Er war einer von uns – nur besser. Uwe Seeler verkörperte Tugenden, die heute nicht mehr selbstverständlich sind. Je weiter wir uns davon entfernen, desto mehr wünschen wir uns eine Zeit zurück, in der Heimat ein Gefühl war, das uns alle einte und zusammenhielt. Heute wäre er 90 Jahre alt geworden. Eine der schönsten COMPACT-Sonderausgaben ist noch als E-Paper erhältlich: „Nationalsport Fußball“. Lohnt! Hier mehr erfahren.
Vier Jahre ist er schon nicht mehr unter uns, heute begehen wir seinen 90. Geburtstag. Wahrscheinlich genießt er das Wiedersehen mit Fritz Walter und anderen Fußballgrößen. Er wird dort oben in jedem Falle etwas Gutes anstellen. Denn „Uns Uwe“, wie wir HSVer sagen dürfen – oder eben „Euch Uwe“ für alle anderen Freunde des Ballsports –, war ein Gutmensch im besten Sinne des Wortes. Als er am 21. Juli in Norderstedt bei Hamburg starb, da hielt wohl jeder Deutsche inne.
1970 traf Uwe mit dem Hinterkopf für Deutschland gegen England und löste damit einen kollektiven Freudentaumel aus. Damals waren Regenbögen etwas Wunderschönes, da liebten unsere Kinder Negerkussbrötchen, und der Rock der schönen Nachbarin war noch kürzer als in der Woche zuvor. Deutsche litten mit Uwe nach dem Fake-Tor von Wembley 1966, und sie freuten sich mit ihm, als er 1960 seinen und meinen Hamburger SV zum ersten deutschen Meistertitel seit 1928 führte. Der damalige Vereinspräsident Carl-Heinz Mahlmann rief seinerzeit aus, was Uwe und Millionen Sportfreunde fühlten: „Es lebe der deutsche Sport, es lebe unser Vaterland, es lebe der HSV!“
Für Verein und Vaterland
Die Ära Seeler liegt genau zwischen dem Wunder von Bern 1954 und dem Zauberfußball deutscher Wunderkicker in den Siebzigern. „Uwe, Uwe!“, so ertönte es in jener Zeit in allen Stadien, in denen der HSV auflief. Später begleiteten die Rufe auch die Nationalmannschaft. Seeler ackerte und rackerte Spiel für Spiel unermüdlich, das zeichnete ihn aus.
Auf dem Fußballfeld war er nicht zu stoppen, weil er immer im Einsatz war, immer in Bewegung, immer den Ball haben und immer gewinnen wollte. Als gebürtiger Hamburger heute vor neunzig Jahren zur Welt gekommen, spielte er von 1954 bis 1972 durchgehend beim HSV. Kein Vereinswechsel! Für die heutigen Stars mit den hübschen Frisuren und den schnellen Autos ist das gar nicht vorstellbar. Uwe schoss seine Tore nicht für Geld, sondern für Verein und Vaterland. Vor Einführung der Bundesliga erzielte er in 237 Oberligaspielen unglaubliche 267 Treffer für den HSV. Ab 1963 mischte er dann die neue Bundesliga auf, wurde mit 30 Treffern allererster Torschützenkönig. 1960, 1964 und 1970 kürte man ihn jeweils zum Fußballer des Jahres.
Seeler war ohne den HSV nicht denkbar – und der HSV nicht ohne Uwe Seeler. Schon Vater „Old Erwin“ Seeler (1910–1997) war Hamburger und HSVer. Er, der Hafenarbeiter, spielte zwischen 1938 und 1949 ungefähr 200 Male für die Rothosen, wurde mit seinem Verein mehrfacher Nordmark- bzw. Gaumeister.

Auch Uwes drei Jahre älterer Bruder Dieter kickte höchst erfolgreich beim HSV. An den Folgen eines Herzinfarktes ist er leider früh verstorben, wurde nur 48 Jahre alt. Die Seeler-Brüder errangen 1960 gemeinsam für die Hanseaten die Meisterschaft. Im Endspiel von Frankfurt wurde der 1. FC Köln mit 3:2 niedergerungen. Uwe steuerte zwei Tore bei, darunter den Siegtreffer in der 88. Minute. Dieter war als Außenläufer ein Aktivposten. Auch beim Pokalsieg der Hamburger 1963 waren beide Seelers auf dem Platz. Uwe schoss im Finale von Hannover alle Tore zum 3:0 über Borussia Dortmund.
Für Deutschland im Einsatz
Klar, dass auch die Nationaltrainer nicht an dem Mittelstürmer vorbeikamen. Schon als 17-Jähriger debütierte Seeler unter Sepp Herberger. Bei den Weltmeisterschaften 1958 in Schweden und 1962 in Chile zählte er zu den wichtigsten Spielern. Nach einer schweren Verletzung an der Achillessehne wurde Uwe 1965 gerade noch rechtzeitig wieder fit, um Deutschland mit seinem 2:1-Siegtreffer in Malmö in die WM-Endrunde 1966 zu schießen.
Als Vizeweltmeister und Held der 2:4-Endspieltragödie von Wembley kehrte er schließlich aus England zurück. 1970 spielte Seeler mit Müller, Beckenbauer & Co. noch die Weltmeisterschaft in Mexiko. Wieder blieb ihm der größte Titel versagt.
Mit dem Adler auf der Brust gelangen ihm famose Spiele und tolle Tore, der weltberühmte Hinterkopf-Treffer war sein letzter für Deutschland. In 72 Länderspielen traf er 43 Male. Mit dem Ende seiner DFB-Karriere wurde er zum Ehrenspielführer der Nationalmannschaft ernannt. Während Fritz Walter aus Kaiserslautern und Franz Beckenbauer aus München mit Deutschland Weltmeister wurden, ging Seeler aus Hamburg bei der Vergabe von WM-Titeln leer aus. Allein dadurch blieb er noch enger mit der HSV-Raute verbunden als andere Fußballgrößen mit ihren Vereinen. Uwe ist der wohl populärste Vereinsspieler aller Zeiten. Mit seinem Klub gelangen ihm Titelgewinne augenscheinlich im Alleingang, wenn auch sein genialer Mannschaftskamerad Charly Dörfel protestierte: „Ohne meine Flanken war der Dicke auf verlorenem Posten!“
Mythos Seeler
Dass Uwe ein Spieler zum Anfassen gewesen sei, wird gern erzählt, wenn es darum geht, den Mythos Seeler zu erklären. Das stimmt. Doch kaum jemand vermag sich auszumalen, wie sehr das zutrifft. Seeler hat seine größten Spiele im alten HSV-Stadion am Rothenbaum absolviert. Dort standen die Zuschauer tatsächlich so nah am Spielfeldrand, dass aufmunterndes Schulterklopfen oder auch Pöbeleien zum Alltag zählten. Unvergessen sind Szenen, in denen Linksaußen Dörfel vor der Ausführung von Eckstößen mit Fans diskutiert oder auch Kaugummis oder kleine Glücksbringer entgegennimmt.
Um zum Stadion zu gelangen, mussten die Spieler von den Umkleidekabinen im Keller der Geschäftsstelle gegenüber die ziemlich breite Rothenbaumchaussee überqueren. Vor den Spielen war dieser Bereich nicht selten von Menschenmassen geflutet. Uwe und Kameraden sowie auch die gegnerischen Spieler und das Schiedsrichtergespann mussten sich Wege bahnen. Bei wichtigen Partien halfen Ordnungskräfte, oftmals nahm das aber auch ganz unorganisiert seinen Lauf. Uwe war sich nie zu schade, mit den Schlachtenbummlern zu sprechen, Hände zu schütteln oder auch viele, viele Schulterklopfer über sich ergehen zu lassen. Berührungsängste kannte er nicht. Nach den Spielen kamen Fans und Spieler wie selbstverständlich in der HSV-Geschäftsstelle beziehungsweise dem Klubhaus Löwenburg zusammen, um sich bei ein paar Bieren auszutauschen. Uwe war immer mittendrin. Man vergleiche damit die Abgehobenheit heutiger Fußballsöldner.
Gerd Krug, selbst ehemaliger HSV-Spieler, über die Atmosphäre rund um die damaligen Partien: „Da kam Charly Dörfel vom Dammtor mit der Linie 18 zum Spiel gefahren, sagte scherzhaft zum Schaffner, er solle ihm Bescheid geben, wenn die Bahn bei der Hallerstraße sei, denn dort wäre heute ein großes Spiel, und er müsse da unbedingt hin. Die umstehenden Fahrgäste amüsierten sich prächtig über den ahnungslosen Schaffner und wanderten mit Dörfel unter Gejohle zum Sportplatz.“
Soziale Unterschiede? Aufgehoben! Die Identifikation der Menschen mit Verein und Spielern war enorm. Als Seeler am 1. Dezember 1957 im Spiel gegen Bremerhaven mit Roter Karte vom Platz gestellt wurde, rastete die Menge aus und benahm sich ungebührlich. Noch Stunden nach der Partie konnte der Schiedsrichter nicht abreisen, saß im Stadion fest und musste von Polizeikräften abgeschirmt werden.
Als Folge hatte der HSV das anstehende Spitzenspiel gegen Braunschweig zur Strafe in Bremen auszutragen. 15.000 Hamburger folgten ihren Mannen. Das Spiel aber ließ sich gar nicht gut an, die Hanseaten lagen zur Halbzeit mit 0:4 im Rückstand. Seeler schwor seine Mitspieler in der Halbzeitpause ein. Und siehe da: Die Rothosen drehten das Spiel tatsächlich noch und siegten mit 6:4! Drei Treffer allein hatte Seeler beigesteuert.
Solche Erlebnisse schweißten Uwe und den HSV eng zusammen. Dass er 1961 dann das Angebot, nach Mailand zu wechseln, trotz ausgerufener Mondsummen ausschlug, ist sehr edel, jedoch auch nachvollziehbar. Die Hamburger Meistermannschaft von 1960 setzte sich aus zehn Hamburger Jungs und einem Braunschweiger zusammen, die seit Kindertagen zusammen Fußball gespielt hatten. Elf Freunde! Da geht man dann nicht einfach nach Italien.
Unser aller Nachbar
Zum Zeitpunkt des Millionenangebots aus Italien war Uwe zudem seit zwei Jahren verheiratet und Vater einer kleinen Tochter. Auch privat war er also in seiner Heimatstadt verwurzelt. Die Geburten zweier weiterer Töchter folgten in den Jahren 1963 und 1966. Seine Ehefrau Ilka, zuvor HSV-Handballspielerin, hielt ihrem Uwe trotz wachsender Familie den Rücken frei, übernahm mehr und mehr auch die Rolle seiner Managerin. Das blieb über Jahrzehnte so. Uwe und Ilka konnte erst der Tod trennen. 63 Jahre hatte ihre Ehe Bestand. Manchmal wurde er damit aufgezogen, dass im Hause Seeler doch wohl eher die Frau das Sagen habe. Uwe reagierte mit Humor: „Ich entscheide die großen Dinge und meine Frau die kleinen. Welche Dinge groß sind und welche klein, legt allerdings meine Frau fest.“
Phänomen Uwe Seeler: Jedes Kind kannte ihn, er stand für die Unverwechselbarkeit des HSV. Das ehrwürdige Stadion am Rothenbaum haben herzlose Politiker irgendwann abreißen lassen, Uwe aber blieb dem HSV erhalten, war in den 1990er Jahren sogar kurzzeitig Vereinspräsident und wohnte bis zuletzt direkt an den HSV-Trainingsplätzen in Norderstedt, wo alle Amateurmannschaften der Rothosen beheimatet sind. Er war unser aller Nachbar. Sorge vor dem Älterwerden, Uwe? „Keine Angst, im Himmel wird auch Fußball gespielt.“ Das hat er häufig gesagt. Beste Grüße in den Himmel zum Neunzigsten!
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