Am morgigen Montag jährt sich der deutsche Angriff auf die Sowjetunion zum 85. Mal. Gerade in Zeiten antirussischer Kriegsmobilisierung ist das ein wichtiger Anlass, zurückzublicken. Warum der Große Vaterländische Krieg in Russland unvergessen ist, erklärt Wladimir Putin in der  COMPACT-Edition 13: „ Wladimir Putin: Geschichte Russlands“. Dem Zweiten Weltkrieg seien Fehler auf allen Seiten vorausgegangen, so die russische Sicht. Das ganze Heft können Sie hier bestellen!

    Putin, Geschichte Russlands – unter compact-shop.de

    _ Hier ein Originaltext von Wladimir Putin aus seiner COMPACT-Edition „Geschichte Russlands“

    Der Nichtangriffspakt mit Hitler

    Gleichzeitig hat die Sowjetunion versucht, jede Chance zu nutzen, um eine Anti-Hitler-Koalition zu schaffen, ich wiederhole es, trotz der zweideutigen Position der westlichen Länder. So erhielt die sowjetische Führung im Sommer 1939 über die Geheimdienste detaillierte Informationen über anglodeutsche Kontakte hinter den Kulissen. Bitte beachten Sie: Sie wurden sehr intensiv und fast gleichzeitig mit den trilateralen Verhandlungen von Vertretern Frankreichs, Großbritanniens und der UdSSR {zur Eindämmung Deutschlands} geführt, welche die westlichen Partner bewusst verzögerten. In diesem Zusammenhang erwähne ich ein Dokument aus britischen Archiven – eine Anweisung an die britische Militärmission in Moskau, die im August 1939 eintraf. Darin heißt es ausdrücklich, dass die Delegation «sehr langsam verhandeln» solle; dass «die Regierung des Vereinigten Königreichs nicht bereit ist, detaillierte Verpflichtungen einzugehen, die unsere Handlungsfreiheit einschränken können». {Damit wurde eine Vereinbarung London–Moskau immer weiter verzögert, sodass die Sowjetunion fürchtete, im Falle einer deutschen Besetzung Polens plötzlich die Wehrmacht an ihren Grenzen zu haben.} (…)

    In der entstandenen Situation hat die Sowjetunion {am 23. August 1939} den Nichtangriffsvertrag mit Deutschland unterzeichnet und war damit das letzte der europäischen Länder, das so etwas mit Deutschland unterzeichnet hat. Es geschah vor dem Hintergrund einer realen Kriegsgefahr an zwei Fronten, mit Deutschland im Westen und mit Japan im Osten, wo es bereits heftige Kämpfe am Halhin-Gol-Fluss {an der chinesisch-russischen Grenze, wo japanische Besatzungstruppen standen} gab.

    Grafik: COMPACT

    Stalin und seinem Umfeld kann man völlig zu Recht vieles vorwerfen. Wir erinnern uns sowohl an die Verbrechen des Regimes gegen sein eigenes Volk als auch an die Schrecken der massenhaften Repressionen. Ich wiederhole, man kann den sowjetischen Führern in vielerlei Hinsicht Vorwürfe machen, aber man kann ihnen keinen Mangel am Verständnis äußerer Bedrohungen vorwerfen. (…) Es wird heute viel über den damals geschlossenen Nichtangriffsvertrag geredet, und es werden deshalb dem modernen Russland viele Vorwürfe gemacht. (…) Ich möchte Sie aber auch daran erinnern, dass die Sowjetunion eine rechtliche und moralische Bewertung des so genannten Molotow-Ribbentrop-Pakts {Der Hitler-Stalin-Pakt heißt in Russland Molotow-Ribbentrop-Pakt, nach den Namen der Außenminister} vorgenommen hat. Die Resolution des Obersten Sowjet vom 24. Dezember 1989 verurteilte das geheime Zusatzprotokoll {worin die Einflussspähren in Osteuropa abgegrenzt wurden; die baltischen Staaten wurden darin der Sowjetunion zugeschlagen} offiziell als einen «Akt der persönlichen Macht», der nicht «den Willen des sowjetischen Volkes widergespiegelt hat, das nicht für diese Verschwörung verantwortlich ist». (…)

    Später – während der Nürnberger Prozesse {1945/46} – erklärten die deutschen Generäle ihren schnellen Erfolg im Osten. Der ehemalige Stabschef der operativen Führung des Oberbefehlshabers der deutschen Streitkräfte, General Jodl, gab zu: «Dass wir nicht schon 1939 verloren haben, liegt nur daran, dass etwa 110 französische und britische Divisionen, die während unseres Krieges mit Polen im Westen gegen 23 deutsche Divisionen standen, völlig passiv geblieben sind.»

    Ich habe aus den Archiven die ganze Palette von Dokumenten angefordert, die mit Kontakten der UdSSR mit Deutschland während der dramatischen Tage im August und September 1939 zusammenhängen. Aus Ziffer 2 des geheimen Zusatzprotokolls zum Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der UdSSR vom 23. August 1939 geht hervor, dass im Falle des territorialen und politischen Umbaus der Regionen, aus denen der polnische Staat bestand, die Grenze der Interessensphären der beiden Länder «ungefähr entlang der Grenzen der Flüsse Narev, Weichsel und Sana verlaufen sollte». Mit anderen Worten, es ging nicht nur um Gebiete, in denen eine überwiegend ukrainische und weißrussische Bevölkerung lebte, sondern auch die historisch polnischen Gebiete zwischen Bug und Weichsel fielen {laut Zusatzabkommen} in die sowjetische Einflusssphäre. (…) Das gilt auch für die Tatsache, dass Berlin unmittelbar nach dem Angriff auf Polen in den ersten Septembertagen 1939 Moskau immer wieder zur Teilnahme an der Militäraktion aufgefordert hat. Die sow­jetische Führung ignorierte solche Appelle jedoch und vermied bis zum letzten Moment eine Einmischung in die dramatischen Ereignisse.

    Grafik: COMPACT

    Erst als endgültig klar wurde, dass Großbritannien und Frankreich nicht versuchten, ihrem Verbündeten {Polen} zu helfen und die Wehrmacht in der Lage war, ganz Polen schnell zu besetzen und sogar Minsk zu erreichen, wurde beschlossen, am Morgen des 17. September die militärischen Einheiten der Roten Armee in die Gebiete einrücken zu lassen, die heute Teile von Weißrussland, der Ukraine und Litauen sind.

    Es ist offensichtlich, dass es keine andere Möglichkeit gab. Andernfalls wären die Risiken für die UdSSR um ein Vielfaches gewachsen, denn, ich wiederhole es, die vorherige sowjetisch-polnische Grenze verlief nur wenige Dutzend Kilometer von Minsk entfernt, und der unvermeidliche Krieg mit den Nazis hätte für das Land {Sowjetunion} aus einer äußerst ungünstigen strategischen Position begonnen. Und Millionen von Menschen verschiedener Nationalitäten, darunter Juden, die in Brest und Hrodna, Peresim, Lemberg und Wilna lebten, wären den Nazis und ihren lokalen Handlangern, Antisemiten und radikalen Nationalisten zur Vernichtung überlassen worden. (…)

    Bekanntermaßen ist der Konjunktiv schwierig auf Ereignisse anzuwenden, die bereits eingetreten sind. Ich sage nur, dass die sowjetische Führung im September 1939 die Gelegenheit hatte, die westlichen Grenzen der UdSSR weiter nach Westen bis nach Warschau zu schieben, aber beschlossen hat, dies nicht zu tun. (…) Am 4. Oktober 1939 erklärte der britische Außenminister Halifax im House of Lords: «Es sei daran erinnert, dass die sowjetische Regierung die Grenze im Wesentlichen auf die Linie verlagert hat, die Lord Curzon während der Konferenz von Versailles empfohlen hatte (…).» Der bekannte britische Politiker und Staatsmann Lloyd-George unterstrich: «Die russische Armee hat Gebiete besetzt, die nicht polnisch sind und die nach dem Ersten Weltkrieg gewaltsam von Polen erobert wurden. (…) Es wäre ein Akt kriminellen Wahnsinns, die russischen Bewegungen mit den Bewegungen der Deutschen auf ein und dieselbe Stufe zu stellen.» (…)

    Es ist daher unfair zu behaupten, dass der zweitägige Besuch des Nazi-Außenministers Ribbentrop in Moskau der Hauptgrund für den Zweiten Weltkrieg ist. Alle führenden Länder tragen in unterschiedlichem Maße ihren Anteil an seinem Anfang. Jeder machte irreparable Fehler, weil man glaubte, man könne andere überlisten, sich einseitige Vorteile sichern oder sich von dem bevorstehenden, weltweiten Übel fern halten. Und für diese Kurzsichtigkeit, kein System kollektiver Sicherheit zu schaffen, mussten Millionen von Menschen mit ihrem Leben zahlen.

    Quelle: Essay in The National Interest vom 18.6.2021

    Fehler auf allen Seiten

    Wir müssen verstehen, dass jegliche Zusammenarbeit mit Extremisten, wie zum Beispiel seiner Zeit mit den Nazis, egal unter welchen Bedingungen, egal aus welchen Motiven, zu einer Tragödie führen muss. Und es ging hier ja nicht nur um eine Zusammenarbeit, sondern um ein Paktieren. Wir müssen also anerkennen: Alle Maßnahmen zwischen 1934 und 1939 mit der Absicht, die Nazis an ihrer Kriegstreiberei zu hindern, waren echte Friedensbemühungen. Und vom politischen Standpunkt aus gesehen war das ein außerordentlich gefährliches Unterfangen, und schließlich endete all das in einer Tragödie, im Beginn des Zweiten Weltkrieges, und natürlich muss man diese damals gemachten Fehler heute anerkennen. Unser Land hat die eigenen Fehler anerkannt. Die Duma der Russischen Föderation, unser Parlament, hat den Hitler-Stalin-Pakt – den Pakt zwischen Ribbentrop und Molotow {August 1939} – verurteilt. Wir möchten, dass auch andere Staaten, die mit Nazi-Deutschland paktierten, auf gleicher Ebene eine Verurteilung vornehmen und nicht nur auf der Ebene von Lippenbekenntnissen, sondern auch auf der politischen Ebene.

    {Am selben Tag auf einer weiteren Veranstaltung}

    Deutsche und sowjetische Soldaten am 20. September 1939 an der Demarkationslinie zur Aufteilung Polens. Foto: picture alliance / akg-images

    Ich möchte die Aufmerksamkeit unserer verehrten Kollegen auf Folgendes lenken: Der Pakt Ribbentrop-Molotow {Hitler-Stalin-Pakt} war das letzte Dokument zwischen der Sowjetunion als europäischer Macht mit Hitlers Deutschland. Vorher aber gab es den deutsch–polnischen Nichtangriffspakt im Jahre 1934. Auch vor dem Ribbentrop-Molotow-Pakt wurden praktisch ähnliche Nichtangriffspakte zwischen Nazi-Deutschland und den anderen europäischen Großmächten abgeschlossen. Auch noch vor dem Ribbentrop-Molotow-Pakt wurde das sogenannte Münchener Abkommen {zur Preisgabe des Sudetenlandes, September 1938, zwischen Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien} unterzeichnet. Es wird auch als Münchner Verschwörung bezeichnet. (…)

    Wenn wir aber von einer objektiven Bewertung der Geschichte reden wollen, müssen wir verstehen, dass sie nicht nur einfarbig ist. Die Geschichte um den Zweiten Weltkrieg hatte viele Nuancen, und es wurden von vielen Seiten riesige Fehler begangen. All diese Vorgänge und Taten vieler Ländern schufen – auf die eine oder andere Art und Weise – Bedingungen für den Beginn der Aggressionen von Nazi-Deutschland in diesem riesigen Maßstab. An diesen Momenten sollten wir gemeinsam arbeiten, wenn wir ein objektives Bild des Zweiten Weltkrieges sehen wollen.

    Wenn sich aber jemand zum Ziel setzt, aus diesem alten, schimmeligen Brötchen der Geschichte nur die Rosinen für sich heraus zu bohren und den schimmeligen Rest des Brötchens nur der anderen Seite zu überlassen, dann wird daraus nichts Gutes.

    Quelle: Reden zum Gedenken an den Beginn des Zweiten Weltkrieges in Polen am 1.9.2009

    Der Blutzoll der Sowjetunion

    Die Nazi-«Strategen» waren überzeugt, dass ein riesiger, multinationaler Staat leicht in sich zusammenfallen würde. Es wurde erwartet, dass der plötzliche Krieg, seine Rücksichtslosigkeit und unerträglichen Härten, unweigerlich die interethnischen Beziehungen verschärfen würden und das Land zerstückelt werden könnte. Hitler sagte direkt: «Unsere Politik gegenüber den Völkern, die die Weiten Russlands bewohnen, sollte darin bestehen, jede Form von Meinungsverschiedenheiten und Spaltung zu fördern.» Doch von den ersten Tagen an wurde klar, dass dieser Plan der Nazis scheiterte. Die Festung Brest wurde von Soldaten von mehr als 30 Ethnien bis zum letzten Blutstropfen verteidigt. Während des Krieges – in großen, entscheidenden Schlachten und bei der Verteidigung jedes Brückenkopfes, jedes Meters der Heimat – sehen wir Beispiele dieser Einheit. (…) Fast 27 Millionen Sowjetbürger sind an den Fronten, in deutscher Gefangenschaft, an Hunger und Bombenangriffen, in Ghettos und Öfen der NS-Todeslager gestorben. Die UdSSR verlor jeden siebten Bürger, das Vereinigte Königreich verlor einen von 127 und die Vereinigten Staaten verloren einen von 320. (…)

    Quelle: Essay in The National Interest vom 18.6.2021

    «Verteidigung Sewastopols», Gemälde von Alexandr Alexandrowitsch Deineka, 1942. Foto: picture alliance / akg-images

     

    Der hier auszugsweise veröffentlichte Artikel erschien in Gänze in der COMPACT-Edition 13: „ Wladimir Putin: Geschichte Russlands“. Diese Ausgabe können Sie in digitaler oder gedruckter Form hier bestellen.

    Kommentare sind deaktiviert.