Die Inflation befindet sich auf dem höchsten Stand seit drei Jahren. Haupttreiber sind die Energiepreise. Möglich sind nun drei Szenarien. In seinem Bestseller «Weltsystemcrash» zeigt Ökonom Max Otte auf, worauf wir uns jetzt einstellen müssen. Gibt es auch als Hörbuch.

    Nach einer vorläufigen Schätzung des Statistischen Bundesamtes lag die deutsche Inflationsrate im September 2026 bei 3,3 Prozent – nach 2,9 Prozent im August und 2,8 Prozent im Juli. Damit liegt die Inflation auf dem höchsten Stand seit Ende 2023.

    Als Haupttreiber gilt der starke Anstieg der Energiepreise infolge des Irankriegs. Die Energieinflation kletterte im September auf 14,9 Prozent, nachdem sie im August noch bei 10,5 Prozent gelegen hatte. Damals waren Kraftstoffe bereits 27,7 Prozent teurer als ein Jahr zuvor, Heizöl sogar 49,6 Prozent teurer.

    «Die Kernrate, die schwankungsanfällige Preise für Energie und Lebensmittel ausklammert, blieb dagegen bereits den dritten Monat in Folge stabil bei 2,4 Prozent», schreibt Wallstreet Online. «Das spricht dafür, dass sich der jüngste Preisschub vor allem auf den Energiesektor konzentriert und noch nicht breit in der Wirtschaft angekommen ist.»

    Drei Szenarien

    Genial: Max Ottes Bestseller «Weltsystemcrash» als Hörbuch. Foto: FBV

    Tatsächlich lassen sich aus der momentanen Lage drei Szenarien ableiten – ein günstiges, ein Basiszenario und ein negatives, das Deutschland in besonders schweres Fahrwasser bringen könnte.

    Szenario 1 – Die schnelle Entspannung: Das günstigste Szenario hängt vor allem an den Energiemärkten. Entspannt sich die geopolitische Lage und geben die Preise für Öl und Gas wieder nach, könnte auch der derzeit wichtigste Inflationstreiber schnell an Kraft verlieren. Die deutsche Teuerungsrate könnte dann im Winter wieder in Richtung 2,5 bis drei Prozent sinken. Entscheidend wäre, dass der Preisschock nicht dauerhaft auf andere Bereiche der Wirtschaft überspringt und die Kerninflation in der Nähe von gut zwei Prozent bleibt.

    Für die Europäische Zentralbank würde der Handlungsdruck abnehmen, weitere Zinserhöhungen wären möglicherweise nicht notwendig. Gleichzeitig würden niedrigere Energie- und Kraftstoffkosten die Haushalte entlasten und den Unternehmen wieder mehr Luft verschaffen. Die Kaufkraft könnte sich stabilisieren, der Konsum langsam erholen. Für die deutsche Wirtschaft wäre das die vergleichsweise sanfte Landung: kein kräftiger Aufschwung, aber zumindest die Aussicht auf wieder etwas Wachstum.

    Szenario 2 – Inflation bleibt hartnäckig: Wahrscheinlicher ist derzeit jedoch, dass die Energiepreise zunächst hoch bleiben. Wenn sie dann nicht noch einmal explosionsartig ansteigen, könnte sich die deutsche Inflation über den Winter im Bereich von etwa 3,2 bis 3,8 Prozent festsetzen. Das größere Risiko liegt dabei weniger an der Tankstelle als in den Folgeproblemen: Unternehmen müssen höhere Kosten für Energie, Transporte und Vorprodukte verkraften und dürften diese zumindest teilweise an ihre Kunden weitergeben. Damit könnte auch die Kerninflation allmählich in Richtung 2,6 bis drei Prozent steigen.

    Für die EZB wäre das ein unangenehmes Umfeld. Sie müsste die Geldpolitik länger restriktiv halten oder die Zinsen nochmals moderat anheben – ausgerechnet in einer Phase, in der die Konjunktur ohnehin schwächelt. Für Deutschland droht damit eine längere Phase der wirtschaftlichen Zähigkeit: Verbraucher halten ihr Geld zusammen, Investitionen werden durch hohe Finanzierungskosten gebremst und Unternehmen bleiben vorsichtig. Das Ergebnis wäre wahrscheinlich Stagnation oder allenfalls schwaches Wachstum bei gleichzeitig deutlich zu hoher Inflation.

    Heftig: Die Weltwirtschaft steht enorm unter Druck. Foto: Golden Dayz | Shutterstock.com

    Szenario 3 – Energiepreisschock wird zum Inflationsproblem: Gefährlich würde es, wenn sich die geopolitische Lage weiter verschärft und Öl, Gas und Strom erneut kräftig teurer werden. In einem solchen Szenario könnte die Inflation im Winter auf vier bis fünf Prozent oder darüber steigen. Entscheidend wäre dann, ob aus dem externen Energiepreisschock eine breite Inflationswelle entsteht. Steigen nicht nur Benzin und Heizkosten, sondern zunehmend auch Lebensmittel, Waren und Dienstleistungen, könnte sich die Kerninflation dauerhaft oberhalb von drei Prozent festsetzen. Hinzu kämen höhere Lohnforderungen, weil Arbeitnehmer ihre Kaufkraftverluste ausgleichen wollen. Unternehmen wiederum könnten steigende Lohn- und Energiekosten erneut auf ihre Preise aufschlagen.

    Eine solche Lohn-Preis-Kosten-Dynamik würde die EZB zu einer deutlich härteren Reaktion zwingen. Höhere Zinsen träfen dann auf ohnehin geschwächte Verbraucher und Unternehmen. Für Deutschland wäre das die problematischste Kombination: anhaltend hohe Inflation bei stagnierender oder sogar schrumpfender Wirtschaftsleistung – eine Entwicklung in Richtung Stagflation.

    Menetekel Stagflation an der Wand

    Stagflation, also eine Situation, in der die Inflation steigt, während sich das Wirtschaftswachstum deutlich verlangsamt, wäre brandgefährlich für die Wirtschaft, quasi ein ökonomisches Höllenszenario. Dann sinken die Reallöhne, während die Arbeitslosenzahlen steigen. Hohe Lebenshaltungskosten treffen auf Einkommensunsicherheit – ein Szenario, das Sparen erschwert und Schulden erhöht.

    Max Otte: Weltsystemcrash

    Entscheidend werden deshalb die kommenden Monate sein. Bleibt der Preisschub weitgehend auf Energie beschränkt und entspannen sich Öl- und Gaspreise wieder, könnte sich auch die Inflation vergleichsweise schnell beruhigen. Gefährlicher wäre eine zweite Inflationswelle: wenn Unternehmen ihre höheren Energie- und Transportkosten zunehmend weitergeben, Arbeitnehmer als Reaktion auf die Kaufkraftverluste höhere Löhne fordern und daraus erneut steigende Preise entstehen. Die Notenbanken stünden dann vor einem Dilemma: Sie müssten die Inflation mit hohen Zinsen bekämpfen und würden damit gleichzeitig eine ohnehin schwächelnde Wirtschaft zusätzlich belasten.

    Ob aus dem derzeitigen Energiepreisschock nur ein vorübergehendes Aufflammen der Inflation oder ein länger anhaltendes Stagflationsproblem wird, dürfte sich daher vor allem daran entscheiden, ob die Teuerung in den kommenden Monaten auf immer weitere Bereiche der Wirtschaft übergreift.

    Wirtschaft auf Talfahrt: In seinem Bestseller «Weltsystemcrash» zeigt Ökonom Max Otte auf, worauf wir uns jetzt einstellen müssen. Gibt es auch als Hörbuch.

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