirkungsgeschichte, in der sie zum bevorzugten Zitationsinstrument nationalistischer und deutschtümelnder Autoren und zu einer Referenzschrift des völkisch-nationalistischen Diskurses haben werden können, erklärt sich aus den dort von Fichte vorgetragenen Begründungen der Einzigartigkeit des deutschen Volkes, der deutschen ‚Ursprache’ und der deutschen weltgeschichtlichen Mission. Die Deutschheit, die im Zentrum der patriotischen Reden Fichtes steht, entzieht sich einer genauen Definition. Der Mythos spezifisch deutscher Ursprünglichkeit und Schöpferkraft und der hohen geschichtlichen Sendung des deutschen Volkes verbindet sich mit einer harschen Kritik der Ausländerei.“
Tatsächlich erscheint Fichte mit seinem eindringlichen Appell ganz auf der Höhe unserer Zeit.
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