In Indonesien wurden 1965 über eine Million Menschen abgeschlachtet – vermeintlich, um ein Abdriften des Landes in den Kommunismus zu verhindern. Die Massaker werden immer noch tabuisiert, um die Auftraggeber zu schützen. In seinem Buch «Indonesien 1965/66: Vom Schlachthaus zum Power House des Westblocks» widmet sich unser Autor dem Thema ausführlich. Hier mehr erfahren.
_ von Peter Priskil
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COMPACT unterstützenIst heutzutage von Indonesien die Rede, so denken die meisten an palmenbestandene Traumstrände, an das exotische Flair des Urlaubsparadieses Bali, an leckere Cocktails, Jasminduft und Gamelanklänge. Die vom Schicksal Begünstigten, weil Nutznießer des Erbrechts, haben dagegen eher das «günstige Investitionsklima» des fernöstlichen Tigerstaats im Sinn (in dem es wegen der ungebremsten Bevölkerungsexplosion schon längst weder Tiger noch Nashörner mehr gibt). Doch ob Tourist, ob Businessman: Keiner weiß, dass Indonesien Schauplatz eines der größten Verbrechen während des Kalten Krieges war.
Nach einem Militärputsch Anfang Oktober 1965 wurden weit über eine Million Menschen ermordet: Kommunisten und alle, die als solche galten. Die Morde fanden aber nicht wie bei den Nazis in Vernichtungslagern außerhalb des Reichsgebiets, sondern in aller Öffentlichkeit statt. Und trotzdem zählt dieser Massenmord zu den bestunterdrückten Nachrichten, zum bestgehüteten blinden Fleck in der Geschichtsschreibung des Westblocks – daher die klaffende Gedächtnislücke bei der Bevölkerung.
Ein Kunststück besonderer Art, hatte doch selbst der US-amerikanische Geheimdienst CIA in einem Memorandum 1968 festgehalten, dass «die in Indonesien verübten Massaker gegen die PKI (Partai Kommunis Indonesia) zu den schlimmsten Massenmorden des 20. Jahrhunderts» zählen. Die CIA muss es wissen, denn schließlich hatte sie dieses Verbrechen organisiert und die Fäden im Hintergrund gezogen. Aber der Reihe nach.
Der Große Bruder aus Übersee
Nach dreieinhalb Jahrhunderten kolonialer Ausbeutung durch die Niederlande hatte Indonesien nach einem vierjährigen Befreiungs- und Volkskrieg 1949 schließlich die Unabhängigkeit errungen – nur um sie wenig später an die unbestrittene Führungsmacht des Westblocks zu verlieren: die USA. Die US-Regierungen räumten dem weitläufigen Archipel eine höhere strategische Priorität ein als etwa Vietnam, Kambodscha und Laos. So äußerte US-Präsident Richard Nixon (1969–1974), der die letztgenannten Länder in die Steinzeit bomben lassen wollte: «Mit seinen 100 Millionen Menschen und seinem 3000 Meilen langen Bogen von Inseln, die den reichsten Schatz der Region an natürlichen Ressourcen beherbergen, ist Indonesien der größte Preis in Südostasien.» Der Preis im Kalten Krieg gegen die im Rüstungswettlauf hinterherhinkende Sowjetunion im Kampf um die globale Vorherrschaft…

Heute wissen wir, wie er ausgegangen ist: Umzingelt und totgerüstet, das heißt aufgrund technischer Rückständigkeit mit höheren Rüstungsausgaben belastet und dadurch die Loyalität der Bevölkerung verlierend, implodierte die Sowjetunion. Sie ging mit einem Winseln statt mit einem großen Knall zugrunde – vor diese Alternative hatte Zbigniew Brzezinski, Berater von US-Präsident Ronald Reagan (1981–1989), das von diesem so betitelte «Reich des Bösen» gestellt.
Dabei gingen die US-Regierungen geschickter vor als ihre holländischen Vorläufer: Sie verzichteten auf die unmittelbare Herrschaftsausübung im Archipel, bildeten stattdessen die militärischen Führungskräfte Indonesiens in ihren Kaderschmieden aus – jedes Jahr Hunderte von Offizieren – und holten die Jugend betuchter Familien an die US-Universitäten. So hatte man die Garantie willfähriger Regierungen und ein Faustpfand für die sogenannte Notfälle in der Hand.

Die prägende Figur dieser halbkolonialen, in Wirklichkeit neoimperialistischen Abhängigkeit war seit 1945 Präsident Sukarno, ein opportunistischer Windbeutel aus gutem Hause: Er hielt das darbende Volk mit Phrasen hin und bediente dabei die Interessen seines transpazifischen Herrn – ganz wie die (west)deutschen Regierungen bis in unsere Tage.
Da er angesichts militanter Volksaktivitäten und einer erstarkenden KP Unabhängigkeitsstreben mimen musste, rief er im zentraljavanischen Bandung 1955 die Blockfreien-Bewegung von Ländern der sogenannten Dritten Welt ins Leben. Sehr zum Missfallen des amerikanischen Außenministers John Foster Dulles (1953–1959), der die angestrebte Neutralität der armen Länder zwischen den beiden Militärblöcken als «unmoralisch» empfand.
Heute wissen wir, dass der vielgerühmte «Geist von Bandung» sich bei vielen der unterentwickelten Länder auf die Frage reduzierte, welcher der beiden Militärblöcke «mehr zu bieten» hatte. Aufgrund des entsetzlichen Aderlasses von 27 Millionen Toten im Zweiten Weltkrieg und den flächendeckenden Zerstörungen in Russland, von denen die USA verschont geblieben waren, lag auf der Hand, dass bei Wohlverhalten der Dollar floss, aber nicht der Rubel rollte. Für den US-Imperialismus gilt hingegen bis heute das neutestamentarische Diktum: «Wer nicht für mich ist, ist wider mich» – und das galt auch für Indonesien.
Zwischen den Blöcken
Schon 1956 befand ein Regierungsbürokrat in Washington, man müsse Sukarno «die Füße ins Feuer halten». Denn er, der geborene Jongleur (und Lichtfigur der falschen Linken unserer Tage) wollte das US-hörige Militär mit Hilfe der KP in Schach halten und die Kommunisten wiederum durch das Militär einhegen. Bei diesem Spiel mit mehreren Bällen fiel ihm einer aus Eisen auf die Nase: das war der faschistische Militärputsch des Jahres 1965.
Es war wie immer: Wenn eine Wahl nicht das von den Herrschenden erwünschte Ergebnis erwarten ließ, wird der faschistische Joker gezogen. Das war 1933 in Deutschland der Fall – und hat sich bis heute nicht geändert. Daher die sogenannte Brandmauer und die in Panik getroffenen Vorkehrungen gegen einen Wahlsieg der AfD schon im kleinen Bundesland Sachsen-Anhalt: Unkündbarkeit der Staatsbürokraten, «krisenfeste» Gerichte, parlamentarische «Vorbeugemaßnahmen» und Ähnliches. Die heilige Kuh der vermeintlich freien Wahlen ist schnell geschlachtet, wie jüngst das rumänische Beispiel zeigte, als die EU-Junta den Wahlsieg des ihr unerwünschten Kandidaten kaltschnäuzig annullierte, ihn aus dem Verkehr zog und kackfrech Neuwahlen ohne ihn anordnete…
Dabei war die indonesische KP ein Papiertiger: zwar an Mitgliedern stark, doch ihre Führung verstand sich als verlängerter Arm Sukarnos und setzte törichte Illusionen auf eben diese sogenannten freien Wahlen. Mitte der 1960er Jahre zählte sie über drei Millionen Mitglieder und verfügte über 15 bis 20 Millionen Sympathisanten in den Gewerkschaften sowie den Jugend-, Kultur- und Frauenverbänden. Sie war damit, nach den sowjetischen und chinesischen Staatsparteien, die drittgrößte KP weltweit.
Als ihre Gefolgschaft, der leeren Versprechungen müde, dazu überging, die US-Konzerne im Land spontan zu enteignen und die Volksbewaffnung zu fordern, legten die USA den Hebel um. US-Präsident John F. Kennedy – eine weitere Lichtfigur der Propaganda – und der britische Premier Harold Macmillan kamen überein, «Präsident Sukarno zu liquidieren, je nach Situation und Gelegenheit».
Orgie der Gewalt
Die Stunde der CIA schlug am 30. September 1965. In einem verwickelten Intrigenspiel ließ der US-Geheimdienst sechs indonesische Generäle ermorden, um einen Vorwand zum Losschlagen gegen die KP zu erhalten. Noch heute lernt jedes indonesische Schulkind, dass die sechs Offiziere vor ihrem gewaltsamen Tod von kommunistischen Frauen «vergewaltigt» und anschließend kastriert worden seien… Es war das Fanal zu einem Massaker ohnegleichen. Mittels in den USA vorgefertigter Listen, vom indonesischen Militär angeleitet, veranstalteten religiöse Fanatiker – Moslems wie Hindus – ihre Schlachtfeste, Nächte der langen Messer und der zugespitzten Bambuspfähle.
Hunderttausende fielen diesen Pogromen sofort zum Opfer: auf den Straßen und Plätzen der Städte und Dörfer, an den Ufern der Flüsse, den Meeresküsten. Teilweise waren die Flüsse mit Leichen verstopft, und viele Indonesier verzichteten daher auf den zweifelhaften Genuss von Fisch. Auf Java fiel der Schulunterricht monatelang aus, weil ein Großteil der Lehrer ermordet worden war. Bali, die «Insel des Lächelns», wandelte sich zur Insel des Zähnefletschens: Fünf Prozent seiner Einwohner wurden umgebracht, und das Kunsthandwerk kam zum Erliegen, weil es kaum mehr Silberschmiede und Holzschnitzer gab. Der Vorsitzende der balinesischen KP, Gede Puger – ein Geschäftsmann im übrigen – wurde bei lebendigem Leibe in Stücke gehackt. Die Abschlachtungen zogen sich noch monatelang fort.
US-Präsident Lyndon B. Johnson (1963–1969) frohlockte, die Medien der sogenannten freien Welt feierten den neuen Starken Mann Suharto und die westdeutsche Regierung unter dem zweiten Kanzler Ludwig Erhard (CDU) schickte Munition, Sprengstoffe und U-Boote für das faschistische Regime.
Das Nachsehen hatte, einmal mehr, die ökonomisch und militärisch unterlegene Sowjetunion. Und das indonesische Volk. Der Name ihrer Hauptstadt, Dschakarta, wurde in den Folgejahren zum Synonym für politischen Massenmord («die Dschakarta-Methode»). Bis eine findige Propaganda die Erinnerung übertünchte und 1995 die Welt mit dem Phantom-Genozid Srebrenica narrte, dem angeblich «schlimmsten Verbrechen seit Auschwitz», wie der grüne Außenminister und Verfassungsbrecher (Artikel 26 Grundgesetz, Verbot des Angriffskrieges) Josef Fischer tönte. Das schlechte Gedächtnis der Menschheit ist der verlässlichste Garant ungerechter Herrschaft.
_ Peter Priskil (*1955) gehört zu den Stammautoren des Ahriman-Verlages. Neben seinem aktuellen Indonesien-Buch verfasste er auch das zweibändige Standard-Werk «Der Kalte Krieg – Wie der Mono-Imperialismus in die Welt kam». Im Rahmen von COMPACT-TV nahm er an mehreren Diskussionsrunden teil.
Die ganze Wahrheit: In seinem Buch «Indonesien 1965/66: Vom Schlachthaus zum Power House des Westblocks» enthüllt Peter Priskil die Wahrheit über den Massenmord und seine Hintermänner. Hier bestellen.





