Elif Eralp und ihre Linkspartei liegen in der jüngsten Umfrage zur Abgeordnetenhauswahl vorn. Die Frau mit türkischen Wurzeln könnte im September als Regierende Bürgermeisterin ins Rote Rathaus einziehen. Was bedeutet das für Berlin und die ganze Republik? Wer’s lieber in der anderen Richtung mag, sollte zum COMPACT-Comic «Uli rettet Deutschland» greifen. Hier mehr erfahren.

    Es ist ein früher Abend in Kreuzberg. Hinter der hippen Fassade wird das eigentliche Berlin sichtbar. Die Sonne hängt tief über den grauen Altbaukanten, und in den Straßen vermischen sich Sprachen wie Strömungen aus verschiedenen Welten, die sich im Kiez stauen: Türkisch, Arabisch, Kurdisch. Deutsch taucht nur noch auf wie eine verblassende Erinnerung an eine untergegangene Republik.

    Aus den Shisha-Bars dringt süßer Rauch, Roller knattern wild zwischen Autos hindurch, Fahrer gestikulieren, Kinder springen beim Straßenfußball auseinander. Vor den Spätis stehen junge Dealer, überschauen mit wachem Blick die Passanten, daneben sitzen deutsche Ende-20er-Studenten mit Stoffbeuteln und Bio-Mate.

    «Als Sozialisten aus der Türkei geflohen»

    Was für die Studentenszene ein Experimentierfeld, für Journalisten Kulisse und für Dealer Arbeitsplatz ist, bedeutet für Elif Eralp politischer Steinbruch. Friedrichshain-Kreuzberg ist ihr Wahlbezirk – ein Ort, an dem alles traditionell Deutsche aufgehoben scheint. Eralp ist verheiratet und hat zwei Kinder. «Ich wohne nicht in irgendeiner Villa im Grunewald, meine Kinder gehen auch auf ganz normale Schulen», berichtet sie stolz.

    Alarmstufe ROT! Linke führt in Berlin-Umfrage

    In Stadtvierteln wie Kreuzberg werden Kinder nicht erzogen, sie werden geformt, wie in einer Schale, die dem Körper eine bestimmte Haltung aufzwingt. Elif Eralp, heute 44, wuchs in mehreren solcher Orte in ganz Deutschland auf. Ihre Geschichte beginnt in München, wo ihre Mutter hochschwanger ankam, nachdem der Militärputsch in der Türkei das Leben der Familie zerschlagen hatte.

    «Meine Eltern sind als Sozialisten und Gewerkschafter 1980 aus der Türkei geflohen», erklärt sie später. «Bei unserer Familie haben immer wieder geflohene Menschen gewohnt. Oft hatten wir Ärger mit Behörden wegen der Asylverfahren. Das alles hat mich geprägt.»

    Hinterhöfe statt Tiktok

    Von München ging es nach Dortmund, wo der Vater, ein Arzt, drei Jahre lang keinen Beruf ausüben durfte, und die Mutter – eine Krankenschwester – 15 Jahre auf die Anerkennung ihrer Qualifikation warten musste. Für Eralp war es die erste Begegnung mit einem Deutschland, das ihre Eltern zwar aufgenommen, aber ihnen jahrelang misstraut hatte. Eine Erfahrung, die sich tief einbrannte. Auch rechtsextreme Gewalt habe sie geprägt: «Während meiner Kindheit gab es die Anschläge von Mölln oder Solingen», sagt Eralp, «und in unseren Communities ging die Angst um, wer als Nächstes dran ist.»

    Die Jugend verbringt sie vor allem in Hamburg-Altona. Nicht im hanseatischen Teil der Elbhang-Villen, sondern im Altona der engen Hinterhöfe, der Hafenluft, der rostigen Balkongitter und abblätternden Fassaden. Zwischen Prekarität und Selbstbehauptung entsteht jene innere Gewissheit, die später ihren politischen Stil prägen wird: ein Ton, der nicht bittet, sondern anklagt. Sätze, die nicht erklären, sondern fordern. «So habe ich schon mit zwölf Jahren entschieden, Jura zu studieren», erinnert sie sich.

    Eralp zieht Ende der 2000er nach Berlin und tritt 2017 den Linken bei, «weil der Einzug der AfD [in den Bundestag} mich politisch wachgerüttelt hat», lässt sie wissen. Ihr politischer Stil ist eine Fortsetzung ihrer Biografie: Sie taucht kaum im Fernsehen auf: keine Anne Will, kein Lanz, keine Illner. Ihre Social-Media-Kanäle sind spröde, frei von Inszenierung, und generieren wenig Reichweite. Während Politiker wie Maximilian Krah und Heidi Reichinnek im Rhythmus von Tiktok-Trends leben, baut Eralp etwas anderes auf: Bindung statt Likes, Loyalität zum Viertel statt Klicks. Die Straße schlägt das Internet. Ihre Stärke entsteht nicht im Moment, sondern in der langsamen Bewegung eines Milieus, das zur neuen Mehrheit wird.

    Links-Kanax

    2019 gründet sie mit ähnlich Gesinnten die sogenannte Links-Kanax: eine Plattform für migrantische Perspektiven, die schnell zu einem der größten Machtblöcke innerhalb der Partei wird. Ihr prominentester Verbündeter: Ferat Kocak, Sohn alevitisch-kurdischer Flüchtlinge, pro-palästinensischer Aktivist, heute Bundestagsabgeordneter. Er spricht regelmäßig von «institutionellem Rassismus», wirft deutschen Behörden vor, Migranten «nicht mit der gleichen Ernsthaftigkeit» wie Deutsche zu schützen.

    Dass Eralp und Kocak sich politisch nahe stehen, überrascht nicht. Beide verkörpern eine neue Strömung der Linken, die weniger den Klassenkampf führt als identitätspolitische Herkunft zelebriert. Kocak ist der Lautere – der Aktivist, der provoziert und konfrontiert. Eralp ist die kontrollierte, juristisch geschulte Variante derselben Energie. Wenn Kocak Türen eintritt, poliert Eralp die Scharniere.

    Die linke Migranten-Clique. Foto: Instagram-Kanal linkskanax

    In mehreren Rap-Videos trat Kocak als Szene-Akteur auf: kurdischer Schal, erhobene Faust und kämpferische Pose. In einem davon rappte er: «Alle zusammen auf die Barrikaden! Widerstand, hisst die roten Fahnen! Antikapitalista! Antifascisti! Hau den Nazi! (…) Wir kommen wie Mao und Stalin.» Dazu Zeilen wie «Jedes Bullenschwein ist ’ne Missgeburt» oder «Free Kongo, free Kurdistan und free Gaza».

    Im Sommer 2025 folgte das nächste Video: «FCK AfD», aufgenommen vor dem Reichstag, in dem Kocak brüllt: «Fick die AfD! Wir lassen Faschos brennen!» und «Wer einen von uns angreift, bekommt es mit uns allen zu tun! Schöne Grüße an Störchi [Beatrix von Storch]!»

    Eralp hält zu Kocak. Ihr innerparteilicher Aufstieg leidet nicht darunter. Im Gegenteil: 2021 kommt sie über die Landesliste ins Berliner Abgeordnetenhaus. Dort gehören die Promis Lorenz Gösta Beutin und Caren Lay zu ihren Unterstützern. Bei Demonstrationen zu Palästina, Mieten oder Polizeigewalt taucht Eralp immer wieder in denselben Kreisen auf: «Hände weg vom Wedding», Mietenwahnsinn-Bündnisse, migrantische Antifa-Gruppen und palästinensische Jugendkollektive. «Ich bin froh, dass wir hier in Berlin die größte palästinensische Community Europas haben», jubelt Eralp.

    Für die Linke ergibt die Hinwendung zur Identitätspolitik Sinn. Migrantische Netzwerke übernehmen jene Rolle, die früher Gewerkschaften für sie hatten. Bezirke mit hohem Migrationsanteil versprechen ohne viel Aufwand hohe Wahlergebnisse. In Lichtenberg holte die Partei 2023 immerhin 23,0 Prozent, in Friedrichshain-Kreuzberg 20,6 Prozent. Auf der anderen Seite verliert man die frühere Stammwählerschaft aus den Ostbezirken an die AfD: In Marzahn-Hellersdorf kam Die Linke zuletzt zwar immerhin noch auf 16,8 Prozent – aber zwischen 1990 und 2017 gewann sie diesen Wahlkreis noch direkt und wurde stärkste Partei. Mittlerweile dominiert dort die AfD mit knapp 30 Prozent deutlich das Feld. Viele alte Linkswähler sind zu ihr übergelaufen.

    Das Machtlabor

    Der Verbund Links-Kanax entstand 2019 als strategische Neuausrichtung innerhalb der Linken. Zum Kern gehören neben Elif Eralp und Ferat Kocak der frühere Neuköllner Bezirksverordnete Hakan Tas, die Klima- und Mietenaktivistin Sara al-Khalidi, der Sozialarbeiter Araz Feyzullah, sowie Vertreter migrantischer Hochschulgruppen aus HU und FU. Im Gegensatz zum traditionellen Parteiapparat operiert Links-Kanax über studentische Verbünde, kurdische und türkische Vereine, selbstorganisierte Mieterinitiativen, palästinensische Jugendkollektive und deren Medien.

    Diese Gegenden sind nicht Eralps Milieu, sondern das ihrer Gegner. Doch das politische Gewicht Berlins verschiebt sich: Das Bevölkerungswachstum findet vor allem in den migrantisch geprägten Bezirken statt. Auch in der SPD ist eine zunehmende Förderung eingewanderter Politiker, aus erster oder zweiter Generation, erkennbar.

    Kann die Linke mit türkischen Wurzeln am 29. September 2026 Regierende Bürgermeisterin in der Hauptstadt werden? Nach der jüngsten Umfrage durchaus. Am 1. Juli ergab eine Erhebung von Infratest dimap für Rot-Rot-Grün zusammen 52 Prozent, wobei die Linkspartei mit 19 Prozent die Nase vorne hat. Die CDU des derzeitigen Berliner Regierungschefs Kai Wegner ist auf nur noch 17 Prozent abgerutscht.

    Von Brooklyn bis Kreuzberg

    Eralps Aufstieg ist kein Berliner Sonderfall, sondern Teil eines Musters, das sich in westlichen Metropolen wiederholt. Am sichtbarsten zeigt sich das in England. Sadiq Khan, seit 2016 Bürgermeister Gesamt-Londons, war der erste muslimische Amtsinhaber in einer Millionenstadt. Auch er gewann seine Mehrheiten vor allem in ethnisch vielfältigen, migrantisch geprägten Stadtteilen.

    Der Bezirk Tower Hamlets in der englischen Hauptstadt ragt besonders heraus. Dort wurde Lutfur Rahman, ein bangladesisch stämmiger Moslem, 2022 schon zum zweiten Mal zum Bürgermeister gewählt. Gewonnen hat er nicht durch mediale Inszenierung, sondern durch Netzwerke, die in Moscheen, Vereinen und Nachbarschaften wurzeln: Strukturen, die Programmen überlegen sind.

    Ein Moslem erobert New York

    Ein typisches Beispiel für diese Entwicklung ist auch Zohran Mamdani, der sich im November 2025 überraschend sowohl gegen den republikanischen wie gegen einen weiteren demokratischen Kandidaten als Bürgermeister von New York durchsetzte. Er weiß beides zu kombinieren: Klicks und Straße. Mamdani zeigt, wie digitale Reichweite und Community-Bindung neue urbane Machtblöcke formen. Mamdani hat angekündigt, den Haftbefehl des Haager Tribunals gegen Benjamin Netanjahu zu vollstrecken, falls der israelische Premier nach New York kommt. Seine Gegner bezeichnen ihn als Kommunisten.

    Eralp bezeichnet den 1991 in der ugandischen Hauptstadt Kampala Geborenen als ihr «Vorbild». Dabei funktioniert sie eher wie eine Berliner Zwischenform: nicht so religiös verankert wie Rahman, nicht so digital-agitatorisch wie Mamdani. Aber auch sie ist eine Politikerin, die wie die beiden ihre Kraft aus jener stillen, zunehmend sichtbaren ethnischen-kulturellen Identität bezieht, die sich bildet, wenn Minderheiten beginnen, sich selbst zu repräsentieren.

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