Skandalfilmer Uwe Boll im Interview: über «Citizen Vigilante» und andere Streifen, Migration, Cancel Culture und die Bedeutung alternativer Medien. In COMPACT-Spezial «Mädchen, Messer, Morde» sehen Sie, wie nah dieser Film an der Realität ist. Hier mehr erfahren.

    _ Uwe Boll im Gespräch mit Matisse Royer

    2015 haben Sie das Restaurant Bauhaus in Vancouver eröffnet und sich vom Filmemachen zurückgezogen. Was hat Sie dazu gebracht, wieder Filme zu drehen?

    Als Blockbuster Video [Franchisekette für den Verleih und Verkauf von DVDs und Blu-Rays] etwa 2014 verschwand, dachte ich, dass ich mit Filmen nie wieder Geld verdienen würde. Mir fehlte deutsches Essen in Vancouver, also eröffnete ich das Restaurant Bauhaus mit gehobener Küche. Um 2020 wurde mir langweilig, und ich hatte den Wunsch, wieder Filme zu machen. Dann kam Corona, wir mussten das Restaurant schließen – das war für mich das Zeichen, wieder mit dem Filmemachen anzufangen.

    Ihre Filme, zum Beispiel «Auschwitz», «Hanau», «Rampage» und «Assault on Wall Street» behandeln sehr unterschiedliche Themen. Was ist das Verbindende hinter Ihrer Arbeit?

    Alle meine persönlichen, selbst geschriebenen Filme handeln von realen Situationen und sind politisch: «Auschwitz», «Hanau», «Barschel: Mord in Genf», «Rampage», «Postal», «Darfur», «Assault on Wall Street», «Stoic», «Heart of America», «Tunnel Rats», «Run», «Citizen Vigilante». Mein Ziel ist es, das zu sein, was Oliver Stone vor 35 Jahren war.

    «Citizen Vigilante»: Diesen Film sollen Sie nicht sehen

    «Run» begleitet afrikanische Migranten auf ihrer Überfahrt über das Mittelmeer nach Italien. Was haben Sie mit diesem Film beabsichtigt?

    «Run» hat großartige Schauspieler – Amanda Plummer, Ulrich Thomsen und James Russo – und zeigt, dass die Migration über Schleuserboote für alle Beteiligten zu einer Verlierersituation wird. In dem Film konzentriere ich mich wie in einer Montage auf verschiedene Menschen im Verlauf eines Tages auf der Insel, der schließlich in einem Blutbad endet.

    In welcher Beziehung steht «Citizen Vigilante» zu «Run»?

    Wer «Citizen Vigilante» sieht, sollte sich auch «Run» ansehen, weil beide Filme unterschiedliche Blickwinkel auf dasselbe Thema darstellen, aber unterschiedliche Geschichten erzählen. «Run» zeigt die Ankunft in einem Land, «Citizen Vigilante» zeigt, was passiert, wenn Migration nicht funktioniert.

    «Citizen Vigilante» erhielt in Deutschland von der FSK keine Freigabe. Wie ist es dazu gekommen?

    Die FSK [Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft] hat etwa 200 Personen in ihrem Pool, die zur Altersfreigabe von Filmen herangezogen werden – größtenteils aus Behörden, Kirchen, Gewerkschaften und ähnlichen Organisationen. 18 Leute sehen sich einen Film an und entscheiden anschließend über die Freigabe. Nur in Deutschland gibt es die Einstufung «KK», also keine Kennzeichnung. Das bedeutet, der Film ist nicht verboten, aber niemand wird ihn listen oder streamen. Wir unternehmen jetzt einen dritten und letzten Versuch und werden den Film erneut vorführen.

    Was führte Sie vom Hamburger Stadtpark-Fall von 2016 zu diesem Film?

    Der Stadtpark-Fall war nur einer von vielen Fällen, die ich über Jahre hinweg verfolgt und beobachtet habe. Ich habe Kriminalstatistiken studiert, und irgendwann hatte ich das Gefühl, einen Film machen zu müssen, der zeigt, dass alles den Bach runtergeht, wenn wir dieses Problem nicht in den Griff bekommen.

    Der Film wurde von Elon Musk auf X geteilt und damit 48 Stunden kostenlos zur Verfügung gestellt. War das von Anfang an geplant oder eine Reaktion auf die fehlende FSK-Freigabe?

    Es war eine Reaktion. Eine PR-Aktion, um den Menschen die Möglichkeit zu geben, den Film zu sehen.

    Sie haben, wie bereits erwähnt, einen Film über Auschwitz gemacht. Wie reagieren Sie darauf, dass man Sie jetzt wegen Ihrer politischen Positionen als Nazi bezeichnet?

    Schon an der Universität habe ich über die Nazis und dieses Thema geschrieben. Wenn jemand sagt, er wolle keine islamistischen Extremisten im Land oder keine Menschen, die das Sozialsystem ausnutzen, und dafür als Nazi bezeichnet wird, dann ist das verrückt. Übrigens muss man die Juden im Land schützen – und genau das tut man nicht, wenn man zu viele Islamisten ins Land lässt.

    Wo ziehen Sie die Grenze bei der Darstellung von Gewalt im Film?

    Ich überlege mir immer genau, welche Geschichte ich erzählen möchte. Ich mag Dramen wie «Taxi Driver», ich mag gewalttätige und existenzielle Filme. Deshalb habe ich grundsätzlich kein Problem damit, Gewalt zu zeigen. Entscheidend ist für mich die Geschichte und wie ich sie erzähle. Viele meiner Filme – «Tower Heist», «Rampage», «Assault on Wall Street» – behandeln gewaltsame Themen, Kriege und Ähnliches, und ich versuche, dies so zu zeigen, wie ist. Ich sage immer: Man konsumiert das, was einem gefällt. Wenn einem solche Filme nicht gefallen, schaut man sie eben nicht. Ich mag zum Beispiel «Supergirl» nicht, also sehe ich ihn mir nicht an. Wer nur Märchenfilme sehen möchte, soll eben Märchenfilme schauen. Aber man darf keine Filme verbieten, nur weil sie politisch provozieren oder hart treffen.

    Sie haben Armie Hammer unmittelbar nach seiner öffentlichen Ächtung besetzt. Warum?

    Armie Hammer war verfügbar und kostete nicht mehr mehrere Millionen Dollar, weil er gecancelt worden war. Also habe ich ihn engagiert. Er war günstig zu haben, ist ein großartiger Schauspieler und hat hervorragend gespielt. Jetzt wird er wieder ein Star werden. Im Grunde ist das ganz einfach.


    Ihre Filmthemen reichen von Schulmassakern über Finanzkorruption bis hin zum Holocaust und zur Migrationskrise. Was verbindet diese Themen?

    Ich habe viele Filme über Korruption gemacht, über Menschen, die das Gesetz selbst in die Hand nehmen oder Situationen missbrauchen: «Tunnel Rats» über den Vietnamkrieg, «Stoic» über Probleme im Gefängnis, «Auschwitz über den Holocaust, «Heart of America» mit Elizabeth Moss über Schulgewalt. Einer meiner ersten Filme war «Barschel: Mord in Genf» über den Tod des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten. «Hanau» behandelt den Anschlag hier in der Nähe von Frankfurt, wo ich lebe. Ich beschäftige mich mit Themen, die mich interessieren. Für mich müssen Filme von Leben und Tod handeln.

    Wie wichtig sind unabhängige Medien wie COMPACT für die Verbreitung von Werken, die etablierte Medien nicht anfassen würden?

    Ich glaube, «Citizen Vigilante» ist nur durch soziale Medien erfolgreich und überhaupt sichtbar geworden – durch soziale Medien und andere alternative, vor allem digitale Nachrichtenplattformen. Sie spiegeln wider, dass die Menschen nicht mehr bereit sind, ausschließlich den herkömmlichen Medien zu glauben – den großen Fernsehsendern oder den etablierten Zeitungen in Deutschland und weltweit. Deshalb denke ich, dass unabhängige Medien, individuelle Medien, soziale Medien oder Podcasts einen zusätzlichen und wichtigen Beitrag leisten. Stand heute sind wir der erfolgreichste Film auf Amazon in den USA – ganz ohne Marketingbudget, allein durch soziale und unabhängige Medien.

    Gruppenvergewaltigungen, Terror, Morde: In COMPACT-Spezial «Mädchen, Messer, Morde» dokumentieren wir das, was Uwe Boll in «Citizen Vigilante» anprangert. Hier bestellen.

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