Auch sechseinhalb Jahrzehnte nach dem Bau der von den DDR-Machthabern zum „antifaschistischen Schutzwall“ deklarierten Berliner Mauer steht der Kampf um die Deutungshoheit der damaligen Zeit plötzlich wieder weit oben auf der Tagesordnung. Besonders authentisch ist, was Tino Chrupalla, die Stimme des Ostens, dazu zu sagen hat. Sein Buch „Handwerk. Meister. Politik“ gibt Aufschluss. Hier mehr erfahren.

    Am Sonntag, den 13. August 1961, also heute vor 65 Jahren, riegelten Grenzpolizisten, Volkspolizisten, Mitglieder der sogenannten Kampfgruppen der Arbeiterklasse und Soldaten der Nationalen Volksarmee die Sektorengrenze nach West-Berlin und den Berliner Außenring ab.

    Überall wurden Straßen aufgerissen, Panzersperren und Stacheldrahtverhaue errichtet. Und nun war klar: SED-Chef Walter Ulbricht hatte die Öffentlichkeit belogen, als er wenige Wochen zuvor auf einer Pressekonferenz verkündete: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ Genau das geschah nun.

    Unterschiedlichen Emotionen und Wertungen

    Gerade im Hinblick auf die innere deutsche Einheit, die wegen der fortgesetzten Pflege von Mentalitäten aus der Zeit des Kalten Krieges nicht so recht vorankommt, ist das Bemühen um eine Auseinandersetzung mit der jüngsten deutschen Geschichte, wie sie wirklich verlaufen ist, überaus sinnvoll. Spricht man von „Mauerbau“ und „Maueröffnung“, so begegnen einem in Ost und West unterschiedliche Emotionen und Wertungen. Noch ist der Blick auf die Geschichte bei Weitem nicht von Sachlichkeit, Augenmaß und Differenzierungsvermögen geprägt.

    Fakt ist: Am Mauerbau hatten beide Seiten ihren Anteil. Das DDR-Regime und die hinter ihr stehende Sowjetunion wollten die Massenflucht in die Bundesrepublik eindämmen – und die Westmächte, allen voran die USA, schauten zu, weil sie fürchteten, dass der Kalte Krieg sonst zu einem heißen ausarten würde. Die Leidtragenden waren die Deutschen, die einmal mehr zum Spielball der Großmächte gerieten. Das ist die bittere Wahrheit.

    DDR-Hymne: Die Debatte

    Die Debatte um die DDR-Hymne auf einer AfD-Veranstaltung ist noch nicht lange her. Die Vertreter der Altparteien und angeschlossene Medien machen daraus AfD-Reklame für ein „Unrechtsregime“ mit Mauer, Stasi, Stacheldraht. Die Anhänger der AfD antworten sinngemäß mit Verweis auf die Kunstfreiheit, die einem Kabarettisten noch mehr zustünde als allen anderen, und außerdem sei der Text („Deutschland einig Vaterland“) der DDR-Opposition lieber gewesen als der SED.

    Eine interessante Mittelposition vertrat in dieser Diskussion Julian Reichelt, Nius-Chef, dem COMPACT in vielen Punkten normalerweise nicht folgen kann. Aber er setzte auf einen interessanten Gedanken und schrieb:

    „Wer auch immer jetzt die DDR-Hymne mitgesungen oder mitgesummt hat, ist vollkommen irrelevant – wir sollten vor allem darauf blicken, was das bedeutet, wofür das steht. Deutschland geht gerade unter CDU-Führung und dem Mainstream-Absingen von vollkommen abwegigen Weimar-Gesängen in eine neue deutsche Teilung. Entlang der eigentlich überwundenen innerdeutschen Grenze entstehen wieder zwei Deutschlands, Ost und West, nur dass sich der Osten diesmal politisch nach Westen ausbreiten wird, nicht umgekehrt (weil die AfD dabei ist, die CDU für immer abzulösen).“

    Und weiter: „Die Gründe dafür? Der Osten erlebt die Anti-AfD-Politik der aus der Zeit gefallenen Bonner Gestalt Friedrich Merz als brutalen Bruch eines historischen Versprechens. Die CDU sagt, man könnte in Sachsen-Anhalt auch ohne Mehrheit regieren. Der CDU-Kanzler sagt, die AfD stehe in der Tradition des Holocaust. Man will einem AfD-Politiker ohne jegliche Rechtsgrundlage das Wahlrecht entziehen – man nennt es Willkürherrschaft.“

    Schwarz-Rot-Gold war nicht verpönt: Die Fahne der untergegangenen DDR. Foto: Karin Weinzierl | Shutterstock.com

    Reichelt: „Die Union plant, minderjährige Spitzel anzuheuern, um die Opposition auszuforschen. (…) Der Bundeskanzler höchst selbst sagt, man wolle keine Neuwahlen, weil man sie nicht mehr gewinnen kann (‚Was soll denn dabei rauskommen?‘). All das mündet im Osten in düstere Erinnerungen und einer sehr nachvollziehbaren Abwehrreaktion gegen die Demokratie westdeutscher Prägung, die aus dem Wort ‚Demokratie‘ eine Parole zur Abschaffung der Demokratie gemacht hat.“

    Nachvollziehbare Widersrüchlichkeiten

    Das ist eine treffende Zusammenfassung der Gründe, was die Menschen weg von „Unseredemokratie“, also dem westlichen Modell, treibt. Dass die Menschen im Osten auf der Suche nach einem Alternativmodell automatisch bei dem landen, was sie schon einmal hatten und was mit einigen Verbesserungen doch nochmal funktionieren könnte, ist logisch. Die West-AfD kann die Sprengkraft dieser durchaus widersprüchlichen Emotionen nicht begreifen, die Ost-AfD schon.

    Tino Chrupalla ist der Seismograph der Gefühlslage. „Ich lasse mir die DDR nicht nehmen“, sagte er zuletzt in Bitterfeld-Dessau. Das skandalisierte die Bild-Zeitung – aber wir können hier keinen Skandal erkennen. Außerdem hält er das Friedenspostulat der DDR hoch.

    Besonders authentisch ist, was Tino Chrupalla, die Stimme des Ostens, zu Mauerbau und DDR zu sagen hat. Sein Buch „Handwerk. Meister. Politik“ gibt Aufschluss. Hier bestellen.

    Kommentare sind deaktiviert.