Hubert Aiwanger, Wirtschaftsminister in Bayern und Kopf der Freien Wähler, ist in einem Berliner Hotel leblos aufgefunden worden. Ein sehr merkwürdiger Fall, der viele Menschen bewegt. Wir erinnern nachfolgend an den volkstümlichen „Hubsi“, über den COMPACT mehrfach berichtet hatte. Tipp: Mit unserem Digital-Abo haben Sie die Möglichkeit, auch in unseren alten Ausgaben zu stöbern. Hier mehr erfahren.
Bayerische Staatskanzlei und Berliner Polizei bestätigten den Tod Aiwangers gestern am Abend. Er wurde 55 Jahre alt. Zur Todesursache wurde zunächst nichts bekannt. Ein Polizeisprecher: „Die Staatsanwaltschaft Berlin und die 6. Mordkommission des Landeskriminalamts Berlin haben ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet.“ Ziel sei es, die konkrete Todesursache und den Hergang herauszufinden sowie „mögliches Fremdverschulden auszuschließen“.
Gemäß offizieller Darstellung war Aiwanger zur Eröffnung eines Büros der Freien Wähler in Berlin. Es heißt, er habe kurzfristig abgesagt. Er soll vielmehr im Hotel geblieben sein. Dort wurde auch die Leiche entdeckt. Hubert Aiwanger war nicht verheiratet, lebte mit Tanja Schweiger, ebenfalls Freie Wähler und Landrätin des Landkreises Regensburg, zusammen. Aus der Beziehung stammen zwei gemeinsame Söhne.
Eine Stimme des Volkes
Der Fall bewegt die Gemüter erheblich. Aiwanger war beliebt, galt als Mann des Volkes. In Bierzelten konnte er begeistern und vergessen lassen, dass er zur Riege der höchstrangigen Politiker des Freistaates zählte. Als er im Sommer 2023 mit dem bayerischen Ministerpräsidenten in Erding bei München an einer Großdemonstration gegen die Heizungsideologie des Robert Habeck auftrat, wurde Söder von der Menge massiv niedergepfiffen, während sein Stellvertreter Jubelorgien erntete. „Hubsi“ hatte in seiner Rede ausgerufen, dass Rote und Grüne ja „wohl den Arsch offen“ hätten und dass sich die Menschen „die Demokratie zurückholen“ müssten.
Geboren wurde Hubert Aiwanger am 26. Januar 1971 in Ergoldsbach im niederbayerischen Landkreis Landshut. In diesem äußerst hübschen Eck wohnte er bis zuletzt. Er wuchs auf dem elterlichen Bauernhof auf, musste dort auch anpacken.
CSU-Nähe wurde ihm quasi in die Wiege gelegt. Nach Abitur und Grundwehrdienst absolvierte er ein Studium an der Fachhochschule Weihenstephan, das er 1995 als Diplom-Ingenieur (FH) der Landwirtschaft abschloss. Dies war ihm als Stipendiat der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung ermöglicht worden. Zu den Freien Wählern stieß er 2001. Fünf Jahre später war er Landesvorsitzender in Bayern. 2010 wurde er Bundesvorsitzender. 2008 zog Aiwanger erstmals in den Bayerischen Landtag ein.
Hubert Aiwanger war stellvertretender Ministerpräsident in Bayern, also rechte Hand von Söder, war Wirtschaftsminister im Freistaat, zudem Landes- und auch noch Bundesvorsitzender der Freien Wähler. Trotzdem verstand er es immer wieder, sich als Oppositioneller zu verkaufen. Das hatte natürlich seinen Zweck, und er freute sich über seinen erfolgreichen Spagat: „Wenn es mich nicht gäbe, wäre das Land noch polarisierter.“ Und mit Blick auf die AfD: „Ich halte sie klein.“ In jüngsten Umfragen präsentierte sich die AfD in Bayern allerdings quasi doppelt so stark wie die Freien Wähler.
Die linke Taz giftete einst: „Es ist wie beim Zwergpinscher, der den Dobermann auf der anderen Straßenseite recht großmäulig ankläfft, solange er bei Herrchen an der Leine ist.“ Man lache zwar über ihn oder sei genervt, „aber so richtig ernstnehmen tut ihn niemand“. Und: „Mit dieser Methode setzt Aiwanger schon seit vier Jahren seine Karriere in der bayerischen Landespolitik recht ungeniert fort.“
Enttäuschte Querdenker
Viele Corona-Impfskeptiker fühlten sich in den Jahren um 2021 vom FW-Chef getäuscht. Als Gegenpart zum Spritzen-Hooligan Söder gab er sich 2021 über einige Wochen als Querdenker aus. Nein, er lasse sich nicht impfen, so verkündete er es, teilweise auf Pressekonferenzen sogar direkt neben einem vermeintlich brüskierten Ministerpräsidenten stehend. Aiwanger verwies damals auf Impf-Nebenwirkungen, „bei denen einem die Spucke wegbleibt“. Am Ende war offenbar alles nur Show. Aiwanger lief dann doch in die Nadel, und zwar „um die Krankenhäuser zu entlasten“. Söder klopfte ihm anschließend auf die Schulter und lobte dieses „sehr gute Signal in ernsten Zeiten“.
Aiwangers gelegentliche rechte Haken brachten ihm auch 2023 erheblichen Ärger ein. Damals schaffte er es sogar auf das COMPACT-Cover. Ein früherer linker Lehrer erinnerte via Süddeutsche Zeitung an ein antisemitisches Flugblatt, das Aiwanger vor 36 Jahren in seiner Schultasche mit sich geführt hatte. Das Blatt inszenierte daraus eine große Kampagne (Schlagzeile: „Das Auschwitz-Pamphlet“), und Aiwanger stand unter erheblichem Druck. Es schien, als würde auch Söder ihn fallenlassen.
Aiwanger aber tourte weiter durch die Bierzelte des Freistaates, drehte den Spieß einfach um, sprach von einer „Hexenjagd“. Er überstand den Skandal schließlich. Der Fall Aiwanger markierte ein Novum in der Bundesrepublik: Zum ersten Mal hatte ein Politiker in Amt und Würden einen Angriff mit der Nazi-Keule überstanden – weil er sich nicht weggeduckte, sondern in die Offensive gegangen war. Stark, Hubsi!
Mit Hubert Aiwanger geht letztlich eine stabile Persönlichkeit. Wer mehr über ihn wissen möchte, stöbert einfach im COMPACT-Archiv. Zugang gibt es durch das Digital-Abo. Sehr empfehlenswert! Hier bestellen.




