Vor 20 Jahren kam das bewährte deutsche Universitätswesen unter die Räder des sogenannten europäischen Einigungswerks. Mittlerweile haben selbst die Unterstützer der Pseudo-Reform gemerkt, dass wir zwar immer mehr Studenten haben – diese aber immer weniger können.

    Es folgt ein Auszug aus dem Artikel “Bologna oder: Vom Ende unserer Bildung”, den Sie vollständig in der aktuellen COMPACT 9/2018 lesen können. Ab sofort am guten Kiosk! Oder hier bestellen.

    _ von Rüdiger Lenhoff

    Es war einmal: Wilhelm von Humboldts (1767–1835) an der klassischen Antike orientiertes Ideal kreiste um die Persönlichkeitsentwicklung des Menschen durch Ausbildung aller seiner Fähigkeiten. Dies verbot aus seiner Sicht den Vorrang einer rein fachlichen Bildung sowie alle religiösen, politischen und ökonomischen Einmischungsversuche.

    Humboldts Vorstellungen fanden ihren Niederschlag im Selbstverständnis der deutschen Gymnasien und Universitäten. Zwar wurde immer wieder der vorgeblich fehlende Praxisbezug dieser akademischen Ausbildung beklagt. Doch sein preußisch-humanistischer Anspruch konnte stets gegen die Reformforderungen aus Kreisen, denen aus unterschiedlichen Gründen an einem fachlich verengten Akademikertum gelegen war, verteidigt werden. Die Humboldt’sche Bildungsidee überlebte zwar selbst den Nationalsozialismus, aber nicht die Regulierungs- und Uniformierungswut der Super-Europäer.

    Amerikanisierung der Unis

    Im Jahr 1999 unterzeichneten 29 Bildungsminister im italienischen Bologna eine folgenreiche hochschulpolitische Absichtserklärung: Die Studieninhalte und -abschlüsse sollten europaweit zwangsharmonisiert werden. Die transnationale Reform sollte ermöglichen, dass sich Akademiker im einheitlichen EU-Raum genauso frei bewegen können wie Waren, Kapital, Dienstleistungen und Arbeitskräfte.

    Kernelement von Bologna war die Einführung des zweistufigen Studiensystems mit Bachelor und Master. Um eine internationale Vergleichbarkeit der Abschlüsse zu schaffen, lehnten sich die Eurokraten also ausgerechnet an das angloamerikanische System an… Das war das Aus für die bewährten deutschen Diplom- und Magisterabschlüsse.

    Das Internationalisierungsdiktat von Bologna wurde in keinem europäischen Parlament ernsthaft diskutiert, geschweige denn ratifiziert. Ein von außen und von oben erzeugter Druck verselbständigte sich und führte ohne gesetzliche Grundlage zur Umsetzung der Reform. Seither haben die Studenten mit starren Lehrplänen, universitärem Organisationschaos, überfüllten Pflichtveranstaltungen, einer unzureichenden Berufsqualifizierung durch den Bachelor und fehlenden Masterstudienplätzen zu kämpfen.

    Mithilfe einer Elitenförderung («Exzellenzinitiative», heute «Exzellenzstrategie») sollen sie ihre Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und die Einwerbung von Drittmitteln optimieren. Von Erfolg war das nicht gekrönt. Der Präsident des deutschen Hochschulverbands Bernhard Kempen warnte mit Blick auf die Verschulung der Universitäten: «Alle diese haarklein festgelegten Module führen zu einem Scheuklappenstudium, das den Blick nach rechts und links verstellt. Damit werden keine Innovationsträger und Funktionseliten herangebildet.» Außerdem hat der Leistungsdruck im Turbostudium die Abbrecherzahlen ansteigen lassen.

    Mit dem Bologna-Prozess hielt die kalte Wettbewerbsideologie Einzug in die Universitäten, die bei ihren Einnahmen und Ausgaben nun penibel auf ökonomische Verwertungsinteressen achten müssen. Ziel des ganzen Projektes ist der flexible und mobile Discount-Akademiker für den Weltarbeitsmarkt. Statt den schönen Namen der italienischen Traditionsuniversität, von der aus die römische Rechtswissenschaft ihren Siegeszug in Europa antrat, dafür zu missbrauchen, sollte man lieber von einem «Manchester-Prozess» sprechen: In dieser schmutzigen Industriemetropole stand die Wiege des Frühkapitalismus mit allen hässlichen Begleiterscheinungen.

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