Julija Mendel war von 2019 bis 2021 Pressesprecherin des ukrainischen Präsidenten Selenski, heute zählt sie zu seinen schärfsten Kritikern und wirbt für Frieden mit Russland. Auf Einladung der AfD sollte sie am 16. September im Europaparlament sprechen, ihr wurde jedoch der Zutritt verwehrt, sodass sie ihre Ansprache nur per Video halten konnte. Wir dokumentieren sie nachfolgend in deutscher Übersetzung. In COMPACT-Spezial «Krieg gegen Russland» erzählen wir die ganze Geschichte des Ukraine-Konflikts. Hier mehr erfahren.
_ von Julija Mendel
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COMPACT unterstützenSehr geehrte Mitglieder des Europäischen Parlaments,
es ist mir eine große Ehre und ein Privileg, hier sprechen zu dürfen – im Parlament der Europäischen Union, an dem Ort, an dem die zentralen Ideen der europäischen Zivilisation entstehen. Für einige von Ihnen mag das, was ich gleich sagen werde, unangenehm sein. Es mag Kritik oder sogar Ärger hervorrufen. Und doch stehe ich hier voller Hoffnung. Denn es steht geschrieben: «Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch geöffnet.»
Zwei Jahre lang war ich als Pressesprecherin von Wolodimir Selenski tätig, nachdem ich zuvor als freie Mitarbeiterin der New York Times, als Beraterin der Weltbank und als veröffentlichte Mainstream-Autorin gearbeitet hatte – eine Tätigkeit, auf die ich stolz war. Heute bezeichnen mich manche im Westen und in den staatlichen Medien der Ukraine als «prorussisch», sobald ich eine einfache Tatsache über den Krieg darlege oder mit Selenskis Politik der endlosen Eskalation nicht einverstanden bin. Menschen im behüteten Westen glauben manchmal, sie verstünden die Ukraine und diesen Krieg besser als ich – ich, die ich seit 2014 über den Konflikt berichte, viele Male mit Selenski selbst in den Donbass gereist bin, an den Verhandlungen teilgenommen habe, an der Ausarbeitung der Mitteilungen des Präsidenten mitgewirkt habe und vor Ort blieb, als 2022 die großangelegte Invasion begann. Ich wurde beschossen und habe nur knapp überlebt. Ich durchquerte das Land, um Zivilisten zu helfen, und berichtete unermüdlich. Niemand kann mich ernsthaft als pro-russisch bezeichnen, es sei denn, er akzeptiert primitive Schwarz-Weiß-Darstellungen des Krieges.
Das Schicksal der Kinder
Ich bin nicht hierhergekommen, um politische Spielchen zu treiben. Ich bin mit nur einem Ziel gekommen: mich für die Menschen in der Ukraine einzusetzen – für mein Volk. Ich werde Ihnen eine Wahrheit sagen, die der Welt sorgfältig vorenthalten wird. Ich bin eine Tochter der Ukraine, und heute bin ich ihre Stimme.
Ich unterscheide mich von vielen der Stimmen, die Sie bereits gehört haben, denn ich profitiere nicht von diesem Krieg. Ich baue mir keine Karriere darauf auf. Ich erhalte keine Fördergelder und ziehe keinen Vorteil daraus. Wie die meisten Ukrainer – wie die meisten Europäer, Amerikaner und Russen – verliere ich nur durch diese Grausamkeit. Und mir ist klar: Wenn dieser Krieg weitergeht, wird er Verluste und Veränderungen mit sich bringen, die niemals rückgängig gemacht werden können.
Das ukrainische Volk und das Militär haben eine unglaubliche Widerstandskraft bewiesen; wir haben nichts, wofür wir uns schämen müssten. Aber der Krieg hat uns alle verändert, und heute bedeutet Widerstandskraft, die Wahrheit zu sagen und für den Frieden einzutreten.
Ich stehe hier, weil die Ukraine und Europa immer wieder einen schlechten Krieg einem schlechten Frieden vorziehen – Eskalation statt Diplomatie. Doch eines Tages wird dieser Krieg enden, und jeder von uns wird anhand der Früchte in Erinnerung bleiben, die wir heute tragen.
Ihr seid die klügsten Köpfe Europas. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ihr viel über den russisch-ukrainischen Krieg wisst. Ihr kennt die Zahlen und Statistiken. Ihr habt die Fotos gesehen. Ihr habt die Bücher und Artikel gelesen, die politischen Positionen und Strategien. Und doch stehe ich hier, um euch zu sagen: Ihr wisst nichts über diesen Krieg.
Meine Patentochter Maria wird in wenigen Wochen vier Jahre alt. Sie hat noch nie ein Leben ohne Krieg gekannt. Geboren in Kiew, ist sie ein aufgewecktes, temperamentvolles Mädchen, das wunderschönes Ukrainisch spricht und gelegentlich ein englisches Wort einstreut. Seit kurzem macht sie im Kindergarten ins Höschen. Nach einem weiteren russischen Raketenangriff hatte sie schreckliche Angst, dass eine Rakete ihre Schule treffen könnte. Meine Freundin verbrachte viel Zeit damit, sie zu trösten, und schaffte es schließlich auf die schrecklichste Art und Weise, die man sich vorstellen kann: Das Kind schläft nun beim Geräusch von Angriffen auf russische Ölraffinerien ein. «Gute Angriffe», werden sie zu Hause genannt. Sie ist vier und kann die Nuancen des Krieges kaum begreifen. «Ich bin entsetzt», sagte mir ihre Mutter.
Meine Nichte Anna ist zehn und hat noch nie einen Fuß in eine Schule gesetzt. Sie weiß nicht, wie ein Klassenzimmer voller Kinder aussieht. Sie ist so oft umgezogen, dass sie nirgendwo Freunde hat. Westliche Eltern machten sich Sorgen, als ihre Kinder während der Pandemie anderthalb Jahre lang nur online unterrichtet wurden. Meine Nichte kennt keine andere Art von Bildung. Jeden Tag sitzt sie allein in der Wohnung, während ihre Eltern arbeiten. Sie loggt sich in den Unterricht ein, macht Hausaufgaben, putzt dann, kocht und wartet auf sie. Sie kann nicht durch eine Stadt streifen, die ständig angegriffen wird. Sie kennt weder Gemeinschaft noch Kindheitsfreundschaften. Im Winter sind ihre Tage kurz und kalt: Letzten Winter gab es weder Heizung noch Strom.
Jedes dritte ukrainische Kind hat derzeit keinen Zugang zu angemessener Bildung. Die Ukraine war einst berühmt für ihre Wissenschaftler. Unter der Leitung eines Ukrainers flog der erste Mensch ins All. Wir bauten Flugzeuge und Hubschrauber; unsere Physiker und Biologen leisten nach wie vor einen Beitrag zur Weltwissenschaft. Doch an der Front gibt es Viertklässler, die nicht lesen können. Hört mir zu: Es gibt Zehnjährige, die nicht lesen können. Der Verfall der Bildung und der sozialen Kompetenzen bei künftigen Generationen sollte uns alle erschrecken.
Die Realität an der Front
Die Ukrainer stehen anderen Völkern in nichts nach. Auch wir wollen Bildung und medizinische Versorgung. Auch wir wollen etwas schaffen, wachsen, uns messen und zusammenarbeiten. In fünf oder zehn Jahren wird das unmöglich sein, wenn der Krieg weitergeht. Unter den Raketen, Drohnen und Bomben verlieren wir Humankapital – nicht nur durch Tod und Verletzungen, sondern durch das schlichte Fehlen jeglicher Lebensmöglichkeit. Jahre des bloßen Überlebens zehren gleichermaßen an Geist und Körper.
Meine Mutter und mein Vater sind Ärzte im Frontgebiet von Cherson. Sie verbrachten mehr als acht Monate unter russischer Besatzung und weigern sich dennoch, eine Stadt zu verlassen, die ständig unter Beschuss steht. Ärzte sind dort äußerst knapp. «Wenn alle weggehen», fragen sie, «ist es dann noch die Ukraine?» Sie verfügen über einen seltenen und schrecklichen Luxus – die Fähigkeit, zu bleiben, obwohl sie gehen könnten, gebunden durch die Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft und der Geschichte.
Zehntausende andere können überhaupt nicht weggehen, gefangen in Armut und dem völligen Fehlen jeglicher Hilfe. Der Staat bietet Vertriebenen weniger als hundert Dollar im Monat, und das auch nur für eine begrenzte Zeit – eine Summe, von der man weder eine Wohnung mieten noch eine Familie ernähren kann. In den Dörfern an der Front leben die Menschen ohne jegliches finanzielles Polster; tausend Dollar sind ein unvorstellbares Vermögen. Es hätte anders kommen können. Die Strategien, für die wir uns heute entscheiden, führen die Ukraine auf einen Weg ständiger Armut und des Krieges, was gesellschaftlichen Verfall bedeutet.

In einem Dorf in der Region Cherson – einem Dorf, an dem ich auf dem Weg zu meiner Großmutter oft vorbeikam – wurde eine Familie ausgelöscht. Der Vater und die Mutter starben, ebenso wie ihre Tochter, die dreiundzwanzig Tage alt war. Meine eigene Mutter hatte dieses Baby aus dem Krankenhaus entlassen. Ihr Sohn wurde verwundet. Durch eine einzige Explosion, in einem einzigen Augenblick, wurde eine Familie ausgelöscht.
Sie haben schon früher von solchen Tragödien gehört. Was Sie jedoch noch nicht gehört haben, ist, was das Überleben an der Front tatsächlich bedeutet: dass die in den Medien genannten riesigen Summen an Steuergeldern oft kaum etwas dazu beitragen, den Ukrainern zu helfen, die einfach nur versuchen, am Leben zu bleiben; dass es einen katastrophalen Mangel an Ärzten gibt; dass Schulen größtenteils nicht funktionsfähig sind; und dass für viele Menschen die tägliche Abwägung einfach darin besteht, wie sie zur Arbeit und wieder nach Hause kommen, ohne in den Beschuss zu geraten.
Dort, an der Front, leben die Menschen in einer anderen Realität. Ihr Leben ist zu einem täglichen Kampf ums Überleben geworden. Normale Bürger spenden Geld aus eigener Tasche, um die Kriegsanstrengungen zu unterstützen. Frauen kochen für Soldaten, sammeln warme Kleidung und andere lebensnotwendige Güter und schicken diese über Freiwillige an die Front. Denn dort an der Front sind ihre Söhne und Ehemänner. Lokale Gemeinschaften unterstützen die Armee und versuchen gleichzeitig, sich selbst, ihre Familien und ihre Nachbarn am Leben zu erhalten.
So wird der Krieg tatsächlich von den Menschen vor Ort erlebt. Sie ertragen ihn, sie tragen dazu bei und sie kämpfen gegen die Invasionsstreitkräfte – trotz der Korruption und der begrenzten Wirksamkeit der ukrainischen Regierung. Ein Drittel der Ukraine ist zur Hölle geworden. Fast zwanzig Prozent unseres Territoriums sind besetzt; weitere zehn Prozent sind zu einer brennenden Front geworden. Man bedenke: Wie lange können die übrigen 70 Prozent mit einer solch offenen und unbehandelten Wunde noch durchhalten?
Und welche Strategie unterstützen wir heute? Eine Strategie, in der dieses tägliche Leiden unsichtbar und bedeutungslos wird, im Gegensatz zu einer großen Idee – der Zerstörung Russlands. Seien wir ehrlich: Sehr viele Menschen wollen Russland lieber zerstören, als die Ukraine zu retten.
Der verratene Frieden
Mit wachsendem Eifer lesen wir mehrmals im Monat die leidenschaftlichen Artikel in den Mainstream-Medien, die verkünden, dass Russland kurz vor dem Zusammenbruch steht. Wir lesen sie schon seit fast einem Vierteljahrhundert. Der Preis für diesen Zusammenbruch in Zeitlupe ist meine Nation, mein Land, mein Staat – die Ukraine. Keiner dieser westlichen Experten, Professoren oder Journalisten, die diese Artikel schreiben, würde jemals zustimmen, in einem solchen Land zu leben oder sein eigenes Heimatland im Namen einer großen Idee solchen Schrecken aussetzen zu lassen. Ich dachte, wir hätten die Lektion bereits gelernt, ganze Völker großen Ideen zu opfern. Aber ich verstehe Sie. Wenn der Staatschef meines eigenen Landes, Wolodimir Selenski, den Status quo akzeptiert, warum sollten Sie ihn dann in Frage stellen?
Zuerst kamen die Istanbuler Abkommen, dann die Friedensformel, dann der Siegesplan, dann die Koalition der Willigen. Was die meisten Menschen nicht wissen, ist, dass es auch zahlreiche Vermittler gab, die Kontakte ermöglichten, sowie vielfältige rechtliche Auslegungen dessen, was heute vereinfachend auf die Formel «Land abtreten oder nicht» reduziert wird – Auslegungen, die der Ukraine hätten helfen können, mit der Zeit die Kontrolle zu behalten.
Es gab Vereinbarungen, von denen ihr nie gehört habt, die in der Öffentlichkeit nur kurz erwähnt wurden. Diese Absprachen werden nicht in den Geschichtsbüchern stehen bleiben, sondern nur in der Erinnerung derer, die versucht haben zu helfen. All diese Vereinbarungen wurden von Wolodimir Selenski abgelehnt – sogar jene, für die er sein eigenes Wort und sein eigenes Versprechen gegeben hatte. Er propagiert den maximalistischsten und unerreichbarsten Weg zum Sieg als einzigen Weg zum Frieden – und das sagt mir, dass er gar nicht daran interessiert ist, diesen Frieden zu erreichen.
Vor einiger Zeit schrieb J. D. Vance, heute Vizepräsident der Vereinigten Staaten, damals noch Senator, einen bemerkenswerten Essay in der New York Times, dass die Rechnung in der Ukraine nicht aufgeht. Dieser Essay gab vielen von uns Hoffnung, dass jemand die Welt mit unseren Augen sah und verstand, was wir durchlebten. Mehr als zwei Jahre sind vergangen, seit er ihn schrieb – und die Rechnung geht immer noch nicht auf. Beginnen wir mit der elementarsten Frage von allen: Wie sollen 25 Millionen Ukrainer, von denen die Hälfte Rentner sind, 500 Millionen Europäer gegen 140 Millionen Russen verteidigen? Schämt ihr euch nicht?
Seit ihrer Unabhängigkeit im Jahr 1991 hat die Ukraine mehr als die Hälfte ihrer Bevölkerung verloren. Damals lebten dort 52 Millionen Menschen. Heute liegt diese Zahl selbst nach den optimistischsten Schätzungen bei etwa 25 Millionen – und der Rückgang beschleunigt sich. Fast die Hälfte der Bevölkerung sind Rentner, die Geburtenrate ist katastrophal niedrig, und der Krieg fordert weiterhin Menschenleben und vertreibt diejenigen, die einfach nur leben wollen. Allein im letzten Jahr starben fast dreimal so viele Menschen, wie geboren wurden, und in der ersten Hälfte des Jahres 2026 verschlimmerte sich die Lage noch: Es starben viermal so viele Menschen, wie geboren wurden. Hinzu kommen rund 300.000 offiziell registrierte Auswanderer – und die tatsächliche Zahl liegt sicherlich weit höher –, sodass die Ukraine nach vorsichtigen Schätzungen jedes Jahr mehr als 600.000 Menschen verliert. Bei diesem Tempo könnte die Bevölkerung innerhalb von zehn Jahren weit unter 20 Millionen sinken.
Das sind katastrophale Zahlen. Der Krieg hat die Ukraine zu einem Ort gemacht, an dem Leben und eine hoffnungsvolle Zukunft zunehmend unmöglich erscheinen. Das ist einfache Arithmetik – Arithmetik, die zeigt, wie mein Land vor Ihren Augen verschwindet, begleitet vom herzlichen Applaus für einen Mann auf dem roten Teppich, einen Mann, der nun bereits im achten Jahr an der Macht ist und immer einen neuen Grund findet, warum der Krieg noch nicht beendet werden kann.
Dieser Krieg hat die ukrainische Wirtschaft und die ukrainische Demokratie zerstört. Lassen Sie mich Ihnen noch mehr von dieser zynischen, grausamen Arithmetik präsentieren. Die Europäische Union gewährt uns ein Darlehen nach dem anderen; unsere Auslandsverschuldung hat bereits über 110 Prozent des Bruttoinlandprodukts erreicht; wir sind vollständig von westlichen Transferzahlungen abhängig, in einem System, das als «Donornomics» bezeichnet wurde.
Wie Selenskis eigener ehemaliger Partner – mittlerweile ein Flüchtling vor Korruptionsvorwürfen – in Abhörprotokollen der Antikorruptionsbehörde zu hören war: «Die Wirtschaft kann warten.» Wir schaffen fast keinen Mehrwert; unsere Exporte werden durch den Krieg, durch Reibereien mit Mitgliedstaaten der Europäischen Union und durch viel zu niedrige Kontingente erstickt.
Das wisst ihr selbst ganz genau. Deshalb frage ich euch: Von welchem Sieg reden wir hier überhaupt? Europa finanziert derzeit Wolodimir Selenskis Drohnenproduktion auf Kosten der Wirtschaft einer ganzen Nation. In unserem Land gibt es keine Wissenschaft mehr, keine Innovation außerhalb des Militärs; kleine Unternehmen sterben aus, große verlagern ihr Kapital ins Ausland, die mittleren sind bereits weg. Ich sage es noch einmal: Wir sind genau wie ihr. Wenn ich das beschreibe, stellt euch euer eigenes Land in diesem Zustand vor.
Ich beobachte, wie unbequeme ukrainische Stimmen ignoriert werden – Stimmen, deren Zahl wächst –, trotz Verfolgung, Drohungen, unrechtmäßiger Sanktionen, Strafverfahren, Rufmord und der Brandmarkung von Menschen als Verräter, nur weil wir uns gegen den Krieg aussprechen. Wie sind wir an den Punkt gelangt, an dem jeder, der sich dem Krieg widersetzt, als pro-russisch und antidemokratisch gilt? Hört mir gut zu: Frieden kann nicht prorussisch sein. Frieden ist der einzige Ausweg aus der Krise, in der wir alle versinken – und vor allem das ukrainische Volk.
Selenski sagt uns, dass er bessere Friedensbedingungen fordern wird. Aber die Sache ist die: Wir verlieren das Land, die Nation. Es wird kein Volk mehr geben, das diese besseren Bedingungen anbieten könnte. Und jeder von euch hier weiß, dass eine militärische Niederlage Russlands unmöglich ist. Diese Spiele kosten zu viel. Für mein Land und auch für eure Zukunft. Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für Frieden als jetzt!
Hier in Europa ist es mittlerweile patriotisch geworden, über das, was in der Ukraine geschieht, zu schweigen. Für Männer geschlossene Grenzen haben das Leben unzähliger Familien in einen Käfig verwandelt. Korruption von kolossalem Ausmaß – in einem Ausmaß, das ihr euch schlichtweg nicht vorstellen könnt –, die bis in den engsten Kreis des Präsidenten reicht und der totalen Armut gegenübersteht, ist dabei, genau die Motivation zum Widerstand gegen Russland zu zerstören.
Die Jagd auf Männer, die Folter in den Einberufungsämtern, Männer, die von Einberufungsbeamten zu Tode geprügelt und manchmal von ihren eigenen Kommandanten getötet werden – all das gleicht einem brutalen Gladiatorenspektakel, in dem gewöhnliche Ukrainer nur ein einziges Ziel haben: zu überleben. Männer fliehen über Berge und Flüsse; unsere eigenen Einsatzkräfte bergen die Leichen derer, die es nicht geschafft haben. Und vor uns liegt ein weiterer schrecklicher Winter, ohne Heizung und ohne Licht.
Man erzählt euch von Widerstandskraft, von Würde, von einem ungebrochenen Geist. Was von dem, was ich gerade beschrieben habe, spiegelt irgendetwas davon wider? Dieses Leid im Namen großer Ideen zu ignorieren, es hinter schönen Worten zu verbergen – das ist Unmenschlichkeit. In dunklen Zeiten ist es das Schwierigste von allem, menschlich zu bleiben. Und ich sage es noch einmal: Früher oder später wird jeder von uns an den Früchten gemessen, die wir heute hervorbringen.
Stellt euch vor, ihr wärt an der Stelle der Ukrainer, zusammen mit euren Familien und Freunden. Bitte, stellt es euch vor. Stellt euch vor, es würde endlos so weitergehen. Stellt euch vor, es gäbe keinen Ausweg, außer so zu überleben – während die Medien und die Antikorruptionsbehörden Tag für Tag über die veruntreuten Millionen und das verschwenderische Leben derjenigen berichten, die dem Präsidenten und der Macht nahestehen.
Drohungen statt Diplomatie
Putins Krieg ist in seiner Brutalität und seiner Missachtung menschlichen Lebens ungerechtfertigt. Selenskis Vorgehen, Reformen rückgängig zu machen, korrupte Netzwerke zu schützen, sein eigenes Volk zu täuschen und persönliche Macht über das Überleben der Nation zu stellen, ist ebenso ungerechtfertigt. Ein deutscher Intellektueller sagte: «Beide Realitäten anzusprechen, ist die Mindestanforderung an intellektuelle Ehrlichkeit.» Fragen Sie sich also bitte ehrlich: Glauben Sie wirklich, dass ein endloses Wettrüsten, bei dem immer mehr Waffen angehäuft werden, der Ukraine zum Sieg verhelfen wird – ohne Wirtschaft und mit einer Bevölkerung, die Jahr für Jahr weit unter die Russlands schrumpft?
Als dieser Krieg begann, ging es uns um Werte. Heute geht es euch nur noch um Namen. Die Ukraine hat dazu beigetragen, ein Muster der gesellschaftlichen Militarisierung zu etablieren, und einige führende Politiker im Westen haben sich dies zu eigen gemacht. Es gibt heute in der Europäischen Union Stimmen, die offenbar glauben, dass die Militarisierung ihrer Volkswirtschaften und Gesellschaften eine Antwort auf politische und wirtschaftliche Schwierigkeiten sein kann. Doch eine permanente Aufrüstung, gepaart mit der ständigen Pflege eines Feindbildes, entwickelt eine eigene Dynamik. Je mehr eine Gesellschaft auf den Krieg vorbereitet ist, desto grösser ist der Druck, diese Vorbereitung zu rechtfertigen. Und früher oder später läuft diese Logik Gefahr, genau den Konflikt hervorzurufen, den sie angeblich verhindern will.
Hier in der Europäischen Union wird oft gesagt, dass alles Mögliche getan wurde und dass allein Putin die Schuld trägt. Was Putin getan hat – Panzer in Richtung Kiew zu schicken, Teile unseres Landes zu besetzen, darunter auch meine Heimatregion, jeden einzelnen Tag Raketen und Drohnen abzufeuern – ist durch nichts zu rechtfertigen. Dennoch geben wir ständig nur Putin die Schuld, sehen aber den Balken im eigenen Auge nicht. Hat der Westen wirklich alles getan, um Frieden herbeizuführen?
Was ich sehe, ist Folgendes: Drohungen statt Diplomatie; der Wunsch, Russland zu zerstören, egal wie viele ukrainische Leben das kostet und wie sehr die Ukraine dadurch geschwächt wird; und der Wunsch, so viele Waffen wie möglich zu verkaufen.

Selenski stimmt dem zu – für ihn ist die Wirtschaft zu einer privaten Geldquelle geworden. Die Kriegslobbyisten stimmen dem zu, ebenso wie all jene, die irgendwie davon profitieren werden. Aber wie kann die Mehrheit dem zustimmen? Versteht ihr nicht, dass dieser Krieg nicht jahrelang mit derselben Intensität weitergehen kann? Früher oder später wird er über die Grenzen der Ukraine hinausschwappen.
Hat Europa wirklich genug getan, um diesen Krieg zu beenden? Jeder, der versucht hat, mit Putin zu sprechen, wurde gejagt und als prorussisch gebrandmarkt – von Orban und Fico bis hin zum Präsidenten der Vereinigten Staaten selbst. Es ist kaum zu glauben, dass in der zivilisierten Welt solch oberflächliche Schwarz-Weiß-Erzählungen dominieren können – vor allem, wenn es um Krieg geht, den einzigen Krieg in Europa.
Ja, Russland hat diesen Krieg begonnen. Aber es sind die Kriegslobbyisten, die ihn am Laufen halten – diejenigen, die davon profitieren. Das bin nicht ich, und das sind nicht Sie. Warum also sollten Sie dieses Gemetzel, diesen Zermürbungskrieg gegen die Ukrainer, unterstützen? Sie sind Gesetzgeber. Sie wissen: Wenn etwas wirklich getan werden muss, geschieht es still und leise.
Was steckt hinter der gewaltigen PR-Kampagne für die Militarisierung in Deutschland? Unsicherheit über den eigenen Kurs? Wie stehen die Polen zu der Aussicht, kämpfen zu müssen? Sie kaufen Immobilien in Spanien und Italien. Warum stehen die kriegslustigen Briten und Franzosen immer noch nicht in den Reihen der ukrainischen Armee? Die Frage beantwortet sich von selbst. Denn wenn es um einen echten Krieg geht – wenn die Wahl zwischen Leben und Tod für eine Idee steht –, werden viele endlich begreifen, wie falsch dieser Weg der Militarisierung ist, auf dem das ukrainische Volk als Erstes geopfert wird.
Ein westlicher Professor riet einem Studenten, an die Front in der Ukraine zu gehen. Da er den Krieg wie die meisten Westler als Hollywoodfilm betrachtete, unterschrieb der Student einen Vertrag. Dann fand er sich in der Hölle wieder und flehte darum, abgezogen zu werden. Der Professor antwortete: Wir alle schreiben Geschichte an unserem Platz. Es ist eine weitere Geschichte, die zeigt, wie sehr die Menschen hier im Westen einfach nicht wissen, was Krieg ist.
Deshalb frage ich Sie ganz offen: Sind Sie bereit, dass Ihre Kinder kämpfen – an einer echten Front? Ich glaube nicht, dass Sie das sind. Ich sehe, wie schwer es den Europäern fällt, selbst leichte Unannehmlichkeiten in ihrem eigenen Leben zu akzeptieren. Genau deshalb haben wir nur halbe Sanktionen. Genau deshalb geht der Handel mit Russland weiter.
«Man muss auf Putin zugehen»
Wir befinden uns nun im fünften Jahr eines umfassenden Krieges und im 13. Jahr des Krieges in Europa, und die Strategien, Druck auf Russland auszuüben, scheitern. Wie wir bei uns sagen: Die Igel stachen sich und weinten – und aßen weiter den Kaktus.
Es ist Zeit, die Strategie zu ändern. Es kann gar nicht anders sein, wenn sich die Menschen und die Umstände geändert haben. Die Lage in der Ukraine wird von Tag zu Tag kritischer. Deshalb frage ich Sie, die Gesetzgeber: Warum ändern Sie die Strategie nicht? Jemand muss es klar und deutlich sagen – so etwas wie eine Diplomatie der Drohungen gibt es nicht. Sie existiert schlichtweg nicht.
Kann man mit Russland befreundet sein? Als Ukrainer sehe ich nach all dem Leid, das wir erdulden mussten, keine Möglichkeit für eine sofortige Freundschaft. Aber müssen wir uns weiterhin gegenseitig töten? Es ist eine Sache, keine Freunde zu sein; es ist etwas ganz anderes, weiter zu töten. Russland kann in Schach gehalten und daran gehindert werden, solche Aggressionen zu wiederholen – nicht durch Krieg, sondern durch Vernunft, Diplomatie und Menschlichkeit. Und zu viele Menschen haben im Verlauf dieses Krieges genau diese Tugenden aufgegeben.

Jeden Tag sehe ich, wie russische Öllager brennen. Ich will ehrlich sein: Als Ukrainer glaube ich, dass die Russen spüren sollten, was Krieg bedeutet. Aber als Mensch, der sich Frieden wünscht, verstehe ich, dass wir Russland nur einen kleinen Biss versetzt haben – und seine ganze Wut geht auf die Köpfe der Ukrainer nieder, während der Westen weiter von PR und halbherzigen Maßnahmen lebt. Wenn die Ukraine den schrecklichsten Winter überstanden hat, den man sich vorstellen kann, und nicht untergegangen ist – dank westlicher Unterstützung –, warum sollte dann Russland untergehen, ein Land, das nicht einmal Kredite aufnehmen musste, um diesen Krieg zu führen? Bedenken Sie: Unsere Verschuldung liegt bei 110 Prozent des Bruttoinlandprodukts, und Russland musste nicht einmal Kredite aufnehmen.
Russlands Zusammenbruch steht nur in den Köpfen von Idealisten bevor, die mit den wirtschaftlichen Realitäten Russlands und der Ukraine nicht vertraut sind. Ich bin nicht hier, um Russland zu verteidigen oder ihm zu schmeicheln – aber Wunschdenken ist eine Falle, und in meiner Heimat wird diese Falle in Tausenden von Menschenleben gemessen. Wunschdenken ist heute in den Farben des ukrainischen Blutes getaucht. Und jeder Artikel eines Theoretikers und Kreuzritters gegen Russland – jemand, der oft noch nie einen Fuß nach Russland oder in die Ukraine gesetzt hat und sein Verständnis aus den sozialen Medien bezieht – ist eine kleine Tragödie, ein Zeichen für den Verfall unserer Zivilisation. Denn es ist nichts als unbegründetes Wunschdenken, getarnt, um einen schrecklichen Krieg auf diesem Kontinent und das tägliche Leid, das er mit sich bringt, zu rechtfertigen.
Deshalb stehe ich hier und bitte euch inständig: Hört auf, den oberflächlichen, schwarz-weiß gemalten Darstellungen zu glauben, die euch von Selenskis Gesandten und von Aktivisten, die von euren eigenen Führern finanziert werden, präsentiert werden. Dieser geschlossene Kreis von Erzählungen, losgelöst von der Realität, ist nicht einmal ein Informationsaustausch – es ist eine starre vertikale Nachrichtenflut, eine Art Selbstzensur, als ob ihr nur das hören wolltet, was ihr ohnehin schon hören wollt.
Sie sagen euch: Putin wird nicht nachgeben. Wir müssen ihn stärker unter Druck setzen! Das klingt so mutig. In der Praxis ist es absurd – ein Festmahl in Zeiten der Pest. Dieser Krieg hat hunderttausende Menschenleben gekostet und Millionen von Familien zerstört; er ist ein Versuch, in einem Fleischwolf zu überleben. Man muss auf Putin auf andere Weise zugehen – nicht mit blinder Gewalt. Dieses endlose Spektakel des Todes hätte niemals zur Normalität werden dürfen.
«Blutig und sinnlos»
Nur ein starker Führer kann diesen Krieg beenden. Die Herzen von Millionen sind voller Dankbarkeit gegenüber Donald Trump für den Mut, einen Status quo in Frage zu stellen, unter dem das ukrainische Volk zum Scheitern verurteilt ist. Und doch stieß er auf außerordentlichen Widerstand – zunächst von Wolodimir Selenski, dessen Vertraute durch ihre Drohnenfirmen von diesem Krieg profitieren, und dann von europäischen Staats- und Regierungschefs. Das seien nicht die richtigen Bedingungen für Frieden, beschlossen einige europäische Staats- und Regierungschefs gemeinsam – von denen keiner jemals in seinem eigenen Leben zustimmen würde, sein eigenes Land und seine eigene Familie das durchmachen zu lassen, was die Ukraine gerade durchmacht.
Als Selenski für das Präsidentenamt kandidierte, sagte er, er würde vor Putin auf die Knie gehen, damit Putin die Ukraine nicht in die Knie zwinge. Er sagte, jedes Leben zähle, dass das Leben der Menschen das Wichtigste sei. Und dass er, sollte es ihm nicht gelingen, den Krieg zu beenden, das Amt an jemand anderen übergeben würde, der dazu in der Lage sei. Heute ändert er die Friedensbedingungen von Woche zu Woche: mal ist es der Beitritt zur NATO, mal die Rückgabe der Krim, mal die Grenzen von 1991, mal die Mitgliedschaft in der Europäischen Union – als ob all das auf einen Schlag erreichbar wäre –, mal die Weigerung, den Donbass abzutreten. In diesem Krieg geht es nicht um Territorium.

Der russisch-ukrainische Krieg ist blutig und sinnlos. Mittlerweile werden im Namen von nichts unermessliches Töten und Zerstörung angerichtet. Wenn es darum geht, die Ukraine aus der NATO fernzuhalten – diese Frage ist bereits vom Tisch. Wenn es darum geht, die Demokratie zu verteidigen – unsere Demokratie ist mittlerweile so fragil, dass sie sich kaum noch von einem autokratischen Regime unterscheidet: stark eingeschränkte Meinungsfreiheit, geschwächte Institutionen, Verletzungen grundlegender Verfassungsrechte, politische Verfolgung und Leben, die so wenig zählen wie unter jeder Autokratie. Wenn es darum geht, Selenski von der Macht zu entfernen – dann ist er ihr Hauptnutznießer: Als er 2021 kurz davor stand, die Macht zu verlieren, fand er im Krieg das Mittel, um aufzublühen, profitierte von jedem Aspekt des Konflikts, häufte im eigenen Land nahezu unbegrenzte Macht an und sonnte sich im internationalen Ruhm. Und wenn es darum geht, die von Russland eroberten Gebiete zurückzugewinnen – dann verliert die Ukraine lediglich weitere davon, anstatt sie zurückzugewinnen. Dieser Krieg hat keinen Grund und keine Rechtfertigung, weiterzugehen, außer zum Vorteil einiger weniger kleiner Gruppen. Und deswegen steht die Ukraine am Rande des Untergangs.
Ich fordere eine Rückkehr zur Diplomatie und zur Politik. Ich fordere die Führungskräfte auf, die Angriffe in den sozialen Medien nicht zu fürchten. Ich stehe hier aus einem einzigen Grund: weil jemand für das ukrainische Volk sprechen muss und jemand für es kämpfen muss – nicht für Ruinen, nicht für Territorium, nicht für Medaillen, sondern für Menschen. Erheben Sie sich über diese primitiven Angriffe. Seien Sie Strategen. Halten Sie Ihre Freunde nah und Ihre Feinde noch näher. Jedes Mal, wenn Sie von diesem verfluchten Krieg sprechen, denken Sie daran, dass im Käfig einer neuen europäischen Autokratie Millionen von Menschen sitzen, die jeden einzelnen Tag dafür beten, dass der Krieg endet. Die derzeitige Strategie funktioniert nicht.
Politische Verfolgung
Die Ukraine befindet sich inzwischen in einem so katastrophalen Zustand, dass sie ohne Hilfe nicht überleben kann. Auch ich habe einst zu dieser Hilfe aufgerufen – zu militärischer Unterstützung. Doch heute sehe ich, wie sie in den richtigen Händen verschwindet, während unser Luftraum noch immer nicht geschützt ist, während 93 Prozent unserer Schutzräume nicht vollständig darauf vorbereitet sind, irgendjemanden zu schützen, und während Armut und Verfall Millionen Menschen dazu treiben, ihr Glück im Ausland zu suchen. Lasst uns also daran denken, dass es möglich ist, seinen Lebensunterhalt mit etwas anderem zu verdienen als mit dem Krieg einer Handvoll Politiker. Lasst uns die Strategie ändern, Frieden schaffen und in mein Land investieren. Lasst uns dort Fabriken bauen, die Infrastruktur wiederherstellen, Arbeitsplätze schaffen und den Haushalt mit Steuern füllen.
Laut einer aktuellen Gallup-Umfrage wollen 66 Prozent der Ukrainer so schnell wie möglich Frieden. Weitere 11 Prozent konnten keine Antwort geben, wahrscheinlich aus Angst, ihre wahre Meinung zu äussern.
Wachsende Antikriegsstimmung erfüllt das Internet und die Gerichte, denn in der Ukraine kann man allein dafür, dass man Frieden fordert oder die Führung kritisiert, verurteilt, sanktioniert oder als Verräter gebrandmarkt werden. Das ukrainische Internet ist voll von Stimmen, die mit dem Status quo nicht einverstanden sind – von Freiwilligen, Bloggern und ganz normalen Menschen.
Unterdessen stellt das vom Büro Selenskyjs kontrollierte Fernsehen den Krieg als unveränderliche Alltagsrealität dar, die niemals enden wird.
Jeder, dessen Stimme viele Aufrufe erhält, muss sich schützen. Meistens verlassen die Menschen entweder das Land oder ändern ihre öffentliche Haltung. Ihr alle habt die schrecklichen Aufnahmen gesehen, wie im Juli 2024 eine russische Rakete das Kinderkrankenhaus Okhmatdyt in Kiew traf. Was ihr vielleicht nicht wisst: Danach veröffentlichten mehrere bekannte ukrainische Blogger – sowohl ukrainisch- als auch russischsprachige mit Millionen von Followern – eine Botschaft, in der sie forderten, den Krieg zu beenden. Ich zitiere: «Wir brauchen die Grenzen von 1991 nicht, denn die Menschen wollen nur Frieden und Ruhe.»
Alle diese Blogger wurden zu Gesprächen mit den Sicherheitsbehörden vorgeladen, wo ihnen gesagt wurde, dies sei russische Propaganda. Im Internet verbreiteten sich Behauptungen, die Blogger seien bezahlt worden. Fast alle von ihnen verstummten danach, und einer wurde gezwungen, das Land zu verlassen.
Für Selenski ist das Wort der Wahrheit eine Bedrohung. Als PR-Profi kennt er die Macht der Worte. Nur drei Tage vor dieser Rede unterzeichnete Wolodimir Selenski verfassungswidrige Sanktionen gegen mich. Er behauptet, dies sei wegen der Verbreitung von «russischer Propaganda» geschehen. In der Praxis verhängt er Sanktionen gegen jeden, der sagt, was er nicht hören will. Viele seiner eigenen ehemaligen Teammitglieder wurden bereits mit derselben Strafe belegt, weil sie sich gegen den Krieg und gegen Korruption ausgesprochen hatten.
Auch die Zahl der Hochverratsanklagen im Land ist sprunghaft angestiegen. Im Jahr 2015 wurden in der Ukraine insgesamt 73 Personen wegen aller Verbrechen gegen die Grundlagen der nationalen Sicherheit verurteilt. Seit 2022 wurden mehr als 3.500 Verdachtsfälle bekannt gegeben, und 1048 Personen wurden wegen Hochverrats verurteilt. Das sind die Zahlen für 2025; in diesem Jahr dürften die Zahlen noch höher liegen. In vielen dieser Fälle geht es um Menschen, die lediglich über Frieden sprechen. Werden die Bilder aus Büchern und Filmen über die Sowjetunion für Sie nicht plötzlich lebendig?
Sobald ich also sage, dass territoriale Kompromisse notwendig sind – ein Satz, den einige der vernünftigsten Menschen auf diesem Planeten geäußert haben –, würde ich damit meine eigene Anklage wegen Hochverrats und mein eigenes 15-jähriges oder lebenslanges Strafmaß unterschreiben. Deshalb werde ich es nicht sagen. Aber ich möchte Sie daran erinnern, dass die New York Times im Jahr 2023 einen Gastbeitrag mit dem Titel «Die Ukraine braucht nicht ihr gesamtes Territorium, um Putin zu besiegen» veröffentlichte, verfasst vom Pulitzer-Preis-Träger Serge Schmemann.
Schmemann hat eine wichtige Diskussion angestossen, die wir nicht fortgesetzt haben. Wir haben den Aufruf ignoriert, uns mit seinen Argumenten auseinanderzusetzen und ihnen Gehör zu schenken: «Zurückgewonnenes Territorium ist nicht der einzige Maßstab für den Sieg in diesem Krieg», schrieb er damals. Denken Sie an Finnland. Wer würde heute behaupten, Finnland habe seinen Krieg verloren? Es hat einige Schlachten verloren – aber es hat seine Nation und seine Zukunft gewonnen. Die Ukraine kann ein weiteres Finnland werden. Die Ukraine kann zu einer Grenze zwischen dem Westen und Russland werden.
Doch die derzeitige Strategie treibt uns auf einen ganz anderen Weg. Denken Sie an das Land, in dessen Krieg über zwanzig Jahre hinweg Billionen Dollar geflossen sind – ein Land, das in Korruption versank, dessen Institutionen geschwächt wurden, bis Kabul schließlich an die Taliban fiel. Sie führen die Ukraine genau denselben Weg entlang. Unsere Institutionen brechen unter Korruption und einer selbstbewussten Autokratie zusammen; unser Volk flieht und verliert seinen Glauben; und Russland rückt weiter vor. Warum tun Sie das? Wir verlieren jeden einzelnen Tag Territorium und Menschen, ohne Unterlass – und mit ihnen unsere Chance auf eine Zukunft.
«Für die Sache des Friedens vereinen»
Lassen Sie mich also ganz klar sagen: Jeder, der bereit ist, Russland mit ukrainischem Blut zu bekämpfen und dabei das Leid der einfachen Menschen ignoriert, handelt gegen die Ukraine und gegen demokratische Werte. Wer heute Selenskis Politik verteidigt, verteidigt einen Status quo, der für die Ukraine den Weg Afghanistans bedeutet und für den Westen eine historische Schande ist.
Wenn ihr wirklich gegen Russland kämpfen wollt, geht an die Front. Zensiert nicht die Ukrainer, die nach Frieden rufen. Bequem im Westen zu sitzen und diejenigen anzugreifen, die ein Ende des Gemetzels fordern, macht euch nicht zu Helden. Es macht euch zu Heuchlern.
Es gibt keine Rechtfertigung – keine einzige – für einen solch ungeheuren Verlust an Menschenleben und Humankapital. Keine Idee, wie großartig sie auch sein mag, und keine Strategie, wie clever sie auch sein mag, kann eine Nation wert sein, der die Hälfte ihrer Bevölkerung entzogen wurde, eine Generation von Kindern, die nicht lesen können, Familien, die durch eine einzige Explosion ausgelöscht wurden, und eine Zukunft, die ausgelöscht wurde, bevor sie beginnen konnte. Wenn die Bilanz schließlich gezogen wird, wird sie nicht an gewonnenem oder verlorenem Territorium gemessen werden, noch an gelieferten Waffen, noch am Beifall auf roten Teppichen. Sie wird an Leben gemessen werden – an den Kindern, die nie lernen konnten, den Eltern, die nie zurückkehrten, dem Land, das verschwinden durfte, während die Welt wegschaute und dies als Entschlossenheit bezeichnete. Die Geschichte wird nicht fragen, wie laut wir gejubelt haben. Sie wird fragen, was wir gerettet haben.
Denn es steht geschrieben: «An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Ein guter Baum kann keine schlechten Früchte tragen, und ein fauler Baum kann keine guten Früchte tragen.» Lasst uns also alle ehrlich auf die Früchte blicken, die wir heute tragen. Und lasst uns entscheiden – solange noch Zeit zur Entscheidung bleibt –, die Früchte des Friedens zu tragen.
Ich rufe heute alle europäischen Politiker dazu auf, sich für die Sache des Friedens zu vereinen, um dazu beizutragen, diesen schrecklichen russisch-ukrainischen Krieg zu beenden und unserem Kontinent wieder Stabilität und Sicherheit zu bringen. Dies – und nicht Kriegstreiberei und moralische Selbstdarstellung – ist der Weg in eine erfolgreiche Zukunft und die Aufgabe unserer Generation von Politikern.
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